Sportfreunde Siegen - Westfalia Rhynern (10.10.21)

Der Besuch in Wuppertal anlässlich der Fussballkulturtage in Nordrhein-Westfalen liess sich ideal mit dem Heimspiel der Sportfreunde Siegen am Sonntagnachmittag verbinden. Hier im Süden des Bundeslands liegt – ebenfalls im Süden der Universitätsstadt – das Leimbachstadion sehenswert in einem Tal.

Die lokalen Sportfreunde haben den Grossteil ihres Publikums längst mit mehreren Abstiegen und Insolvenzen vergrault. Derzeit sind sie in der fünftklassigen Oberliga Westfalen am Start, wo etwa auch der Quartierverein aus dem Stadtteil Kaan-Marienborn mittut. Tristesse pur für einen Klub mit geräumiger Spielstätte, der noch vor 15 Jahren in der 2. Bundesliga gespielt hatte.

Viel in Siegen erinnert an die Situation in Reutlingen, die ich aufgrund der Fanfreundschaft mitverfolge, die St. Gallen mit den Fans des SSV unterhält. Auch hier bleibt der Erfolg weitgehend aus, auf den Rängen fehlen meist die Gegner und jene Fans, die noch hier sind, lassen die unzähligen Niederlagen gegen Dorfklubs nicht mehr ganz so nah an sich heran wie früher. Viel eher nutzen sie das Heimspiel für das Pflegen sozialer Kontakte und das Treiben auf dem Rasen verkommt zum notwendigen Übel, ja oftmals gar zur lästigen Randerscheinung.

So geht es den 675 Zuschauer auch heute im Duell gegen Westfalia Rhynern. Ihre Beziehung zum Klub ist längst abgekühlt und die Emotionen bleiben aus. So nehmen sie das 0:3 gegen den Klub aus dem Stadtbezirk von Hamm denn auch stillschweigend zur Kenntnis. Irgendwie tun mir diese Fans rund um die «Turnschuhcrew» leid. Die erdrückende Stimmung nach dem Spielbesuch verpasst der anschliessenden Heimfahrt bei Abendsonne durch den wunderschönen Westerwald damit fast schon melancholischen Anstrich.


FC Eindhoven - TOP Oss (09.10.21)

Gleich zwei Stammspieler sollten dem FC Eindhoven im Heimspiel gegen Oss aufgrund von Einsätzen im Nationalteam fehlen. Zwar spielen die Stürmer «nur» für die Auswahlen von El Salvador und Kanada, trotzdem war ich überrascht, beim Zweitligisten im Süden der fünftgrossten Stadt der Niederlande überhaupt auf Nationalspieler zu stossen.

Viele eher hätte ich diese im Kader der PSV vermutet, dem grossen Stadtrivale des FCE. Der Grund für die Rivalität liegt hier nicht etwa im üppigeren Palmarès – und der höheren Dichte an Nationalspielern – des Konkurrenten, sondern ist auf den Glauben zurückzuführen.

Während der FCE als römisch-katholischer Arbeiterklub gilt, haftet der protestantisch geprägten PSV das Image als Klub der privilegierten Bevölkerungsschicht an. Da seit 45 Jahren kein Duell mehr in der Liga zwischen den beiden Teams stattgefunden hat, hat sich mit Helmond Sport der Ligakonkurrent aus der Nachbarstadt zum ärgsten Gegner für den heutigen Gastgeber entwickelt.

Auch die Industriestadt Oss liegt nur 40 Fahrminuten von Eindhoven entfernt, trotzdem sind an diesem Samstagabend nur wenige «Ossenaren» angereist, die das Treiben ihrer Lieblinge schweigend mitverfolgen. Zu ihrem Vergnügen – «Tot Ons Plezier», um das Akronym im Klubnamen der Gäste aufzulösen – scheint der Ausflug jedenfalls nicht zu sein. Viel eher wahrt Eindhoven beim 2:1-Sieg seine Ungeschlagenheit vor heimischen Publikum. Für die beiden FCE-Tore vor 2‘162 Zuschauer sind ausgerechnet die Spieler verantwortlich, die aufgrund der Absenz des Stammpersonals überhaupt erst eine Chance bekommen hatten.


