FC Gagra - FC Dila Gori

In Georgien existieren bis heute Regionen, die ausserhalb der staatlichen Kontrolle stehen. Das bekannteste De-facto-Regime ist das im Westen des Landes gelegene Abchasien, das sich nach dem Niedergang der UdSSR mit russischer Hilfe für unabhängig erklärte. Auch Südossetien ersuchte zu dieser Zeit eine engere Bindung zum russischen Nordossetien und hält diese bis zur Gegenwart mit russischer Unterstützung aufrecht. Als unabhängige Staaten werden beide Regionen weltweit nur von jeweils fünf Ländern anerkannt. Als Antwort auf den Krieg mit Russland 2008 und den Verlust der beiden abtrünnigen Regionen wendet sich Georgien seither auf verschiedenen politischen Ebenen verstärkt dem Westen zu.

In Abchasien liegt auch Gagra, ein kleiner Küstenort am Schwarzen Meer, unweit der russischen Grenze. Mit Goderdzi Chikhradze und seinem Cousin Beso hegten 2004 zwei aus Gagra stammende Georgier den Plan, der Region mit dem FC Gagra einen Klub im georgischen Ligasystem zu schenken. Aufgrund der anhaltenden russischen Okkupation verwirklichten sie ihre Idee stattdessen in Tiflis – in Gagra hat der Klub indes noch kein einziges Spiel ausgetragen. So prangt eher symbolisch im Vereinswappen der Schriftzug «Georgia United», der als Aufruf zur Wiedervereinigung Abchasiens mit Georgien zu verstehen ist und dem Klub Kritik eingebracht hat, da er im Konflikt als georgische Propaganda angesehen wird. Nicht zu verwechseln ist der FC Gagra mit dem FK Gagra, der sich als Nachfolger des aufgelösten Klubs Dinamo Gagra sieht und aktuell am Spielbetrieb der höchsten Liga Abchasiens teilnimmt.

Gespielt wird im Davit-Petriashvili-Stadion im Norden von Tiflis, die Szenerie erinnert aber eher an eine Partie in einem Wüstenstaat: eine Lage im Niemandsland, Staub auf der Laufbahn, eine sterile Tribüne und – allem voran – zahlreiche leere Sitzschalen. Nur gerade 300 Zuschauer bevölkern die Spielstätte und sehen ein bescheidenes 0:0. Für den grössten Aufreger sorgt ein Kleinkind, das mehrere Sitzreihen herunterfällt (was hier lediglich Erwähnung findet, weil der Vorfall zum Glück nur kleine Blessuren und grosses Weinen zur Folge hat). Deutlich interessanter ist der Gegner und dessen Herkunft: Mit dem FC Dila Gori ist der Klub zu Gast, der seinem Namen dem bekannten Gedicht «Dila» (Morgen) verdankt. Es stammt aus der Feder von Josef Dzhugashvili, besser bekannt als Josef Stalin. Gori ist denn auch die Stadt, in welcher der Vater der Sowjetunion einst das Licht der Welt erblickte.


FC Lokomotivi Tbilisi - FC Kolkheti Poti

2022 war für Lokomotivi Tbilisi ein Jahr zum Vergessen. Hatte der Klub im Herbst 2020 noch in der 3. Qualifikationsrunde zur Europa League gestanden, brachte er in der jeweils unter dem Kalenderjahr ausgespielten Vorsaison kein Bein vor das andere: Aus 36 Spielen resultierte ein einziger Sieg, dazu gab es über 100 Gegentore. Für die grösste Schmach zeichnete allerdings die eigene Zweitmannschaft verantwortlich: Während sich Lokomotivis Profis bereits im Achtelfinal aus dem Wettbewerb verabschiedet hatten, qualifizierte sich der Viertligist sensationell für den georgischen Pokalfinal.

Auch nach dem Abstieg hängt der Haussegen beim Klub mächtig schief, der derzeit auf einem Relegationsplatz stehend weiterhin um die kommende Teilnahme an der zweiten Liga zittern muss. Gegen den Favoriten aus der Küstenstadt Poti zeigten die Gastgeber allerdings einen gelungenen Auftritt und gingen früh in Führung. Lediglich ein kurz ausgeführter Eckball vermochte die Abwehr der Hauptstädter in der Folge zu knacken und das 1:1 kann von den 300 Zuschauern als Teilerfolg auf der Mission Ligaerhalt gewertet werden. Seine Heimspiele trägt der Eisenbahnklub auf dem ausgebauten Nebenplatz des Micheil-Meschi-Stadions aus, das am Fusse des bewaldeten Hangs unter dem bekannten Schildkrötensee liegt.

