Sportfreunde Lotte - FC Schalke 04 II (28.08.21)

Auf der Fahrt von Bielefeld nach Münster, wo ich mit meiner soziokulturellen Vortragsreihe zur Fankultur in Indonesien Halt machen durfte, bot sich ein Besuch bei den Sportfreunden aus Lotte an.

Spätestens seit dem Abstieg 2019 – nach drei Spielzeiten in der 3. Liga – fristet der Club aus dem Tecklenburger Land ein unscheinbares Dasein am Autobahnkreuz vor Osnabrück. Heute empfing er die Zweitmannschaft von Schalke 04 im Stadion am Lotter Kreuz, das in den letzten Jahren schrittweise erweitert wurde und derzeit zwei Drittel der Einwohner aus der 15‘000-Einwohner-Gemeinde beherbergen könnte. Angesichts der 565 Zuschauer scheint das Stadion zumindest in der Regionalliga West doch stark überdimensioniert.

Noch in der 3. Liga verzeichneten die Sportfreude an den Heimspielen jeweils ein Fünffaches der heutigen Zahl, wobei ein derartiger Rückgang die Verantwortlichen alarmieren sollte. Gründet der Zuschauerschwund tatsächlich einzig in Covid-19, den horrenden Ticketpreisen – 17 Euro für einen Platz auf der Hintertortribüne – und den unattraktiveren Gegnern?

Gegen die Jungknappen feierten die Sportfreunde einen verdienten 2:0-Heimsieg, wobei Schalkes Nachwuchs über die gesamte Spielzeit äusserst stümperhaft agierte. Nach einem Foul in der 8. Minute und einem Penaltypfiff liefen die Gäste schon früh einem Rückstand hinterher. Bei ihren Abschlüssen scheiterten sie entweder am eigenen Unvermögen oder am starken Lotter Goalie Michael Luyambula, der ausgerechnet aus dem Nachwuchs von Borussia Dortmund stammt.


FC Lauterach – SKN St. Pölten (16.07.21)

Am Schluss war das Verdikt klar: Der FC Lauterach unterliegt dem Bundesliga-Absteiger aus St. Pölten in der ersten Runde des ÖFB-Cups mit 0:5. Dabei war das Spiel besonders nach dem ersten Tor der Gäste bis kurz vor der Pause ausgeglichen.

In der 9. Minute hatte Christian Ramsebner, St. Pöltens prominenter Neuzugang vom LASK, per Kopfball das Skore für die Gäste eröffnet. Ausgerechnet danach hatte der Gastgeber aber seine beste Phase. Zwar fehlten den Vorarlbergern die zwingenden Torchancen, doch sie neutralisierten den Zweitligisten erfolgreich in der Mittelzone. Eine harte gelb-rote Karte und ein Tor am Rand des Abseits durch Ex-Rapid-Stürmer Deni Alar kurz vor der Pause entpuppten sich schliesslich als richtungsweisend für die Partie. Dennoch wehrte sich der FC Lauterach auch in Unterzahl wacker, ehe die Kräfte nach einer Stunde klar nachliessen. Drei weitere sehenswerte Tore für den Favoriten waren der Preis dafür. Die Niederösterreicher, die jüngst eine Kooperation mit dem VfL Wolfsburg eingegangen sind, steigen damit souverän in die zweite Runde auf.

Für viele Leser hört sich der FC Lauterach wohl wie ein Dorfverein aus dem Vorarlberg an, dabei ist der Heimatverein von Österreich-Legende Bruno Pezzey in Wirklichkeit ein ambitionierter Drittligist, der in der abgelaufenen Saison bis zum Abbruch sogar die Tabelle anführte. Auch die Sportanlage Ried wirkt seit der Inbetriebnahme der neuen Sitzplatztribüne den hohen sportlichen Ambitionen würdig, auch wenn sich der Menschenauflauf heute mit 500 Zuschauern in Grenzen hielt.


Niederlande – Tschechien (27.06.21)

Fehlende Alternativen, Abstinenzerscheinungen und eine Parallelwelt ohne Masken- oder Abstandspflicht. Dies sind die Zutaten, die mich nach reichlicher Überlegung über meinen Schatten springen und damit das erste Mal an einen fussballerischen Grossevent auf nationaler Stufe reisen liessen.

