Dynamo Ceske Budejovice - SK Slavia Praha

«Wer hat’s erfunden?», lautet ein in der Schweiz bekannter Slogan eines Kräuterbonbons. Während im Werbespot bei der Antwort («Die Schweizer») auch durch das energische Auftreten des Protagonisten keine zwei Meinungen aufkommen, sieht dies im tschechischen Ceske Budejovice bei der gleichen Frage anders aus. Streitpunkt ist hier seit mehreren Jahrhunderten aber keine Pastille, sondern das Bier «Budweiser» sowie die damit verbundenen Namensrechte, die in einem der grössten interkontinentalen Markenrechtsstreits sowohl die Tschechen (Budweiser Budvar) als auch der US-amerikanische Braukonzern Anheuser-Busch für sich beanspruchen.

Summa summarum lässt sich sagen, dass der weltbekannte Name «Budweiser» in Nordamerika der dort ansässigen Brauereigruppe für die Nutzung zusteht, während im Rest der Welt (mit Ausnahme des Vereinigten Königreichs) die Rechte beim tschechischen Pendant liegen. Deutlich weniger bekannt ist der lokale Fussballklub Dynamo Ceske Budejovice. Dies liegt vor allem am bescheidenen Palmarès der Schwarz-Weissen, die in ihrer Geschichte einzig drei Zweitligameisterschaften sowie jeweils einen sechsten Platz im nationalen Oberhaus als grösste Erfolge verzeichnen können.

Das Auswärtsspiel in Südböhmen gehört für die Slavia-Fans denn auch eher zum Pflichtprogramm als zur Kür, dennoch reisen diese in grosser Zahl an. Wie bereits am Vortag in Zlin sehen sie einen Aussenseiter in Form des Heimteams, der überraschend gut mithält und nach dem Seitenwechsel gar den zwischenzeitlichen Ausgleich erzielt. Zum Schluss muss sich Budweis aber unglücklich mit 1:3 geschlagen geben, wobei die Gäste auch noch einen Penalty verschiessen. Überzeugender war da der Auftritt der Prager Fans am Rand der Gegentribüne des Stadions «Strelecky ostrov».

Dieses ist gegen die Hauptstädter mit 6681 Zuschauern bis auf den letzten Platz belegt und verdankt seinen Namen der Lage auf der Halbinsel, die sich durch die Umschliessung der Flüsse Moldau und Maltsch ergibt. Besondere Blickfänge stellen nebst der freistehenden Haupttribüne der Turm des dahinterliegenden Wasserreservoirs sowie der Schlot des traditionsreichen Bleistiftherstellers «Koh-i-Noor Hardtmuth» dar.


FC Zlin - AC Sparta Praha

In Zeiten abstruser Verschwörungstheorien ist nicht auszuschliessen, dass in irgendeiner Telegram-Gruppe steht, wieso es kein Zufall ist, dass hier nach einem Spielbesuch in L-I-N-Z am Folgetag ausgerechnet aus Z-L-I-N berichtet wird – wo, wiederum in einer Industriestadt, ein Team aus der Hauptstadt mitsamt grossem Anhang gastiert.

Die 75’000-Einwohner-Gemeinde im Osten Tschechiens präsentiert sich wenig spektakulär, der Spielbesuch bleibt dennoch positiv in Erinnerung: Am Bierstand enervieren sich rauchende Senioren mit Vokuhila und Dreiviertelhosen über den Schiedsrichter, Fotografen führen ihre bedingt motivierten Töchter pflichtbewusst in ihre Leidenschaft ein, die aufgetakelte Medienverantwortliche geniesst die ihr im Zwei-Wochen-Turnus geschenkte Aufmerksamkeit und in der Pause spielen Kinder entweder auf der ausgebleichten Hüpfburg oder in den Trikots der beiden Klubs auf einem Kleinfeld. Am Hügel hinter dem Stadion sitzen Familien auf Picknicktüchern und verfolgen das Spiel kostenlos, während auf der Weste der TV-Leute noch der alte Sponsorenname des Klubs prangt (und davon hatte dieser alleine in den letzten zwei Jahrzehnten drei).

