SC Heerenveen - AZ Alkmaar (29.08.21)

Es sind keine Herzen! Ein Vierteljahrhundert habe ich in falscher Gewissheit gelebt. Die roten Symbole auf den weissen Streifen im Logo des SC Heerenveen sind in Wirklichkeit die Blätter einer Seerose. Der Club orientiert sich dabei am Wappen der Provinz Friesland und gilt denn auch als Verein aller Friesen, was viele Fans aus dem Umland anlockt und die grosse Rivalität zu Cambuur Leeuwarden aus der eigentlichen Hauptstadt der Provinz erklärt. In Leeuwarden distanzieren sich die Fans in fussballerischer Hinsicht nämlich nicht nur vom Rivalen, sondern auch gleich vom gesamten Friesland.

Vielleicht gibt es wegen der zahlreichen Umlandfans derart viele Parkplätze rund um das Stadion in Heerenveen. Auch unser Trio – das nebst Mitfahrer Michael um den in Rotterdam lebenden Ex-St. Galler Marty angewachsen ist – fährt aufgrund Zeitdruck direkt am Stadion vor. Zwar ist dieser Platz denjenigen vorenthalten, die vorab ein «Parkingticket» gekauft haben, in der Not wird nun aber der Joker des ahnungslosen Touristen ausgespielt. Eine Rolle, die mir mittlerweile behagt, heute aber gar nicht gebraucht wird. Mit einem freundlichen Lächeln werden wir nämlich von einem älteren Herren auf das Areal gewunken. Auf meine Nachfrage hin meint er nur, wer von so weit anreise, für den mache er gerne eine Ausnahme und lässt uns kostenlos passieren.

Bereits von aussen erinnert das Stadion, das nach dem einstigen niederländischen Nationalspieler Abe Lenstra benannt ist, mit seiner Dachkonstruktion an ein englisches Exemplar. Diese Mutmassung bestätigt sich im Stadioninnern. Vorher aber gilt es den Corona-Irrsinn zu überstehen, der hier im Norden Hollands darin gipfelt, dass Personen mit Schweizer Impfnachweis sich vorab testen lassen müssen, da bei nationalen Veranstaltungen einzig ein 3G-Nachweis im holländischen Corona-App akzeptiert wird. Beim Einlass sind die Verantwortlichen dann derart auf diesen Nachweis fokussiert, dass sie prompt vergessen, das Matchticket zu kontrollieren. Natürlich kannten wir diese Umstände nicht und hatten uns vorab artig drei Tickets für die Haupttribüne gesichert. Einzig Michael gelang es, das sträfliche Verhalten an anderer Stelle auszunutzen und sich in der Pause in den VIP-Bereich zu schleichen.

Für eine Gemeinde mit 50‘000 Einwohnern – Heerenveen erhielt nie Stadtrechte – kommt das Stadion äusserst geräumig daher und bietet jedem zweiten Einwohner einen Platz. Trotz bescheidenem Palmarès mit dem Pokalsieg 2009 als einzigen Titel besitzt Heerenveen eine breite Fanbasis. Auch an diesem regnerischen Nachmittag sind es 16‘000 Zuschauer, welche die 1:3-Niederlage ihrer Mannschaft vor Ort mitverfolgen. Dabei beginnt die Partie aus Sicht von Heerenveen ideal, als 2-Meter-Mann Henk Veerman die Gastgeber mit seinem dritten Tor im dritten Spiel früh in Führung bringt. Unterstützt von einer jungen Fanszene vermag Alkmaar das Spiel aber direkt auszugleichen und in der zweiten Hälfte komplett zu drehen. Der Sieg ist zum Schluss verdient, da mit AZ die aktivere Mannschaft gewinnt, die im Friesland mit Ex-Nationalspieler Bruno Martins Indi und Siem de Jong, dem älteren Bruder von Barcelona-Spieler Luuk de Jong, angetreten ist.


Sportfreunde Lotte - FC Schalke 04 II (28.08.21)

Auf der Fahrt von Bielefeld nach Münster, wo ich mit meiner soziokulturellen Vortragsreihe zur Fankultur in Indonesien Halt machen durfte, bot sich ein Besuch bei den Sportfreunden aus Lotte an.

