KRC Genk - Club Brügge (28.11.21)

Bei einem Blick aus dem Fenster bietet sich dem Autofahrer auf beiden Seiten eine Szenerie wie in der Prärie: Der Wind weht durch kniehohe Gräser, die sich in schier endlosen Weiten im Takt nach links und rechts biegen. Ihr sommerliches Grün ist längst einem tristen Braunton gewichen. Dahinter erhebt sich eine Binnendüne in den Himmel.

Die Gegend im Norden von Genk ist weitläufig und dünn besiedelt. Noch vor 120 Jahren war die 66’000-Einwohner-Stadt im Steinkohlerevier nur ein unbedeutender Weiler, der erst mit dem Fund des «schwarzen Goldes» innert kurzer Zeit gewachsen war. Das Stadion wirkt hier wie ein Fremdkörper, der die Menschen magisch anzuziehen vermag. Aus allen Ecken strömen sie zur Baute, die kaum den Eindruck erweckt, dass ihren Besuchern hinter dem Mantel aus blauem Wellblech in einer schicken Stadionbar das Grimbergen gar aus dem Kelch serviert wird.

Heute sind es 18’173 Zuschauer, die mit grosser Mehrheit «Chenk» die Daumen drücken. Ihr Klub ist zwar erst 1988 einer Fusion entsprungen und doch feierte er in der verhältnismässig kurzen Zeitspanne bereits grosse Erfolge. Nebst Siegen in der Meisterschaft und im Pokal hat sich der KRC Genk auch für seine exzellente Jugendarbeit international einen Namen gemacht. So etwa stammen Top-Stars wie Thibaut Courtois oder Kevin De Bruyne aus der Talentschmiede in Flandern.

Mit Hans Vanaken trägt der wohl talentierteste Spieler auf dem Rasen an diesem Nachmittag allerdings das Trikot von Club Brügge. Und so überrascht es zumindest mich wenig, als er die Gäste – mit ihrer Schar an jungen Ultras im Unterrang – früh jubeln lässt. Das Gegentor mimt den Stimmungskiller im gut gefüllten Heimblock, der auch einige Freunde von Fortuna Sittard birgt. Seine Bewohner erwachen erst nach dem Seitenwechsel wieder aus ihrer Lethargie, als Racing das Spiel mit zwei schnellen Toren drehen kann. Mitten in die Gesänge mischt der amtierende Meister aus Brügge aber seinerseits ebenfalls einen Doppelpack innert vier Minuten, sodass sich die verdutzten Gastgeber zum Schluss einer 2:3-Niederlage ausgesetzt sehen.


Sporting Charleroi - RSC Anderlecht (27.11.21)

Seit eine niederländische Zeitung Charleroi vor 13 Jahren zur «hässlichsten Stadt der Welt» kürte, haftet dem wallonischen Industriezentrum ein negatives Image an. Dabei zählte die Stadt 50 Kilometer südlich von Brüssel einst aufgrund ihrer Kohle- und Stahlproduktion zu einer der reichsten Europas.

Heute ist die stillgelegte Zeche «Bois du Cazier» als UNESCO-Weltkulturerbe geschützt und die hiesige Politik arbeitet intensiv daran, den Ruf der Stadt weiter aufzubessern und sie besonders für junge Menschen attraktiv zu gestalten – dabei helfen soll auch der lokale Fussballklub Sporting Charleroi.

Seine Heimspiele tragen die wegen ihrer schwarz-weissen Farben genannten «Zebras» im «Stade du Pays de Charleroi» aus. Dieses war mit seiner Trapezform während der Europameisterschaften zur Jahrtausendwende ein echter Blickfang. Seither wurde es schrittweise zurückgebaut und fasst derzeit nur noch rund die Hälfte der ursprünglichen Kapazität. Der Rückbau ist besonders auf der Gegenseite gut ersichtlich, wo statt drei Rängen nur noch einer steht, dafür nun aber ein in die Jahre gekommenes Hochhaus im Hintergrund umso schöner zur Geltung kommt.