Auch die Fanszene des FC Zlin überzeugt: Rund 60 Anhänger unterstützen ihre «Sevci» (Schuster) durchgehend hinter einer schönen Zaunfahne und sorgen mit Choreos, Spruchbändern sowie Pyroeinlagen für einen unerwarteten Lichtblick. Auch auf dem Rasen präsentiert sich der vermeintliche Aussenseiter angriffslustig und bejubelt gar den Führungstreffer, die Freude darüber wird jedoch vom VAR jäh erstickt.

Der Meister aus Prag wird zwar von vielen Fans begleitet, diese wähnen sich aber noch in der Sommerpause. Auch ihr Team agiert lethargisch und kommt beim 0:1 aus Sicht Zlins erst zum Schluss auf Touren. Zum grossen Entrüsten der 5521 Zuschauer spricht der Schiedsrichter den Pragern spät einen Penalty zu, den diese zum schmeichelhaften Auswärtssieg nutzen. Wie so oft war dem Tüchtigen das Glück auch dieses Mal nicht hold – wenn daran mal nur nichts faul ist…


Linzer ASK - SK Rapid Wien

Nicht immer braucht es im Fussball Meistertitel und glitzernde Pokale, um Grössenwahn auszulösen. In Linz zum Beispiel reicht bereits ein neues Stadion für Anzeichen von Realitätsverlust. Nur so nämlich lassen sich in der Arbeiter- und Industriestadt Preise von 80 Euro auf der Gegentribüne zum Saisonauftakt gegen Rapid Wien erklären.

Trotz der namhaften Begegnung unter Flutlicht bleibt so im Zentrum des Oberrangs ein Sektor gesperrt und auch die Haupttribüne, deren Sitzgelegenheiten gar nicht erst im öffentlichen Verkauf angeboten werden, ist nur sehr spärlich besetzt. An Galgenhumor grenzt angesichts dessen die Aussage des Linzer Bürgermeisters, der den wissenschaftlich erwiesenen «New Stadium Effect» ziemlich eigens interpretierte und vor Stadioneröffnung hohe Zuschauerzahlen aufgrund von Groundhoppern prophezeite.

Tatsächlich sind mit 16’790 Zuschauern drei respektive gar zehn Mal mehr Fans als bei meinen zwei vorherigen Besuchen bei LASK-Heimspielen anwesend, die Gründe hierfür sind aber anderweitig zu finden: Einmal spielten die Athletiker im Paschinger Exil, während beim ersten Besuch auf der Gugl noch Regionalliga gespielt wurde. Und der SK Rapid zieht als Gegner halt schlicht mehr als der Villacher SV.

Mit dem sportlichen Aufschwung der letzten Jahre – der LASK spielt seit der Saison 2018/19 stets international – ist in der Stahlstadt auch die Fankurve gewachsen und hat an Reife gewonnen, obschon mit den «Boys Lentia» (und beinahe auch den «Viking») eine der relevantesten Gruppen der Fanszene dem oberösterreichischen Rapid-Fanklub «Green Lions» zum Opfer gefallen ist. In der neuen Heimat prangt vor dem Heimblock eine Zaunfahne mit der Aufschrift «Landstrassler», die auf der gleichnamigen Einkaufsstrasse im Stadtzentrum gründet. In der zweiten Halbzeit wird dieses Transparent durch eines mit der Aufschrift «Dressen nur in den Farben, die uns die Gründerväter gaben» ersetzt, das mitunter gegen den unerwünschten Rosa-Ausweichdress der Mannschaft protestiert. Tatsächlich produzieren die Linzer seit Jahren verwerfliche Trikots, die in der aktuellen Ausgabe – abseits des gelben Farbtons einer Bank – nebst dem eigentlichen Klubwappen auch eine abstrahierte Form davon aufweisen.

Davon deutlich weniger irritiert zeigen sich die Akteure der Gäste, die in einem ausgeglichenen Spiel noch vor der Pause verdient in Führung gehen. Die Hauptstädter rennen seit einigen Jahren den eigenen Erwartungen hinterher, weshalb diese konstant nach unten korrigiert werden müssen. Nun soll ohne Druck (auch seitens der aktiven Fanszene) und mit einem moderaten Saisonziel die vermeintliche Talsohle endlich wieder verlassen werden.

