SC Internacional - CR Flamengo
Tudo bem? Kurz nach der Rückkehr aus Montevideo steht ein weiterer Abstecher an. Ziel ist Porto Alegre, das Zentrum des Bundesstaates Rio Grande do Sul im äussersten Süden Brasiliens. Die Stadt mit etwas über einer Million Einwohnern liegt am Guaiba, einem seeähnlichen Mündungsgewässer, das einem Fluss gleicht. Nach Argentinien ist es von hier nicht weit – die Hauptstadt Buenos Aires liegt gar näher als Rio de Janeiro.
Der «fröhliche Hafen» ist geprägt von den kulturellen Spuren der Einwanderer, die im 19. Jahrhundert aus Deutschland, Italien und Spanien in die Region kamen. Diese Geschichte ist bis heute in Architektur, Küche und Kultur spürbar. Auch Internacional, einer der beiden grossen Klubs der Stadt, trägt diesen multikulturellen Hintergrund in seiner DNA. Er nennt sich deshalb auch Clube do Povo, «Verein des Volkes», und entstand 1909 als Gegenentwurf zu den elitäreren, etwa bei Grêmio vorherrschenden Strukturen.
Seine Heimspiele trägt Internacional im Beira-Rio aus. Das Stadion liegt direkt am Ufer des Guaiba und war Austragungsort der Weltmeisterschaft 2014. Das Dach des modernisierten Stadions ist so konstruiert, dass es an Palmblätter erinnern soll. Heute wirkt es überdimensioniert, auch wenn der 16. des Klassements mit Flamengo den Tabellenzweiten sowie grössten und beliebtesten Klub Brasiliens empfängt. Gegen den «FC Bayern» des Landes wird es trotz nicht voll besetzter Ränge laut – primär dank der Popular Sul, in der die Gruppen wie Camisa 12, Guarda Popular und Nacao Independente beheimatet sind.
Ungeachtet der langen Anreise, des Termins unter der Woche und rigiden Sicherheitsvorkehrungen wie dem Face Scan am Einlass haben sich auch rund 2500 Gästefans aus Rio de Janeiro eingefunden. Sie verfolgen die Partie über weite Strecken stehend, aber schweigend und sehen, wie «Colorado» – wie Internacional aufgrund seiner roten Vereinsfarbe genannt wird – die Führung erzielt und mehr vom Spiel hat. Erst nach dem Seitenwechsel vermag der Favorit den Druck zu erhöhen und den Ausgleich zu erzwingen. Dabei bleibt es bis zum Schlusspfiff. Für den Gastgeber stellt das 1:1 in einer sportlich anspruchsvollen Saison ein Achtungserfolg dar, was auch der aufmunternde Applaus der 18’359 Zuschauer unterstreicht.
CA Tigre - Club Nacional
Ich stehe an der Ersatzbank und komme mit Leandro aus dem Medical Team von Tigre ins Gespräch, als ich um eine Jacke bitte. Den kalten Wind an diesem späten Abend habe ich glatt unterschätzt. Dabei sollte er nur ein Vorzeichen sein für die folgenden Wochen: kalt, bissig und mit meist nur knapp über zehn Grad.
Wo ich herkomme? Aus der Schweiz. Das sei doch lustig, meint Leandro, schliesslich habe er mit seinem Teamarzt einen Schweizer als Chef. Wenige Minuten später steht Dr. Guillermo Schneebeli neben mir – eine durchaus witzige Kombination aus spanischem Vor- und typisch schweizerischem Nachnamen. Wir tauschen uns ein wenig über die Heimat und seine Vorfahren aus.
Der umgängliche Teamarzt ist nicht die einzige Verbindung des Klubs in die Schweiz. Auch die rot-blauen Klubfarben sind in Anlehnung an den Kanton Tessin gewählt. Dahinter steckt der Schweizer Händler Adolf Leber, der dem Gründer und ersten Präsidenten des Vereins, José Dellagiovanna, einst den ersten Trikotsatz schenkte. Der Name des Klubs wiederum geht auf die gleichnamige Kleinstadt rund dreissig Kilometer nordwestlich von Buenos Aires zurück. Sie liegt am Delta des Parana und gilt mit ihrem Inselgewirr als Naturparadies. Zusammen mit den Stadtteilen Victoria und San Fernando ist die Gegend aber auch für «das Haus in der Garibaldistrasse» bekannt. Hier lokalisierte der israelische Geheimdienst einst den flüchtigen Adolf Eichmann und stellte dem NS-Kriegsverbrecher eine Falle. Nebst dem gleichnamigen Film (The House on Garibaldi Street) ist zu diesem Thema auch das Werk «Operation Finale» zu empfehlen.
