Zaungast #8: Global Football Company

Der berufliche Weg von Ahmet Schaefer führt früh steil nach oben. Der 39-jährige Schweizer studiert Wirtschaft an der Universität Zürich und arbeitet sich im Anschluss bei der FIFA hoch bis zum Assistenten des Präsidenten. Nachdem er dem Weltfussballverband den Rücken kehrt, wirkt Schaefer bei MP & Silva, einer Sportmarketing- und Medienrechtsfirma mit Sitz in Dubai und London. Im Oktober 2018 muss das Unternehmen aufgrund versäumter Rechtezahlungen aufgelöst werden. Zu diesem Zeitpunkt weilt Schaefer bereits im arabischen Raum und hat als Managing Partner die Arab Gulf Cup Football Federation aufgebaut: einen regionalen Fussballverband aus acht Golf-Staaten, dessen Hauptturnier der Golf-Cup darstellt.

Seit Herbst 2018 verfolgt der umtriebige Geschäftsmann sein nächstes Projekt. Schaefer gründet die Core Sports Capital AG. Seine Firma beschreibt sich auf ihrer Webseite als «globale Fussballunternehmung mit Sitz in der Schweiz, die eine weltweite Allianz von Fussballclubs und Partnerschaften zum Ziel hat.» Das Team von Core Sports Capital (CSC) ist gut aufgestellt: Nebst Schaefer gehören mit Ingo Winter der ehemalige Transfer Manager der Berner Young Boys sowie Chefscout des 1. FC Kaiserslautern und Jérôme Champagne auch ein französischer Berufsdiplomat und ehemaliger stellvertretender Generalsekretär der FIFA zum jungen Unternehmen.

Der Aufstand der Kleinen
Als Vergleich für sein Geschäftsmodell nennt Schaefer eine Luftfahrtallianz. Statt American Airlines, British Airways und Cathay Pacific heissen seine Player aber Austria Lustenau, Clermont Foot und Vendsyssel FF – drei Zweitligisten aus Österreich, Frankreich und Dänemark. Bei der Umsetzung seiner Vision geht Schaefer ein beachtliches Tempo. Binnen eineinhalb Jahren steigt die CSC in Lustenau als Miteigentümer ein, sichert sich 85% der Anteile von Clermont Foot und hält 90% des Vereins aus dem Norden Dänemarks.

Sein Geld setze sich «aus dem seiner Familie und seinem eigenen zusammen, externe Investoren gäbe es keine». Schäfer gibt sich in den Spielen vor Corona sowohl in der Auvergne wie auch im Vorarlberg volksnah, meidet die VIP-Tribüne und sucht stattdessen den Kontakt zu den Fans. Dennoch unterstreicht Schaefer in einem Interview mit der Vorarlberger Zeitung «Neue» seine Investitionsabsichten: «Es ist kein Mäzenatentum, wir betreiben ein Geschäftsmodell». Im gleichen Gespräch erklärt Schäfer pragmatisch, wieso er in Frankreich investiert hat. In Deutschland stehe ihm die «50+1 Regel» im Weg, England sei überteuert, ein Engagement in Italien wegen politischer Faktoren schwierig und Spanien grösstenteils überschuldet. Damit bleibt nach dem Ausschlussverfahren aus den Ländern der Top-5-Ligen einzig Frankreich.

Synergien nutzen und Flexibilität wahren
Die Zusammenarbeit seiner Vereine umfasst die Ebenen Administration, Marketing und Sport. Während die Verantwortlichen im administrativen Bereich Datenbanken und Scouting-Technologien teilen, sollen bestehende Sponsoren mit ihren Marketingaktivitäten neue Märkte erschliessen können. Im Sport soll es hingegen vermehrt zu Transfers zwischen den drei Clubs kommen. Das Vorgehen erinnert an die City-Gruppe oder das Konsortium von Red Bull. Schaefer kennt die gängigen Kooperationen, streicht Unterschiede heraus und nennt Nachteile im System Duchâtelet, Pozzo und Tan.