Lange sieht es in Linz so aus, als ob die Wiener zum Saisonauftakt drei kaum budgetierte Punkte einfahren würde, ehe in der Nachspielzeit der Nachspielzeit doch noch der Ausgleich fällt. Während die Heimkurve das 1:1 ausgiebig feiert, trotten die Rapid-Spieler ernüchtert vor die Zäune des Gästeblocks, die derart hoch und beängstigend ausfallen, dass man meinen könnte, bei den «Green Lions» handle es sich tatsächlich um grüne Raubkatzen.


Wacker Burghausen - FC Bayern München II

Ist die Rede von «grossen Sportvereinen», denken die wenigsten Menschen an Wacker Burghausen. Dabei umfasst der 1930 für die Arbeiter des gleichnamigen Chemiekonzerns gegründete Klub rund 25 Abteilungen, darunter etwa Amateurfunk, Cricket, Fechten oder Segeln. Die grösste Bekanntheit erlangten die Fussballer Wackers, die 2002 den Aufstieg in die 2. Bundesliga realisierten. Trotz des sportlichen Erfolgs fiel die finanzielle Unterstützung seitens der Unternehmerfamilie Wacker in der Vereinsgeschichte nie derart ins Gewicht.

Prompt stiegen Wackers Fussballer 2007 aus der 2. Bundesliga ab und mussten sieben Jahre später gar den Gang in die viertklassige Regionalliga antreten, in der Burghausen seither spielt. Auf die Abstiege hat der Klub mit einer Reamateurisierung der Fussballabteilung reagiert und so wird in Oberbayern vor der neuen Spielzeit auch nicht von der Rückkehr in den Profifussball, sondern von der DFB-Pokal-Qualifikation als primärem Saisonziel gesprochen.

Bevor in der Neustadt im Norden, wo Industrie und Gewerbe angesiedelt sind, der Auftakt zur Regionalliga-Saison 2023/24 erfolgt, lohnt sich ein Besuch der Altstadt am Fusse des Burghügels. Mit über einem Kilometer gilt die sich auf dem langgezogenen Bergrücken erstreckende Anlage aus Travertin als längste Burg der Welt und diente den bayerischen Herrschern im Mittelalter einst als Nebenresidenz. Besonders ein Blick von der anderen Uferseite der Salzach, die hier die Grenze zu Österreich bildet, entpuppt sich als sehenswert.

In der Wacker-Arena empfangen uns nebst 2040 Zuschauern Regenschauer und rot-weisse Rauchschwaden. Für letztere sind die rund 300 Anhänger der Münchner Amateure verantwortlich, die wie ihr Konterpart während des ganzen Spiels für ansprechende Stimmung sorgen. Auch nach dem Schlusspfiff ebbt diese auf beiden Seiten nicht ab, schliesslich dürfen die Bayern beim 3:3 den späten Ausgleich bejubeln, während für die Heimfans in der Westkurve der vermeintlich missglückte Saisonstart nach einem 0:2-Rückstand mit einem Punktgewinn versöhnlich endet.

Trotz überschaubarer Grösse besteht dort mit «Die Fanaten» bereits seit 1977 ein Fanklub und auch die Grupo Somosa (2002) blickt auf über zwei Jahrzehnte Ultrà-Dasein zurück. Nicht mehr optisch in Erscheinung treten hingegen die 2003 gegründeten Ultras Black Side. Der sportlich als auch fantechnisch attraktive Gegner liess mich dennoch leise hoffen, die Gruppe, welche weiterhin Kontakte zu «The Unity» von Borussia Dortmund pflegt, würde die Feierlichkeiten rund um ihr 20-jähriges Bestehen auf das Heimspiel zum Saisonauftakt legen. Das Jubiläum scheint tatsächlich geplant – allerdings bei einem Auswärtsspiel. Aufatmen bei der Polizei und enttäuschtes Seufzen bei der Lokalpresse, nachdem die Jungs den Burgfrieden in der Kleinstadt bereits einmal gehörig strapaziert hatten.


SSC Bari - Cagliari Calcio

Dem Stadio San Nicola in Bari an einem kalten Novemberabend oder bei einer «Kehrauspartie» gegen den Tabellenfünfzehnten aus Cittadella einen Besuch abzustatten, grenzt an Ehrverletzung. Zu stark versprüht diese Spielstätte, ihr Klub und dessen Fanszene den Charme des italienischen Fussballs der 90er-Jahre, den ich zu verpassen so oft schon hervorgehalten bekam. Mit dem Rückspiel des Playoff-Finals der Serie B gegen Cagliari Calcio war der Rahmen endlich passend, mich in Apulien in die «glorreichen Zeiten» zurückversetzen zu lassen.