Spätestens seit dem Abstieg 2019 – nach drei Spielzeiten in der 3. Liga – fristet der Club aus dem Tecklenburger Land ein unscheinbares Dasein am Autobahnkreuz vor Osnabrück. Heute empfing er die Zweitmannschaft von Schalke 04 im Stadion am Lotter Kreuz, das in den letzten Jahren schrittweise erweitert wurde und derzeit zwei Drittel der Einwohner aus der 15‘000-Einwohner-Gemeinde beherbergen könnte. Angesichts der 565 Zuschauer scheint das Stadion zumindest in der Regionalliga West doch stark überdimensioniert.

Noch in der 3. Liga verzeichneten die Sportfreude an den Heimspielen jeweils ein Fünffaches der heutigen Zahl, wobei ein derartiger Rückgang die Verantwortlichen alarmieren sollte. Gründet der Zuschauerschwund tatsächlich einzig in Covid-19, den horrenden Ticketpreisen – 17 Euro für einen Platz auf der Hintertortribüne – und den unattraktiveren Gegnern?

Gegen die Jungknappen feierten die Sportfreunde einen verdienten 2:0-Heimsieg, wobei Schalkes Nachwuchs über die gesamte Spielzeit äusserst stümperhaft agierte. Nach einem Foul in der 8. Minute und einem Penaltypfiff liefen die Gäste schon früh einem Rückstand hinterher. Bei ihren Abschlüssen scheiterten sie entweder am eigenen Unvermögen oder am starken Lotter Goalie Michael Luyambula, der ausgerechnet aus dem Nachwuchs von Borussia Dortmund stammt.


FC Lauterach – SKN St. Pölten (16.07.21)

Am Schluss war das Verdikt klar: Der FC Lauterach unterliegt dem Bundesliga-Absteiger aus St. Pölten in der ersten Runde des ÖFB-Cups mit 0:5. Dabei war das Spiel besonders nach dem ersten Tor der Gäste bis kurz vor der Pause ausgeglichen.

In der 9. Minute hatte Christian Ramsebner, St. Pöltens prominenter Neuzugang vom LASK, per Kopfball das Skore für die Gäste eröffnet. Ausgerechnet danach hatte der Gastgeber aber seine beste Phase. Zwar fehlten den Vorarlbergern die zwingenden Torchancen, doch sie neutralisierten den Zweitligisten erfolgreich in der Mittelzone. Eine harte gelb-rote Karte und ein Tor am Rand des Abseits durch Ex-Rapid-Stürmer Deni Alar kurz vor der Pause entpuppten sich schliesslich als richtungsweisend für die Partie. Dennoch wehrte sich der FC Lauterach auch in Unterzahl wacker, ehe die Kräfte nach einer Stunde klar nachliessen. Drei weitere sehenswerte Tore für den Favoriten waren der Preis dafür. Die Niederösterreicher, die jüngst eine Kooperation mit dem VfL Wolfsburg eingegangen sind, steigen damit souverän in die zweite Runde auf.

Für viele Leser hört sich der FC Lauterach wohl wie ein Dorfverein aus dem Vorarlberg an, dabei ist der Heimatverein von Österreich-Legende Bruno Pezzey in Wirklichkeit ein ambitionierter Drittligist, der in der abgelaufenen Saison bis zum Abbruch sogar die Tabelle anführte. Auch die Sportanlage Ried wirkt seit der Inbetriebnahme der neuen Sitzplatztribüne den hohen sportlichen Ambitionen würdig, auch wenn sich der Menschenauflauf heute mit 500 Zuschauern in Grenzen hielt.


Niederlande – Tschechien (27.06.21)

Fehlende Alternativen, Abstinenzerscheinungen und eine Parallelwelt ohne Masken- oder Abstandspflicht. Dies sind die Zutaten, die mich nach reichlicher Überlegung über meinen Schatten springen und damit das erste Mal an einen fussballerischen Grossevent auf nationaler Stufe reisen liessen.