Bei einem verlängerten Wochenende in Budapest besteht auch während der Sommerpause die Möglichkeit, mehr als ein Fussballspiel zu besuchen. So empfing MTK am Samstagmorgen Zweitligaufsteiger III. Kerületi TUE und der BVSC Zugló spielte gegen das knapp am Aufstieg gescheiterte Vasas, doch der Reiz von einem Spiel auf dem Trainingsplatz oder in einem bereits besuchten Stadion war zu gering.

Für Fussballfeeling war dennoch bereits am Vortag des EM-Spiels gesorgt. So vertrieben wir uns die Zeit in der Innenstadt mit holländischen Fans aus Doetinchem. Einmal mehr war der Alkohol (ihrerseits) sowie die fussballbedingten Kenntnisse ihres Heimatvereins De Graafschap (meinerseits) der Türöffner für unterhaltsame Stunden in der Nachmittagshitze der ungarischen Hauptstadt. Während das Gastspiel ihrer Mannschaft in Budapest voraussehbar war, wussten die Holländer lange nicht, auf wen sie im Achtelfinale treffen werden. Ein uninspirierter Auftritt Polens und ein spätes Tor der Deutschen machten meine Hoffnungen auf einen Auftritt der Ungaren in ihrer Heimat am letzten Spieltag der Gruppenphase zunichte.

Obschon Holland gegen Tschechien nicht das attraktivste Achtelfinale dieser Europameisterschaft darstellt, zeichnet sich am Sonntag schon früh ein Fussballfest ab. Die Sonne scheint mit aller Kraft und die Fanzone rund um den Heldenplatz ist brechend voll, als sich die orangene Karawane drei Stunden vor Anpfiff ihren Weg zum Stadion bahnt. Angeführt wird sie von einem offenen Doppeldeckerbus, dessen Lautsprecher die holländischen Fans mit Hardstyle-Klängen beschallt. Der Treffpunkt der Fans wird direkt nach deren Abmarsch geputzt, sodass eine halbe Stunde später nichts mehr darauf hindeutet, dass sich hier noch vor wenigen Augenblicken mehrere Tausend Leute unter reichlich Alkoholeinfluss auf das anstehende Spiel – und die vermeintlich sichere Qualifikation für das Viertelfinale – eingestimmt hatten.

Wer die Strecke vom Heldendenkmal zum Stadion ruhiger angehen möchte, dem sei die Variante durch den Városliget empfohlen, einer der grossen Parks in der Innenstadt, der jüngst aufwendig restauriert wurde. Nicht weniger spektakulär kommt das neue Nationalstadion, die Puskás Arená, einige Gehminuten weiter südlich daher. Der nach Ferenc Puskás benannte Bau ist imposant, erinnert an den pompösen sowjetischen Baustil und war für den fussballbegeisterten Autokraten Viktor Orbán eine Herzensangelegenheit.

Während mir vor dem Stadion und in der Innenstadt vor allem die holländischen Fans aufgefallen sind, zeigen sich meine Begleitung und ich im Stadioninnern überrascht, wie viele Tschechen die verhältnismässig kurze Anreise ausgenutzt haben. Begünstigt durch den Spielverlauf werden sie in der Folge besser zu hören sein, als die holländischen Fans. Am lautesten wird es an diesem Sommerabend aber bei den Hungaria-Rufen des einheimischen Publikums, das die 52‘834 Zuschauer beim vierten und letzten Spiel in Budapest noch ein letztes Mal daran erinnert, wer hier stolzer Gastgeber ist.

Auf dem Rasen sorgt eine rote Karte gegen Matthijs de Ligt für die Entscheidung zu Ungunsten der Holländer. Der Verteidiger von Juventus spielt den Ball mit der Hand und verhindert damit eine klare Torchance. Damit verliert die holländische Dreierkette ihr zentrales Glied. Die tschechische Nationalmannschaft weiss diesen Vorteil auszunutzen und sorgt mit dem 0:2 aus Sicht des Favoriten für die erste Überraschung am diesjährigen Turnier. Auch wenn in der Mannschaft der Tschechen die absoluten Stars fehlen, haben sie nebst einem starken Kollektiv mit Patrik Schick und dem Ex-Basler Tomas Vaclik vorne und hinten zwei Akteure, die den Unterschied ausmachen können.