Da Tigre das Hinspiel der Playoffs zur K.-o.-Phase der Copa Sudamericana mit 3:0 gewonnen hatte, sollte das Rückspiel im Europa-League-Pendant eigentlich nur noch Formsache sein. Entsprechend überrascht zeigen sich die 18’000 Zuschauer, als der Gast aus Uruguay auf Rang und Rasen furios loslegt und die Führung erzielt. Die Heimkurve Tigres ist hingegen vor allem optisch ein Blickfang und erinnert an die alte Curva Nord – selbst akustisch wirkt sie ähnlich träge wie ihr Bergamasker Gegenstück. Auch nach dem fragwürdigen Hydration Break bleibt es der Gast, der das Spiel dominiert – und prompt den zweiten Treffer erzielt.
Nun dreht der ausverkaufte Gästeblock vollends frei. Die Anhänger von Club Nacional singen sich phasenweise ins Delirium, wobei insbesondere der Gesang «Dale Matador» für Gänsehaut sorgt. Der dritte Treffer scheint nur noch eine Frage der Zeit. Dann aber erzielt Tigre mit dem 1:2 den Anschluss – und erstickt die Hoffnung der Gäste. Damit kippt auch das Stimmungsbarometer zugunsten der Einheimischen. Die Uruguayer bauen ihren Frust derweil mit Münzwürfen ab. Selbst die Fotografen müssen sich vor den gefährlichen Fluggeschossen in Acht nehmen.
Tigre bringt das Resultat über die Zeit und ist damit eine Runde weiter. Dort wartet mit City Torque erneut ein Team aus Montevideo – durchatmen beim Gastgeber, der mit einem passiven Auftritt den Abend unnötig spannend und nervenaufreibend gemacht hatte. Als ich nach Abpfiff meine Trainerjacke zurückbringen will, winkt Leandro dennoch entspannt ab. Ich darf sie behalten.
CA Cerro - Racing Montevideo
Kaum in Buenos Aires angekommen, ist auch schon wieder Zeit für einen Abstecher nach Uruguay. Grund dafür ist der seltene Umstand von zwei Heimspielen der beiden grossen Klubs des Landes, Peñarol und Club Nacional, am selben Wochenende. Als mich kurz vor der Abreise der Medienchef von Peñarol über einen ligaweiten Streik der Spieler unterrichtet, schwant mir Böses. Prompt werden sämtliche Profipartien abgesagt – immerhin finden wenige Nachholpartien des vergangenen Wochenendes, als ebenfalls gestreikt wurde, statt. So kann ich mit dem Aufeinandertreffen zwischen dem CA Cerro und Racing Montevideo doch noch einem Erstligaspiel beiwohnen.
Dieses Duell ist eigentlich keine Reise wert. Da ich Montevideo aber sowieso besuchen und dabei den Länderpunkt Uruguay einfahren will, nehme ich die Reise dennoch auf mich. Zumal ich die nicht ganz günstige Express-Fähre des Anbieters Buquebus sowieso bereits gebucht hatte. Immerhin bringt sie die Passagiere ab dem Fährterminal Puerto Madero in unter drei Stunden über den Rio de la Plata und damit zügig von Argentinien in die Hauptstadt Uruguays. Wer dabei eine schöne Überfahrt auf Deck vor Augen hat, sieht sich getäuscht. Die Zeit wird in einem auf drei Seiten fensterlosen Raum verbracht, was mir immerhin die Möglichkeit bietet, nach der langen Reise und dem spätabendlichen Termin in Lanus etwas Schlaf nachzuholen.
Das Altstadtviertel von Montevideo mit schmucken Antiquariaten und schönen Cafés macht an diesem Sonntagmorgen einen sehr entspannten Eindruck. Allgemein hinterlassen die Stadt und der kleine Staat ein positives Gesamtbild bei mir, auch wenn es im vermeintlich sichersten und wohlhabendsten Land Südamerikas ebenfalls – nur einige Strassen abseits des Zentrums – heruntergekommene Ecken mit zwielichtigen Gestalten gibt.
Dies offenbart der Weg zum Stadion im Quartier Cerro, wo an den Mauern entlang der Strasse viele linke Malereien zu sehen sind. Allgemein wirkt Montevideo relativ sozial angehaucht, so zumindest die Ecken um den Hafen und entlang der Küste. Die Mauerkünstler sprechen sich für Solidarität mit Palästina und Kuba aus, und das Ambiente erinnert mich tatsächlich an Kuba – obwohl ich nie da war, stelle ich es mir so vor. Dass die Gegend rund um das in die Jahre gekommene Estadio Luis Troccoli nicht zu den besten gehört, bestätigt auch der Name der Barra Brava des CA Cerro. Diese heisst «Los Villeros», was die Bewohner eines Armenviertels bezeichnet. Trotz dünner Besetzung macht sie für die Verhältnisse angemessene Stimmung. Auf dem Rasen ist Racing Favorit, schliesslich hat der gastierende Klub mit der Apertura die erste der beiden Meisterschaften gewonnen – noch vor den beiden Schwergewichten der Stadt.
