Groundhopping

Borussia Mönchengladbach – FC Augsburg (23.05.15)

Zu Pfingsten war eine kleine Tour geplant, da man dank dem freien Montag die Möglichkeit hatte, auch am Sonntag ein Spiel zu besuchen ohne Rücksicht auf die Heimreise nehmen zu müssen. Ferner sollte an diesem Wochenende in vielen Ländern Europas die Saison zu Ende gehen. Und um Wettbewerbsverzerrung zu verhindern, werden jene Partien jeweils bereits früh terminiert. Dies gab mir also die Möglichkeit schon anfangs März ein konkretes Programm auf die Beine zu stellen. Entschieden hatte ich mich für Deutschland, genauer gesagt für Nordrhein-Westfalen. Hier bot sich neben einem Besuch bei der Fortuna auch die Möglichkeit an, die geliebten Augsburger im letzten Spiel auswärts in Gladbach zu unterstützen. Bereits zum Buchungszeitpunkt war klar, dass Augsburg eine der besten Spielzeiten ihrer noch jungen Bundesliga-Geschichte spielen wird, aber dass sich vor der Abreise die Ausgangslage derart grandios präsentieren sollte, hätte ich mir nie erträumt. So hatten die Fuggerstädter bereits vor dem finalen Spiel einen Platz in Europa auf sicher, die Frage stellte sich nur noch ob Augsburg, vor dem Saisonfinale auf Platz sechs liegend, direkt für die Gruppenphase qualifiziert sein wird oder noch in die Qualifikation musste.

Der geneigte Leser wird hier wohl stutzig werden, denn ein jeder weiss natürlich, dass in Deutschland nur Rang 1-6 genügen, um in Europa mitspielen zu dürfen. Diesem Argument gibt es auch tatsächlich nichts zu erwidern, jedoch wird ein weiterer Platz an den DFB-Pokal-Sieger vergeben. Dort stehen die Wolfsburger der Borussia aus Dortmund gegenüber. Wolfsburg hat als Vizemeister bereits sicher einen Platz im internationalen Geschäft inne und da der andere Finalist Dortmund als einziger den FCA von Rang 6 noch verdrängen kann, wird Augsburg im schlechtesten Fall diesen letzten EL-Platz erben. Verstanden? Ich auch nicht ganz, aber egal. Fuggerstadt international!

Und so war die Vorfreude natürlich gross, als man sich auf den Weg zum grössten Flughafen des Landes machte. Auf dem Weg dorthin noch spontan die Crew getroffen, die ebenfalls auf „Bundesliga-Tournee“ ging, wobei es für sie einen Besuch im Hamburger Volkspark geben sollte. Hätte ich die für Fussballclubs anderer Länder reservierten Teile meines Herzens nicht vor ein paar Jahren an den FCA verschenkt wäre dies, natürlich neben Dynamo gegen Rostock, sicher ein Spiel gewesen, dass man liebend gerne live vor Ort mitverfolgt hätte. Aber Jammern ist hier mehr als unangebracht findet auch mein spanischer „Colega“ Sergio, der von unseren beiden Spielen ebenfalls recht angetan war und bereits früh als Begleiter feststand. Vor Abflug dann noch Wetten bezüglich der Endtabelle abgeschlossen, wobei im Nachhinein gesagt werden muss, das da Begleiter Sergio das ganze Tabellenende mitsamt Absteiger auf den Rang genau voraus gesagt hatte. Chapeau und Respekt dafür. St. Galler Expertenrunde eben!

Eine knappe Stunde später landete die Expertenrunde dann auch pünktlich in Köln, wo man sich nach einem kleinen Zwischenstopp im Hotel mit Gepäckabgabe sogleich wieder in Richtung Mönchengladbach verabschiedete. Anpfiff sollte zwar erst um die Einheitszeit von 15.30 Uhr sein, vorher wollte man jedoch noch etwas Groundspotting betreiben, wenn man schon einmal im Fussballmekka Deutschlands zu Gast ist. Wirklich unglaublich, diese Dichte an Topclubs hier. Ferner sollte kurz vor 14 Uhr der Sonderzug aus Augsburg eintreffen.

Apropos eintreffen, kurz vor der Mittagszeit trafen wir in Rheydt ein, der Stadtteil von Mönchengladbach der am nächsten bei der Arena liegt und dementsprechend auch von allen Fans angesteuert wird. Für uns ging es aber zuerst noch wie gesagt zur Besichtigung zweier „Prachtsbauten“ in Richtung Stadtzentrum, wo man nach einer Viertelstunde Fussmarsch schliesslich vor den Toren des RSV-Stadions stand. Auch Jahnstadion genannt fasst die Spielstätte des Rheydter Spielvereines heute mit 20’000 Plätzen noch die Hälfte seiner ursprünglichen Kapazität, welche aber weiterhin grösstenteils zu Lasten der imposanten Stehränge auf den drei Seiten geht. Die Anlage war wie befürchtet verschlossen, zumindest ich liess mich davon aber nicht abhalten und wenige Zeit später konnte ich meinem draussen gebliebenen Kumpanen dieses Panoramabild der wunderschönen Spielstätte unter die Nase reiben. Ganz toll die Anlage; vor allem die vor sich hin gammelnden Stehränge versprühen besonderes Flair!