VVV Venlo - MVV Maastricht (09.10.21)

Immer wenn ich den Namen Venlo höre, sehe ich automatisch den ehemaligen Fussballer Sandro Calabro vor meinem geistigen Auge. Angekündigt als «Tulpenbomber aus Venlo», der die Fahrstuhlmannschaft praktisch in Eigenregie in die Eredivisie schoss, sollte der Niederländer auch in der St. Galler Offensive eine gewichtige Rolle übernehmen.

Dieser Wechsel liegt 11 Jahre zurück und Calabro war seither sicher nicht der einzige St. Galler Fehleinkauf. Doch noch immer kann ich nur schwer verdauen, dass Calabro in 15 Ligaspielen nur mickrige 2 Tore gelangen – eines davon gar mittels Ablenker. So spottet man in der St. Galler Fankurve nach vergebenen Grosschancen denn auch bis heute mit dem Namen des Stürmers, der seine Karriere nach dem glücklosen Intermezzo in der Ostschweiz beendete.

Mit dem ersten Limburger Derby seit viereinhalb Jahren war die Gelegenheit gekommen, der von deutschen Tagestouristen überlaufenen Grenzstadt, in der Calabro seine Blütezeit genoss, einen Besuch abzustatten.

Auf der Heimseite gab es zum Einlauf der Teams eine Choreografie, die Venlo-Captain Danny Post würdigte, der seine 9. Saison beim Traditionsklub bestreitet. Zwar riss eine Ecke beim Hinaufziehen ab und auch im Gästeblock das Spruchband entzwei, doch für hiesige Verhältnisse waren dies zwei ansehnliche Auftritt. Während der Venlo-Block – unterstützt von Fans des belgischen Sechstligisten aus Geel – erst gegen Ende der Partie richtig aufdrehte, überzeugten die in Mottoshirts gekleideten Gäste aus Maastricht das ganze Spiel über mit einer hohen Mitmachquote und laut vorgetragenem Liedgut.

An der Seitenlinie in der «Grube», wie das Stadion von Venlo heisst, das denn auch durch einen Tunnel betreten werden kann, steht kein Geringerer als Jos Luhukay. Der langjährige Bundesliga-Trainer ist eng mit Venlo verbunden. Luhukay wurde in Venlo geboren und spielte selbst mehrere Jahre für den Klub. Heute sah er zusammen mit 6‘024 Zuschauern, wie seine Mannschaft reihenweise hochkarätige Chancen liegen liess. Weil aber auch Maastricht eklatante Ladehemmungen offenbarte, reichten zwei erfolgreiche Angriffe zum 2:0-Heimsieg. Schwache Abschlüsse scheinen bei den Stürmern des VVVV, wie die «Venlose Voetbal Vereniging Venlo» tatsächlich abgekürzt heisst, offenbar immer wieder vorzukommen.


TV Steinheim - SV Lauchheim (26.09.21)

Zugegeben, hätte ich am Abend nicht beim Fanprojekt in Heidenheim über Fankultur in Indonesien sprechen dürfen, dieser Spielbesuch hätte nie stattgefunden. Doch ein Tagesausflug auf die Schwäbische Alb und damit einige Spesenkilometer sollten für mich und Begleiter Kai nicht ohne Fussball verstreichen.

Während wir an das Spiel selbst keine sportlichen Anforderungen stellten, sollte es aus geografischer und infrastruktureller Sicht immerhin nahe Heidenheim liegen und über eine Tribüne verfügen. Diese Ansprüche erfüllt die Sportanlage an der Jahnstrasse in Steinheim am Albuch, einige Kilometer westlich der Stadt an der Brenz.