Auch wenn Sporting in seiner Geschichte noch keinen einzigen Titel geholt hat, kann es auf eine breite Fanbasis zählen, die eine Freundschaft mit Vertretern der PSV Eindhoven unterhält. Einige Niederländer sind auch an diesem Samstagabend beim Duell gegen Anderlecht unter den 9‘200 Zuschauern auszumachen. Die Gäste aus der Hauptstadt sind nicht weniger zahlreich vertreten und tragen ihren Support in englischer Sprache in den Nachthimmel von Charleroi. Ihr Team um Trainer Vincent Kompany befeuert die Stimmung im Gästeblock mit einem abgeklärten Auftritt weiter. Für Charleroi bedeutet die 1:3-Niederlage hingegen einen Dämpfer im Kampf um den Anschluss an die erweiterte Spitze der belgischen Pro League.


Union Saint-Gilloise - OH Leuven (26.11.21)

Im März 2021 sprachen sich die belgischen Profiklubs für eine gemeinsame Liga mit den Niederlanden aus. Das Ziel sei ein Format mit den jeweiligen Top-Klubs beider Länder. Heisst konkret: Feyenoord trifft auf Anderlecht, während sich Ajax Amsterdam mit Club Brügge misst. Diese Paarungen aus einer allfälligen «BeNeLeague» generieren unbestritten mehr mediale Aufmerksamkeit und damit auch mehr Gewinn für alle Involvierten. Wer hingegen Zulte-Waregem oder Kortrijk heisst, müsste in dieser Zweiklassengesellschaft andere Wege finden, um auch gegen weniger klangvolle Namen wie Ostende oder Seraing rentabel zu wirtschaften.

Dass ein halbes Jahr nach der Bekenntnis zur internationalen Liga ein Klub die Konkurrenz in Belgiens Oberhaus schwindlig spielen würde, der bis im Sommer noch in der 2. Liga stand, hätten Anderlecht und Co. damals nicht gedacht. Die Rede ist von Union Saint-Gilloise, das im Brüsseler Stadtteil Forest an einem kleinen Fussballwunder arbeitet. Schliesslich ist es für den Traditionsverein mit der Stadionfassade im Art-déco-Stil das erste Gastspiel in der Pro League seit knapp 50 Jahren.

Massgeblichen Anteil am Erfolg von USG hat deren Mehrheitsaktionär Tony Bloom. Der britische Pokerspieler fungiert auch beim Premier-Ligisten Brighton & Hove Albion als Funktionär und konnte so einige talentierte Spieler in die belgische Hauptstadt lotsen. Dass jedoch nicht nur jene Transfers den Unterschied ausmachen, unterstreicht Top-Skorer Deniz Undav, der im Vorjahr vom deutschen Drittligisten Meppen nach Brüssel gewechselt war und sogleich voll einschlug.

An diesem Freitagabend sollte es für ihn und die 8‘100 Zuschauer für einmal nicht viel zu bejubeln geben. Bei strömendem Regen unterlag Union dem Gast aus Leuven unglücklich mit 1:3. Die Heimfans rund um die «Union Bhoys» auf der Gegengerade liessen sich davon aber nicht beirren und feierten ihren Tabellenführer trotz der Niederlage ausgelassen.


Tottenham Hotspur - Leeds United (21.11.21)

«What else are you gonna do on a Saturday», fragte bereits Tommy Johnson im Film «Football Factory» und spielte damit auf den anstehenden Auftritt seines Klubs Chelsea im Norden Londons an. Statt einem trostlosen Wochenende mit Ehe-Streitereien, Pop Idol und Spielautomaten würde sein Wochenende eine viel bessere Beschäftigung bereithalten: «I know what I’d rather do. Tottenham away – love it!»

Zwar bin ich weder Chelsea-Hooligan, noch steigt das Heimspiel von Tottenham dieses Wochenende an einem Samstag. Trotzdem war es diese Filmszene, die mir bei Reiseantritt in den Sinn kam und die Vorfreude auf den ersten Besuch in der englischen Hauptstadt seit knapp zwei Jahren verstärkte.

Endlich sollte ich wieder in einem Pub stehen, am Pint schlürfen und zu Barry Manilows «Can’t Smile Without You» mitsummen. Während meiner Abwesenheit schossen in London gleich mehrere neue Stadien aus dem Boden, darunter jenes von Brentford und Wimbledon. Bereits im April 2019 hatte das «Tottenham Hotspur Stadium» seine Tore geöffnet, das nebst den Heimspielen der Spurs auch NFL-Partien der International Series beherbergt.