Mit Vendsyssel und Lustenau stehen zwei seiner Vereine derzeit im hinteren Bereich der Tabelle. Dafür läuft es im Zentrum von Frankreich: Clermont Foot liegt auf einem direkten Aufstiegsplatz und hat jüngst gar den langjährigen Erstligisten Guingamp auswärts mit 5:0 besiegt. Zu den Neuzugängen des Vereins – fast ausschliesslich Spieler unter 23 Jahren – gehören auch solche aus Vendsyssel und Lustenau.

Nebst der sportlichen Kooperation und einem Stadionprojekt in Clermont-Ferrard und Lustenau verbindet die drei Vereine das langfristige sportliche Ziel, in die erste Liga aufzusteigen. Die «Global Football Company» soll es möglich machen.


Best of some Groundhopping

Ich habe die fussballfreie Zeit genutzt, um mein Filmmaterial zu ordnen. Entstanden ist ein knapp sechsminütiger Video zu einigen Jahren Groundhopping in den Stadien und mit Fanszenen aus ganz Europa. Gute Unterhaltung!

https://vimeo.com/662600930

Im Gespräch mit "11 Freunde"

Vor einiger Zeit kontaktierte mich das bekannte deutsche Fussballmagazin 11FREUNDE bezüglich meines Buches. Nebst einer Rezension in der Ausgabe #231 ist daraus auch eine Reportage auf ihrer Webseite zu meiner Leidenschaft, meinem Buch und Fankultur in Indonesien entstanden, die ich meinen Lesern natürlich nicht vorenthalten will.

Hier geht's zur Reportage:


Zaungast #7: STOP IT UEFA

Vor 25 Jahren hielt die Schweizer Nationalmannschaft vor dem Qualifikationsspiel gegen Schweden ein Laken in die Höhe. Mit einer Spraydose standen die Worte «STOP IT CHIRAC» darauf geschrieben. Eine Geste mit grosser Aussagekraft und lautem medialem Echo. Adressat war der damalige Präsident Frankreichs, Jacques Chirac, unter dem das Land zu diesem Zeitpunkt auf dem Mururoa-Atoll im Südpazifik Atombomben testete.

Wer das Bild von damals genauer betrachtet, sieht, das einzig Alain Sutter das Laken mit beiden Händen festhält. Von ihm geht die spontane Aktion auch aus. Die anderen Nationalspieler halten das Laken eher zaghaft fest und Ciriaco Sforza behält seine Arme gar hinter dem Rücken und blickt in den Himmel. Gut möglich, dass sich einige von ihnen bewusst zurückhalten – eine solche Aktion braucht viel Mut. Dass sich der Fussball bisweilen mit Politik vermischt, ist eine Angst, die nicht nur Fussballspieler und Fanszenen teilen. Auch die UEFA fürchtet sich vor einer solchen Konstellation. So etwa im nächsten Sommer, wenn die Schweizer Nationalmannschaft an der Europameisterschaft im Olympiastadion von Baku, der Hauptstadt Aserbaidschans, gegen Wales und die Türkei antritt.

Aserbaidschan kämpft derzeit mit Armenien in einem uralten Territorialkonflikt um Bergkarabach. Die Region im Südkaukasus wird vorwiegend von Armeniern bewohnt. Nach Völkerrecht gehört die Republik Arzach, wie sie von ihren Bewohnern genannt wird, allerdings zu Aserbaidschan. In diesem Sommer startete Aserbaidschan eine Militäroffensive mit dem Ziel, das Gebiet unter seine Kontrolle zu bringen. Mit der eigenen Armee und der Unterstützung Armeniens versuchte sich Arzach zu verteidigen. Die ersten drei Waffenruhen brach Aserbaidschan, seit dem 9. November herrscht nun ein Waffenstillstand. Möglich gemacht hat dies ausgerechnet Russland, das als Vermittler agierte. Die Abmachung sieht vor, dass die beiden Parteien jene Gebiete zugesprochen bekommen, die sie zum Zeitpunkt der Abmachung kontrollierten. Für Armenien bedeutet dies grosse Gebietsverluste, während die Menschen in Baku die territorialen Gewinne als Sieg feiern.