Lokomotivis Heimatbezirk Saburtalo wirkt mit seinen modernen Gebäuden, Hochhäusern und Bürokomplexen wie ein Fremdkörper in Tiflis und Georgien, das ansonsten eher von gelb markierten oberirdischen Erdgasleitungen, Autos, denen die halbe Karosserie fehlt, und von Strassenhunden geprägt ist. Immer wieder sorgen auch Alltagsszenen für Unterhaltung: Sei dies in Form eines 1860er-Trikots aus der Kleidersammlung oder eines alten Feuerwehrautos, das bei seinen Einsätzen noch immer die Aufschrift aus dem bayrischen Geretsried trägt.

Abseits dieser Eindrücke zeigt sich besonders Georgien von seiner religiösen Seite: 90 Prozent der einheimischen Bevölkerung sind Christen, hauptsächlich georgisch-orthodox, und das mit einer Hingabe, die sich nicht nur auf dem Papier widerspiegelt. Auf ausgeprägten Traditionen beruht auch die lokale Küche, die kulinarische Köstlichkeiten wie Khachapuri (überbackenes Käsebrot), Khinkali (gefüllte Teigtaschen) oder Dolma (gefüllte Weinblätter) bereithält. Zumindest aus optischer Sicht gewöhnungsbedürftig sind hingegen die verbreiteten Tschurtschchela – aufgeschnürte Nüsse mit einem Überzug aus Traubensaft.


FC Rustavi - FC Chikhura Sachkhere

Der Zerfall der Sowjetunion brachte Georgien zwar die Unabhängigkeit, aber auch den wirtschaftlichen Niedergang. Beispielhaft dafür ist die Industriestadt Rustavi, eine halbe Stunde südöstlich von Tiflis gelegen, die einst eines der grössten Stahlwerke des Vielvölkerstaates beherbergte, auf das auch die Existenz der 130’000-Einwohner-Stadt zurückgeht. Das Siedlungsgebiet ist durch den Fluss Kura in Alt- und Neustadt aufgeteilt, hält aber an beiden Uferseiten kaum architektonische Blickfänge bereit.

Einzig für Fussballromantiker bietet die Stadt mit dem Poladi-Stadion eine Sehenswürdigkeit. Dieses diente lange Zeit dem Klub Metallurg Rustavi als Heimstätte, seit 2015 hat das «Stahl-Stadion» mit dem FC Rustavi einen neuen Nutzer gefunden. Trotz modernem Anstrich im Logo vermag auch dieser die Massen nicht zu begeistern, sodass an diesem Donnerstag nach dem Feierabend rund 200 Zuschauer eintrudeln und einen Kantersieg des Heimteams zu sehen bekommen. Das diskussionslose 6:0 animiert ein Trio Jugendlicher, sporadisch ein barsches «Ru-sta-oui» von sich zu geben.

Der Gegner aus Sachkhere erlebte in den letzten Jahren einen beispiellosen Niedergang: Trat der Klub in der Saison 2019/20 noch in der Qualifikation zur Europa League an, begann mit der Trennung von Trainer Samson Pruidze kurz darauf die rasante sportliche Talfahrt. Gar nur ein Lizenzentzug eines Konkurrenten bewahrte den Ex-Erstligisten in der abgelaufenen Spielzeit vor dem Fall in die Viertklassigkeit. Dieser scheint aber nur eine Frage der Zeit: Chikhura steht abgeschlagen am Tabellenende der dritten georgischen Liga.


Armenien U21 - Montenegro U21

«But can they do it on a cold, rainy night in Stoke?», lautet eine bekannte Phrase im Fussballkosmos, die auf den englischen Kommentatoren Andy Gray zurückgeht, der einst die fehlende Erfahrung von Cristiano Ronaldo und Lionel Messi als Profifussballer unter widrigen Wetterbedingungen ankreidete.