Bei einem verlängerten Wochenende in Budapest besteht auch während der Sommerpause die Möglichkeit, mehr als ein Fussballspiel zu besuchen. So empfing MTK am Samstagmorgen Zweitligaufsteiger III. Kerületi TUE und der BVSC Zugló spielte gegen das knapp am Aufstieg gescheiterte Vasas, doch der Reiz von einem Spiel auf dem Trainingsplatz oder in einem bereits besuchten Stadion war zu gering.

Für Fussballfeeling war dennoch bereits am Vortag des EM-Spiels gesorgt. So vertrieben wir uns die Zeit in der Innenstadt mit holländischen Fans aus Doetinchem. Einmal mehr war der Alkohol (ihrerseits) sowie die fussballbedingten Kenntnisse ihres Heimatvereins De Graafschap (meinerseits) der Türöffner für unterhaltsame Stunden in der Nachmittagshitze der ungarischen Hauptstadt. Während das Gastspiel ihrer Mannschaft in Budapest voraussehbar war, wussten die Holländer lange nicht, auf wen sie im Achtelfinale treffen werden. Ein uninspirierter Auftritt Polens und ein spätes Tor der Deutschen machten meine Hoffnungen auf einen Auftritt der Ungaren in ihrer Heimat am letzten Spieltag der Gruppenphase zunichte.

Obschon Holland gegen Tschechien nicht das attraktivste Achtelfinale dieser Europameisterschaft darstellt, zeichnet sich am Sonntag schon früh ein Fussballfest ab. Die Sonne scheint mit aller Kraft und die Fanzone rund um den Heldenplatz ist brechend voll, als sich die orangene Karawane drei Stunden vor Anpfiff ihren Weg zum Stadion bahnt. Angeführt wird sie von einem offenen Doppeldeckerbus, dessen Lautsprecher die holländischen Fans mit Hardstyle-Klängen beschallt. Der Treffpunkt der Fans wird direkt nach deren Abmarsch geputzt, sodass eine halbe Stunde später nichts mehr darauf hindeutet, dass sich hier noch vor wenigen Augenblicken mehrere Tausend Leute unter reichlich Alkoholeinfluss auf das anstehende Spiel – und die vermeintlich sichere Qualifikation für das Viertelfinale – eingestimmt hatten.

Wer die Strecke vom Heldendenkmal zum Stadion ruhiger angehen möchte, dem sei die Variante durch den Városliget empfohlen, einer der grossen Parks in der Innenstadt, der jüngst aufwendig restauriert wurde. Nicht weniger spektakulär kommt das neue Nationalstadion, die Puskás Arená, einige Gehminuten weiter südlich daher. Der nach Ferenc Puskás benannte Bau ist imposant, erinnert an den pompösen sowjetischen Baustil und war für den fussballbegeisterten Autokraten Viktor Orbán eine Herzensangelegenheit.

Während mir vor dem Stadion und in der Innenstadt vor allem die holländischen Fans aufgefallen sind, zeigen sich meine Begleitung und ich im Stadioninnern überrascht, wie viele Tschechen die verhältnismässig kurze Anreise ausgenutzt haben. Begünstigt durch den Spielverlauf werden sie in der Folge besser zu hören sein, als die holländischen Fans. Am lautesten wird es an diesem Sommerabend aber bei den Hungaria-Rufen des einheimischen Publikums, das die 52‘834 Zuschauer beim vierten und letzten Spiel in Budapest noch ein letztes Mal daran erinnert, wer hier stolzer Gastgeber ist.

Auf dem Rasen sorgt eine rote Karte gegen Matthijs de Ligt für die Entscheidung zu Ungunsten der Holländer. Der Verteidiger von Juventus spielt den Ball mit der Hand und verhindert damit eine klare Torchance. Damit verliert die holländische Dreierkette ihr zentrales Glied. Die tschechische Nationalmannschaft weiss diesen Vorteil auszunutzen und sorgt mit dem 0:2 aus Sicht des Favoriten für die erste Überraschung am diesjährigen Turnier. Auch wenn in der Mannschaft der Tschechen die absoluten Stars fehlen, haben sie nebst einem starken Kollektiv mit Patrik Schick und dem Ex-Basler Tomas Vaclik vorne und hinten zwei Akteure, die den Unterschied ausmachen können.