Wie immer in Kriegssituationen, ist die Nachrichtenlage dünn. Klar ist jedoch, dass Armenien als demokratische Republik mit Parlament organisiert ist, während Aserbaidschan unter Präsidenten und Langzeitherrscher Ilham Aliyev ein autoritäres Regime darstellt, das durch Korruption und Einschnitte in die Freiheitsrechte auffällt. Während des Konflikts bezieht Aserbaidschan, das im Gegenzug Öl liefert, zudem Hightech-Waffen aus Israel.

Abgesehen von der Tatsache, dass die UEFA in Aserbaidschan ihre grösste Veranstaltung plant, zeigt sich eine weitere Verbindung. Hergestellt wird sie durch Rovnag Abdullayev, Abgeordneter im Parlament und Mitglied der Partei «Neues Aserbaidschan», die unter der Führung von Aliyev drei Mal einen Waffenstillstand im Konflikt um Bergkarabach verweigerte. Doch Abdullayev ist auch Präsident des Fussballverbands von Aserbaidschan. Seinem Verband gehört das Stadion, in dem nächstes Jahr vier Spiele der Europameisterschaft stattfinden sollen. Finanziert hat das Stadion zu grossen Teilen SOCAR, das staatliche Öl-Unternehmen Aserbaidschans, dem wiederum Rovnag Abdullayev vorsteht. SOCAR ist einer der sechs Hauptsponsoren der UEFA.

Sofern die UEFA angesichts der geopolitischen Spannungen nicht über ihren eigenen Schatten springt und die Konsequenzen zieht, wird sich kaum etwas ändern. Von den drei bisher bekannten Ländern, deren Mannschaften in Baku spielen, wird keines die Initiative ergreifen. Weder die Türkei, die Aserbaidschan den Rücken stärkt, noch Wales, das als Zweiter in der Qualifikation primär froh um die Teilnahme ist. Und auch die Schweiz und ihr Fussballverband werden ihr Neutralitätsprinzip kaum aufs Spiel setzen.

Bleibt einzig die Hoffnung auf eine spontane Aktion wie 1995 in Göteborg. Dass die Schweizer Nationalmannschaft auch ohne Alain Sutter politisch zu polarisieren vermag, hat sie an der letzten Weltmeisterschaft mit der Affäre um den Doppeladler bereits eindrücklich bewiesen.


Slavia Sofia – Levski Sofia (18.10.20)

Stadtderby unter Flutlicht! Doch was heisst das schon in Sofia, der Stadt mit sieben Vereinen in den ersten zwei Ligen. Neben den beiden CSKA, deren Geschichte ich im letzten Beitrag beleuchtet habe, spielen Levski, Slavia und Tsarko Selo in der «A Grupa» mit. In der zweiten Liga sind es Lokomotiv und Septembri, die aus Sofia stammen.

An diesem Sonntagabend stehen sich Slavia und Levski gegenüber und locken 3‘000 Zuschauer in den Südwesten der Hauptstadt. Gespielt wird im Owtscha-Kupel-Stadion, ein in die Jahre gekommenes Exemplar mit weitläufigen Traversen. Im Sektor A, links unterhalb der Haupttribüne, ist der Platz der Fanszene von Slavia, die eine Fanfreundschaft zu den Young Boys nach Bern unterhält. Passend dazu nennt sich die Gruppe «Boys Sofia» und zeigt in den 90 Minuten – trotz numerischer Unterzahl – ansprechenden Support und gleich mehrmals Pyrotechnik.

Gegenüber finden sich, in zwei voneinander getrennten Bereichen, die Levski-Fans ein. Während der Grossteil der Fanszene um «Sektor B» auf der Längsseite steht, versammelt sich schräg neben dem Tor auch eine Abordnung hinter einer Zaunfahne mit der Aufschrift «Ultras Levski». Diese Gruppe spaltete sich 2018 vom Gros der Fanszene ab, da sie nicht mit deren Entwicklung übereinstimmte – unter anderem aufgrund der finanziellen Abhängigkeit gegenüber dem Verein. Bei Heimspielen von Levski sind sie auf der Haupttribüne zu finden.