Bevor mit der Clausura die zweite Meisterschaft losgeht, wird im aktuellen Intermedio gespielt, einem Format, dessen Punkte für die Jahrestabelle relevant sind, bevor im August wieder die Clausura beginnt. Cerro erkämpft sich vor 600 Zuschauern ein verdientes 1:0, auch vor den Augen von knapp hundert Gästen, davon eine kleine Gruppe, die sich um akustische Unterstützung bemüht. Diese sind schliesslich auch dafür verantwortlich, dass nach dem Schlusspfiff sämtliche Heimfans von bewaffneter Polizei freundlich, aber bestimmt an allen Ausgängen zurückgehalten werden, bis die Gästeschar die Gegend wieder verlassen hat.
CA Lanus - CA San Lorenzo de Almagro
«Un minuto no hace la diferencia.» Eine Minute macht keinen Unterschied. Der Satz auf einem Schild am Strassenrand gehört zu den ersten Dingen, die mir an diesem nebligen Julimorgen auf dem Weg vom Flughafen ins Zentrum von Buenos Aires ins Auge stechen. Er bringt mich zum Schmunzeln. Vielleicht weil er so wunderbar argentinisch wirkt. Vielleicht aber auch, weil man als Schweizer schon beim Lesen instinktiv widersprechen möchte.
Es ist Winter in der Hauptstadt Argentiniens – südamerikanischer Winter. Und so sitze ich kurze Zeit später im Quartier Palermo draussen in einem Café bei knapp 20 Grad und realisiere langsam, dass ein langjähriger Traum in Erfüllung geht: einige Wochen in der Fussballhauptstadt Südamerikas zu verbringen. Viel herumreisen werde ich nicht. Buenos Aires selbst bietet mehr als genug Stoff für Fussballabenteuer. Ich beisse in meinen Toast und denke, dass die Avocados wohl nirgends besser schmecken als in ihrer natürlichen Klimazone.
Für das erste Spiel auf dem Kontinent geht es nach Lanus. Der industrielle Vorort südlich des Zentrums ist nicht unbedingt eine Sehenswürdigkeit, die im Reiseführer vermerkt ist. Fussballreisen haben aber bekanntlich die angenehme Eigenschaft, einen an Orte zu bringen, die man sonst nie besuchen würde. Zeitgleich mit mir erscheint die Barra «La 14». Mit Trompeten, Posaunen und Feuerwerk bewegt sich der Kern der Anhängerschaft durch die Quartierstrassen Richtung Stadion. Das Ganze wirkt eher wie Karneval als ein Fanmarsch – Südamerika eben. Die Spielstätte selbst ist ein schönes Exemplar, das heute mit rund 15’000 Zuschauern zumindest auf den Sitzplätzen praktisch voll ist.
Die Heimfans geben sich redlich Mühe. Hinter den typischen Stoffbahnen erklingen Melodien, die meine Ohren, wenn überhaupt, zuvor erst am Rheinknie gehört haben. Die Stimmung ist gut, auch wenn ihr etwas fehlt – die Gästefans. Seit 2013 sind diese in Argentinien nach tödlichen Ausschreitungen weitgehend verboten. In der Provinz Buenos Aires wurden die Regeln später nochmals verschärft. Nicht überall und nicht immer gilt das absolut, Ausnahmen gibt es durchaus, etwa im Pokal. Trotzdem fehlt vielen Spielen damit der letzte Funken Intensität.
Auffällig sind auch die Sicherheitskontrollen. Selbst auf der Haupttribüne wird man gleich zweimal abgetastet. Umso skurriler erscheint es, dass gleichzeitig praktisch jeder Einheimische seine Thermoskanne samt aus Kürbis geschnitzter Kalebasse mit Bombilla mit ins Stadion nehmen darf. Als Schweizer erkennt man darin schliesslich vor allem ein durchaus solides Wurfgeschoss. Mate gehört hier allerdings zum Alltag wie bei uns der Kaffee. Dazu ein Asado sowie ein Fernet Branca mit Cola und das argentinische Grundnahrungsmittelpaket ist komplett.