Von der holländische Feststimmung ist nach der Niederlage in der Stadt nichts mehr zu spüren. Stattdessen sind es die Tschechen, die den ersten Einzug ins Viertelfinale seit 2012 feiern. Für Holland reiht sich die EM damit in die enttäuschenden Auftritte der letzten Jahre ein: Seit den grossen Erfolgen an den Weltmeisterschaften in Südafrika und Brasilien ging es für die Oranje nur noch bergab.


FC Celerina – CB Lumnezia (20.06.21)

Europas höchster Fussballplatz mit Naturrasen liegt in Celerina. An dieser Stelle im Oberengadin, auf über 1700 Höhenmetern, ist das Tal gegen drei Seiten hin offen. Dadurch profitiert Celerina nicht nur von mehr Sonnenstunden als beispielsweise das benachbarte St. Moritz, sondern auch von einer einzigartigen Kulisse für den lokalen Fussballplatz. Dieser liegt hinter einer Anhöhe, die das Dorf vom Berninatal und damit von Pontresina trennt. Benannt ist der Platz nach der Kirche San Gian, einem Wahrzeichen der Region. Besonders der Kirchturm sticht dabei ins Auge, dessen Spitzhelm 1682 vom Blitz getroffen wurde und dem seither das Dach fehlt.

An diesem Wochenende bietet sich die rare Gelegenheit, die Heimspiele von Valposchiavo Calcio und dem FC Celerina zu kombinieren. Dies bemerkte auch der Ostschweizer Fussballverband und nominierte den gleichen Schiedsrichter wie am Vortag im Puschlav. Dieser wohnt ganz in der Nähe von St. Gallen, wie seine Freundin verlauten lässt, die das Spiel von der Holzbank auf dem Hügel aus mitverfolgt.

Die Spielübersicht, die sie dabei geniesst, wäre den Spielern nur zu wünschen, denn es ist Fussball auf bescheidenem Niveau und zweittiefster Ligastufe, den die beiden Mannschaften den 60 Zuschauern bieten. Die rauen klimatischen Verhältnisse und die geografische Lage gelten dabei nur bedingt als Ausrede. Das Spiel endet mit 0:2 für den «Club da Ballapei» aus Lumnezia, der damit neuerdings die Tabelle der 4. Liga anführt.

Der Star an diesem Nachmittag bleibt aber der Spielort selbst. Dies dachte sich auch der ehemalige Schweizer Trainer Christian Gross, als er zur Einweihung des neuen Clubhauses einst versprach, mit seinem Verein Al Ahli hierhin ins Trainingslager zu reisen. Gross hielt sein Wort und bereitete sich im Jahr darauf mit seiner saudischen Mannschaft in Celerina auf die neue Saison vor. Ein Testspiel gegen den Gastgeber entschied der damalige Vizemeister der Saudi Professional League – trotz der ungewohnt dünnen Luft – übrigens klar zu seinen Gunsten.


Valposchiavo Calcio – FC Ems (19.06.21)

Wer vom Engadin aus den Berninapass überquert, dem steht eine steile Abfahrt in den südöstlichsten Zipfel der Schweiz bevor. Es geht hinunter ins Puschlav, vorbei an steinigen Berglandschaften, denen der Autofahrer deutlich weniger Aufmerksamkeit schenken kann als der Passagier in der Bernina Bahn, die in dieser Region zum UNESCO-Welterbe zählt.

Eine ihrer letzten Haltestellen vor der italienischen Grenze heisst Campascio und ist der Ort, an dem Valposchiavo Calcio seine Heimspiele austrägt. Vor zwanzig Jahren dem Zusammenschluss der AC Poschiavo und der US Brusiese entsprungen, spielt der Verein im Ostschweizer Fussballverband mit. Dies bedeutet nicht selten weite Anreisen und so kommt es vor, dass die Feierabendfussballer, wie etwa beim Auswärtsspiel in Buchs, rund 2.5 Stunden unterwegs sind – eine Seltenheit in der Schweizer Liga.

Auf dem Sportplatz Casai, nur fünf Kilometer von Tirano entfernt, wird Italienisch gesprochen. Einzig die Aufforderung „Pfiff emol, Pink Panther“ eines Seniors an den in pink gekleideten Schiedsrichter erinnert mich daran, dass die meisten Menschen hier auch Dialekt sprechen können. Es herrscht eine familiäre Atmosphäre unter den 60 Zuschauern, die an diesem frühen Samstagabend auf der kleinen Tribüne oder auf den Festbänken Platz genommen haben. Die Salsiccia brutzelt auf dem Grill, Kinder spielen mit dem Hund auf dem trockenen Rasen und die Seitenlinien weisen die eine oder andere Krümmung auf, die eigentlich nicht sein sollte. Die Europameisterschaft ist in solchen Momenten ganz weit weg.