Dass die beiden Gruppen – trotz gleichem Lieblingsverein – auch bei Auswärtsspielen besser getrennt werden, zeigte sich Ende September in Plovdiv. Die Verantwortlichen von Botev Plovdiv brachten sie im gleichen Sektor unter, was prompt in einer Massenschlägerei endete. Daraus resultierten 43 Stadionverbote, allesamt gegen die Ultras Levski. So ist es insofern überraschend, dass sie heute überhaupt ins Stadion dürfen. Während des Spiels hinterlassen sie einen passiven Eindruck, auch wenn ihre Zaunfahne durchaus zu gefallen weiss. Auf der Gegentribüne zeigen die auffallend dunkel gekleideten Levski-Fans rund um Sofia West einen eindrücklichen Auftritt mit lauten Gesängen und gewohnt hoher Mitmachquote.

Die Situation weist Parallelen zu jener bei Partizan Belgrad auf und auch wenn ich die Hintergründe nicht kenne, ist es stets schade, wenn eine Fanszene nicht mehr am selben Strang zieht. Auch sportlich hat Levski schon bessere Zeiten durchlebt und steht nach dem ersten Saisonviertel weit hinter den Erwartungen. In meinen Augen rechtfertigt jedoch weder der bescheidene Saisonstart noch ein 1:0-Heimsieg von Aussenseiter Slavia, dass nach dem Spiel im Gästeblock die Hälfte der Sitzschalen fehlen.

Sofia liegt auf der gleichnamigen Ebene am Rand des Witoscha-Gebirges. Dieses ist namensgebend für den Boulevard, der zentralen Einkaufsstrasse, hinter dem sich der Kulturpalast und die Berge auftun. Zwar verfügt die bulgarische Hauptstadt über keine Anbindung an einen Fluss oder See, im Zentrum gibt es jedoch warme Quellen und ein ehemaliges Mineralbad. Im Sommer gilt das Gebirge als Naherholungszone, im Winter können die Sofioter dort auch Ski fahren.

Als eine der ältesten Städte Europas hat Sofia viel zu erzählen. Ein Grossteil davon erfährt der Besucher im Zentrum, das einer Ausgrabungsstätte gleicht und Überreste verschiedener Zeitalter zum Vorschein bringt. So hiess Sofia in der Antike «Serdika» und kam erst im 14. Jahrhundert zum jetzigen Namen. Grund dafür ist die markante Kirche der Heiligen Sofia, die damals schon von weit ausserhalb der Stadt zu sehen war und als Erkennungsmerkmal galt. Ganz in der Nähe liegt mit der Alexsander-Newski-Kathredale die grösste orthodoxe Kirche des Landes und das heutige Wahrzeichen der Stadt.

Von der bewegten Geschichte zurück in die Gegenwart: 113 Tage lang belagerten Kritiker unter dem Motto «Ostavka» (Rücktritt) den Vorplatz des Regierungsgebäudes und forderten Ministerpräsident Bojko Borissow und Generalstaatsanwalt Iwan Geschew zur vorzeitigen Amtsniederlegung auf. Ihnen wird vorgeworfen, staatliche Institutionen geschwächt und stattdessen Oligarchen begünstigt zu haben. Anfang November wird der Protest schliesslich unterbrochen. Die offizielle Begründung liefert die sich verschlechternde Lage im Kampf gegen die Pandemie, allerdings signalisierte auch niemand aus der rechtskonservativen Koalitionsregierung die Bereitschaft zurückzutreten.


CSKA Sofia – Beroe Stara Zagora (17.10.20)

Mitte Oktober 2020: Stell dir vor, es ist Fussball und jeder geht hin. Bei über einer Million Einwohner, die in Sofia leben, ist diese Aussage natürlich übertrieben. Für Personen, die volle Fankurven nur noch aus sehnsüchtigen Erinnerungen kennen, sind über zweitausend Zuschauer aber deutlich mehr, als jedes Mal in den Monaten vorher. Mit einer Ausnahme: im August, als ich einige Tage in Budapest verbrachte.

Dort sah die Politik der Pandemie entspannt entgegen. In Bulgarien sind die Umstände ähnlich: Bisher vergleichsweise tiefe Fallzahlen bedeuten – auch für den Fussballbetrieb – nur moderate Einschränkungen. Konkret darf jedes Stadion maximal zur Hälfte und jeder Block mit maximal tausend Zuschauern belegt sein. Da die meisten Vereine in einem grossen Stadion spielen und diesen Prozentsatz sowieso nur selten überschreiten, schränkt sie der Regierungserlass kaum ein.