Direkt gegenüber findet man mit dem Grenzlandstadion eine weitere Spielstätte, welche zwar nicht so pompös daherkommt aber in der kommenden Saison immerhin Schauplatz von Profifussball sein könnte. Dann nämlich, wenn sich die Zweitvertretung der Borussia in der Relegation gegen die Zweite von Werder Bremen durchsetzt. Der Vollständigkeit halber hier natürlich auch ein Bild dieser Spielstätte. Nachdem die letzten Fotos im Kasten waren ging es zurück in Richtung Bahnhof und dort zum Perron, wo wenig später der lange Sonderzug aus Süddeutschland einfuhr. Nach ein paar Böller erschien der Mob auch schon und wir wurden von ein paar aktiven Köpfen sogar noch persönlich begrüsst. So hat man’s gern! Kaum in die leider heutzutage ja allgegenwertigen Sonderbusse verfrachtet ging es auch schon los in Richtung Niemandsland, in deren Zentrum, nur wenige Kilometer entfernt von der Grenze zu Holland übrigens, der Neubau steht.

Kurz darauf war man bereits im Stadioninnern und wartete mit einer schlechten Currywurst ausgestattet auf den Spielbeginn. Auf beiden Seiten gab es als Intro eine Choreographie zu sehen, wobei jene auf Augsburger Seite noch von etwas Rauch in den Vereinsfarben untermalt wurde. Aber auch auf der Heimseite das Ganze sehr passabel gemacht, indem man ein heruntergelassenes Nordkurve-Transparent mit einem Fahnenmeer treffend zur Geltung brachte. Allgemein hatten stimmungstechnisch sicherlich beide Anhänge schon schlechtere Auftritte gehabt, wobei neben einer lautstarken Heimkurve bei den Gästen vor allem nach dem genialen Spielverlauf der Lärmpegel deutlich stieg. Und wie genial der Spielverlauf im mit 54’010 Zuschauern ausverkauften Borussia-Park doch war. Grandios, unglaublich, wunderschön! All das was man beim FCSG in der Heimat in letzter Zeit so vermisste. Eine Mannschaft die kämpft, beisst, rackert und vor allem nicht aufgibt und spielerisch souverän wirkt. Aus dem Kollektiv besonders herauszuheben gilt es da der Endloskämpfer Tobias Werner, Jahrhunderttalent (?!) Abdul Rahman Baba sowie Bayern-Leihgabe Pierre-Emile Hojbjerg.

Letzterer war es dann auch, der den FCA nach dem 1:0 durch Ex-Zürcher Raffael in der 36. Minute mit seinem Traumtor wieder zurück ins Spiel brachte. Der Weitschuss zum 1:1 in der 72. Minute bedeutete für die Hausherren der Anfang vom Ende, für die Rot-Grün-Weissen der Beginn einer eindrucksvollen Kür zum Saisonende. Entweder habe ich einfach schon lange Zeit mehr keinen richtig guten Fussball gesehen oder das Gezeigte war tatsächlich grandios. Mit einem Unentschieden waren wohl alle Augsburger vor Ort zufrieden ausser die elf Akteure, die dort für die Fuggerstadt auf dem Platz standen. Und so kam es wie niemand es für möglich gehalten hatte. Die 77. Minute brach an und nach einer Flanke in den Strafraum der Gastgeber stieg Tim Matavz am höchsten und traf per Kopf präzise ins weite Eck zum 1:2. Die einzige Mannschaft die gegen Gladbach noch ungeschlagen ist schien wieder zuzuschlagen. Doch es war noch nicht vorbei. Bange Minuten folgten, ehe der eingewechselte Routinier Sascha Mölders in der 95. Minute einen Konter mit einem herrlichen Lob ins Glück zum 1:3 alles klar machte. Der Gästeblock explodierte. Kollektive Exstase und kurz darauf der Schlusspfiff. Ein Hollywood-Finale mit Happy End und einem klaren Sieger im Schweizer Torwartduell. Dann ein letzter Paukenschlag. Der HSV in der Relegation, nachdem man Schalke 2:0 geschlagen hat. Platz fünf, Wahnsinn. Direkte Qualifikation für die Gruppenphase.

Kaum in Worte zu fassen. Einfach nur geil, was Weinzierl und Co. da in den letzten Jahren am Lech geschafft haben. Mit bescheidenen Mittel eine solche Mannschaft zu formen, der es einfach nur Spass macht zuzuschauen. Und das bescheidene Mottoshirt, mit dem die Mannschaft in die Kurve kam, zeigt wie sympathisch dieser Verein ist.

„In Europa kennt uns keine Sau“ hallte es dann auch durch den Borussia-Park, in den Momenten zumindest, in welchen die Heimkurve nicht lautstark die Champions-League-Qualifikation oder ihre Abgänge feierte. Ein gelungener Tag mit einem Spiel und einer Saison, die kaum besser hätte laufen können. Vielleicht gibt es ja sogar die Möglichkeit, den FCA irgendwo bei seinem hoffentlich erfolgreichen Streifzug durch Europa zu unterstützen. Lust hätte ich allemal.

Nach der Rückkehr an den Rheydter Bahnhof ging es per Regionalbahn zurück nach Köln, wo man sich verpflegte und etwas Sightseeing mit den obligaten Fotosujets betrieb. Unglaublich, wie viele Schlösser (und zerbrochenene Herzen) da an der Brücke vor dem Dom hängen. Auf den Sieg der Jungs wurde auch noch angestossen und irgendwann spät abends verabschiedete man sich in den wohlverdienten Schlaf. Mögen die Puppen siegreich durch Europa tanzen…

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23. Mai 2015