Von der holländische Feststimmung ist nach der Niederlage in der Stadt nichts mehr zu spüren. Stattdessen sind es die Tschechen, die den ersten Einzug ins Viertelfinale seit 2012 feiern. Für Holland reiht sich die EM damit in die enttäuschenden Auftritte der letzten Jahre ein: Seit den grossen Erfolgen an den Weltmeisterschaften in Südafrika und Brasilien ging es für die Oranje nur noch bergab.


FC Celerina – CB Lumnezia (20.06.21)

Europas höchster Fussballplatz mit Naturrasen liegt in Celerina. An dieser Stelle im Oberengadin, auf über 1700 Höhenmetern, ist das Tal gegen drei Seiten hin offen. Dadurch profitiert Celerina nicht nur von mehr Sonnenstunden als beispielsweise das benachbarte St. Moritz, sondern auch von einer einzigartigen Kulisse für den lokalen Fussballplatz. Dieser liegt hinter einer Anhöhe, die das Dorf vom Berninatal und damit von Pontresina trennt. Benannt ist der Platz nach der Kirche San Gian, einem Wahrzeichen der Region. Besonders der Kirchturm sticht dabei ins Auge, dessen Spitzhelm 1682 vom Blitz getroffen wurde und dem seither das Dach fehlt.

An diesem Wochenende bietet sich die rare Gelegenheit, die Heimspiele von Valposchiavo Calcio und dem FC Celerina zu kombinieren. Dies bemerkte auch der Ostschweizer Fussballverband und nominierte den gleichen Schiedsrichter wie am Vortag im Puschlav. Dieser wohnt ganz in der Nähe von St. Gallen, wie seine Freundin verlauten lässt, die das Spiel von der Holzbank auf dem Hügel aus mitverfolgt.

Die Spielübersicht, die sie dabei geniesst, wäre den Spielern nur zu wünschen, denn es ist Fussball auf bescheidenem Niveau und zweittiefster Ligastufe, den die beiden Mannschaften den 60 Zuschauern bieten. Die rauen klimatischen Verhältnisse und die geografische Lage gelten dabei nur bedingt als Ausrede. Das Spiel endet mit 0:2 für den «Club da Ballapei» aus Lumnezia, der damit neuerdings die Tabelle der 4. Liga anführt.

Der Star an diesem Nachmittag bleibt aber der Spielort selbst. Dies dachte sich auch der ehemalige Schweizer Trainer Christian Gross, als er zur Einweihung des neuen Clubhauses einst versprach, mit seinem Verein Al Ahli hierhin ins Trainingslager zu reisen. Gross hielt sein Wort und bereitete sich im Jahr darauf mit seiner saudischen Mannschaft in Celerina auf die neue Saison vor. Ein Testspiel gegen den Gastgeber entschied der damalige Vizemeister der Saudi Professional League – trotz der ungewohnt dünnen Luft – übrigens klar zu seinen Gunsten.


Valposchiavo Calcio – FC Ems (19.06.21)

Wer vom Engadin aus den Berninapass überquert, dem steht eine steile Abfahrt in den südöstlichsten Zipfel der Schweiz bevor. Es geht hinunter ins Puschlav, vorbei an steinigen Berglandschaften, denen der Autofahrer deutlich weniger Aufmerksamkeit schenken kann als der Passagier in der Bernina Bahn, die in dieser Region zum UNESCO-Welterbe zählt.

Eine ihrer letzten Haltestellen vor der italienischen Grenze heisst Campascio und ist der Ort, an dem Valposchiavo Calcio seine Heimspiele austrägt. Vor zwanzig Jahren dem Zusammenschluss der AC Poschiavo und der US Brusiese entsprungen, spielt der Verein im Ostschweizer Fussballverband mit. Dies bedeutet nicht selten weite Anreisen und so kommt es vor, dass die Feierabendfussballer, wie etwa beim Auswärtsspiel in Buchs, rund 2.5 Stunden unterwegs sind – eine Seltenheit in der Schweizer Liga.