Wie in La Spezia zählt auch in der Hauptstadt der Region ein Schweizer zu den Pionieren, die 1908 den Bari FC ins Leben gerufen haben. 115 Jahre später begleitet der Zusatz Società Sportiva Calcio (SSC) den Klub, der auch schon die Akronyme «AS» oder «Calcio» als Beinamen besass. Grund dafür waren – wie so oft in Italien – finanzielle Probleme, die etwa 2014 in der Insolvenz oder vier Jahre darauf gar im Ausschluss aus der Serie B und dem Fall in die Viertklassigkeit geendet hatten. Eine Konstante stellt hingegen der Hahn im Vereinswappen dar, der auf die Umfrage eines lokalen Sportjournalisten in der Zeit nach dem 1. Weltkrieg zurückging. Zum Eintritt des Klubs in die höchste Liga sollte dieser, wie zahlreiche andere im Land, fortan auch von einem Tier repräsentiert werden. Bei der Abstimmung stach der Hahn unter anderem den Adler, das Eichhörnchen, die Gazelle und das von einer konkurrierenden Gazette vorgeschlagene Rotkehlchen aus.

Eine weitere Konstante in der süditalienischen Hafenstadt bildet die lokale Fanszene, die mit dem Dreigestirn um die Gruppen «Seguaci della Nord», «Bulldog» und «Re David» zu den etabliertesten des Mezzogiornos zählt. Im weiss gekleideten Teil der Kurve, welcher die Heimat der Bulldog darstellt, ist an diesem Abend zusätzlich die Zaunfahne des Ultras Movement Salerno (UMS) aufgehängt, während die 1976 gegründeten «Anhänger aus der Nordkurve» nebst dem Direttivo der Curva Sud Siberiano auch auf ihre Freunde aus Reggio Calabria zählen können. Einzig die nach einer Strasse im Quartier Carrassi benannte Gruppe Re David scheint zum wichtigen Spiel keine auswärtigen Fans in den eigenen Reihen zu begrüssen.

Mit dem Segen des Nikolaus

Bevor der Zuschauer aber einen Blick ins eindrückliche Rund erhaschen kann, hat dieser in einer der langen Schlangen auszuharren, die sich in Baris südlicher Peripherie bereits drei Stunden vor Anpfiff um das Stadion gebildet haben. Benannt nach dem Nikolaus von Myra, dem Schutzpatron der Stadt, erinnert es von aussen an ein Ufo, während sich im Innern angekommen ein Vergleich mit der Spielstätte Napolis anbietet, wäre da nicht der in 26 Sektoren aufgeteilte Oberrang. Dieser verleiht dem WM-Stadion von 1990 zwar seine besondere Charakteristik, schützt aber nur bedingt vor der Witterung, zumal merkwürdigerweise die jeweiligen Aufgänge und nicht die Abschnitte selbst überdacht sind.

Doch nicht der in der 2. Halbzeit einsetzende Regen avancierte im Showdown um den Aufstieg in die Serie A zum Stimmungskiller, sondern ein verzweifelter Angriff der Gäste aus Cagliari tief in der Nachspielzeit. Weil in Italien auch im Playoff-Final das in der Liga besser klassierte Team bei einem Remis als Sieger aus dem Duell hervorgeht, waren in den vorangehenden 90 Minuten (nach einem 1:1 im Hinspiel) wenig überraschend keine Tore gefallen. Diese defensive Grundhaltung der Gastgeber rächte sich 160 Sekunden vor dem Schlusspfiff, als Leonardo Pavoletti nach einer Flanke doch noch für die Sarden traf.

Bei den rund 800 mitgereisten Gästefans rund um die Sconvolts kannte der Jubel daraufhin keine Grenzen mehr und selbst Trainer-Altmeister Claudio Ranieri, der Cagliari damit – wie einst 1990 – zurück ins Oberhaus führte, wurde von den Emotionen übermannt. Dennoch fühlte sich das 0:1 in der 94. Minute selbst für den neutralen Zuschauer wie ein Schlag in die Magengrube an, verzeichnete das San Nicola mit 58’206 Zuschauern doch die grösste Kulisse seiner bisherigen Geschichte, die im jüngsten Kapitel allerdings keine euphorische Aufstiegsfeier, sondern eine kollektive Schockstarre bereithielt.