In Sofia war ich Ende 2015 bereits einmal. Damals habe ich mir das gammelige Rakovski-Stadion und auch ein Spiel der ersten Liga angeschaut. Genau genommen waren es allerdings nur 44 Minuten Fussballkost, die Levski Sofia und Litex Lovech den Zuschauern an jenem kalten Dezemberabend geboten haben. Nach strittigen Entscheidungen des Schiedsrichters gegen die Gäste, die zum Zeitpunkt des Unterbruchs in Führung lagen, erzwang der Vereinspräsident von Litex einen Spielabbruch, indem er seine Mannschaft in die Kabine beorderte. Der bulgarische Fussballverband schloss Litex Lovech nach diesem Eklat mit sofortiger Wirkung von der Meisterschaft aus.

Nun wird es spannend: Ein halbes Jahr zuvor verweigerte der Verband CSKA Sofia, dem erfolgreichsten Verein des Landes, aufgrund von Zahlungsunfähigkeit die Lizenz und stufte ihn in die dritte Liga zurück. Nach diesem Zwangsabstieg präsentierte sich im Juni 2015 Grischa Gantschev, ein Geschäftsmann aus der Ölbranche, als neuer CSKA-Besitzer und Retter. Pikant: Gantschev besitzt zu diesem Zeitpunkt mit Litex Lovech bereits den Verein, der in der Winterpause aus der ersten Liga verbannt wird.

Unter seiner Führung gewinnt CSKA Sofia im Folgejahr als erster Drittligist völlig überraschend den bulgarischen Cup. Im Sommer 2016 witterte Opportunist Gantschev schliesslich seine Chance. Er benennt Litex Lovech – unter gütiger Mithilfe von Funktionären und Politikern – in PFC CSKA Sofia um und verfrachtet den Verein in die Hauptstadt, wo er fortan in der ersten Liga spielt. Die nötige Lizenz liefert der damalige Drittligist Chavdar Etropole. Das ruhmreiche CSKA Sofia aus der dritten Liga, wie auch der ausgeschlossene Erstligist Litex Lovech, existieren plötzlich nicht mehr.

Einige CSKA-Fans, allen voran die führende Ultra-Gruppierung Ofanziva, proklamieren diesen Tag als Todestag ihres Vereins. Sie gründen einen neuen Verein unter dem Namen CSKA 1948 Sofia und starten in der vierten Liga. Auch Litex Lovech wird neu gegründet und spielt mittlerweile wieder in der zweiten Liga. Im Gegensatz zur Situation in Lovech, die kaum mediales Aufsehen erregt, tobt in Sofia seither ein Streit darüber, welcher Verein das rechtmässige CSKA verkörpert.

Als das aus Protest gegründete CSKA 1948 Sofia auf diese Spielzeit hin gar den Aufstieg in die höchste Spielklasse realisierte, steht die Hauptstadt plötzlich vor mehreren brisanten Derbys: die Spiele gegen Rivale Levski, aber auch die Duelle zwischen PFC CSKA Sofia und CSKA 1948 Sofia. Das Recht am Wappen hat sich PFC CSKA Sofia, also jener Verein von Grischa Gantschev, gesichert und auch ein Grossteil der CSKA-Fans, darunter die beiden grossen Fangruppierungen Animals und Offenders, sehen in jenem CSKA den wahren Nachfolger ihres Vereins. Einzig für Fans von Levski Sofia ist klar, dass PFC CSKA Sofia nur eine billige Kopie ist. So beerdigten sie ihren Rivalen bereits vor Jahren mit einem symbolischen Trauerzug im Vorlauf des ersten Derbys nach der Rückkehr von PFC CSKA Sofia in die erste Liga.