 

Rund eine Milliarde Pfund hatte der Neubau verschlungen, der an gleicher Stelle wie die White Hart Lane liegt. Im Gegensatz zum alten Stadion ist das neue fast doppelt so gross und gleicht der Heimstätte des Erzrivalen Arsenal. Lediglich der Stadionmantel sowie die imposante Hintertortribüne unterscheiden die Bauten. Obschon heute kein Stadtderby anstand, erwartete ich zumindest vom Gästeanhang aus Leeds einen stimmungsvollen Auftritt. Die Fans aus Yorkshire enttäuschten mich aber erstmals, sodass mir einzig ihre Jubelstürme ob dem Führungstreffer durch Daniel James kurz vor der Pause in Erinnerung bleiben werden.

Auch nach dem Seitenwechsel war es der Aussenseiter, der auf den 2. Treffer drückte. Als dieser ausblieb, schienen die Gäste den Mut zu verlieren. So kam ein lethargisches Tottenham besser ins Spiel und markierte durch Pierre Hojbjerg den Ausgleich. Damit waren auch die 58’989 Zuschauer erwacht. Wie so oft in der Premier League war Stimmung bisher nicht vorhanden, während die kurzen Gesänge nun in brachialer Lautstärke durchs Rund hallten. Dies nutzte Sergio Reguilon zu seinem erstem Tor im Trikot der «Yids». Dank dem 2:1 des Spaniers feierte auch Antonio Conte an der Seitenlinie einen erfolgreichen Einstand vor heimischem Publikum.


FC Saarbrücken - FC Kaiserslautern (06.11.21)

Langsam hatten mir die Augen angefangen weh zu tun. Ich sass nun bereits eine halbe Stunde in meinem Apartment in Kiew und versuchte Tickets für das Spiel in Saarbrücken zu kaufen. Wie mehrere meiner Kollegen war auch ich im offiziellen Vorverkauf erfolglos geblieben. Jedoch ging ich davon aus, dass einige Buchungen fehlgeschlagen waren und zu Rückläufern führen würden. Tatsächlich lag ich mit dieser Einschätzung richtig und nach unzähligen Versuchen war ich endlich schnell genug, zwei Plätze auf dem iPad anzuwählen und in den digitalen Einkaufswagen zu bugsieren.

Es hatte einfach klappen müssen, schliesslich hob das Saarland aufgrund tiefer Inzidenz und zweithöchster Impfquote aller Bundesländer die 3G-Regel wenige Tage vor dem Heimspiel des FC Saarbrücken gegen den FC Kaiserslautern auf und ebnete damit den Weg für ein spektakuläres erstes Saar-Pfalz-Derby vor Zuschauern seit über 28 Jahren.

Rückblickend war das Duell im frisch umgebauten Ludwigsparkstadion die gefühlt erste Partie seit Ausbruch der Pandemie, die mich an Zeiten zurückerinnerte, in denen das Tragen von Masken im Stadion noch mit Stadionverbot belegt wurde. Grossen Anteil am gelungenen Nachmittag hatte die Fanschar aus Kaiserslautern, deren Kern zeitgleich mit Jonas und mir in Saarbrücken eintraf. Einheitlich in Rot gekleidet und mit Mottoschal ausgestattet, war es meinem Auge ein Leichtes, am Ende des eindrücklichen Trosses einige Freunde der Dritten Halbzeit in ihren Bomberjacken zu erspähen. Unterstützt von einer Abordnung aus Verona versuchten sie auf dem Weg zum Stadion mehrere Male Einheimische zu begrüssen, wurden vom imposanten Polizeiaufgebot – darunter auch ein Helikopter – aber stets wenig zimperlich daran gehindert.

Auch im Stadion trieben die rund 2500 Gäste den Sicherheitsverantwortlichen die Schweissperlen auf die Stirn: So etwa lieferten sich einige Pfälzer vor Anpfiff Auseinandersetzungen mit Heimfans am Rand der Gegentribüne, ehe die Polizei auch sie in den bereits vollen Gästeblock verfrachtete. Als Intro gab es hier viel Rauch und Feuerwerk zu bestaunen und auch nach dieser Aktion brannte es im Lautern-Sektor immer wieder, ehe zu Beginn der 2. Halbzeit rund 70 Fackeln den Spielern auf dem Rasen zusätzlich Licht spendeten.