Ideale Alternative

Wer in Bari ursprünglicheren Fussball geniessen will, ist im Vorstadtquartier Palese-Macchie bestens aufgehoben. Hier ist der 2012 gegründete Siebtligist Ideale Bari zuhause, der seine Heimspiele auf dem «Campo di Calcio Gioacchino Lovero» austrägt. Der von ehemaligen Bari-Ultras gegründete Verein versteht sich als Gegenentwurf zum modernen Fussball fern von Wettskandalen, Repressionsmühlen und Kommerzialisierungsbestreben. Das St. Galler Fussballmagazin SENF hat dem Vertreter des «Calcio Popolare» in seiner 14. Ausgabe einen Besuch abgestattet.


BK Skjold - FC United of Manchester

Der Parco Sempione wird südlich von der riesigen Festung Castello Sforzesco und nordwestlich von einem etwas weniger imposanten Triumphbogen begrenzt. Im Osten der grössten Mailänder Parkanlage steht mit der Arena Civica, dem ältesten Stadion Europas, ein weiterer Blickfang. Anfang des 19. Jahrhunderts von Napoleon Bonaparte in Auftrag gegeben und 1807 als Amphitheater eröffnet, beherbergte es nebst nachgestellten Seeschlachten einst auch die beiden grossen Mailänder Fussballklubs, bevor diese weiter ins Quartier San Siro zogen, wo das zweite historische Stadion in der norditalienischen Metropole sein Dasein fristet.

Beide Spielstätten sind in diesem Jahr Austragungsort der K.o.-Phase der Fenix Trophy, einer Art Europacup der Amateure. In Form eines Final-Four-Turniers wird hier der Gewinner gekürt, der den Pokal – nach der Premiere in Rimini im Vorjahr – zum zweiten Mal in den italienischen Nachthimmel stemmen darf.

Initiant der Fenix Trophy, deren Name auf ein englisches Akronym (friendly, European, non-professional, innovative, xenial) zurückgeht, ist Alessandro Aleotti. Der Präsident des italienischen Achtligisten Brera Calcio, der wie die Arena Civica nach dem engagierten Sportjournalisten Gianni Brera benannt ist, verfolgt seit der Jahrtausendwende den Traum, seinen Klub als dritte Fussballmacht Mailands zu etablieren. Die Fenix Trophy, und damit auch Spiele in sonst kaum bespielten Stadien, soll zudem helfen, die Marke «Brera» etwa in Nordmazedonien (FC Brera Pandev) und Mosambik (Brera Tchumene FC) oder gar in anderen Sportarten (Brera Basketball) zu etablieren. Auch Sohn Leonardo nimmt am ambitionierten Vorhaben teil und ist dabei nicht nur am Spieltag umtriebig. Besonders die Zusammenstellung des internationalen Teilnehmerfelds in Form aussergewöhnlicher europäischer Amateur- und Halbprofiklubs stellt eine administrative und koordinative Herausforderung dar.

Einer dieser «Kultklubs» ist der FC United of Manchester, den Fans der Red Devils 2005 aus der Taufe hoben, um gegen die Übernahme durch den amerikanischen Unternehmer Malcolm Glazer zu protestieren. Der mittlerweile siebtklassige Klub steht im Halbfinal dem Boldklubben Skjold aus Kopenhagen gegenüber, einem der ­– gemessen an der Mitgliederzahl – grössten Fussballvereine Dänemarks. 450 Zuschauer, darunter die Mehrheit aus Manchester, sehen einen 3:2-Sieg der Dänen, bei denen einst schon Pierre-Emile Højbjerg und Yussuf Poulsen ihre Karriere lancierten.


Girondins Bordeaux - Rodez AF

2014 stattete ich Girondins Bordeaux im alten Stade Chaban-Delmas bei der Partie gegen Stade Rennais einen Besuch ab. Während der damalige Gast in der Saison 2022/23 einen Punkterekord realisierte, verlief der Weg der Girondisten durch das letzte Jahrzehnt einiges turbulenter: Vielseitigen Tiefpunkt stellte die Saison 2021/22 dar, als der Klub die Insolvenz sowie den Fall in die Drittklassigkeit zwar im allerletzten Moment verhindern konnte, nichtsdestotrotz als Tabellenletzter aber erstmals aus der Ligue 1 abstieg.