Wie so oft in Argentinien dauert es nicht lange, bis der Fussball und die Geschichte miteinander verschmelzen. Die Malwinen sind bei dieser Partie wie an allen folgenden allgegenwärtig. Vier Jahrzehnte nach dem Krieg um die Falklandinseln ist das Thema nach wie vor omnipräsent auf Fahnen und in Fangesängen. Entsprechend gewichteten die Einheimischen an der WM 2026 den Sieg im Halbfinal gegen das Vereinigte Königreich gar höher als den verlorenen Final.
Das Spiel selbst liefert weniger Spektakel als die Tribünen. Lanus ist die bessere Mannschaft, bringt die Überlegenheit aber lange nicht auf die Anzeigetafel. Erst nach 65 Minuten fällt das 1:0. Mit bescheidener Torgefahr geht es weiter bis zum Ende, obwohl San Lorenzo kurz vor Schluss noch den Pfosten trifft. So bleibt mir vom Spiel weniger eine Aktion, sondern das grundsätzliche Ambiente in Erinnerung. Eine einzige Minute macht schliesslich keinen Unterschied.
FC Clos du Doubs - US Boncourt II
Es ist ein blauer Mercedes, den Polizist Alphons Clenin an einem nebligen Novembermorgen 1948 in der Twannbachschlucht am Strassenrand entdeckt. Dessen Fahrer hält er zunächst für betrunken, bemerkt jedoch kurz darauf, dass der Berner Polizeileutnant Ulrich Schmied erschossen wurde. Die Szene bildet den Einstieg in Friedrich Dürrenmatts Roman «Der Richter und sein Henker», dem ich auf meiner seit Jahren andauernden Reise durch die Schweizer Literatur schon vor einiger Zeit begegnet bin. Vielleicht liegt es am spannenden Auftakt, dem treffenden Buchtitel oder den gewöhnungsbedürftigen Ortsnamen wie «Lamboing», dass der Roman – im Gegensatz zu anderen Schweizer Klassikern – in meinem Gedächtnis geblieben ist.
So wird nach Lutry und Cortaillod zum dritten Mal in Folge ein Sommerausflug zu einem pittoresken Westschweizer Fussballplatz in Angriff genommen. Mit dabei ist wie in den beiden Jahren zuvor Flavio, der zwar nicht dieselbe Literatur-, dafür aber zumindest die Wein- und Wanderbegeisterung teilt.
Von Magglingen aus laufen wir mit schöner Aussicht parallel zum Bielersee, ehe sich nach etwas mehr als zwei Stunden die Twannbachschlucht öffnet und damit genau jener Ort erreicht ist, an dem der eingangs erwähnte Roman seinen Anfang nimmt. Die Schlucht ist mit ihren engen Felsen nicht nur sehr schön, sondern bei den heissen Temperaturen auch eine willkommene Abwechslung – und zudem länger als erwartet. Nach rund 45 Minuten erreichen wir schliesslich Twann, das im Berner Seeland am Nordufer des Bielersees liegt. Es bleibt Zeit für eine Abkühlung im Bielersee sowie für ein Glas lokalen Wein.
Anschliessend bringt uns der Zug tief in den Jura. Vom Bahnhof sind es nur wenige Minuten bis in die malerischen Gassen von St-Ursanne. Schöne Gebäude, Ateliers, Restaurants, das Kloster des namensgebenden Ursicinus und rund 700 Einwohner – eine richtige Idylle am Ufer des Doubs, in dem wir später ein Bad nehmen, bevor es weiter zum Spielfeld Champs-Fallats geht.
Dieses glänzt vor allem durch seine Aussicht und ist damit auch der eigentliche Grund der Anreise. Hinter dem Platz verläuft eine Brücke, auf der zweimal pro Halbzeit ein Zug vorbeifährt und so für erhöhten Puls beim Fotografen sorgt. Weniger aufregend ist das Geschehen auf dem Rasen. Auf der achten und damit zweittiefsten Ligastufe steht der letzte Spieltag an. Die zweite Mannschaft aus Boncourt steht bereits als Aufsteiger fest und auch für die Gastgeber geht es nur noch um die Ehre.
Dass Fussball hier vor allem ein geselliges Hobby ist, zeigt sich auch im Detail: Im Tor der Gastgeber steht ein Goalie mit einem alten Juve-Trikot, auf dem nur noch «uffon» zu lesen ist, und auch auf den Trikots der Feldspieler des FC Clos du Doubs beginnen die Rückennummern langsam abzublättern.
Der Klub trägt seinen Namen seit 2002, um die gesamte Region des Clos du Doubs zu vertreten. Gegen die Gäste aus dem Grenzort zu Frankreich reicht aber auch die vereinte Kraft der Region nicht. So sehen die rund 70 Zuschauer zum Saisonabschluss ein 0:5 – wenig tragisch, zumal Boncourt als grosser Favorit galt und die Meisterschaft längst entschieden hatte.