Zu Gast ist heute der Tabellenführer aus Ems, während Valposchiavo Calcio im Mittelfeld der 3. Liga steht. Die treffsicheren Emser und das kleine Spielfeld lassen mich auf ein torreiches Spiel hoffen. Doch das Gegenteil ist der Fall und so muss ich mich bis zur letzten Minuten gedulden, ehe die Angst vor dem ersten torlosen Unentschieden seit Dezember 2019 doch noch aus dem Hinterkopf verschwindet. Es sind die Gäste, die mich und sich nach einem Freistoss aus dem Halbfeld erlösen. Die Freude über den vermeintlichen Siegtreffer ist gar so gross, dass der Linienrichter – ein Emser Auswechselspieler – sein Trikot auszieht und mit der Mannschaft feiert. Für diesen Neutralitätsverlust bekommt er vom Schiedsrichter prompt die gelbe Karte gezeigt. Auch auf dem Platz werden die Emser in der letzten Minute der Nachspielzeit noch zünftig bestraft. Eine rote Karte und ein damit verbundener Penaltypfiff bedeuten die grosse Chance zum Ausgleich für Valposchiavo. Es ist eine Aufgabe für den 38-jährigen Paolo Nogheredo, den älteste Spieler in den Reihen der Gastgeber. Der Routinier behält die Nerven und verwertet sicher zum 1:1. Danach ist Schluss, zumindest mit dem spielerischen Teil, denn der turbulenten Nachspielzeit folgt eine Rubelbildung im Mittelkreis.


FC Götzis – SCR Altach II (11.06.21)

Das Möslestadion in Götzis und das Stadion Schnabelholz in Altach liegen nur einen Kilometer Luftlinie voneinander entfernt. Derbystimmung kommt an diesem Freitagabend in Vorarlberg dennoch keine auf, handelt es sich doch um ein Testspiel und die Zweitvertretung der Altacher. 

Die Spieler zeigen sich entsprechend lethargisch und träge, die Wärme und der lange Unterbruch macht beiden Mannschaften ganz offenbar zu schaffen. So verkommt der 2:0-Heimsieg zu einem dieser Spiele, die ohne Penalty wohl torlos geendet hätten. Die 100 Zuschauer widmen sich deshalb lieber ihrem Bier, meine bedingt fussballbegeisterte Begleitung Jonathan döst auf der Sitzbank vor sich hin und auch ich reserviere den Tisch in der nahegelegenen Gartenlaube fürs anschliessende Wiener Schnitzel mit Pommes Frites schon während dem Spiel. 


NK Pajde – FC Muri (06.06.21)

Als ich am Sonntag im Zug nach Zürich sitze, kann ich es nicht lassen, einen Blick in die App „futbology“ zu werfen. Diese birgt eine Art Radar, der die Fussballspiele in nächster Umgebung anzeigt. Prompt weist mich die App auf ein Heimspiel des NK Pajde hin. Erst halte ich den Eintrag für einen Fehler, stammt der Verein mit Möhlin doch aus einer Aargauer Gemeinde in der Agglomeration von Basel. Als der Fussballverband das Spiel in der Sportanlage Au im zürcherischen Opfikon bestätigt, bin ich verunsichert.

Ich durchforste das Internet und stosse auf eine Meldung, die über die anstehende Fusion des NK Pajde und dem Zürich City SC informiert. Auf der einen Seite also der NK Pajde, der im Volksmund gern auch als Rakitic-Club bezeichnet wird. Grund ist die aus Möhlin stammende Familie rund um Luka Rakitic. Dieser ist Gründer des Vereins und Vater von Sevilla-Spieler Ivan, der zwar keine offizielle Funktion im Verein bekleidet, diesen offenbar aber anderweitig unterstützt. Sein anderer Sohn Dejan verliess den Fünftligisten bereits vor einem Jahr – danach ging es sportlich bergab.