Nach einer ansprechenden Saison im Unterhaus, in der besonders die Fankurve auch dank der Anpassung der Ticketpreise wieder immense Lust verspürt hatte, bot sich am letzten Spieltag mit einem Heimsieg – bei einem zeitgleichen Patzer von Metz – die Chance auf den prompten Wiederaufstieg. Wenig überraschend vermeldete die im Zuge der EM 2016 gebaute Spielstätte am nördlichen Stadtrand für diese Partie ausverkaufte Ränge. Besonders die Fassade des Stade Atlantique sorgt mit ihrer Pfeilerstruktur für einen bewussten Blickfang seitens des Schweizer Architektenduos «Herzog & de Meuron».

Für einen würdigen Rahmen im «Spiel um alles oder nichts» sorgten die Ultramarines aus der Virage Sud. Bereits Stunden vor der Partie hatte die etablierte Gruppierung einen Empfang des Teambusses organisiert und zeigte zum Einlauf der Mannschaften eine gelungene Choreografie über beide Ränge. Eine aus Unstimmigkeiten während der Corona-Pandemie entstandene Abspaltung steht zudem im Oberrang gegenüber und bildet hinter einer Zaunfahne mit der Aufschrift «North Gate» ein zweites, deutlich kleineres, Stimmungszentrum.

Von den Rahmenbedingungen beflügelt, legten die Girondisten engagiert los und erarbeiteten sich Chancen im Minutentakt, boten den Gästen durch die offensive Ausrichtung aber immer wieder Gelegenheiten für Konter. Einen davon nutzte Rodez, das nur noch mit einem Auswärtssieg den Klassenerhalt bewerkstelligen konnte, in der 22. Minute zum 0:1 aus Sicht des Favoriten. Der anschliessende Jubel in eine unmittelbar vor dem Heimblock positionierte Kamera ging für einen Bordeaux-Anhänger zu weit: Er verschaffte sich Zutritt zum Innenraum und stiess den Torschützen zu Boden.

Es folgte ein rund einstündiger Unterbruch, ehe bei den 41’591 Zuschauern Gewissheit herrschte, dass die Partie zumindest an diesem Abend nicht wieder angepfiffen werden würde. Weil parallel der FC Metz zudem sein abschliessendes Heimspiel siegreich gestaltete, lösten sich auch die letzten Hoffnungen auf den Aufstieg und eine Freinacht im Stadtzentrum von Bordeaux in warme Sommerluft auf.

Immer wieder Annecy

Tatsächlich wertete die Liga die Partie nach Tagen der Ungewissheit als 1:0-Erfolg für die Gäste, was Rodez von einem Abstiegsplatz (17.) bis ins hintere Tabellenmittelfeld (14.) bugsierte. Grosser Verlierer des letzten Spieltags war hingegen der FC Annecy. Dieser hatte in der Vorwoche dank eines Triumphs über Bordeaux nicht nur erst einen derartigen Saisonfinal ermöglicht, sondern auch den vermeintlichen Klassenerhalt gefeiert. Durch den überraschenden Forfait-Sieg des Klubs aus Okzitanien, bei dem Annecy dem betroffenen Rodez-Spieler theatralisches Verhalten vorwarf, endete für den FCA die Spielzeit doch noch mit dem Abstieg in die dritte Liga.

Am bitteren Schicksal des Klubs konnte auch dessen Einsprache sowie der Vorschlag einer Durchführung der kommenden Ligue-2-Saison mit 21 Teams nichts ändern. Übrigens: Der Bordeaux-Anhänger, der den Spielabbruch herbeigeführt hatte, lebt ausgerechnet in Annecy.


Spezia Calcio - Torino FC

«Da, rechts!», entfährt es mir. Michael, der meine energische Stimmlage als pflichtbewussten Beifahrer seit vielen Jahren kennt und einzuschätzen vermag, bremst unverzüglich. Das abrupte Stoppmanöver kommt gerade noch rechtzeitig, um unser Auto einigermassen elegant auf ein rares Nebensträsschen zu lenken, das der Passstrasse am Monte Santa Croce entspringt.