Im Waldstück hinter dem Nationalstadion Vasil Levski, wo CSKA 1948 Sofia spielt, liegt die Heimat von PFC CSKA Sofia. Heute ist Beroe aus Stara Zagora zu Gast, einer Stadt im Zentrum Bulgariens. Zum Anpfiff zeigt die Heimkurve eine schöne Choreografie. Allgemein geniesst die Mannschaft – die von den meisten Fans nur CSKA Sofia genannt wird – zurzeit grossen Rückhalt. Grund dafür ist der Einzug in die Gruppenphase der Europa League, wofür CSKA unter anderem auch den FC Basel ausschaltete. Es ist ein unterhaltsames Duell, dass sich CSKA und Beroe liefern. Beide stehen in der Tabelle weit vorne und spielen offensiv – eine günstige Konstellation auf ein spannendes Spiel für den neutralen Beobachter unter den 2’500 Zuschauern. Die Gästeführung vermag CSKA nach einem Eckball ausgleichen; es bleibt schliesslich bei einem verdienten 1:1-Unentschieden. Für mich bleibt jedoch das Rundherum heute Abend das Spannendste: Die Hintergründe zum Namensstreit der beiden Vereine, vor allem aber die Gesänge der Heimfans, die meinen Fuss im Takt wippen und mich die Pandemie einen Moment lang vergessen lassen.


Zu Gast bei "Sykora Gisler"

Zusammen mit Mämä Sykora, Chefredaktor des Fussballmagazins "zwölf" und SRF3-Moderator Tom Gisler durfte ich eine Stunde lang im Schweizer Radio und Fernsehen über Fussball und seine aktuellen Nebengeräusche sinnieren. Und wir hätten noch lange weiter diskutieren können. Das Gespräch gibt es auf Video, oder alternativ als Podcast auf Spotify.


Zu Gast bei "Football was my first love"

In der 9. Episode der Reihe "International" durfte ich mit Schlü vom bekannten deutschen Podcast-Format "Football was my first love" über die Fankultur in Indonesien und mein Buchprojekt "Ein Sommer mit Sleman" sprechen. Das rund 50-minütige Gespräch gibt es in der empfehlenswerten FBWMFL-App zu hören. Fünf Podcasts sind kostenlos. Den Link findet ihr hier.


Tennis Borussia Berlin – Viktoria Berlin (06.09.20)

Ich finde die Tennis Borussia Kult. Besonders der Name und das traditionelle Logo mit dem Adler in der Mitte gefallen mir. Seinen ungewöhnlichen Namen verdankt Tennis Borussia übrigens seinem sportlichen Ursprung. Doch bereits ein Jahr nach der Gründung 1902 kaufte man sich eine Fussballlizenz und Tennis spielte fortan nur noch eine untergeordnete Rolle – einzig der Name blieb bestehen.

Heutzutage ist der ehemalige Bundesligist bekannt für sein linksalternatives Publikum. Fussball und Politik zu trennen, ist Utopie. Oftmals wird den Fans von Tennis Borussia aber besonderen politischen Aktionismus nachgesagt, wovor ich mich im Fussball hüte. Manch eine Person bezeichnet diese Haltung als ignorant, ja gar feige. Vielleicht mache ich es mir tatsächlich zu einfach, wenn ich sage, dass mir die Polemik sauer aufstösst, wenn ich im Stadion stehe, an einem Bier nippe und schlicht das Spiel geniessen möchte. Doch wird in der Regionalliga Nordost nicht auch in Teilen Brandenburgs oder Sachsen Politik im Stadion betrieben? Oder zumindest politische Überzeugungen ins Stadion getragen? Es wäre vermessen zu glauben, dass diese am Stadioneingang abgelegt werden können. Wir tun gut daran, nicht zu pauschalisieren: bei politischem Aktionismus, bei einzelnen Fanszenen und ganzen Regionen.

Im Frühling hat Tennis Borussia den Aufstieg in die Regionalliga Nordost realisiert. An diesem Sonntag empfangen sie Viktoria Berlin – ein Duell der sportlichen Gegensätze. Für Tennis Borussia geht es um den Klassenerhalt, während die Viktoria als Saisonziel den Aufstieg in die 3. Liga proklamiert hat. Möglich machen soll dies ein Hamburger Brüderpaar, das mehrere Unternehmen in der Bau-, Finanz- und Immobilienbranche besitzt und mitunter auch in die Austria Klagenfurt aus der zweiten Liga Österreichs investiert.