Die kleine Gemeinde liegt im Steinheimer Becken, das vor rund 15 Millionen Jahren durch einen Meteoriteneinschlag entstanden ist. Das fussballerische Niveau im Kraterkessel ist bescheiden, aber unterhaltsam. Für die Gastgeber setzt es gegen den Favoriten eine herbe Niederlage ab. Gleich mit 0:6 gehen sie vor 100 Zuschauern gegen die Lauchheimer unter. Deren Name rührt übrigens nicht von schlaksigen Spielern, die an das Gemüse erinnern, sondern von der «Lauche», einer Grenzmarke; in diesem Fall bezogen auf die einstige schwäbisch-fränkische Grenze, auf der die kleine Stadt liegt.

Während die Gäste durch den klaren Auswärtssieg auf den 2. Platz vorrücken, verbleibt Steinheim – mit einem Torverhältnis von minus 34 – weiter im Tabellenkeller der achtklassigen Bezirksliga Ostwürttemberg.


Erzsebeti Spartacus MTK - Kozarmisleny SE (12.09.21)

Strassen voller Schlaglöcher, bröckelige Häuserfassaden und zerbeulte Autos. Es braucht nur eine halbstündige Tramfahrt, um von Budapests prunkvoller Altstadt ins eigentliche Ungarn zu gelangen.

Hier in Pesterzsebet, im 20. Bezirk der Hauptstadt, ist am Sonntagnachmittag wenig los. Eidechsen liegen in der Sonne, ein Hund steht bellend am Gartenzaun und eine junge Frau schiebt gemächlich einen Kinderwagen durch die verwaisten Strassen. Kurz zweifle ich, ob hier demnächst ein Spiel der dritthöchsten Spielklasse angepfiffen wird. Genau in diesem Moment weht mir der Wind die Klänge von «Sarà perché ti amo» aus den Lautsprechern vom Stadion um die Ecke entgegen.

Wenig später weiss ich tatsächlich, warum ich den Fussball liebe. Die nach dem ungarischen Dichter Endre Ady benannte Spielstätte ist nämlich wirklich ein Gedicht. Während die Tribüne auf der Gegenseite der Terrasse eines schwedischen Landhauses gleicht, steht ihr gegenüber eine pittoreske Holztribüne mit Balken in den Vereinsfarben. Das Gemäuer rund um das Spielfeld zieren Malereien, wobei mir eine davon mit der Aufschrift «Brigate» im Stil der legendären BNA aus Bergamo besonders ins Auge sticht.

Zwei Drittel der 175 Zuschauer sind ältere Herren mit (Wohlstands-)Bauch, der Rest der Anwesenden scheint auf bestem Weg dazu. Ihr Quartierverein hat in seiner 112-jährigen Geschichte ganze 22 Namensänderungen hinter sich und lässt sich mit vollem Namen als «Fussballabteilung des Elisabeth-Spartacus-Arbeiterkreises für Leibesertüchtigung» ins Deutsche übersetzen. Im heutigen Heimspiel gegen das favorisierte Kozarmisleny setzt es für ESMTK, wie der Klub schlicht genannt wird, ein 0:1 ab. Der Senior neben mir nimmt die Niederlage fluchend zur Kenntnis, wischt sich das Bier aus dem Bart, streicht seinem Enkel zum Abschied durch die Haare und zieht langsam kopfschüttelnd von dannen.


Rakospalotai EAC - Mun SE (11.09.21)

Allmählich verschwinden die alten Stadien aus dem Stadtbild von Budapest. Nach Ferencvaros, MTK und Vasas bezog mit Honved jüngst bereits der vierte Traditionsverein aus der ungarischen Hauptstadt eine neue, moderne Bleibe. So gilt es die Suche nach ursprünglicherem Fussball in den unteren Ligen des Landes fortzusetzen.