FC Tiroler Zugspitze - SU Roppen
Unverhofft kommt oft. Zwischen einem Weintasting in der schönen Stadt Füssen und dem Auftaktkonzert der Richard-Strauss-Tage in Garmisch-Partenkirchen bleibt Platz für Fussball. Der Weg durchs Allgäu führt weiter unter der Zugspitze hindurch – und da klingelt doch etwas: Sowohl die Gemeinden Ehrwald als auch Lermoos im Bezirk Reutte in Tirol verfügen über sehenswerte Sportplätze und teilen sich einen Klub: den FC Tiroler Zugspitze aus der sechstklassigen Bezirksliga West.
Der Verein hat sein Zuhause auf rund 1’000 Metern Höhe und vereint mehrere Gemeinden am Fuss des Wettersteingebirges, zu dem auch die 2’962 Meter hohe Zugspitze gehört. Heuer feiert er sein 25-jähriges Jubiläum. Das lockt rund 200 Zuschauer an, zumal sich die Tiroler den Titel bereits vorzeitig gesichert hatten und sich somit als letzten Meister der Bezirksliga West bezeichnen können. Eine zweifelhafte Ehre, verwehrt die anstehende Reform dem Klub doch gleichzeitig den Aufstieg in die fünfte Spielklasse.
Dennoch: Die Gastgeber haben sich diesen Titel mit grossem Vorsprung verdient und zeigten auch im Schlussspurt keinen Leistungsabfall. Gegen die bemitleidenswerte Elf der Sportunion Roppen hatten die Hausherren bereits nach 34 Minuten sechs Tore erzielt. Danach folgte eine rote Karte gegen den FCTZ, der die Partie jedoch weiterhin souverän mit 9:2 für sich entschied.
Unbestritten erstklassig bleibt hingegen das Panorama mit Sonnenspitze, Höllkopf und dem Wald auf der einen Seite sowie der Zugspitze auf der anderem – jenem Gipfel, der dem Klub auch seinen Namen verleiht.
FC Carl Zeiss Jena - FC Rot-Weiss Erfurt
Jena ist im Fussballkontext ein Gemisch aus Stadt, Stadion und Fanszene, das sich nicht sauber auseinanderziehen lässt. Eine Stadt, die als einzige in Thüringen wächst und sich doch immer wieder in Bürokratie verrennt. In diesem Zusammenhang ist «Sicherheitsbürgermeister» Benjamin Koppe direkter Adressat der jüngsten Tiraden. Ein nicht vom Klub verwaltetes Stadion mit Hausverboten als Standardmittel und nur ganz selten auch tatsächlichen Stadionverboten für einzelne Protagonisten, zumal die Grundlagen dafür oft auf sehr dünnem Boden stehen – wenn, dann sind es verpasste Fristen oder zu spät eingereichte Einsprüche. Und eine Fanszene, die durch den Kampf gegen diese Widrigkeiten erst in dieser Form gereift ist.
Der Konflikt läuft dabei nicht nur über einzelne Massnahmen im Sicherheitswahn, sondern über das Stadion als Ganzes. Rund um das nach dem Physiker Ernst Abbe benannte und umgebaute Sportfeld im Stadtteil Paradies geht es auch um den gefährdeten Stadionturm und die Heimkurve als Teile eines Ortes, der seit Jahren in Umstrukturierungs- und Zukunftsdebatten hängt. Die Nord-Süd-Frage ist dabei zentral, weil sie direkt in die Kurvenstruktur eingreift. «Südkurve bleibt» ist deshalb nicht nur eine Forderung der aktiven Fanszene, sondern eher eine seit vielen Jahren vertretene Ideologie gegen Verlagerung und gegen die schleichende Auflösung gewachsener Strukturen. In diesem Zusammenhang muss sich die Fanszene allerdings auch selbst hinterfragen, ob sie durch ihre Prinzipien nicht Gefahr läuft, sich ideell zu verrennen, die breite Basis zu verlieren und damit der eigenen Entwicklung zu schaden. Doch wer sich selbst – vielleicht nicht derart präsent wie Toni Schley als Gallionsfigur der Jenaer Fanbewegung – in diesem Umfeld immer wieder zwischen Ideologie, Lokalbezug und Kurvenrealität bewegt hat, weiss, dass bei gewissen Themen nach getroffenen Entscheidungen oft nur noch die Flucht nach vorne bleibt, um sich nicht den eigenen Werten gegenüber aufzugeben.
