Groundhopping

ACF Fiorentina – Udinese Calcio (11.02.17)

Der Weg von Cesena in die Toskana führt einem zuerst nach Bologna zurück, wo ein zügiger Umstieg auf den Hochgeschwindigkeitszug erforderlich ist, ehe der überraschte Fahrgast erstaunlich schnell Florenz erreicht. So erging es zumindest unserer Reisegruppe. Da mir die Stadt bereits von einem früheren Besuch geläufig war, erübrigte sich der Sightseeing-Teil während unseres kurzen Aufenthalts. Wäre dies nicht der Fall gewesen, hätte sicherlich noch der Sonntag für das Touristische hingehalten, denn da verfügt Florenz einfach über zu viel Sehenswertes. Dafür müsste man entweder ein ziemlicher Kulturbanause oder ein Hopper mit striktem Blick auf das Kerngeschäft sein. Wer mich kennt, weiss jedoch, dass bei mir weder das eine noch das andere zutrifft. Dieses Mal soll es mir aber verziehen sein und wir bestiegen am Hauptbahnhof daher direkt das nächste passende Gefährt bis Firenze Campo di Marte. Dieser kleine Bahnhof liegt direkt beim Stadion.

Die Vorfreude auf den anstehenden Kick wuchs nun von Minute zu Minute. Denn mit den vielen Ständen, dem Gewusel rund um die Spielstätte und den imposanten Scheinwerfern, die das Innern des Stadions zum Tage machen, entsteht eine Mischung, die zumindest mich magisch anzuziehen vermag.

Klar, das Stadio Artemio Franchi ist ein imposantes Teil. Doch wohl nur ganz wenigen wird beim Betrachten aufgefallen sein, dass die Form derjenigen eines D entspricht. Die Erklärung dafür bietet das lateinische Wort Dux (Führer) womit Benito Mussolini und eine für Italien äusserst dunkle Zeit gemeint ist. Am oberen Ende dieses Buchstabens erblickt der Stadionbesucher die Heimfans in der Curva Fiesole. Diese ist auch am heutigen Abend gut gefüllt und macht Hoffnung auf einen richtig stimmungsvollen Abend. Unsere Plätze liegen auf der ebenfalls gut besuchten Gegentribüne, während sich zu unserer Linken etwa eine Hundertschaft aus Udine eingenistet hat. Leider untypisch sassen in unserem direkten Umfeld ziemlich viele halbschlaue Anhänger der Viola, die sich gegenseitig mit absichtlich übertriebenem Ausrufen bei Fehlentscheidungen zum Deppen machten. Sind wohl die mittlerweile erwachsenen Exemplare, die als kleine Burschen jeweils aus den Matchblättern Flugzeuge gebastelt haben. Allgemein hatte ich das Gefühl, hier auf ziemlich erfolgsverwöhntes Publikum zu treffen.

Um Viertel vor neun folgte der Anpfiff, wobei der Gastgeber sofort das Zepter in die Hand nahm und trotz relativ enttäuschender Saison zeigte, warum ihr Name für italienischen Spitzenfussball steht. So ist es nur logisch, dass die Associazione Calcio aus Firenze zum Ende der ersten Halbzeit hin mit einem Treffer in Front lag. Ihre Überlegenheit konnten sie nach einer guten Stunde Spielzeit in einen weiteren Treffer ummünzen, sodass das Spiel bereits früh entschieden schien. So war es auch und die roten Lilien, die der Verein übrigens dem Stadtwappen entnommen hatte, spielten die Partie vor 24’360 Zuschauer solide zu Ende. Der Schlusspunkt setzte ein Penaltytreffer zum ungefährdeten 3:0 Heimerfolg. Wer jetzt dachte, der Spielverlauf würde die Stimmung positiv beeinflussen, sah sich getäuscht. Das war ganz miese, was hier auf den Rängen geboten wurde. Wider Erwarten kam aus der Heimkurve nämlich trotz Heimerfolg nur lethargisches Singsang, sodass ich zuweilen wirklich kurz vor dem Einschlafen war. Da habe ich von anderen Besuchern aber schon ganz was Anderes vernommen. Also ähnlich unverständlich wie die Tatsache, dass man zeitgleich eine Fanfreundschaft zu Hellas Verona und Livorno pflegen kann; politisch sind das immerhin Welten.

Eine letzte Frage soll auch noch geklärt werden. Woher rührt denn eigentlich die violette Farbe, in der die Fiorentina seit jeher spielt? Die Legende besagt, dass dies reiner Zufall sei. Als man die rotweissen Trikots (damals in Stadtfarbe) nämlich zum Auswaschen in den Flusse Arno hielt, verfärbten sich diese zur heute bekannten Farbe. Ich lasse diese Geschichte nun mal so stehen und freue mich bereits auf eine allfällige Erklärung aus Palermo.

Der erlösende Schlusspfiff war für uns das Zeichen, zurück in die Innenstadt zu gehen, wo genügend Zeit für die abendliche Verpflegung blieb. Unser Bus für den Heimweg in die Schweiz sollte nämlich erst nach Mitternacht an einer Autobahneinfahrt etwas ausserhalb von Florenz eintreffen. Bereits frühzeitig dort angekommen, konnte gegen die beissende Kälte nur im Serverraum der Mautstelle, bei dem die Türe zufälligerweise offenstand, Schutz gesucht werden. Hier war es jedoch dunkel und bei Kabelsalat und Warnungen vor Stromschlägen lässt sich eben auch nicht so gut warten. Also wieder raus in die Kälte. Wir wollten ja schliesslich nicht noch den Bus verpassen. Die Zeit verging. Langsam unruhig werdend, wählte ich die auf dem Ticket angegebene Telefonnummer, welche natürlich nicht funktionierte. Als wir um halb drei Uhr morgens völlig unterkühlt und entnervt in einem Mauthäuschen um ein Taxi baten, fuhr doch tatsächlich der Bus auf den kleinen Parkplatz. Rückblickend natürlich wieder ein riesiges Erlebnis, während es zum Zeitpunkt des Geschehens noch ganz anders ausgesehen hatte. So aber fielen uns direkt nach dem Zusteigen alleine schon wegen dem Temperaturunterschied sofort die Augen zu. Doch ihr seht der Beitrag ist noch nicht zu Ende, denn kurz vor der Schweizer Grenze kam es zu einer Panne und ein Radwechsel nach italienischer Art folgte. Dabei liess man den Bus einseitig auf die Achse krachen, ehe vier Leute mit verschränkten Armen dabei zusahen, wie sich ein Einzelner unter dem Gefährt liegend mit der Technik abmüht. Wäre da nicht noch das Heimspiel meiner grün-weissen Lieblinge gewesen, hätte ich es wohl sogar noch amüsant gefunden. So aber zerrann das Zeitpolster und wir erreichten erst zur Mittagsstunde unseren vorläufigen Zielort Tamins. Dies ist übrigens der Ort, an dem sich der grösste Schweizer Fluss in Vorder- und Hinterrhein spaltet. Nun aber nichts mehr wie nach Hause, zumal ich unbedingt das erste Heimspiel von St. Gallen mit Rückkehrer Barnetta sehen wollte. 634 Kilometer Heimweg und genau zum Anpfiff im Stadion. What a supporter i am!

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20. März 2017