Eine dieser im Jargon als «Groundperle» bezeichnete Spielstätte lässt sich mit dem Spielbesuch am Nachmittag bei Honved verbinden. Vom Südosten geht es dafür in den Nordosten von Pest, wo im Stadtteil Rakospalota zwischen einer katholischen und einer evangelisch-lutherischen Kirche – wunderschön von der Abendsonne beleuchtet – das Budai Laszlo Stadion liegt. Wie bei Honved ist dessen Name mit Laszlo Budai auf ein Mitglied von Ungarns «Goldener Elf» aus den 50er-Jahren zurückzuführen. Budai stammte aus Rakospalota und spielte während seiner Karriere lange Zeit für Honved.

Der dort beheimatete Rakospalotai Egyetertes Atletikai Club wird in seiner Kurzform REAC genannt, was von der kleinen Fanszene, die sich an diesem Abend gelegentlich zu einem Schlachtruf verleiten lässt, als «Rohz» ausgesprochen.

Ihr mittlerweile viertklassiger Verein, der noch vor 12 Jahren in der obersten Liga spielte, unterstreicht seine Aufstiegsambitionen und damit die angestrebte Rückkehr in den nationalen Fussball. Bereits der erste Angriff bringt die Führung für den Gastgeber, der vor 200 Zuschauern zu überzeugen weiss. Zum Schluss heisst es 6:1 für «Palota», die damit zurecht dem Spitzentrio der Liga angehören.


Honved Budapest - Ferencvaros Budapest (11.09.21)

Ich wage zu bezweifeln, dass sich Honved-Legende Jozsef Bozsik darüber gefreut hätte, dass nach dem alten Stadion auch die neue Arena im Südosten Budapests seinen Nachnamen als Zusatz trägt. Bozsik entstammte einer proletarischen Familie – die «Bozsik Arena» hingegen wirkt nicht so, als wolle sie Ungarns Arbeiterschicht ansprechen. Ihre Mosaik-Hülle und die kargen Gänge im Innern lassen sie viel eher modern und steril wirken. Hier sind die Lautsprecher zu laut eingestellt und wer am Verpflegungsstand bargeldlos bezahlt, dem wird kein Langos, sondern ein lieblos zubereiteter Hotdog serviert.

Immerhin bleibt der Weg entlang der Gleise für den Fussballfan der gleiche wie früher, sofern er mit dem Zug in den 19. Bezirk gelangt. Hier in Kispest, dem «Kleinen Pest» also, ist der Armeeklub Honved zuhause. So hat dieser seinen Zusatz denn auch der Ungarischen Armee zu verdanken, die sich «Honvedseg» nennt, was im Deutschen einem Landesverteidiger gleichkommt. Kurioserweise ist der Klub kürzlich zu einem Logo zurückgekehrt, dem dieser Zusatz gleich ganz fehlt.

Auf dem Rasen entscheidet indes ein abgelenkter Schuss zum 0:1 aus Sicht des Gastgebers die Partie bereits nach einer Viertelstunde. Zwar sieht ein Ferencvaros-Spieler wenig später die rote Karte, was den Gesichtsausdruck von Trainer Peter Stöger noch verkrampfter wirken lässt, als er es sonst schon zu sein scheint. Doch die Sorgenfalten des Fradi-Trainers bleiben grundlos: Honved fehlt vor 4‘046 Zuschauern – darunter zwei gut aufgelegte Fanlager – gegen den amtierenden Meister in allen Aktionen die letzte Konsequenz.


SV Meppen - TSV Havelse (30.08.21)

Zum SV Meppen pflege ich eine ganz besondere Beziehung. Seit Jahren verfolge ich die sportlichen Geschicke des Clubs und der Fanszene. Dies ist alles andere als selbstverständlich, liegt Meppen mit 600 Kilometern Luftlinie doch weit entfernt im Nordwesten Deutschlands unweit der holländischen Grenze.