Dieser Auftritt war unbestritten eine Ansage an die Heimfans, die damit aber zu weiten Teilen mithalten konnten. So sei konkret das eindrückliche Bild der schwarz-gekleideten FCS-Fans und die hohe Mitmachquote erwähnt. Während gegenüber der Feind mit seinen französischen Freunden der Horda Frénétik aus Metz turtelte, wiesen die Saarländer – gemeinsam mit den Red Sharks und dem Saturday FC aus Nancy – diesen auf seine scheinbare Niedertracht hin.

Im Heimblock gab es zum Auftakt zudem zahlreiche Rauchtöpfe, die eine schöne Choreografie untermalten. In der Folge brannten durchgehend einzelne Fackeln, die aufgrund ihrer gelben Farbe aber kaum zur Geltung kamen. Nach Wiederanpfiff hielten die Saarbrücker den Gästen zudem zahlreiches Material unter die Nase, das sie kurz darauf den Flammen zum Frass vorwarfen. Danach ging es allerdings bergab mit der Stimmung in der «Virage Est»: Während sich der Gastgeber auf dem Rasen vor 15‘544 Zuschauern beim 0:2 die zweite Derby-Pleite innert Wochenfrist einfing, gab es auch im Block zahlreiche Ohrfeigen. Die Tumulte rund um die «Droogs» und besonders der Einsatz von Gürteln gegenüber eigenen Leuten dürfte im Saarland nebst der Niederlage im Lokalduell wohl noch für viel Gesprächsstoff sorgen.


Dynamo Kyiv - FC Barcelona (02.11.21)

In der Dunkelheit wirken die Häuserblöcke entlang dem Chreschtschatyk noch pompöser. Sie sind lang wie Schiffe, ragen weit in den Nachthimmel und beherbergen etwa den Stadtrat, das Hauptpostamt oder den Nationalen Rat für Fernsehen und Radio. Durch die zentrale Strasse im Herzen von Kiew bläst ein kalter Wind, gepaart mit Nieselregen.

Ich bin zu Fuss auf dem Boulevard unterwegs in Richtung Olympiastadion und beeindruckt von den sich abwechselnden Bauten im Stil des Konstruktivismus oder sozialistischen Klassizismus. Erst um 22 Uhr sollte hier bei klirrender Kälte das Spiel der Gruppenphase der Champions League zwischen Dynamo Kiew und dem FC Barcelona angepfiffen werden.

An der Einlasskontrolle werden Fans mit gefälschten Zertifikaten von den Ordnern durchgewunken, Masken tragen die Anwesenden kaum und die Fiebermessung gleicht einer lästigen Alibi-Übung. Noch immer ist in der ukrainischen Hauptstadt – 100 Kilometer südlich von Tschernobyl – grosses Misstrauen gegenüber der «Krankheit» und dem «Vakzin» zu spüren. Nur gerade 18 Prozent der Bevölkerung liess sich impfen. Die zur Steigerung der Impfquote eingeführte Massnahme der Regierung, die Metro für Ungeimpfte zu sperren, endete stattdessen in von Autos heillos überfüllten Strassen.

Mit 31‘378 Zuschauern hingegen nur halb voll ist das Stadion. Die enttäuschende Kulisse ist eine Summe aus später Anstosszeit, vermeintlicher Zertifikatspflicht und der Absenz ganz grosser Namen im Kader der Katalanen. Auch die Ultras von Dynamo boykottieren seit geraumer Zeit die Heimspiele. Ihnen ist der Mann an der Seitenlinie, Mircea Lucescu, wegen seiner Vergangenheit als Trainer beim Rivalen Schachtar Donezk ein Dorn im Auge.

Überraschend ist sein Team über weite Strecken spielbestimmend, sündigt aber im Abschluss mehrfach. Barcelona ist auch nach der Absetzung von Trainer Ronald Koeman nur ein Schatten seiner selbst und bleibt lange ungefährlich. So scheint es logisch, dass der einzige Treffer nach einem Penaltypfiff fallen soll, doch die Entscheidung wird nach VAR-Konsultation zurückgezogen. Stattdessen ist es Barca-Youngster Ansu Fati vorbehalten, nach 70 Minuten aus kurzer Distanz das Spiel zu entscheiden. Das 0:1 ist aus Sicht von Dynamo ärgerlich, für die Gäste bedeutet es hingegen die maximale Ausbeute für einen glanzlosen und bescheidenen Auftritt in der Ukraine.