Auch wenn Stoke und das armenische Abowjan fast 4000 Kilometer trennen, weisen die Städte an diesem Dienstagabend erhebliche Gemeinsamkeiten auf: Es weht ein eisiger Wind, die Szenerie ist trostlos, die Unterlage nass, die Temperaturen sorgen für klappernde Zähne und zu allem Übel steigt zwischenzeitlich gar eines der Flutlichter aus.

Der Auftritt im City Stadium auf über 1400 Höhenmetern in der nördlichen Agglomeration von Jerewan verkörpert für die Gäste aus Montenegro denn auch eine Pflichtaufgabe in der Qualifikation zur U21-EM. Die Spielstätte wurde erst vor kurzem renoviert und beherbergt an diesem Abend 300 Zuschauer, darunter auch einige Heimfans, die sporadisch durch Gesänge und den Einsatz von Pyrotechnik auffallen. Für gewöhnlich wird sie vom Erstligisten FC Noah bespielt, hier scheint es sich jedoch um eine Übergangslösung zu handeln. Allgemein entbehrt die Stadion-Thematik im armenischen Fussball jeglicher Logik, so darf etwa das gigantische Hrasdan-Stadion trotz erheblicher Mängel im Evakuierungskonzept für Konzerte, nicht aber für Fussballpartien genutzt werden.

Montenegro erledigt seinen Job am Fusse des Geghamgebirges in der Schweizer Gruppe ohne zu glänzen, die Gastgeber unterliegen ihnen knapp mit 0:1. Dass der Mini-Sieg den montenegrinischen Trainer nach dem Schlusspfiff dazu veranlasst hätte, als Replik auf die Eingangsfrage den bekannten Wahlslogan von Barack Obama zu zitieren, halte ich damit für durchaus möglich.


Armenien - Kroatien

Mit ihren am Hinterkopf hochtoupierten Haaren, den grossen Ohrringen, der Hornbrille und dem biederen Kleid sieht meine Sitznachbarin aus wie die Sekretärin der kommunistischen Partei Armeniens. Das EM-Qualifikationsspiel zwischen ihrem Heimatland und Kroatien scheint sie tatsächlich kaum zu interessieren, stattdessen verfolgt sie angespannt die WM im Gewichtheben auf dem Laptop vor ihr. Meine Frage, was von den Fans da immer wieder gerufen wird, kann sie mir dennoch beantworten: «Hayastan, hup tur», was als «Auf geht’s, Armenien» zu verstehen sei und eine Adaption des Fangesangs darstellt, der Ararat Jerewan 1973 zum Double im sowjetischen Fussball getragen hatte.

Mit den lautstarken Anhängern im Rücken soll 50 Jahre später mit der erstmaligen Qualifikation für die EM-Endrunde das nächste armenische Fussballmärchen geschrieben werden. Ein starker Start in die Kampagne hat im Land eine Euphorie ausgelöst, sodass die grössten Fans des Nationalteams gar zum Marsch vom Friedensplatz zur Spielstätte aufgerufen haben. Dem Aufruf folgt nebst den beiden Fangruppierungen «First Armenian Front» und «Red Eagles Armenia» auch eine Vielzahl anderer patriotischer Anhänger. Weit vor Anpfiff bahnt sich der Tross, dessen Gesänge immer wieder von ohrenbetäubenden Böllern unterbrochen werden, den Weg zum ausverkauften «Vazgen Sargasyan Republican Stadion», das in der Abendsonne eine magische Anziehungskraft ausstrahlt.

Seit dem Rücktritt von Henrikh Mkhitaryan fehlt dem armenischen Nationalteam zwar der grosse Name, dennoch wehrt sich der Aussenseiter gegen Kroatien tapfer. Zu selten jedoch können die weiten Bälle und Konter der Gastgeber konkrete Torgefahr heraufbeschwören, sodass dem WM-Finalisten von 2018 ein Treffer nach einem Eckball zum Sieg reicht. Wie bereits in Aserbaidschan kommt der Favorit damit glücklich zu drei Punkten, während das Heimteam nach einem guten Auftritt mit dem 0:1 auf der Anzeigetafel hadert. Für den grössten Aufreger des Abends sorgt allerdings eine Szene einige Meter über dem Spielfeld: Hier kreist plötzlich eine an einer Drohne befestigte Flagge von Bergkarabach, was für einen Spielunterbruch sorgt und von grossen Teilen der 14’233 Zuschauer frenetisch gefeiert wird.