Auf dem Sportplatz Casai, nur fünf Kilometer von Tirano entfernt, wird Italienisch gesprochen. Einzig die Aufforderung „Pfiff emol, Pink Panther“ eines Seniors an den in pink gekleideten Schiedsrichter erinnert mich daran, dass die meisten Menschen hier auch Dialekt sprechen können. Es herrscht eine familiäre Atmosphäre unter den 60 Zuschauern, die an diesem frühen Samstagabend auf der kleinen Tribüne oder auf den Festbänken Platz genommen haben. Die Salsiccia brutzelt auf dem Grill, Kinder spielen mit dem Hund auf dem trockenen Rasen und die Seitenlinien weisen die eine oder andere Krümmung auf, die eigentlich nicht sein sollte. Die Europameisterschaft ist in solchen Momenten ganz weit weg.

Zu Gast ist heute der Tabellenführer aus Ems, während Valposchiavo Calcio im Mittelfeld der 3. Liga steht. Die treffsicheren Emser und das kleine Spielfeld lassen mich auf ein torreiches Spiel hoffen. Doch das Gegenteil ist der Fall und so muss ich mich bis zur letzten Minuten gedulden, ehe die Angst vor dem ersten torlosen Unentschieden seit Dezember 2019 doch noch aus dem Hinterkopf verschwindet. Es sind die Gäste, die mich und sich nach einem Freistoss aus dem Halbfeld erlösen. Die Freude über den vermeintlichen Siegtreffer ist gar so gross, dass der Linienrichter – ein Emser Auswechselspieler – sein Trikot auszieht und mit der Mannschaft feiert. Für diesen Neutralitätsverlust bekommt er vom Schiedsrichter prompt die gelbe Karte gezeigt. Auch auf dem Platz werden die Emser in der letzten Minute der Nachspielzeit noch zünftig bestraft. Eine rote Karte und ein damit verbundener Penaltypfiff bedeuten die grosse Chance zum Ausgleich für Valposchiavo. Es ist eine Aufgabe für den 38-jährigen Paolo Nogheredo, den älteste Spieler in den Reihen der Gastgeber. Der Routinier behält die Nerven und verwertet sicher zum 1:1. Danach ist Schluss, zumindest mit dem spielerischen Teil, denn der turbulenten Nachspielzeit folgt eine Rubelbildung im Mittelkreis.


FC Götzis – SCR Altach II (11.06.21)

Das Möslestadion in Götzis und das Stadion Schnabelholz in Altach liegen nur einen Kilometer Luftlinie voneinander entfernt. Derbystimmung kommt an diesem Freitagabend in Vorarlberg dennoch keine auf, handelt es sich doch um ein Testspiel und die Zweitvertretung der Altacher. 

Die Spieler zeigen sich entsprechend lethargisch und träge, die Wärme und der lange Unterbruch macht beiden Mannschaften ganz offenbar zu schaffen. So verkommt der 2:0-Heimsieg zu einem dieser Spiele, die ohne Penalty wohl torlos geendet hätten. Die 100 Zuschauer widmen sich deshalb lieber ihrem Bier, meine bedingt fussballbegeisterte Begleitung Jonathan döst auf der Sitzbank vor sich hin und auch ich reserviere den Tisch in der nahegelegenen Gartenlaube fürs anschliessende Wiener Schnitzel mit Pommes Frites schon während dem Spiel. 


NK Pajde – FC Muri (06.06.21)

Als ich am Sonntag im Zug nach Zürich sitze, kann ich es nicht lassen, einen Blick in die App „futbology“ zu werfen. Diese birgt eine Art Radar, der die Fussballspiele in nächster Umgebung anzeigt. Prompt weist mich die App auf ein Heimspiel des NK Pajde hin. Erst halte ich den Eintrag für einen Fehler, stammt der Verein mit Möhlin doch aus einer Aargauer Gemeinde in der Agglomeration von Basel. Als der Fussballverband das Spiel in der Sportanlage Au im zürcherischen Opfikon bestätigt, bin ich verunsichert.

Ich durchforste das Internet und stosse auf eine Meldung, die über die anstehende Fusion des NK Pajde und dem Zürich City SC informiert. Auf der einen Seite also der NK Pajde, der im Volksmund gern auch als Rakitic-Club bezeichnet wird. Grund ist die aus Möhlin stammende Familie rund um Luka Rakitic. Dieser ist Gründer des Vereins und Vater von Sevilla-Spieler Ivan, der zwar keine offizielle Funktion im Verein bekleidet, diesen offenbar aber anderweitig unterstützt. Sein anderer Sohn Dejan verliess den Fünftligisten bereits vor einem Jahr – danach ging es sportlich bergab.