Am Ursprung meiner Sympathie für den Drittligisten aus dem Emsland steht der Blog «Fever Pitch», den ich seit meinen Groundhopping-Anfängen vor neun Jahren mitverfolge. Betreiber des Blogs ist der Meppener Bernd, der seinem SVM seit jeher die Treue schwört. Zufällig bin ich damals auf seiner Seite gelandet und ihr seither als Leser erhalten geblieben. Zu jenem Zeitpunkt hatte der SV Meppen noch in der Regionalliga gespielt, als ich begann – primär wegen Bernds Schreibstil, der nicht wirklich den sportlichen Aspekt in den Vordergrund stellte – mit einem mir fremden Verein zu sympathisieren. Ich kämpfte mich durch die Spielberichte seit 2003, lachte über Anekdoten im Meppener Fandasein, freute mich über Gewinn der Oberligameisterschaft in Stade, erkannte bei Berichten über Niederlagen gegen Uphusen Parallelen zu meinem FC St. Gallen und verfolgte vor vier Jahren in einem Hotelzimmer in Cagliari gar das Penaltyschiessen zum Aufstieg in die 3. Liga. 

Durch den Blog lernte ich Bernds Fussballumfeld kennen und wusste plötzlich die Namen von Mannschaften aus der Regionalliga Nord, die ich nie zuvor gesehen hatte. Heute scrolle ich am Wochenende durch die App «One Football» und schmunzle zufrieden, wenn ich sehe, dass der SVM gewonnen hat. 

Kurz vor der Pandemie fand Bernd schliesslich den Weg nach St. Gallen – zum Spitzenspiel gegen die Berner Young Boys. Seither hat weder er noch ich je wieder im St. Galler Stadion gestanden. So freute ich mich umso mehr, als sich für mich kurzfristig die Möglichkeit ergab, mit meiner Vortragsreihe beim Fanprojekt in Meppen Halt zu machen und auch am Heimspiel im schönen Emslandstadion gegen den TSV Havelse am Montagabend dabei zu sein. Für mich war es ein besonderer Moment, eine Stadt und ein Stadion kennenzulernen, die ich bisher nur von Bernds Erzählungen kannte.

Den gelungenen Besuch in Meppen rundete deren Mannschaft mit einem 1:0-Heimsieg gegen den noch punktlosen Aufsteiger Havelse aus dem gleichnamigen Stadtteil von Garbsen ab. Damit feierte der SVM, der nur dank des Lizenzentzugs beim KFC Uerdingen erst die Klasse halten konnte, vor 6’107 Zuschauern den 2. Heimsieg in Folge.


SC Heerenveen - AZ Alkmaar (29.08.21)

Es sind keine Herzen! Ein Vierteljahrhundert habe ich in falscher Gewissheit gelebt. Die roten Symbole auf den weissen Streifen im Logo des SC Heerenveen sind in Wirklichkeit die Blätter einer Seerose. Der Club orientiert sich dabei am Wappen der Provinz Friesland und gilt denn auch als Verein aller Friesen, was viele Fans aus dem Umland anlockt und die grosse Rivalität zu Cambuur Leeuwarden aus der eigentlichen Hauptstadt der Provinz erklärt. In Leeuwarden distanzieren sich die Fans in fussballerischer Hinsicht nämlich nicht nur vom Rivalen, sondern auch gleich vom gesamten Friesland.

Vielleicht gibt es wegen der zahlreichen Umlandfans derart viele Parkplätze rund um das Stadion in Heerenveen. Auch unser Trio – das nebst Mitfahrer Michael um den in Rotterdam lebenden Ex-St. Galler Marty angewachsen ist – fährt aufgrund Zeitdruck direkt am Stadion vor. Zwar ist dieser Platz denjenigen vorenthalten, die vorab ein «Parkingticket» gekauft haben, in der Not wird nun aber der Joker des ahnungslosen Touristen ausgespielt. Eine Rolle, die mir mittlerweile behagt, heute aber gar nicht gebraucht wird. Mit einem freundlichen Lächeln werden wir nämlich von einem älteren Herren auf das Areal gewunken. Auf meine Nachfrage hin meint er nur, wer von so weit anreise, für den mache er gerne eine Ausnahme und lässt uns kostenlos passieren.