Bergkarabach steht seit Jahren im Brennpunkt der Spannungen zwischen Armenien und Aserbaidschan. Historische und kulturelle Unterschiede, die bis zur Zeit vor dem Ende der Sowjetunion zurückreichen, haben zu erheblichen Unruhen und hohen Verlusten auf beiden Seiten geführt. Dieses Gebiet, das offiziell zu Aserbaidschan gehört, wird primär von Armeniern bewohnt und strebt unter dem Namen «Republik Arzach» seit vielen Jahren nach Frieden und Unabhängigkeit. Anmerkung: Wenige Tage nach diesem Spielbesuch resultierte eine Militäroffensive Aserbaidschans in der Kapitulation der Regierung von Arzach und dem Verlust ihrer territorialen Kontrolle. Infolgedessen floh ein Grossteil der hauptsächlich armenischen Bevölkerung – über 100’000 Menschen – nach Armenien.

Das Zentrum des Landes stellt die Hauptstadt Jerewan dar, eine der ältesten ständig bewohnten Städte der Welt. Sie liegt zwischen dem Vulkan Aragaz im Nordwesten und dem auf türkischem Boden stehenden Berg Ararat im Süden, dem vermeintlichen Landeplatz der Arche Noah. Trotz pompösen Sowjetbauten und dem weit verbreiteten Einsatz von rosa Tuffstein hinterlässt die Millionenstadt insgesamt einen trostlosen Eindruck. Mit dem Mahnmal auf dem Hügel Zizernakaberd wird die Erinnerung an die Opfer des Völkermordes aufrechterhalten, der während des Ersten Weltkriegs durch das Osmanische Reich an den Armeniern verübt wurde. Der Genozid kostete hunderttausende Menschenleben, was bis zum heutigen Tag spürbare Narben in der armenischen Gesellschaft hinterlassen hat.


Aserbaidschan - Belgien

«Fussball interessiert hier niemanden», meint Azad und klopft mir auf die Schultern. Es ist der gut gemeinte Aufmunterungsversuch unseres Fahrers, nachdem es das Hotelpersonal in Baku ganz offenbar trotz mehrfachem Beteuern vergessen hatte, die nur vor Ort erhältlichen Tickets für das EM-Qualifikationsspiel zwischen Aserbaidschan und Belgien zu erwerben. Spätestens als uns daraufhin der Rezeptionist noch dümmlich angegrinst hatte, erkannte der kleingewachsene Aseri mit buschigen Augenbrauen und furchigem, aber gutmütigem Gesicht den Ernst der Lage und fügte an, dass wir am Stadion sicher eine Lösung finden würden.

Gespielt wird allerdings nicht im Olympiastadion von Baku, sondern in der wesentlich kleineren Dalga Arena, der Heimat des Erstligisten Araz PFK, rund 40 Minuten östlich der Hauptstadt in der Siedlung Merdekan. In der höchsten Liga Aserbaidschans stammen nur drei Klubs nicht von der Halbinsel Apscheron, auf der nebst Baku mit Sumqayit auch die zweitgrösste Stadt liegt. Ein Sonderfall stellt der Qarabag FK dar, mit neun Titeln gemeinsam mit Neftchi Baku der Rekordmeister des Landes. Der Klub stammt aus der Stadt Agdam, die 1993 von der armenischen Armee aus strategischen Gründen im Konflikt um das nahegelegene Bergkarabach besetzt und vollständig zerstört wurde. Von den rund 30’000 Einwohnern sind praktisch alle geflüchtet, darunter auch der heimische Fussballklub, der seither in Baku ein Exil-Dasein fristet.

Azad, der uns am Nachmittag wie versprochen an die Küste des Kaspischen Meeres fuhr, war in der Zwischenzeit nicht untätig geblieben. Er hatte seinen Schwager über unsere Anwesenheit unterrichtet, der als Polizist bei den Einlasskontrollen im Einsatz stand und einem Jungspund zwei Tickets abknöpfte, sodass die Gäste aus Westeuropa kurz vor Anpfiff doch noch in das Stadion gelangten. Trotz Namen wie Jan Vertonghen, Leandro Trossard und Romelu Lukaku bekundeten die Belgier mit dem mutigen Auftreten der Aseris Mühe und konnten nur dank eines abgefälschten Schusses das eigentlich verdiente Remis verhindern.