Im Gras auf dem Abhang hinter der Leitplanke sitzend, geniessen wir die Aussicht auf die Bucht von La Spezia in der Dämmerung einer lauen Sommernacht. Am hellsten leuchten die Flutlichter des «Stadio Alberto Picco», in dem Spezia Calcio vor leeren Rängen zur letzten Partie der regulären Serie-B-Saison gegen Cosenza antritt. Grund für das Geisterspiel ist keine Zuschauersanktion, sondern die Ungewissheit der Corona-Pandemie im Juli 2020, die unserer Reisegruppe zwar einen Spielbesuch verwehrt, aber auch einmalige Eindrücke fern von Touristenmassen in Portovenere sowie den fünf Küstendörfern der Cinque Terre beschert.

Mit einem 5:1-Heimsieg über die Kalabrier schoss sich Spezia Calcio damals für die Playoffs warm, in denen die Spezzini Wochen später den Aufstieg ins italienische Oberhaus fixierten. So kam es, dass ein erneutes Aufkreuzen in La Spezia verbunden mit einem Spielbesuch im (!) Stadion für mich die erstmalige Komplettierung der Serie A markieren würde. Umstände, welche die malerisch gelegene Spielstätte mit ihrer geschwungenen Heimkurve, dem eingangs erwähnten Monte Santa Croce im Hintergrund und der Haupttribüne mit Giebeldach gleich noch einmal an Attraktivität gewinnen liessen.

Mit 10’776 Zuschauern fasst sie so wenig Fans wie keine andere Baute der Serie A und trägt den Namen des ersten Torschützen des Klubs, der kurz darauf im 1. Weltkrieg fiel. Mit der «Curva Ferrovia», hinter der einst die Eisenbahn zu einem Arsenal führte, steht ein zweiter Begriff rund um die Heimat von Spezia Calcio in Verbindung zum Militär. So passt auch die Parade ins Bild, mit welcher die Heimfans den Teambus von der Espressobar Piccolo Faro (kleiner Leuchtturm) bis zum Stadion geleiten.

«Militärische Disziplin» liess im letzten Heimspiel der Saison einzig die Mannschaft vermissen, die sich Torino – mit dem Schweizer Captain Ricardo Rodriguez – gleich mit 0:4 beugen musste. Damit zittert der von Schweizer Kaufmännern gegründete Klub drei Jahre nach dem Aufstieg weiter um den Verbleib in der Serie A.


FC Südtirol - Reggina 1914

1312 Kilometer trennen die Städte Reggio Calabria und Bolzano voneinander. Kein anderes Duell auf dem italienischen Festland erfordert eine längere Anreise – dennoch war der Gästeblock mit 625 Reggina-Fans innert weniger Minuten ausverkauft. Deren Team hatte sich erst dank eines Siegtors in der Nachspielzeit am letzten Spieltag für die Playoffs der Serie B qualifiziert und damit einem Punkteabzug getrotzt, den sich die Kalabrier zuvor durch nicht entrichtete Einkommenssteuern und fehlende Gehaltszahlungen eingefangen hatten.

Der Auftritt in Bozen – im Südtirol lebt eine deutschsprachige Mehrheit – ist für die Gäste damit Bonus einer sportlich gelungenen Saison, während sich der FC Südtirol bereits in der Aufstiegssaison in Richtung italienisches Oberhaus orientieren darf. Trotz der jüngsten Erweiterung des eigenen Stadions müsste der nördlichster Profiklub Italiens seine Heimspiele in der Serie A im Exil austragen, zumal das Stadio Druso den Ansprüchen der Liga nicht genügt – da hilft weder die denkmalgeschützte Haupttribünenfassade noch das sehenswerte Panorama mit den letzten Ausläufern der Dolomiten am Horizont.

Direkt unter dem Gebirgszug liegt mit der «Gradinata Nord» das Zuhause der kleinen Fanszene, die eindeutig italienisch geprägt ist und dies prominent zur Schau stellt: Nebst zahlreichen Italien-Fahnen sprechen diese Anhänger auch nicht vom FC Südtirol in Bozen, sondern vom FC Alto Adige in Bolzano. Damit torpedieren sie die Absicht der Gründerväter in Form lokaler Unternehmer, die Mitte der 1990er-Jahre einen Profifussballklub im Südtirol aufbauen wollten, der beide Bevölkerungsgruppen eint und bis heute tatsächlich auf der Webseite als auch bei den Stadiondurchsagen zweisprachig geführt wird.