Bereits von aussen erinnert das Stadion, das nach dem einstigen niederländischen Nationalspieler Abe Lenstra benannt ist, mit seiner Dachkonstruktion an ein englisches Exemplar. Diese Mutmassung bestätigt sich im Stadioninnern. Vorher aber gilt es den Corona-Irrsinn zu überstehen, der hier im Norden Hollands darin gipfelt, dass Personen mit Schweizer Impfnachweis sich vorab testen lassen müssen, da bei nationalen Veranstaltungen einzig ein 3G-Nachweis im holländischen Corona-App akzeptiert wird. Beim Einlass sind die Verantwortlichen dann derart auf diesen Nachweis fokussiert, dass sie prompt vergessen, das Matchticket zu kontrollieren. Natürlich kannten wir diese Umstände nicht und hatten uns vorab artig drei Tickets für die Haupttribüne gesichert. Einzig Michael gelang es, das sträfliche Verhalten an anderer Stelle auszunutzen und sich in der Pause in den VIP-Bereich zu schleichen.

Für eine Gemeinde mit 50‘000 Einwohnern – Heerenveen erhielt nie Stadtrechte – kommt das Stadion äusserst geräumig daher und bietet jedem zweiten Einwohner einen Platz. Trotz bescheidenem Palmarès mit dem Pokalsieg 2009 als einzigen Titel besitzt Heerenveen eine breite Fanbasis. Auch an diesem regnerischen Nachmittag sind es 16‘000 Zuschauer, welche die 1:3-Niederlage ihrer Mannschaft vor Ort mitverfolgen. Dabei beginnt die Partie aus Sicht von Heerenveen ideal, als 2-Meter-Mann Henk Veerman die Gastgeber mit seinem dritten Tor im dritten Spiel früh in Führung bringt. Unterstützt von einer jungen Fanszene vermag Alkmaar das Spiel aber direkt auszugleichen und in der zweiten Hälfte komplett zu drehen. Der Sieg ist zum Schluss verdient, da mit AZ die aktivere Mannschaft gewinnt, die im Friesland mit Ex-Nationalspieler Bruno Martins Indi und Siem de Jong, dem älteren Bruder von Barcelona-Spieler Luuk de Jong, angetreten ist.


Sportfreunde Lotte - FC Schalke 04 II (28.08.21)

Auf der Fahrt von Bielefeld nach Münster, wo ich mit meiner soziokulturellen Vortragsreihe zur Fankultur in Indonesien Halt machen durfte, bot sich ein Besuch bei den Sportfreunden aus Lotte an.

Spätestens seit dem Abstieg 2019 – nach drei Spielzeiten in der 3. Liga – fristet der Club aus dem Tecklenburger Land ein unscheinbares Dasein am Autobahnkreuz vor Osnabrück. Heute empfing er die Zweitmannschaft von Schalke 04 im Stadion am Lotter Kreuz, das in den letzten Jahren schrittweise erweitert wurde und derzeit zwei Drittel der Einwohner aus der 15‘000-Einwohner-Gemeinde beherbergen könnte. Angesichts der 565 Zuschauer scheint das Stadion zumindest in der Regionalliga West doch stark überdimensioniert.

Noch in der 3. Liga verzeichneten die Sportfreude an den Heimspielen jeweils ein Fünffaches der heutigen Zahl, wobei ein derartiger Rückgang die Verantwortlichen alarmieren sollte. Gründet der Zuschauerschwund tatsächlich einzig in Covid-19, den horrenden Ticketpreisen – 17 Euro für einen Platz auf der Hintertortribüne – und den unattraktiveren Gegnern?

Gegen die Jungknappen feierten die Sportfreunde einen verdienten 2:0-Heimsieg, wobei Schalkes Nachwuchs über die gesamte Spielzeit äusserst stümperhaft agierte. Nach einem Foul in der 8. Minute und einem Penaltypfiff liefen die Gäste schon früh einem Rückstand hinterher. Bei ihren Abschlüssen scheiterten sie entweder am eigenen Unvermögen oder am starken Lotter Goalie Michael Luyambula, der ausgerechnet aus dem Nachwuchs von Borussia Dortmund stammt.