Vielleicht hat die Fanszene des FCC genau deshalb ihren eigenen Stil entwickelt und bewahrt, unabhängig von anderen starken Kontrahenten in der Region und darüber hinaus. Einstige Verbindungen Richtung Mönchengladbach spielen heute kaum noch eine Rolle, wichtiger sind eigene Linien, getragen von der unverkennbaren Horda Azzuro. Dazu passt auch, dass die italienische Orthografie nicht ganz stimmt. Unterstützt wird sie etwa von Iena Branco (Weisse Hyäne), der Adolescent Crew, Letzte Festung Naumburg oder den Schultern der heranwachsenden Jugend HArakiri. Auch die Freundschaften zum FSV Frankfurt, zur Schickeria und zur Section Ouest aus Lausanne zeigen, dass man in der Universitätsstadt geistig im oberen Quartil mitspielt.
Optisch und akustisch bewahrt Jena ebenfalls seine Eigenheit. So etwa die Fahne «Ultras aus dem Paradies» als starkes Stück mit visuellen Anklängen an DDR-Zeiten, als der Klub etwa 1981 im Europapokal der Pokalsieger im Finale gegen Dinamo Tiflis stand. Auch im Support selbst steckt viel Pathos, sodass relativ triviale Lieder wie «Sierra Madre» oder umgedichtete Melodien wie «Asoziale Schalker» zu «Carl Zeiss Jena, treib den Ball nach vorne, hau ihn in die Maschen und zwinge deinen Gegner in die Knie» als eingängig und doch differenziert wahrgenommen werden.
Und selbst ausserhalb der Südkurve, in der sie sich stur weiter einnistet, macht die Fanszene eine gute Figur. So hat sie – gemeinsam mit der verfeindeten Erfurter Anhängerschaft – den Protest in den Stunden vor dem Spiel in die Gassen der eigenen Stadt getragen. Grund dafür ist das mit 800 Tickets auf die Hälfte reduzierte Gästekontingent im Thüringen-Derby. Ob zwei rivalisierende Fanszenen wenige hundert Meter voneinander entfernt in der Innenstadt weniger Polizeikosten und mehr Sicherheit gewährleisten, muss jeder für sich beantworten, insbesondere unter der Betrachtung, dass zumindest die Jena-Fans diesen Spieltag aufgrund der Ausgangslage wohl bewusst konstruktiv gestaltet haben.
Eine subtile Note gegen die Verantwortlichen schickten denn auch die ersten vier Ziffern der 13’123 Zuschauer. Diese konnten im Stadion mit verwaistem Gästeblock in der 10. Minute die Führung bejubeln. Weil im Parallelspiel der viertklassigen Regionalliga Nordost Tabellenführer Lok Leipzig zwischenzeitlich tatsächlich zurücklag, hatte Jena vorübergehend in der Endabrechnung gar die Nase vorne. Ein enorm spannender letzter Spieltag, dessen Stimmung trotz 2:0-Sieg über den FC Rot-Weiss Erfurt gemeinsam mit dem Resultat in Leipzig allerdings noch kippte. Bleibt die Hoffnung, dass die letzten Dezibel künftig nicht wieder in Anspannung verkeimen und stattdessen durch eine motivierte Gästeschar herausgekitzelt werden können.
Ascoli Calcio - Vis Pesaro
«Fino alla fine, Ascoli Calcio», hallt es in ohrenbetäubender Lautstärke durch das Rund. Tatsächlich hat Ascoli Calcio mit einem Doppelschlag in der 93. und 96. Minute die Partie gegen Pesaro gedreht und spätestens mit dem 2:1 den schwarz-weissen Anhang ins totale Delirium geschossen. Der Last-Minute-Sieg ist eine Reprise – schliesslich hat die «Regina delle Marche» bereits wenige Tage zuvor in Arezzo in der Nachspielzeit gewonnen und damit das Rennen um den Aufstieg in die Serie B richtig lanciert.
Der späte Coup beim direkten Konkurrenten hatte in Ascoli Piceno eine derartige Euphorie ausgelöst, dass das Stadio Cino e Lillo del Duca gegen Pesaro innert elf Minuten ausverkauft war. Vor 10’167 Zuschauern sind einzig im Gästeblock aufgrund der Tessera-Pflicht viele Sitzschalen frei. Das Dutzend aus Pesaro hatte dafür zunächst Grund zu jubeln: Nach einer Viertelstunde gehen die Gäste überraschend in Führung. Ascoli ist in der Folge aber spielbestimmend, sündigt jedoch im Abschluss mehrmals, ehe der vermeintliche Ausgleich durch den VAR nach minutenlanger Prüfung aberkannt wird. Es kann nicht im Sinne des Erfinders sein, wenn von beiden Teams sieben Spieler wie krähende Hähne an der Seitenlinie stehen und mit heftiger Sprache und Gestik versuchen, auf den am Bildschirm stehenden Schiedsrichter Einfluss zu nehmen.