Auf der anderen Seite der Zürich City SC, ebenfalls ein Verein mit spannendem Hintergrund. Als FC Tetova gegründet, nennt er sich 2019 plötzlich FC Zürich United. FCZ-Boss Ancillo Canepa passt diese Ähnlichkeit nicht und so muss der Verein seinen Namen schnell wieder ändern. Heute heisst er Zürich City SC und preist sich auf der Webseite als «wahrer Stadtzürcher Fussballverein» an. Hinter dem Projekt steckt Ali Yurdakul, ein türkischer Funktionär aus Zürich und ein im Schweizer Amateurfussball nicht unbeschriebenes Blatt. So präsidierte Yurdakul beispielsweise bereits Real Madrid Zürich bis zur Abmahnung und anschliessend den SC Barcelona Zürich.

Die Bündelung der Kräfte hat der Verein bitter nötig, liegt der NK Pajde doch mit einem Punkt aus acht Spielen am Tabellenende der 2. Liga interregional. Heute holt er mit dem 1:1 vor 200 Zuschauern so viel Punkte wie bisher in der ganzen Saison – der Restart ist damit aus sportlicher Sicht geglückt. Neben dem Platz wartet auf den neuen Verein aber noch viel Arbeit. So etwa wissen zum Anpfiff weder der Ballbub noch eine Juniorin am Spielfeldrand, welche der beiden die Heimmannschaft ist.


US Schluein Ilanz – FC Bad Ragaz (02.06.21)

Exakt 227 Tage sind seit meinem letzten Besuch in einem bisher unbekannten Stadion vergangen. Nur eine Woche weniger lang warten die Verantwortlichen aus Schluein auf ein Heimspiel. Anfangs Juni sollten beide Seiten erlöst werden, da die Uniun Sportiva, wie der Verein in der rätoromanischen Sprache heisst, den FC Bad Ragaz empfängt.

Die Sportanlage erreiche ich an diesem Dienstag nach Feierabend in etwas mehr als einer Stunde. Die Autofahrt nach Graubünden führt mich und meinen Begleiter Nico durch ein Gebiet, das wir vor allem aus der Wintersaison kennen. Nebst unberührten Pisten und kolossalen Hotelbauten bietet die Region Surselva aber auch eine ganz besondere Stadionperle.

Diese verdankt ihren Namen einem «Crap Gries» (zu Deutsch dicken Stein), der einst direkt am Fussballplatz gelegen hatte. Zwar spielt der Fusionsverein heute nicht mehr am selben Ort wie damals, der Name blieb aber bestehen. 2015 weihten sie in Schluein schliesslich ihr neues Clubhaus mit einmaliger Holztribüne ein, dass zahlreiche Freunde des Vereins in über 6'000 Stunden freiwilliger Arbeit gemeinsam erbauten. Die Tribüne ist derart gelungen, dass die USSI bereits den Hamburger SV oder die österreichische Nationalmannschaft zur Vorbereitung empfangen durfte.

Heute sind es rund 100 Zuschauer, die sich dem Treiben auf dem Rasen widmen. Der Gastgeber trennt sich dabei gerecht mit 1:1 vom Gegner aus dem Rheintal. Das Grillgut läuft heiss und das Bier kalt den Rachen hinunter. Es tut gut, nach so langer Zeit wieder am Spielfeldrand zu sitzen und mit einem Kollegen entspannt über Nebensächlichkeiten zu sinnieren.


Slavia Sofia – Levski Sofia (18.10.20)

Stadtderby unter Flutlicht! Doch was heisst das schon in Sofia, der Stadt mit sieben Vereinen in den ersten zwei Ligen. Neben den beiden CSKA, deren Geschichte ich im letzten Beitrag beleuchtet habe, spielen Levski, Slavia und Tsarko Selo in der «A Grupa» mit. In der zweiten Liga sind es Lokomotiv und Septembri, die aus Sofia stammen.

An diesem Sonntagabend stehen sich Slavia und Levski gegenüber und locken 3‘000 Zuschauer in den Südwesten der Hauptstadt. Gespielt wird im Owtscha-Kupel-Stadion, ein in die Jahre gekommenes Exemplar mit weitläufigen Traversen. Im Sektor A, links unterhalb der Haupttribüne, ist der Platz der Fanszene von Slavia, die eine Fanfreundschaft zu den Young Boys nach Bern unterhält. Passend dazu nennt sich die Gruppe «Boys Sofia» und zeigt in den 90 Minuten – trotz numerischer Unterzahl – ansprechenden Support und gleich mehrmals Pyrotechnik.

