Groundhopping

Bologna FC – AS Avellino (02.06.15)

Wenn die Italiener etwas richtig gut können, dann ist dies meistens entweder mit der vorzüglichen Küche oder mit dem fussballtechnischen Support der leidenschaftlichen Anhänger in Verbindung zu setzen. Doch zumindest letzteres verlor durch die Einführung der Tessera del Tifosi (zu Deutsch Fankarte) leider einen Grossteil ihres Glanzes. Und so gibt es auf dem Stiefel nur noch relativ selten die Art von Support zu sehen, für die man die Pizza-Freunde in den Anfangszeiten einst so beneidete. Die wenigen stimmungsvollen Partien finden dann meist erst nach dem regulären Saisonende in den sogenannten Play-Offs statt. Und in diesem Jahr bot sich mehr oder weniger zufällig die Möglichkeit, endlich mal eines dieser Aufstiegsspiele vor Ort mitzuerleben.

Die Reise sollte erst am Spieltag selbst angetreten werden, dennoch wurde die Woche im Zeichen des Fussballs bereits am Montag eröffnet. Die firmeninterne Meisterschaft eröffnete mir die (einmalige?!) Möglichkeit im Nationalstadion der Kugel nacheifern zu dürfen. Da sagt man definitiv nicht nein. Schon speziell, einmal als Protagonist die etwas andere Sicht zu geniessen. Bis zum vorletzten Gruppenspiel lief dann auch alles gut und man konnte sich sogar in die Torschützen- und Vorbereiterliste eintragen lassen. Doch dann ein Luftduell nach einem Abstoss und beim Aufprall knickt mein Knie nach innen weg. Knack! Immerhin habe ich jetzt einmal erlebt wie es ist, per Krankenwagen unter Applaus der Anwesenden aus einem Stadion gefahren zu werden. Zudem wurde mir im Nachhinein noch übermittelt, dass man das Turnier trotz meiner (natürlich schwerwiegenden) Absenz hatte gewinnen können. Obwohl auf das ganze Spektakel hätte ich auch gerne verzichten können, schliesslich stand darum der Ausflug nach Bologna auf der Kippe. Nachdem ich aus dem Spital entlassen wurde fühlte mich aber den Umständen entsprechend gut und man entschied die Reise doch anzutreten.

Also kurz darauf schlafen gegangen und auf einen Genesungsschlaf gehofft, ehe es am frühen Morgen dann in Richtung Bologna gehen sollte. Doch um fünf Uhr lief erst mal gar nichts. Der Schmerz hatte sich beinahe verdoppelt und ich konnte das verspannte Bein nicht einmal mehr zur Hälfte biegen. Trotzdem probiert aufzustehen, allerdings nur um wieder rückwärts entkräftet ins Bett zu fallen. Beim dritten Versuch habe ich es dann geschafft und bin in Richtung Dusche getorkelt. Wegen dem anhaltenden starken Schmerz und der fehlenden Mobilität dann aber für das einzige richtige entschieden. Zu fahren! Der Reiz der Play-Off-Partie in „Bella-Italia“ war einfach grösser als der pochende Schmerz in meinem rechten Knie. 🙂