Da Arezzo am Nachmittag beim Erzrivalen Ascolis in San Benedetto gepatzt hatte, bot sich den «Spechten» mit einem Sieg die Möglichkeit, punktemässig zur Spitze aufzuschliessen und damit in zwei Runden fünf Punkte gutzumachen. Eigentlich Grund genug, dass die Stimmung in der Curva Nord ausgelassen sein sollte. Doch diese trällerte sich in der zweiten Halbzeit in eine Lethargie, und ein Vorsänger fehlte, der die schönen Melodien zu unterbrechen und die Kurve aufzuwecken vermochte. Dabei hatte die Curva Nord, der Ausweichstandort der Ascoli-Ultras während des Umbaus, solide losgelegt.
Angeführt wird sie von den «Ultras 1898», die 2012 als Zusammenschluss zahlreicher Gruppen entstanden sind. Daneben existieren die «Shanghai Zone» (wie wär’s mit einer Freundschaft nach Norrköping?), «Stra Kaos» und «Blackline» sowie die «Veterani» auf der Gegentribüne. Auch Freunde aus Padova und von Fortitudo Bologna (Basketball) sind mit je einer Fahne vor Ort.
Mit der Auflösung der Settembre Bianconero (SBN), die sich 1974 nach der für die Ermordung israelischer Sportler bei den Olympischen Spielen von München verantwortlichen palästinensischen Terrorgruppe «Schwarzer September» benannt hatte, hat Ascolis Kurve zumindest optisch die offen rechte Gesinnung verloren. Dennoch lassen die vielen Italienfahnen weiterhin auf die verbreitete konservative Haltung der Anhänger – und generell der Region Marken – schliessen.
Zumindest auf ihre kleine Stadt unter den schneebedeckten Gipfeln der Monti Sibillini sind die 45’000 Einwohner zurecht stolz. Sei es aufgrund der Architektur mit den vielen alten Gebäuden aus Travertin, dem Jugendstil-Kaffeehaus «Caffè Meletti», dem Ercolani-Turm – einem der verbliebenen von über 200 Türmen, welche die Adligen im Mittelalter als Festungen und Prestigesymbole errichten liessen – oder kulinarischer Köstlichkeiten wie die lokalen «olive ascolane».
US Sambenedettese - SS Arezzo
Eine leichte Enttäuschung bleibt: Obwohl der Name an die Stadt San Benedetto del Tronto erinnert, entstammen das Unternehmen und seine Quelle den venezianischen Alpen. Passen würde der übersüsste Eistee aber auch problemlos an die «Riviera delle Palme», wie der beliebte Badeort an der Adriaküste sowie das dortige Stadion heissen. Die 50’000 Einwohner geniessen hier das mediterrane Klima und leben primär vom Tourismus sowie der Fischerei. Am Strand finden sich trotz der milden Temperaturen noch keine Touristen, zumindest aber einige angespülte Flaschen und Dosen, darunter auch ein San-Benedetto-Eistee.
Auch am Stadion stehen Palmen unter der Tribüne des «tempio del tifo», wie die Fans zwischen die markanten Aufgänge hinter der Heimkurve geschrieben haben. Die Spielstätte wurde 1985 infolge der Stadionkatastrophe im alten Stadio Fratelli Ballarin eröffnet. Eine Gedenktafel erinnert an die Toten des Brands im Ballarin, das seinen Namen wiederum einer Tragödie verdankt: jener von Superga, bei der die Gebrüder Ballarin beim Flugzeugabsturz starben. Trotz Renovationen und stetigen Anpassungen ist es in die Jahre gekommen, aber immerhin vollständig überdacht und weist über 13’000 freigegebene Plätze aus.
Viel Änderung erfuhr auch die US Sambenedettese in der jüngeren Vereinsgeschichte. Nicht weniger als acht verschiedene Namen trug der Klub in diesem Jahrhundert, seit 2023 mit den Buchstaben «US» als Zusatz, und die Fans sind froh, können sie an diesem 4. April den 103. Geburtstag ihres Klubs feiern. Trotz der langen Historie spielte «Samba» nie erstklassig; 1989 agierte der Klub aus den Marken letztmals in der Serie B. Heuer ist Sambenedettese nach vier Jahren in der Serie D wieder drittklassig unterwegs.