Trotz des 0:1 gab es von den 4500 Zuschauern nach dem Schlusspfiff aufmunternden Applaus, allen voran von einer Gruppe Jugendlicher, die sich hinter einer Zaunfahne mit der Aufschrift «Milli Holigans» eingefunden hatte. Sturmmasken und eine eingehakte Frontline auf dem Marsch hielten dabei den orthografischen Schwächen in der Gesamtwahrnehmung die Waage. Nur in der Trikotwahl besteht wohl interner Gesprächsbedarf, so waren im Fanblock nebst Exemplaren von Fenerbahce auch solche von Galatasaray und Besiktas zu sehen und auch auf den anderen Tribünen war die politische und ideologische Nähe zur Türkei durch diverse Flaggen spürbar.

Aserbaidschan wird seit 2003 von Ilham Aliyev geführt, der das Amt von seinem Vater Heydar übernommen hat. Die autokratische Herrscherfamilie schränkt die Meinungsfreiheit und die Rechte der Opposition ein, was dem Touristen – wenn überhaupt – aber nur durch die omnipräsente Überwachung öffentlicher Plätze ins Auge fällt. Hingegen ist der Reichtum aus dem Öl- und Gasgeschäft in Baku nicht zu übersehen: Die Hauptstadt hat sich im 21. Jahrhundert zu einer Metropole mit protzigen Moscheen, modernen Museen und futuristischen Hochhäusern entwickelt, während die drastischen Einkommensunterschiede bereits in den städtischen Randgebieten in Form simpler Behausungen mit Wellblechdächern ersichtlich sind und sich in ländlichen Gebieten weiter manifestieren.


Georgien - Spanien

Kakhaber Kaladze hat fast alles gewonnen, was man als Fussballer auf Klubebene eben gewinnen kann. Mit der AC Milan triumphierte der Georgier in der Champions League, wurde Klub-Weltmeister, holte den Super Cup und den Superpokal sowie den Sieg in der Coppa Italia und in der italienischen Meisterschaft. Seinen vermeintlich auf Ewigkeit unangefochtenen Status als georgischer Nationalheld und fünffacher Fussballer des Jahres macht ihn nun aber ausgerechnet einer streitig, der jüngst ebenfalls den Scudetto holte: Khvicha Kvaratskhelia.

Drei Mal in Folge bereits wurde dem Napoli-Akteur zuletzt diese Ehre zuteil und so erinnert der Besuch in der Boris-Paichadze-Arena nicht nur wegen ihrer Bauart und den blau-weissen Sitzschalen an den Klub am Fusse des Vesuvs, sondern auch wegen der vielen Napoli-Trikots mit dem Namen des neuen georgischen Hoffnungsträgers auf der Rückseite.

Doch auch mit dem 22-jährigen Ausnahmekönner in den Reihen bekam Georgien vor 51’694 Zuschauern in der EM-Qualifikation von Rodri, Gavi und Co. eine Lehrstunde verpasst. Beim 1:7 aus Sicht der Gastgeber traf Alvaro Morata für Spanien dreifach, den Ehrentreffer feierten die georgischen Fans – allen voran die trotz Dauerregen unermüdliche Heimkurve – dennoch wie einen Sieg.

Lauter wird es im Stadion, in dem auch Dinamo Tiflis seine Heimspiele austrägt, nur im Hohlraum unterhalb der Sitzränge. Hier liegt das Bassiani, der grösste Techno-Club Georgiens. Dieser ist aber längst kein Geheimtipp mehr, weshalb Tanzeulen und Nachtschwärmer, die etwas mehr BPM und weniger Touristen mögen, im KHIDI oder TES besser aufgehoben sind. Gemächlicher geht es hingegen in der nahegelegenen Fabrika zu und her, die sich zum Hotspot der alternativen Szene entwickelt hat und in den Räumen einer ehemaligen Näherei allerhand trendige Bars, Ateliers und Coworking-Spaces vereint.