Das Stadtduell lockt 1’008 Zuschauer ins Mommsenstadion, das nach dem Historiker Theodor Mommsen benannt ist. Ein Grossteil der Anwesenden bahnt sich von der S-Bahn-Station «Messe Süd» den Weg durch den Wald zum Stadion. Heute sind alle Sektoren geöffnet, es herrscht friedliche Stimmung. Am Boden sind die erlaubten Stehplätze eingezeichnet. Besonders gegenüber der altehrwürdigen Tribüne sind sie gut ausgelastet. Ob hier aufgrund der Pandemie auf stimmliche Unterstützung verzichtet oder allgemein nie gesungen wird, weiss ich nicht.

TeBe, wie der Verein von seinen Fans genannt wird, geht früh in Führung. Im Anschluss wird die Viktoria aber immer stärker. Erst gelingt ihr der Ausgleich, dann fällt gar der Führungstreffer für die Gäste. TeBe kämpft, hält tapfer mit und hätte gar ein Unentschieden verdient, muss sich gegen die abgeklärte Viktoria aber mit einer 1:2-Niederlage abfinden. Ob die Viktoria eine Bereicherung für die 3. Liga sein wird, wage ich indes zu bezweifeln.


Berliner SV – Hertha 03 Zehlendorf II (06.09.20)

Es gibt den Gorki-Park, die Champs-Élysées oder die Warwick Avenue – Orte, die einem aus Liedern geläufig sind, ohne sie je besucht zu haben. Für mich ist das Westkreuz einer dieser Orte. Ein heruntergekommener Verkehrsknotenpunkt im S-Bahn-Netz von Berlin als Refrain in einem Lied voller treffender Beobachtungen und Alltagsbanalitäten. Von der Berliner Indie-Pop-Band «Von wegen Lisbeth» mit einer Melodie versehen, die so eingängig ist, dass sie seither in meinem Hinterkopf festhängt, wie der Welthit von Joe Dassin.

Eine Station eher steige ich aus, um dem Schloss Charlottenburg und seinen Park bei bestem Spätsommerwetter einen Besuch abzustatten. Gebaut im Stil von Barock, Rokoko und Klassizismus betört die ehemalige Sommerresidenz der Hohenzollern-Dynastie im Westen der Hauptstadt seine Besucher.

Auf dem Hohenzollerndamm, fünf Kilometer südlich, geht es weniger pompös zu und her. Autos rasen über die Autobahn, am Horizont qualmt Rauch aus den Kaminen des Heizkraftwerks, die Häuserfassaden sind vergilbt. Ich gehe dem Damm entlang, bis ich vor dem Stadion Wilmersdorf stehe. Dieses wird vom Berliner Sportverein dank eines Trainers, der Naturrasen der Nachahmung vorzieht, seit kurzem wieder häufiger bespielt. Einst hatten hier fünfzigtausend Zuschauer Platz. Da diese Kapazitätsgrenze stets unerreicht blieb, entschieden sich die Verantwortlichen 2005 für eine Renaturierung grosser Teile der Anlage. Geblieben ist die überdachte Haupttribüne sowie ein betonierter Abschnitt gegenüber. Der Rest ging zurück an die Natur und dient auf der Nordseite gar als Weinberg.

Sonnenschein, ein Bier zur Mittagsstunde, ein Bezirksliga-Duell auf achter Ligastufe und kernige Sprüche von Spielern der zweiten Mannschaft, die es sich ebenfalls auf der Tribüne gemütlich gemacht haben: eine romantische Vorstellung von Fussball als Volkssport, die hier Realität wird. Die 150 Zuschauer scheinen sich zum Grossteil zu kennen, entsprechend gilt es keinen Pseudo-Massnahmenkatalog für die psychologische Bekämpfung von Covid-19 einzuhalten. Kurz vor Abpfiff, beim Stand von 1:0 für den Gastgeber, laufe ich zurück zur Haltestelle, da bereits das nächste Spiel auf mich wartet. Am Westkreuz muss ich umsteigen; der Fahrstuhl riecht nach Pisse.