Auf der anderen Seite der Zürich City SC, ebenfalls ein Verein mit spannendem Hintergrund. Als FC Tetova gegründet, nennt er sich 2019 plötzlich FC Zürich United. FCZ-Boss Ancillo Canepa passt diese Ähnlichkeit nicht und so muss der Verein seinen Namen schnell wieder ändern. Heute heisst er Zürich City SC und preist sich auf der Webseite als «wahrer Stadtzürcher Fussballverein» an. Hinter dem Projekt steckt Ali Yurdakul, ein türkischer Funktionär aus Zürich und ein im Schweizer Amateurfussball nicht unbeschriebenes Blatt. So präsidierte Yurdakul beispielsweise bereits Real Madrid Zürich bis zur Abmahnung und anschliessend den SC Barcelona Zürich.

Die Bündelung der Kräfte hat der Verein bitter nötig, liegt der NK Pajde doch mit einem Punkt aus acht Spielen am Tabellenende der 2. Liga interregional. Heute holt er mit dem 1:1 vor 200 Zuschauern so viel Punkte wie bisher in der ganzen Saison – der Restart ist damit aus sportlicher Sicht geglückt. Neben dem Platz wartet auf den neuen Verein aber noch viel Arbeit. So etwa wissen zum Anpfiff weder der Ballbub noch eine Juniorin am Spielfeldrand, welche der beiden die Heimmannschaft ist.


US Schluein Ilanz – FC Bad Ragaz (02.06.21)

Exakt 227 Tage sind seit meinem letzten Besuch in einem bisher unbekannten Stadion vergangen. Nur eine Woche weniger lang warten die Verantwortlichen aus Schluein auf ein Heimspiel. Anfangs Juni sollten beide Seiten erlöst werden, da die Uniun Sportiva, wie der Verein in der rätoromanischen Sprache heisst, den FC Bad Ragaz empfängt.

Die Sportanlage erreiche ich an diesem Dienstag nach Feierabend in etwas mehr als einer Stunde. Die Autofahrt nach Graubünden führt mich und meinen Begleiter Nico durch ein Gebiet, das wir vor allem aus der Wintersaison kennen. Nebst unberührten Pisten und kolossalen Hotelbauten bietet die Region Surselva aber auch eine ganz besondere Stadionperle.

Diese verdankt ihren Namen einem «Crap Gries» (zu Deutsch dicken Stein), der einst direkt am Fussballplatz gelegen hatte. Zwar spielt der Fusionsverein heute nicht mehr am selben Ort wie damals, der Name blieb aber bestehen. 2015 weihten sie in Schluein schliesslich ihr neues Clubhaus mit einmaliger Holztribüne ein, dass zahlreiche Freunde des Vereins in über 6'000 Stunden freiwilliger Arbeit gemeinsam erbauten. Die Tribüne ist derart gelungen, dass die USSI bereits den Hamburger SV oder die österreichische Nationalmannschaft zur Vorbereitung empfangen durfte.

Heute sind es rund 100 Zuschauer, die sich dem Treiben auf dem Rasen widmen. Der Gastgeber trennt sich dabei gerecht mit 1:1 vom Gegner aus dem Rheintal. Das Grillgut läuft heiss und das Bier kalt den Rachen hinunter. Es tut gut, nach so langer Zeit wieder am Spielfeldrand zu sitzen und mit einem Kollegen entspannt über Nebensächlichkeiten zu sinnieren.


Zaungast #9: Im Baurausch

Von aussen wirkt die «Pancho Arena» wie eine Tempelanlage aus Asien. Doch das Fussballstadion steht keine Stunde von Budapest entfernt im Dorf Felcsút, dem Heimatort des Präsidenten Viktor Orbán. Mit einer Dachkonstruktion aus Holzsäulen und geschwungenen Schieferplatten wirkt das Stadion majestätisch. Ein zweiter Palast für Orbán, als ob ihm Országház, das prunkvolle Parlamentsgebäude am Donauufer, nicht ausreicht.