Tiflis (oder auf Georgisch «Tbilissi») verdankt seinen Namen den warmen («tbili») Schwefelquellen in der Stadt, deren Architektur von sowjetischer Prägung bis hin zu kunstvollen Balustraden und hölzernen Veranden reicht. Einen guten Überblick bietet die Sicht von der Festung Nariqala (auf das Zentrum) oder von der Chronik Georgiens (auf die Plattenbauten an den nördlichen Ausläufern der Stadt). Denn Tiflis ist vielschichtiger und bei weitem nicht immer so pompös, wie die schöne Altstadt, futuristische Bauten entlang der Kura und die imposante Sameba-Kathedrale ­– eines der grössten orthodoxen Gebäude der Welt – vermuten lassen. Sinnbild für das Land im schleppenden Aufbruch sind die mit viel Gigantismus gebauten und seit über zehn Jahren leerstehenden Konzerthallen im Rike-Park. Will Ex-Rossonero Kaladze seinen Rang nicht endgültig von Kvaratskhelia abgelaufen sehen, könnte er hier ansetzen – seit 2017 amtet er nämlich als Stadtpräsident von Tiflis.


AC Oulu - HJK Helsinki

Nach Tagen voller langer Vokale und spezieller Betonung vernehme ich endlich wieder Schweizerdeutsch – und dann noch in einer Form mit Ostschweizer Prägung. Die vertrauten Bemerkungen, für die ich von Zürcher Arbeitskollegen bisweilen nur missgünstig gemustert werde, klingen einige hundert Kilometer südlich des Nordkaps gleich nochmals ein Stück heimeliger. Sie stammen aus dem Mund von Fussballprofi Magnus Breitenmoser. Während ihn sein Vorname zum Skandinavier macht, weiss das Gegenüber spätestens beim Toggenburger Nachnamen, warum auch er «seb» oder «afoch» sagt.

Thuner Türöffner

Welcher Weg aber führte Breitenmoser ausgerechnet ins finnische Oulu, der nördlichsten Grossstadt der Europäischen Union? Am Ursprung des kurzfristigen Wechsels steht der Berater seines Thuner Ex-Mitspielers Dennis Salanovic: «Dennis wechselte damals nach Oulu und der Klub hatte beim Berater angefragt, ob dieser auch einen passenden Mittelfeldspieler kenne», beschreibt der 25-Jährige seinen Leihtransfer im Sommer 2021 direkt aus dem Thuner Trainingslager in die «Veikkausliiga».

Im August herrschen auch im Norden Finnlands milde Temperaturen. Die Tage sind lang, die Sonne wärmt bis in die Abendstunden und am Stadtstrand kommt Badefeeling auf. «Hierhin komme ich jeweils, wenn ich Ruhe brauche», so Breitenmoser. Sehenswert sind in Finnland weniger die Stadtzentren, umso mehr ist es die Natur. Nirgendwo ausser in Russland gibt es in Europa so viele Seen und Primärwälder wie hier. Hinzu kommt eine vielfältige Fauna an der Küste des Bottnischen Meerbusens und inmitten der Nadelwälder der Taiga, die von Robben, über Elche bis zu Zugvögeln reicht. Oulu liegt abgeschieden, immerhin der FC Santa Claus ist in zweieinhalb Stunden erreichbar, auch die russische Hafenstadt Murmansk liegt weniger als einen halben Tag Autofahrt entfernt.

Mehr als eine Notlösung

Die Natur interessiert den gebürtigen Wiler in Finnland weniger, der Wechsel erfolgte aus pragmatischen Gründen. In Oulu steht er zum zweiten Mal unter Vertrag – auch, weil Ende 2022 eine Rückkehr in die Schweiz mit der Super League zum Ziel kurzfristig platzte. Breitenmoser war nach einer Vertragsauflösung mit dem FC Thun plötzlich vereinslos gewesen und hatte sich im Wiler Nachwuchs fit halten müssen, ehe Oulu erneut anklopfte und ihn für eine weitere Saison verpflichtete. Von einer Notlösung will Breitenmoser aber nicht sprechen, er schätzt Oulu auf und neben dem Rasen als Ort, an dem er «in Ruhe an sich arbeiten kann». Fussball spielt hier, wenn überhaupt, nur im «Raatin Stadion» im Norden der 200‘000-Einwohner-Gemeinde eine Rolle. Statt im Scheinwerfer- spielt Breitenmoser im Zwei-Wochen-Turnus auch schon einmal unter Polarlicht – zumindest, bis die Saison aufgrund des Klimas Ende Oktober jeweils ihr Ende nimmt. «Danach sind Temperaturen im zweistelligen Minusbereich keine Seltenheit», so der Schweizer mit kenianischen Wurzeln. Abhilfe schafft eine Indoor-Trainingshalle, ehe nach dem Jahreswechsel mit dem «League Cup» bereits wieder die Vorbereitung auf den Saisonstart im April anrollt.