Sportfreunde Siegen - Westfalia Rhynern (10.10.21)

Der Besuch in Wuppertal anlässlich der Fussballkulturtage in Nordrhein-Westfalen liess sich ideal mit dem Heimspiel der Sportfreunde Siegen am Sonntagnachmittag verbinden. Hier im Süden des Bundeslands liegt – ebenfalls im Süden der Universitätsstadt – das Leimbachstadion sehenswert in einem Tal.

Die lokalen Sportfreunde haben den Grossteil ihres Publikums längst mit mehreren Abstiegen und Insolvenzen vergrault. Derzeit sind sie in der fünftklassigen Oberliga Westfalen am Start, wo etwa auch der Quartierverein aus dem Stadtteil Kaan-Marienborn mittut. Tristesse pur für einen Klub mit geräumiger Spielstätte, der noch vor 15 Jahren in der 2. Bundesliga gespielt hatte.

Viel in Siegen erinnert an die Situation in Reutlingen, die ich aufgrund der Fanfreundschaft mitverfolge, die St. Gallen mit den Fans des SSV unterhält. Auch hier bleibt der Erfolg weitgehend aus, auf den Rängen fehlen meist die Gegner und jene Fans, die noch hier sind, lassen die unzähligen Niederlagen gegen Dorfklubs nicht mehr ganz so nah an sich heran wie früher. Viel eher nutzen sie das Heimspiel für das Pflegen sozialer Kontakte und das Treiben auf dem Rasen verkommt zum notwendigen Übel, ja oftmals gar zur lästigen Randerscheinung.

So geht es den 675 Zuschauer auch heute im Duell gegen Westfalia Rhynern. Ihre Beziehung zum Klub ist längst abgekühlt und die Emotionen bleiben aus. So nehmen sie das 0:3 gegen den Klub aus dem Stadtbezirk von Hamm denn auch stillschweigend zur Kenntnis. Irgendwie tun mir diese Fans rund um die «Turnschuhcrew» leid. Die erdrückende Stimmung nach dem Spielbesuch verpasst der anschliessenden Heimfahrt bei Abendsonne durch den wunderschönen Westerwald damit fast schon melancholischen Anstrich.


FC Eindhoven - TOP Oss (09.10.21)

Gleich zwei Stammspieler sollten dem FC Eindhoven im Heimspiel gegen Oss aufgrund von Einsätzen im Nationalteam fehlen. Zwar spielen die Stürmer «nur» für die Auswahlen von El Salvador und Kanada, trotzdem war ich überrascht, beim Zweitligisten im Süden der fünftgrossten Stadt der Niederlande überhaupt auf Nationalspieler zu stossen.

Viele eher hätte ich diese im Kader der PSV vermutet, dem grossen Stadtrivale des FCE. Der Grund für die Rivalität liegt hier nicht etwa im üppigeren Palmarès – und der höheren Dichte an Nationalspielern – des Konkurrenten, sondern ist auf den Glauben zurückzuführen.

Während der FCE als römisch-katholischer Arbeiterklub gilt, haftet der protestantisch geprägten PSV das Image als Klub der privilegierten Bevölkerungsschicht an. Da seit 45 Jahren kein Duell mehr in der Liga zwischen den beiden Teams stattgefunden hat, hat sich mit Helmond Sport der Ligakonkurrent aus der Nachbarstadt zum ärgsten Gegner für den heutigen Gastgeber entwickelt.

Auch die Industriestadt Oss liegt nur 40 Fahrminuten von Eindhoven entfernt, trotzdem sind an diesem Samstagabend nur wenige «Ossenaren» angereist, die das Treiben ihrer Lieblinge schweigend mitverfolgen. Zu ihrem Vergnügen – «Tot Ons Plezier», um das Akronym im Klubnamen der Gäste aufzulösen – scheint der Ausflug jedenfalls nicht zu sein. Viel eher wahrt Eindhoven beim 2:1-Sieg seine Ungeschlagenheit vor heimischen Publikum. Für die beiden FCE-Tore vor 2‘162 Zuschauer sind ausgerechnet die Spieler verantwortlich, die aufgrund der Absenz des Stammpersonals überhaupt erst eine Chance bekommen hatten.


VVV Venlo - MVV Maastricht (09.10.21)

Immer wenn ich den Namen Venlo höre, sehe ich automatisch den ehemaligen Fussballer Sandro Calabro vor meinem geistigen Auge. Angekündigt als «Tulpenbomber aus Venlo», der die Fahrstuhlmannschaft praktisch in Eigenregie in die Eredivisie schoss, sollte der Niederländer auch in der St. Galler Offensive eine gewichtige Rolle übernehmen.

