«Un minuto no hace la diferencia.» Eine Minute macht keinen Unterschied. Der Satz auf einem Schild am Strassenrand gehört zu den ersten Dingen, die mir an diesem nebligen Julimorgen auf dem Weg vom Flughafen ins Zentrum von Buenos Aires ins Auge stechen. Er bringt mich zum Schmunzeln. Vielleicht weil er so wunderbar argentinisch wirkt. Vielleicht aber auch, weil man als Schweizer schon beim Lesen instinktiv widersprechen möchte.
Es ist Winter in der Hauptstadt Argentiniens – südamerikanischer Winter. Und so sitze ich kurze Zeit später im Quartier Palermo draussen in einem Café bei knapp 20 Grad und realisiere langsam, dass ein langjähriger Traum in Erfüllung geht: einige Wochen in der Fussballhauptstadt Südamerikas zu verbringen. Viel herumreisen werde ich nicht. Buenos Aires selbst bietet mehr als genug Stoff für Fussballabenteuer. Ich beisse in meinen Toast und denke, dass die Avocados wohl nirgends besser schmecken als in ihrer natürlichen Klimazone.
Für das erste Spiel auf dem Kontinent geht es nach Lanus. Der industrielle Vorort südlich des Zentrums ist nicht unbedingt eine Sehenswürdigkeit, die im Reiseführer vermerkt ist. Fussballreisen haben aber bekanntlich die angenehme Eigenschaft, einen an Orte zu bringen, die man sonst nie besuchen würde. Zeitgleich mit mir erscheint die Barra «La 14». Mit Trompeten, Posaunen und Feuerwerk bewegt sich der Kern der Anhängerschaft durch die Quartierstrassen Richtung Stadion. Das Ganze wirkt eher wie Karneval als ein Fanmarsch – Südamerika eben. Die Spielstätte selbst ist ein schönes Exemplar, das heute mit rund 15’000 Zuschauern zumindest auf den Sitzplätzen praktisch voll ist.
Die Heimfans geben sich redlich Mühe. Hinter den typischen Stoffbahnen erklingen Melodien, die meine Ohren, wenn überhaupt, zuvor erst am Rheinknie gehört haben. Die Stimmung ist gut, auch wenn ihr etwas fehlt – die Gästefans. Seit 2013 sind diese in Argentinien nach tödlichen Ausschreitungen weitgehend verboten. In der Provinz Buenos Aires wurden die Regeln später nochmals verschärft. Nicht überall und nicht immer gilt das absolut, Ausnahmen gibt es durchaus, etwa im Pokal. Trotzdem fehlt vielen Spielen damit der letzte Funken Intensität.
Auffällig sind auch die Sicherheitskontrollen. Selbst auf der Haupttribüne wird man gleich zweimal abgetastet. Umso skurriler erscheint es, dass gleichzeitig praktisch jeder Einheimische seine Thermoskanne samt aus Kürbis geschnitzter Kalebasse mit Bombilla mit ins Stadion nehmen darf. Als Schweizer erkennt man darin schliesslich vor allem ein durchaus solides Wurfgeschoss. Mate gehört hier allerdings zum Alltag wie bei uns der Kaffee. Dazu ein Asado sowie ein Fernet Branca mit Cola und das argentinische Grundnahrungsmittelpaket ist komplett.
Wie so oft in Argentinien dauert es nicht lange, bis der Fussball und die Geschichte miteinander verschmelzen. Die Malwinen sind bei dieser Partie wie an allen folgenden allgegenwärtig. Vier Jahrzehnte nach dem Krieg um die Falklandinseln ist das Thema nach wie vor omnipräsent auf Fahnen und in Fangesängen. Entsprechend gewichteten die Einheimischen an der WM 2026 den Sieg im Halbfinal gegen das Vereinigte Königreich gar höher als den verlorenen Final.
Das Spiel selbst liefert weniger Spektakel als die Tribünen. Lanus ist die bessere Mannschaft, bringt die Überlegenheit aber lange nicht auf die Anzeigetafel. Erst nach 65 Minuten fällt das 1:0. Mit bescheidener Torgefahr geht es weiter bis zum Ende, obwohl San Lorenzo kurz vor Schluss noch den Pfosten trifft. So bleibt mir vom Spiel weniger eine Aktion, sondern das grundsätzliche Ambiente in Erinnerung. Eine einzige Minute macht schliesslich keinen Unterschied.