Und so sass man wenig später mit einem hochgelagertem Bein im EuroCity in Richtung Milano. Auf dem Weg neben einem erzkonservativen Walliser und seiner Ehefrau gehockt, der alles Ausländische als Bedrohung unseres kleinen Landes sah. In diesem Falle ist Sepp Blatter ja nicht der einzige Spinner, welcher aus dieser Ecke des Landes stammt. Glücklicherweise verging die Fahrt aber überraschend schnell und auch das Bein machte mehr oder weniger mit, sodass man, nachdem sich beinahe der ganze Zug an der Expo-Haltestelle entleerte, pünktlich in Milano einfuhr. Dort blieb genügend Zeit um auch mit einem starren Bein, hinkend den Zug in Richtung Bologna zu entern, welches man exakt fünf Stunden nach Abfahrt im heimischen Lausanne erreichte. In der Unterkunft erstmal vom Gepäck befreit ehe ein durch die Krücken verlängerter Stadtrundgang anstand. Nie hätte ich gedacht, dass Laufen an Krücken so streng ist. Da steuerte die Hitze auch keinen positiven Beitrag dazu bei. Immerhin schön braun geworden. Irgendwann brauchte das Knie aber eine Pause und ich verbrachte den Rest des Nachmittags in einem netten Bistro in der Altstadt. Rechtzeitig bestieg man bei weiterhin traumhaftem Wetter den Bus, welcher mich in etwas weniger als einer Viertelstunde zum Stadion, welches nach einem ehemaligen Präsidenten benannt worden ist, brachte. Bereits von aussen ist die Baute sehenswert und dank meiner körperlichen Einschränkung genoss man in der Abfertigung Sonderprivilegien und fand sich wenige Zeit später trotz grossem Aufkommen vorzeitig im Stadioninnern wieder. Bereits dort kann die Anlage mit ihrer ungewohnten Innenausstattung überzeugen. Generell ganz schön, wie hier der Charme und die gelungene Architektur erhalten blieb. Kurz vor Anpfiff dann aber Platz auf der Gegentribüne genommen und noch einmal die Ausgangslage durchgegangen.

Das Hinspiel hatte Bologna auswärts etwas überraschend mit 1:0 für sich entscheiden und konnte heute das Ganze damit einigermassen beruhigt angehen. Sollte es allerdings nach meiner Statistik gehen hat Avellino an diesem heissen Abend trotzdem gute Chancen. Denn in den letzten sechs Partien, abgesehen vom Spiel in Köniz, hatte das Gästeteam jeweils immer drei Treffer geschossen. Logischerweise gewann nur eine der Mannschaften trotz dem Dreierpack nicht. Genau, der liebe FC St. Gallen. Aber dies ist ja wieder eine andere Geschichte.

Bereits gespannt gewesen, ob sich die Einheimischen auf dem knappen Vorsprung ausruhen werden, gab es postwendend die Antwort. Die Möglichkeit eröffnete sich nämlich gar nicht. Die Wölfe aus Süditalien gingen nach wenigen Minuten mit einer Länge in Führung. Direkt vor dem Heimanhang wurde das Tor erzielt, was von den mitgereisten Anhänger im prallvollen Gästesektor auch gut abgefeiert wurde. Eine Stadt mit etwas mehr als 50‘000 Einwohner, die derart viele stimmungsvolle Tifosi nach Bologna bringt. Ich ziehe meinen Hut. Geheimtipp Avellino hat sich also bestätigt. In der Folge war man auf Bologna-Seite natürlich wachsam und begann auch etwas Fussball zu spielen, so gut wie es in der Juni-Hitze halt ging. Gegen Mitte des ersten Abschnittes folgte der Ausgleich, wobei sich grosse Teile der 20‘104 Zuschauer in den Armen lagen. Wow, Italien kann ja richtig was! Kurz vor dem Pausenpfiff aber der neuerliche Schock für die Bologna-Tifosi, die den zweiten Treffer der „Lupi“ hinnehmen mussten. Für mich kam der aber passend, zumal man sich so auf einen spannenden zweiten Abschnitt freuen durfte. Denn Bologna musste noch einmal nachlegen, wollten sie im finalen Duell um den dritten Aufstiegsplatz in die Serie A dabei sein. Direkt für die höchste Liga hatten sich übrigens die beiden Fussballzwerge Carpi und Frosinone qualifiziert.

Und der zweite Treffer von Bologna kam, wenn auch nur unter gütiger Mithilfe des Avellino-Keepers. Statt den Ball bei einem Rückpass irgendwohin zu schiessen, passt er halbhoch auf den zurückeilenden Bologna-Stürmer, der mit einem sehenswerten Lob aus circa dreissig Meter den 2:2 Ausgleich perfekt machte. Jetzt war also Avellino wieder unter Zugzwang. Und tatsächlich schafften die Süditaliener noch den dritten Treffer, knapp zehn Minuten vor Schlusspfiff. Durch das 2:3 wäre somit wieder Avellino qualifiziert. (Dachten wir zumindest!)