Dieser Wechsel liegt 11 Jahre zurück und Calabro war seither sicher nicht der einzige St. Galler Fehleinkauf. Doch noch immer kann ich nur schwer verdauen, dass Calabro in 15 Ligaspielen nur mickrige 2 Tore gelangen – eines davon gar mittels Ablenker. So spottet man in der St. Galler Fankurve nach vergebenen Grosschancen denn auch bis heute mit dem Namen des Stürmers, der seine Karriere nach dem glücklosen Intermezzo in der Ostschweiz beendete.

Mit dem ersten Limburger Derby seit viereinhalb Jahren war die Gelegenheit gekommen, der von deutschen Tagestouristen überlaufenen Grenzstadt, in der Calabro seine Blütezeit genoss, einen Besuch abzustatten.

Auf der Heimseite gab es zum Einlauf der Teams eine Choreografie, die Venlo-Captain Danny Post würdigte, der seine 9. Saison beim Traditionsklub bestreitet. Zwar riss eine Ecke beim Hinaufziehen ab und auch im Gästeblock das Spruchband entzwei, doch für hiesige Verhältnisse waren dies zwei ansehnliche Auftritt. Während der Venlo-Block – unterstützt von Fans des belgischen Sechstligisten aus Geel – erst gegen Ende der Partie richtig aufdrehte, überzeugten die in Mottoshirts gekleideten Gäste aus Maastricht das ganze Spiel über mit einer hohen Mitmachquote und laut vorgetragenem Liedgut.

An der Seitenlinie in der «Grube», wie das Stadion von Venlo heisst, das denn auch durch einen Tunnel betreten werden kann, steht kein Geringerer als Jos Luhukay. Der langjährige Bundesliga-Trainer ist eng mit Venlo verbunden. Luhukay wurde in Venlo geboren und spielte selbst mehrere Jahre für den Klub. Heute sah er zusammen mit 6‘024 Zuschauern, wie seine Mannschaft reihenweise hochkarätige Chancen liegen liess. Weil aber auch Maastricht eklatante Ladehemmungen offenbarte, reichten zwei erfolgreiche Angriffe zum 2:0-Heimsieg. Schwache Abschlüsse scheinen bei den Stürmern des VVVV, wie die «Venlose Voetbal Vereniging Venlo» tatsächlich abgekürzt heisst, offenbar immer wieder vorzukommen.


TV Steinheim - SV Lauchheim (26.09.21)

Zugegeben, hätte ich am Abend nicht beim Fanprojekt in Heidenheim über Fankultur in Indonesien sprechen dürfen, dieser Spielbesuch hätte nie stattgefunden. Doch ein Tagesausflug auf die Schwäbische Alb und damit einige Spesenkilometer sollten für mich und Begleiter Kai nicht ohne Fussball verstreichen.

Während wir an das Spiel selbst keine sportlichen Anforderungen stellten, sollte es aus geografischer und infrastruktureller Sicht immerhin nahe Heidenheim liegen und über eine Tribüne verfügen. Diese Ansprüche erfüllt die Sportanlage an der Jahnstrasse in Steinheim am Albuch, einige Kilometer westlich der Stadt an der Brenz.

Die kleine Gemeinde liegt im Steinheimer Becken, das vor rund 15 Millionen Jahren durch einen Meteoriteneinschlag entstanden ist. Das fussballerische Niveau im Kraterkessel ist bescheiden, aber unterhaltsam. Für die Gastgeber setzt es gegen den Favoriten eine herbe Niederlage ab. Gleich mit 0:6 gehen sie vor 100 Zuschauern gegen die Lauchheimer unter. Deren Name rührt übrigens nicht von schlaksigen Spielern, die an das Gemüse erinnern, sondern von der «Lauche», einer Grenzmarke; in diesem Fall bezogen auf die einstige schwäbisch-fränkische Grenze, auf der die kleine Stadt liegt.

Während die Gäste durch den klaren Auswärtssieg auf den 2. Platz vorrücken, verbleibt Steinheim – mit einem Torverhältnis von minus 34 – weiter im Tabellenkeller der achtklassigen Bezirksliga Ostwürttemberg.