Im italienischen Playoff-Format genügt dem in der regulären Saison besser platzierten Team jeweils ein Unentschieden zum Weiterkommen. Diese Hürde wird in der Playoff-Vorrunde für den Aussenseiter gar noch erhöht, da es kein Rückspiel gibt und das besser klassierte Team im entscheidenden Aufeinandertreffen Heimrecht geniesst.

So kann der FCS auch im Duell mit den Süditalienern seinem Erfolgsrezept treu bleiben und tief stehend mit wenig Ballbesitz auf Konterchancen lauern. Orchestriert von Routinier und Ex-Atalantino Andrea Masiello lässt die Südtiroler Defensive auch an diesem Freitag vor 5419 Zuschauern trotz geringer Spielanteile kaum Grosschancen zu. Kurz vor Schluss setzen die Gastgeber zum Gegenangriff an und besiegeln mit dem 1:0 das eigene Weiterkommen, während sich Reggina-Trainer Filippo Inzaghi und seine Mannschaft in die Sommerpause verabschieden müssen.


Rot-Weiss Essen - VfB Oldenburg

Geht es um Groundhopping, einen Begriff, den ich auf dieser Webseite mit dem Zusatz «game-changing reports» mittlerweile bewusst umschiffe, finden sich in meinen Lesezeichen gerade einmal zwei Auftritte, die ich regelmässig konsultiere und besonders in Zeiten inflationär entstehender Instagram-Groundhopping-Profile zu schätzen weiss.

Einerseits betrifft dies Bernd aus Meppen, ein geschätzter Kollege, dessen Webpräsenz Fever Pitch mir besonders wegen der ansprechenden Spielauswahl und des unterhaltsamen Schreibstils gefällt, der nicht primär auf das Geschehen auf dem Platz abzielt. Die andere Webseite gehört Michael aus Essen, der auf Groundfever sein Hobby in Form einer unheilbaren Krankheit passend beschreibt. Im Gegensatz zu Bernd besucht er Spiele in höherer Kadenz und gewährt dem Leser besonders bei exotischen Reisen stets einen kulturellen Kontext.

Zum Abschluss meiner Vortragstournee zur indonesischen Fankultur in Nordrhein-Westfalen bot sich ein Besuch bei Rot-Weiss Essen an, bei dem mich Michael als Lokalmatador begleitete und mir vorab noch die Zeche Zollverein zeigte. Als ehemaliges Steinkohlebergwerk stellt es heutzutage ein UNESCO-Welterbe dar und bietet dem Besucher einen guten Überblick zum einst führenden Industriezweig im Ruhrgebiet.

Kein Welterbe, aber für Teile der Essener Bevölkerung dennoch eine elementare Baute, steht an der Hafenstrasse 97a, auch wenn das einstige Georg-Melches-Stadion mittlerweile einem Neubau (mit Potenzial zur Erweiterung) weichen musste. Dass es an diesem Sonntagnachmittag aber nur selten so laut wird wie in der alten Heimat, liegt nicht an der Infrastruktur, sondern nebst einem mauen 0:0 vor 17’657 Zuschauern auch am Zerwürfnis zwischen dem Klub und seiner Fanszene. Diese unterstützt das Team im Abstiegskampf der 3. Liga zwar weiterhin akustisch, verzichtet aber seit der Aussprache von 76 Hausverboten im Herbst 2022 auf jegliche visuelle Aktionen.

Auch beim VfB Oldenburg lassen sich gewisse Differenzen erahnen, wobei diese den Fanblock isoliert tangieren: Beim Auftritt in Essen positioniert sich die neu gegründete Gruppe Succade Ultrà Oldenburg, die hier das Verhältnis zum einstigen Commando Donnerschwee erläutert, am oberen Ende des Blocks, während sich im unteren Bereich die Oldenburger Vertreter der dritten Halbzeit (OL Hooligans) mit befreundeten Personen aus Aachen (Boxstaffel 520) einfinden.