Es folgte eine der hitzigsten Schlussphasen aller Zeiten mit nicht weniger als acht gelben Karten in den letzten 13 Spielminuten. Weiterhin drückten nämlich die Gäste, die ihr Heil wohl in der Offensive sahen, wie wir vermuteten. In Minute 95 ein letzter Angriff der Sportvereinigung, der Stürmer der Grün-Weissen setzte den Ball aber nur an die Lattenunterkante. Kurz darauf war Schluss und alle Bologna-Anhänger sprangen von ihren Stühlen auf, während die Akteure von den Wölfen bedient auf dem Rasen lagen. Doch wie ist das möglich, Avellino hatte ja mit einem Tor Differenz gewonnen und zudem mehr Auswärtstore geschossen als Bologna die Woche davor beim knappen 0:1-Erfolg im Hinspiel?

Avellino hat also wirklich wie von mir prophezeit drei Gästetore erzielt, gereicht hat es trotzdem nicht. In Italien zählt nämlich nicht die Anzahl Gästetore, bei Gleichstand wird hier nämlich auf die Tabelle geschaut. Und da hier Bologna nach der regulären Meisterschaft vor Avellino lag qualifizieren sie sich für das Finale um den Aufstieg. Wäre der letzte Schuss an die Latte der Grün-Weissen wenige Zentimeter tiefer gewesen, stünde nun Avellino im Finale. Welche Dramatik, der man sich gar nicht bewusst war.

Fantechnisch gehen die Punkte an diesem Abend aber nach Süditalien. Und dies obwohl man abgesehen von etwas Rauch bei der Avellino-Anhängerschaft vollkommen auf Pyrotechnik verzichtete. In der heimischen „Curva Bulgarelli“ wurde mit Rauchtöpfen in den Landesfarben ein gelungenes Intro präsentierte. Über das Spiel verteilt gab es dann immer wieder so laute Böller, dass man die Druckwelle auch auf der Gegengerade richtig spürte. Der Support von beiden Kurven gut bis sehr gut, wobei ich rückblickend den rund 3000 Gästen wie gesagt noch etwas bessere Noten anrechnen muss, da sie trotz zweimaliger Führung, nicht wie von mir vermutet, zu keinem Zeitpunkt für die Finalrunde qualifiziert waren. Wenn man dies beabsichtigt muss man neidlos eingestehen dass die Lupi-Anhänger einen ganz starken Auftritt hingelegt haben. Tolle Lautstärke und eine Mitmachquote von beinahe 100 Prozent, während sich bei den Heimfans aufgrund der Kurvengrösse das Ganze jeweils etwas zu verlieren schien. Trotzdem, auch hier sicher eine gelungene und farbenfrohe Abwechslung als der Einheitsbrei bei uns und unseren nördlichen Nachbarn.

Kleine Randnotiz: Zum Kader von Avellino gehört auch Stürmer Angelo d’Angelo, was eine Überarbeitung der Rangliste „unglücklichster Spielernamen“ mit sich führt. Platz zwei also für den Italiener hinter dem Rennes-Stürmer, den man im letzten Herbst in Bordeaux gesehen hatte: Habib Habibou.

Nach dem Herzschlagfinale eigentlich italienische Strassenverhältnisse erwartet, dem war aber nicht so und wenig später war man bereits wieder im Hotel, wo man dem Knie etwas Entspannung gönnte. Der preiswerte Rückflug am nächsten Mittag vom kleinen Lokalflughafen dann problemlos und wenig später erreichte ich wieder die heimische Wohnung. Grazie und sorry für die vielen Schachtelsätze! In der Woche darauf kehrte Bologna dann ins Oberhaus zurück, nachdem man im Finale Pescara erneut nur unter gütiger Mithilfe der speziellen Regelung auf die Plätze verwies.

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2. Juni 2015