Günter ist Ost-Berliner. Ein freundlicher Senior, der gerne erzählt, viel weiss und manchmal etwas abschweift. Er ist gelernter Physiker, noch heute schmerzt es ihn ein wenig, dass er zu DDR-Zeiten nicht am Zentralinstitut für Astrophysik in Potsdam aufgenommen wurde. Seit vielen Jahren führt er Besucher durch die Gedenkstätte Hohenschönhausen. Mit leichter Monotonie, wohl auch durch die Routine, aber eindringlich, besonders, wenn er die Rollen verschiedener Vernehmer nachspielt, die er aus eigener Erinnerung kennt. Günter wurde aus der DDR ausgebürgert – wie sein Bekannter Wolf Biermann, dessen Stasiballade er uns nach ein paar unbeholfenen Klicks auf seinem Smartphone vorspielt. Moderne Technik nutzt er nur ungern, nicht aus Altersgründen, sondern aus Misstrauen – ein Überbleibsel der ständigen Kontrolle durch die DDR. Auch deshalb zahlt er bis heute ausschliesslich bar. Denn erst 1993 – als die Mauer längst gefallen war – erfuhr er, dass es sein eigener Pfarrer war, der ihn über Jahre bespitzelt hatte.

An diesem Samstagvormittag führt Günter durch die zentrale Untersuchungsanstalt im Sperrbezirk Hohenschönhausen. Er schildert perfide Verhör- und Foltermethoden, Kollektivstrafen und soziale Isolation – aber auch die Überwachung im Alltag, wenn einer der 189’000 inoffiziellen Mitarbeiter (IM) mithalf, freie Meinungsäusserung zu kriminalisieren. Einst arbeiteten hier 2500 Personen, in den Werkstätten wurden Knopfkameras gefertigt, und in der Postkontrolle konnten täglich bis zu 90’000 Briefe geöffnet werden.

Später am Tag erinnert mich die Choreo der BFC-Fans, die ihr Stadion mithilfe zweier Wachtürme als «letzte Festung Ost-Berlins» inszenieren, an eine Aussage Günters: dass die Aufarbeitung der DDR-Machenschaften in den neuen Bundesländern kaum stattfindet. Tatsächlich scheinen einige Exponate im Fanlager des BFC ganze Epochen auszublenden – neben Typen mit Koteletten, Hosenträgern und Schirmmütze auch jene mit streng seitlich gekämmtem Kurzhaarschnitt und plakativen Botschaften in einschlägigen Schriftarten auf T-Shirts und Zaunfahnen.

Im Heimbereich sorgen Banda Invicta und Fraktion H für Stimmung, unterstützt von sportlichen Gästen aus Trier, Szczecin und der polnischen Stadt Chojna. Den optischen Höhepunkt setzen allerdings die Fans aus Bochum. Zwar ist vieles ihres Materials austauschbar, doch die Zaunfahnen des Block P und des Ruhrstadtkollektivs stechen positiv hervor, eigenständig in ihrer Gestaltung – und deutlich unverwechselbarer als manches austauschbare Material, das an Karlsruhe oder 1860 München erinnert. Auf Spruchbändern fordern die zwei Fanlager – die älteren Semester beider Seiten kennen sich – zudem den Erhalt traditioneller Stadionnamen und Spielstätten.

In der 1. Runde des DFB-Pokals schnuppert der Regionalligist vor 4705 Zuschauern im altehrwürdigen Sportforum lange an der Sensation. Erst ein zweifelhafter Platzverweis in der Schlussphase und ein Torwartfehler in der 85. Minute bringen die Bochumer zurück ins Spiel. In Unterzahl retten sich die Berliner in die Verlängerung, parieren sogar einen Elfmeter, doch ein weiterer Platzverweis besiegelt das Ende. Neun Viertligisten stemmen sich wacker, unterliegen am Ende aber dem Zweitligisten mit 1:3.