Ein umgehender Wiederabstieg scheint derzeit aber nicht völlig unwahrscheinlich, und so braucht es gegen den Tabellenführer aus Arezzo einen Exploit, um zumindest einen Punkt an der Stadt am Fluss Tronto zu behalten. Dieser gelingt den Hausherren prompt, die gegen den Favoriten auf bescheidenem Niveau ein 0:0 ergattern. Wäre nicht der VAR, hätten zumindest ein Penalty für Arezzo sowie ein sehr schöner Treffer für Samb als Highlights genannt werden können; so aber zerstören die Unterbrechungen den Spielfluss und machen das Geschehen vor 5’379 Zuschauern zu einer zähen Angelegenheit.
Zu den Anwesenden zählen überraschenderweise trotz Gästeverbot auch ein Dutzend Fans aus Arezzo. Sie alle tragen entweder einen Schal oder schwenken eine Fahne, scheinen einander aber nicht zu kennen und sind nicht als Gruppe unterwegs – etwas, das ich so auf jeden Fall noch nie gesehen habe. Koordinierter präsentiert sich das Bild auf der Gegenseite, wenn auch die «Curva Nord Massimo Cioffi» einen eher bescheidenen, aber gemessen an der tabellarischen Situation erwartbaren Auftritt abliefert. Ihren Namen verdankt sie dem Fan Massimo Bruni, der 2003 während eines Spiels vom oberen Rang hinunterstürzte und nach fast zwei Jahren Leidenszeit schliesslich verstarb.
Auch die Folgen der Ausschreitungen 2017 in Vicenza, bei denen die Polizei Luca Fanesi schwer verletzte und straflos davonkam, während einige Samb-Fans bis zu diesem Jahr laufende Stadionverbote ausgesprochen bekamen, sind weiter spürbar. So ist San Benedettos Kurve zumindest an diesem Tag weit entfernt von einer Zeit unter der Leitung der legendären «Onda d’urto» (Schockwelle) oder inbrünstigen Gesängen wie «È la mia vita», die bis nach Süddeutschland für Gänsehaut sorgen.
Danke für meh als e halbs Läbe a minere Siite – mach‘s guet, Calvin!
Persijap Jepara - Madura United
Roadtrip mit Fahrer Tito, Radhifan und Getek – wie im Oktober 2024 bin ich mit Leuten aus dem Kern der Brigata Curva Sud unterwegs. Unweit von damals, als wir Partien in Kudus, Pati und Tuban ansteuerten, geht es diesmal nach Jepara zum Aufsteiger aus der Stadt in der Provinz Zentraljava. Sie liegt an der Nordküste, nordöstlich von Semarang und unweit des Vulkans Muria und ist bekannt für ihre Teakholzschnitzkunst. «Jeporo», wie die Stadt auf Javanisch heisst, hat 85’000 Einwohner und verdankt ihre Bekanntheit primär dem Umstand als Geburtsort von Kartini, einer Pionierin der Frauenrechte und indonesischen Nationalheldin.
Am Stadion begrüsst uns das Broadcast-Team aus Sleman, darunter einige bekannte Gesichter, welche die Übertragung für den Streaminganbieter koordinieren. Meine Besatzung hätte damit dank einiger Akkreditierungen der Kollegen problemlos Zugang zum Spiel, entscheidet sich aber dennoch gegen einen Spielbesuch und überlässt mich den Händen der Fotografen des Curva Nord Syndicate, der heimischen Fanszene.
Ein Besuch hier war mir nicht nur wegen der Fanszene ein Anliegen gewesen, sondern auch aufgrund des Stadions, wenn auch dieses seit dem Aufstieg und der Renovation an Charme eingebüsst hat und nun optisch irgendwo zwischen jenen in Bali und Pescara liegt.
Mit einem von Sleman inspirierten Liedgut und einer allgemein gelungenen Nachahmung der Brigata Curva Sud wird die Fankurve Jeparas von einer ziemlichen Euphorie durch die erste Spielzeit im Oberhaus nach 11 Jahren getragen, auch wenn die Mannschaft sportlich um den Klassenerhalt kämpft. Mit Madura von der gleichnamigen Halbinsel ist ein unattraktiver Gegner zu Gast, dennoch sind in meinen Augen deutlich mehr als die offiziell angegebenen 4’758 Zuschauer vor Ort. Sie sehen eine solide erste Halbzeit des Gastgebers, der dank eines Eigentors den Abend mit einem 1:0 schliesslich gar siegreich zu gestalten vermag.

























































































































































































