Ich stehe an der Ersatzbank und komme mit Leandro aus dem Medical Team von Tigre ins Gespräch, als ich um eine Jacke bitte. Den kalten Wind an diesem späten Abend habe ich glatt unterschätzt. Dabei sollte er nur ein Vorzeichen sein für die folgenden Wochen: kalt, bissig und mit meist nur knapp über zehn Grad.

Wo ich herkomme? Aus der Schweiz. Das sei doch lustig, meint Leandro, schliesslich habe er mit seinem Teamarzt einen Schweizer als Chef. Wenige Minuten später steht Dr. Guillermo Schneebeli neben mir – eine durchaus witzige Kombination aus spanischem Vor- und typisch schweizerischem Nachnamen. Wir tauschen uns ein wenig über die Heimat und seine Vorfahren aus.

Der umgängliche Teamarzt ist nicht die einzige Verbindung des Klubs in die Schweiz. Auch die rot-blauen Klubfarben sind in Anlehnung an den Kanton Tessin gewählt. Dahinter steckt der Schweizer Händler Adolf Leber, der dem Gründer und ersten Präsidenten des Vereins, José Dellagiovanna, einst den ersten Trikotsatz schenkte. Der Name des Klubs wiederum geht auf die gleichnamige Kleinstadt rund dreissig Kilometer nordwestlich von Buenos Aires zurück. Sie liegt am Delta des Parana und gilt mit ihrem Inselgewirr als Naturparadies. Zusammen mit den Stadtteilen Victoria und San Fernando ist die Gegend aber auch für «das Haus in der Garibaldistrasse» bekannt. Hier lokalisierte der israelische Geheimdienst einst den flüchtigen Adolf Eichmann und stellte dem NS-Kriegsverbrecher eine Falle. Nebst dem gleichnamigen Film (The House on Garibaldi Street) ist zu diesem Thema auch das Werk «Operation Finale» zu empfehlen.

Da Tigre das Hinspiel der Playoffs zur K.-o.-Phase der Copa Sudamericana mit 3:0 gewonnen hatte, sollte das Rückspiel im Europa-League-Pendant eigentlich nur noch Formsache sein. Entsprechend überrascht zeigen sich die 18’000 Zuschauer, als der Gast aus Uruguay auf Rang und Rasen furios loslegt und die Führung erzielt. Die Heimkurve Tigres ist hingegen vor allem optisch ein Blickfang und erinnert an die alte Curva Nord – selbst akustisch wirkt sie ähnlich träge wie ihr Bergamasker Gegenstück. Auch nach dem fragwürdigen Hydration Break bleibt es der Gast, der das Spiel dominiert – und prompt den zweiten Treffer erzielt.

Nun dreht der ausverkaufte Gästeblock vollends frei. Die Anhänger von Club Nacional singen sich phasenweise ins Delirium, wobei insbesondere der Gesang «Dale Matador» für Gänsehaut sorgt. Der dritte Treffer scheint nur noch eine Frage der Zeit. Dann aber erzielt Tigre mit dem 1:2 den Anschluss – und erstickt die Hoffnung der Gäste. Damit kippt auch das Stimmungsbarometer zugunsten der Einheimischen. Die Uruguayer bauen ihren Frust derweil mit Münzwürfen ab. Selbst die Fotografen müssen sich vor den gefährlichen Fluggeschossen in Acht nehmen.

Tigre bringt das Resultat über die Zeit und ist damit eine Runde weiter. Dort wartet mit City Torque erneut ein Team aus Montevideo – durchatmen beim Gastgeber, der mit einem passiven Auftritt den Abend unnötig spannend und nervenaufreibend gemacht hatte. Als ich nach Abpfiff meine Trainerjacke zurückbringen will, winkt Leandro dennoch entspannt ab. Ich darf sie behalten.