Neben dem Stadion stehen alte Häuser, ihre Gärten sind verwildert. Keine zweitausend Einwohner zählt Felcsút, im Stadion ist dennoch Platz für doppelt so viele. Der lokale Verein, die Puskas Akademia, hat am Wochenende mit einem Sieg erstmals die Möglichkeit, Vizemeister zu werden. Das 2014 gebaute Stadion ist Sinnbild für die Politik des Autokraten Orbán. Zusammen mit der Groupama Arena, der Heimat des Rekordmeisters Ferencvaros in Budapest, gehört es bereits zu den ältesten Stadien der obersten Liga. Einzig Újpest, die zweite Kraft in der Hauptstadt, besitzt eine Heimstätte, deren Tribünen allesamt älter als sieben Jahre sind.

Seit Viktor Orbán vor elf Jahren Ministerpräsident Ungarns geworden ist, hat er zwei Milliarden Franken in den Sport investiert. Prompt hat das Land zweimal den Sprung an die EM geschafft und wird auch im Sommer – wohl als einziger Veranstalter vor ganz vollen Rängen – im eigenen Land um den Pokal spielen. Doch worin gründet dieser Bauboom?

Orbán will über den Fussball, seine grosse Leidenschaft, das Selbstbewusstsein der ungarischen Gesellschaft stärken. Wo der Zusammenhang zwischen neuer Stadien in Szombathely oder am anderen Ende des Landes in Kisvárda und einer zufriedenen Gesellschaft liegen, weiss wohl nur Orbán selbst. Auch in seiner Politik finden sich Parallelen zum Fussball. Der ehemalige Stürmer ist ein Taktikfuchs, weiss, wie man Druck macht und schnell zum Gegenangriff übergeht. So verabschiedet er Steuererleichterungen, damit sich lokale Unternehmen am Bau neuer Stadien beteiligen. Nebst Vetternwirtschaft im Beschaffungswesen wird ihm und seiner Partei Fidesz auch der Missbrauch von EU-Geldern vorgeworfen. Diese werden in Brüssel nach dem Subsidiaritätsprinzip verteilt. In der Theorie ein gutes System, das in einem Land, welches sich auf dem Weg zur Diktatur befindet, jedoch nicht funktioniert. Innert wenigen Jahren hat sich Orbán nämlich vom Liberalisten zum Rechtspopulisten gewandelt. Seine Politik funktioniert in einem Land, das auf der Flüchtlingsroute liegt.

Damit kann Orbán verdecken, dass Ungarn gemäss Eurostat, dem Statistischen Amt der EU, im europäischen Vergleich was die kaufkraftgewichteten Bildungsausgaben pro Kopf betrifft, weit hinterherhinkt. Dazu kommt die Unterfinanzierung im Gesundheitswesen bei Personal und Krankenhäuser, resultierend in einer Fachkräfteflucht, die besonders während der Pandemie ins Gewicht fällt. So belegt Ungarn im Ranking europäischer Gesundheits­systeme laut dem Euro Health Consumer Index (EHCI) 2018 gar den drittletzten Platz.

Stattdessen fördert Orbán weiter Investitionen im Fussballsektor. Alleine in der Hauptstadt Budapest stehen drei nagelneue Stadien. So bezieht Erstligist Honvéd bald sein neues Stadion, während der designierte Aufsteiger Vasas bereits schon in seiner neuen Heimat spielt. Mit der Puskas Arena im Osten der Stadt hat Orbán nun auch sein prunkvolles und überdimensioniertes Nationalstadion. Benannt ist es, wie der Verein in Felcsút, nach Ferenc Puskás, dem grössten Fussballer des Landes. Dass sich Orbáns Liebe zum Fussball sogar über Landesgrenzen hinwegsetzt, zeigte jüngst die Meldung aus Miercurea Ciuc. In der rumänischen Stadt finanziert der ungarische Staat dem lokalen Drittligisten, der vor allem auf Spieler ungarischer Ethnie setzt, ein neues Stadion. Auch in der Slowakei gibt es mit DAC Dunajská Streda einen Club, der eine ungarischer Minderheit repräsentiert – und prompt auch in einem neuen Stadion spielt.