«Fino alla fine, Ascoli Calcio», hallt es in ohrenbetäubender Lautstärke durch das Rund. Tatsächlich hat Ascoli Calcio mit einem Doppelschlag in der 93. und 96. Minute die Partie gegen Pesaro gedreht und spätestens mit dem 2:1 den schwarz-weissen Anhang ins totale Delirium geschossen. Der Last-Minute-Sieg ist eine Reprise – schliesslich hat die «Regina delle Marche» bereits wenige Tage zuvor in Arezzo in der Nachspielzeit gewonnen und damit das Rennen um den Aufstieg in die Serie B richtig lanciert.

Der späte Coup beim direkten Konkurrenten hatte in Ascoli Piceno eine derartige Euphorie ausgelöst, dass das Stadio Cino e Lillo del Duca gegen Pesaro innert elf Minuten ausverkauft war. Vor 10’167 Zuschauern sind einzig im Gästeblock aufgrund der Tessera-Pflicht viele Sitzschalen frei. Das Dutzend aus Pesaro hatte dafür zunächst Grund zu jubeln: Nach einer Viertelstunde gehen die Gäste überraschend in Führung. Ascoli ist in der Folge aber spielbestimmend, sündigt jedoch im Abschluss mehrmals, ehe der vermeintliche Ausgleich durch den VAR nach minutenlanger Prüfung aberkannt wird. Es kann nicht im Sinne des Erfinders sein, wenn von beiden Teams sieben Spieler wie krähende Hähne an der Seitenlinie stehen und mit heftiger Sprache und Gestik versuchen, auf den am Bildschirm stehenden Schiedsrichter Einfluss zu nehmen.

Da Arezzo am Nachmittag beim Erzrivalen Ascolis in San Benedetto gepatzt hatte, bot sich den «Spechten» mit einem Sieg die Möglichkeit, punktemässig zur Spitze aufzuschliessen und damit in zwei Runden fünf Punkte gutzumachen. Eigentlich Grund genug, dass die Stimmung in der Curva Nord ausgelassen sein sollte. Doch diese trällerte sich in der zweiten Halbzeit in eine Lethargie, und ein Vorsänger fehlte, der die schönen Melodien zu unterbrechen und die Kurve aufzuwecken vermochte. Dabei hatte die Curva Nord, der Ausweichstandort der Ascoli-Ultras während des Umbaus, solide losgelegt.

Angeführt wird sie von den «Ultras 1898», die 2012 als Zusammenschluss zahlreicher Gruppen entstanden sind. Daneben existieren die «Shanghai Zone» (wie wär’s mit einer Freundschaft nach Norrköping?), «Stra Kaos» und «Blackline» sowie die «Veterani» auf der Gegentribüne. Auch Freunde aus Padova und von Fortitudo Bologna (Basketball) sind mit je einer Fahne vor Ort.

Mit der Auflösung der Settembre Bianconero (SBN), die sich 1974 nach der für die Ermordung israelischer Sportler bei den Olympischen Spielen von München verantwortlichen palästinensischen Terrorgruppe «Schwarzer September» benannt hatte, hat Ascolis Kurve zumindest optisch die offen rechte Gesinnung verloren. Dennoch lassen die vielen Italienfahnen weiterhin auf die verbreitete konservative Haltung der Anhänger – und generell der Region Marken – schliessen.

Zumindest auf ihre kleine Stadt unter den schneebedeckten Gipfeln der Monti Sibillini sind die 45’000 Einwohner zurecht stolz. Sei es aufgrund der Architektur mit den vielen alten Gebäuden aus Travertin, dem Jugendstil-Kaffeehaus «Caffè Meletti», dem Ercolani-Turm – einem der verbliebenen von über 200 Türmen, welche die Adligen im Mittelalter als Festungen und Prestigesymbole errichten liessen – oder kulinarischer Köstlichkeiten wie die lokalen «olive ascolane».