Geplatztes Saisonziel

Bis dahin aber spielt Oulu unter freiem Himmel – und auf Naturrasen. Dieses Mal gastiert Liga-Krösus HJK Helsinki im Norden des Landes. Das Spiel endet mit 1:3 aus Sicht der Gastgeber, unter den 3203 Zuschauern sitzt auch Breitenmoser, der eine Trainingsverletzung auskuriert. «Ein Sieg hätte mich überrascht», so Breitenmoser, der nebst der Stärke der Hauptstädter auf Absenzen im Team verweist und sein Team von der Qualität her mit jenem des FC Schaffhausen vergleicht. Dennoch setzt sich der AC Oulu jeweils die internationalen Plätze zum Ziel. Ein Vorhaben, das 2023 frühzeitig scheitert: Am letzten Spieltag der regulären Saison verspielen die Nordfinnen die Teilnahme am Playoff der oberen Tabellenhälfte.

Davon ahnt Breitenmoser noch nichts, als ich ihn am Tag nach dem Helsinki-Heimspiel für ein Interview am Stadion treffe. Die Stimmung ist gelöst, auch wenn er nach dem jüngsten Trainerwechsel und einer Vertragslaufzeit bis Ende Jahr in eine ungewisse Zukunft blickt. Der Mittelfeldspieler spricht offen über seine Erfahrungen in der Challenge League, Anlaufschwierigkeiten im Ein-Mann-Haushalt und über das Verhältnis zu seinem Cousin, der als Sportchef beim FC Wil amtet. Seine nahbare Art passt zum Gesprächssetting inmitten verstaubter Pokale und einer spärlich ausgeschmückten Loge, der die Spuren des Vortags noch anzumerken sind.

Nach der Verabschiedung setzt sich Breitenmoser auf sein Velo und tritt in die Pedale. Nach einigen Metern dreht er sich nochmals um, grinst und ruft in breitem Ostschweizer Dialekt: «Lueg, so bini do amel underwägs.»


SJK Seinäjoki - IFK Mariehamn

«Uns mag eigentlich niemand», meint Lari Paski und zuckt mit den Schultern. Mit «uns» meint der langjährige Fan und mittlerweile Medienchef des SJK Seinäjoki seinen Arbeitgeber. Dieser entsprang 2007 einer innerstädtischen Fusion, spielte 2014 in der höchsten Liga und wurde ein Jahr darauf bereits finnischer Meister. Nebst einer hochmodernen Arena und einer erfolgreichen Jugendakademie hat SJK vor allem eines, was vielen anderen Klubs in der «Veikkausliiga» fehlt: Geld.

Immerhin haucht der Klub der verschlafenen 65‘000-Einwohner-Gemeinde an jedem zweiten Wochenende etwas Leben ein, wenn auch davon am Samstagvormittag noch wenig zu spüren ist: Im schlecht besuchten Einkaufszentrum wird ein Frischkäse als grosses Top-Angebot angepriesen, aus den Lautsprechern hallt «Radio Suomipop» und ein Burgerladen bewirbt unter dem gewöhnungsbedürftigen Namen «Big Mama» eine Spezialkreation. Auch draussen wird man das Gefühl nicht los, die Herbsttristesse habe in Seinäjoki bereits im August Einzug gehalten. Ein Verkehrsschild steht windschief am Strassenrand, dem schweigende Seniorenpaare mit nichtssagender Miene scheinbar ziellos entlangschlurfen. Das Stadtzentrum wirkt eher zweckmässig, denn schön – von einer rostigen Statue in Form eines Elchs einmal abgesehen, der in Rom oder Paris aber wenn überhaupt nur einige Hunde Beachtung schenken würden.

Auch das Stadion wirkt wie in die letzten Waldausläufer hineingefräst. Vor dem Neubau stehen eine Bühne für musikalische Darbietungen und kleine Fussballfelder für die Familien bereit, während im Innern mit «Klopit» immerhin eine kleine Gruppe bemüht ist, etwas Stimmung im sterilen Neubau zu entfachen. Der Aussenseiter aus Mariehamn, der trotz blauem Logo in Grün-Weiss antritt, geht dank eines Sonntagsschusses kurz vor der Pause in Führung. Für den Gastgeber Seinäjoki, der vom Bruder von Lukas Hradecky angeführt wird, kommt es nach dem Seitenwechsel noch schlimmer: Ein Goaliefehler steht am Ursprung des 2. Treffers für die Gäste, die in der Folge aber zu wenig für das Spiel tun und innert weniger Minuten erst das Anschlusstor und dann auch den Ausgleich hinnehmen müssen. Als sich die 3402 Zuschauer bereits mit dem Remis abgefunden haben, gelingt dem SJK tief in der Nachspielzeit gar noch das 3:2, das den beiden einzigen Gästefans einige Tränen über die Backen kullern lässt – verständlich nach derart bitterem Spielverlauf und der Aussicht auf eine 10-stündige Heimreise inklusive einer Fahrt mit der Fähre zurück auf die Aland-Inseln.

Gelöster präsentiert sich die Stimmung im Medienraum. Hier ist der offizielle Teil der Pressekonferenz mittlerweile zu Ende, die Kamera abgeschaltet und die Gruppe auf ein Quintett aus Medienchef Lari, SJK-Trainer Joaquin Gomez, einen Fotografen, einen Journalisten und mich geschrumpft. Längst ist es eine Männerrunde, die nicht mehr nur über das Spiel und den (finnischen) Fussball sinniert. «Das machen wir nach jedem Heimspiel so», erwähnt Lari schmunzelnd. Dass sich in Seinäjoki trotz fehlender Tradition ein geselliges Vereinsleben entwickelt hat, unterstreicht auch Trainer Gomez’ Aussage beim Hinausgehen: «Danke euch, ihr seid echt preiswerte Therapeuten.»


Vaasan PS - KTP Kotka

Freitagnachmittag an der Uferpromenade in Vaasa. Ein Barsch zappelt in der Reuse russischsprachiger Fischer, Birkenblätter und Schilfrohre beugen sich dem Westwind, auf dem Wasser glänzt ein Ölfilm, während darunter Blaualgen – ein Überbleibsel vergangener Hitzetage – Schwimmbegeisterte vor einer Abkühlung in Ufernähe abschrecken. Eine Schar Gänse fliegt mit lautem Geschnatter dicht über die Wasseroberfläche, während sich auf der Brücke dahinter zum letzten Mal in dieser Woche der Feierabendverkehr staut.

An der Bootsanlegestelle lädt eine Familie Proviantboxen aus dem Kofferraum ihres Autos, nebenan trägt eine Gruppe junger Erwachsener gut gelaunt Bierfässer über den Steg. Sie beladen Boote wie die «Queen» oder den «Flipper», schnittigere Modelle tragen Namen wie «Hawk», «Shark» oder «Falcon». Bald fahren sie hinaus auf die Inseln im Bottnischen Meerbusen, um am letzten Augustwochenende traditionell «Venetsialaiset», den Abschluss der Boot- und Campingsaison, zu feiern.

Nur von Fussball fehlt im Herzen der 68‘000-Einwohner-Stadt im Westen Finnlands jede Spur. In den Bars am Marktplatz sitzen keine Fans mit baumelnden Schals an den Händen und selbst auf dem Weg zum Stadion sind weder zugeklebte Ampelsäulen noch Polizisten mit grimmigem Gesichtsausdruck und in die Hüfte gestemmten Händen zu erblicken. Dabei steht im Stadtviertel Hietalahti bereits seit Mitte der 1930er-Jahre ein Fussballstadion, dessen Haupttribüne bis zum heutigen Tag besteht.

Mit den «Geezers» gehört nebst der mittlerweile gesperrten Holztribüne auch eine kleine Fanszene seit vielen Jahren zum Inventar des Vaasan PS (VPS), zählt die Gruppe mit Gründungsjahr 1998 doch zu den ältesten des Landes. Sie verfolgt das Treiben auf dem Kunstrasen mal schweigend und mal eine finnische Adaption eines Kurvenklassikers von Lech Poznan singend, während «Vepsu» seine beneidenswerte Form unterstreicht und dank eines 2:1 gegen Kotka vor 2987 Zuschauern den neunten Sieg in Folge einfährt.