Gegenüber finden sich, in zwei voneinander getrennten Bereichen, die Levski-Fans ein. Während der Grossteil der Fanszene um «Sektor B» auf der Längsseite steht, versammelt sich schräg neben dem Tor auch eine Abordnung hinter einer Zaunfahne mit der Aufschrift «Ultras Levski». Diese Gruppe spaltete sich 2018 vom Gros der Fanszene ab, da sie nicht mit deren Entwicklung übereinstimmte – unter anderem aufgrund der finanziellen Abhängigkeit gegenüber dem Verein. Bei Heimspielen von Levski sind sie auf der Haupttribüne zu finden.

Dass die beiden Gruppen – trotz gleichem Lieblingsverein – auch bei Auswärtsspielen besser getrennt werden, zeigte sich Ende September in Plovdiv. Die Verantwortlichen von Botev Plovdiv brachten sie im gleichen Sektor unter, was prompt in einer Massenschlägerei endete. Daraus resultierten 43 Stadionverbote, allesamt gegen die Ultras Levski. So ist es insofern überraschend, dass sie heute überhaupt ins Stadion dürfen. Während des Spiels hinterlassen sie einen passiven Eindruck, auch wenn ihre Zaunfahne durchaus zu gefallen weiss. Auf der Gegentribüne zeigen die auffallend dunkel gekleideten Levski-Fans rund um Sofia West einen eindrücklichen Auftritt mit lauten Gesängen und gewohnt hoher Mitmachquote.

Die Situation weist Parallelen zu jener bei Partizan Belgrad auf und auch wenn ich die Hintergründe nicht kenne, ist es stets schade, wenn eine Fanszene nicht mehr am selben Strang zieht. Auch sportlich hat Levski schon bessere Zeiten durchlebt und steht nach dem ersten Saisonviertel weit hinter den Erwartungen. In meinen Augen rechtfertigt jedoch weder der bescheidene Saisonstart noch ein 1:0-Heimsieg von Aussenseiter Slavia, dass nach dem Spiel im Gästeblock die Hälfte der Sitzschalen fehlen.

Sofia liegt auf der gleichnamigen Ebene am Rand des Witoscha-Gebirges. Dieses ist namensgebend für den Boulevard, der zentralen Einkaufsstrasse, hinter dem sich der Kulturpalast und die Berge auftun. Zwar verfügt die bulgarische Hauptstadt über keine Anbindung an einen Fluss oder See, im Zentrum gibt es jedoch warme Quellen und ein ehemaliges Mineralbad. Im Sommer gilt das Gebirge als Naherholungszone, im Winter können die Sofioter dort auch Ski fahren.

Als eine der ältesten Städte Europas hat Sofia viel zu erzählen. Ein Grossteil davon erfährt der Besucher im Zentrum, das einer Ausgrabungsstätte gleicht und Überreste verschiedener Zeitalter zum Vorschein bringt. So hiess Sofia in der Antike «Serdika» und kam erst im 14. Jahrhundert zum jetzigen Namen. Grund dafür ist die markante Kirche der Heiligen Sofia, die damals schon von weit ausserhalb der Stadt zu sehen war und als Erkennungsmerkmal galt. Ganz in der Nähe liegt mit der Alexsander-Newski-Kathredale die grösste orthodoxe Kirche des Landes und das heutige Wahrzeichen der Stadt.

Von der bewegten Geschichte zurück in die Gegenwart: 113 Tage lang belagerten Kritiker unter dem Motto «Ostavka» (Rücktritt) den Vorplatz des Regierungsgebäudes und forderten Ministerpräsident Bojko Borissow und Generalstaatsanwalt Iwan Geschew zur vorzeitigen Amtsniederlegung auf. Ihnen wird vorgeworfen, staatliche Institutionen geschwächt und stattdessen Oligarchen begünstigt zu haben. Anfang November wird der Protest schliesslich unterbrochen. Die offizielle Begründung liefert die sich verschlechternde Lage im Kampf gegen die Pandemie, allerdings signalisierte auch niemand aus der rechtskonservativen Koalitionsregierung die Bereitschaft zurückzutreten.


CSKA Sofia – Beroe Stara Zagora (17.10.20)

Mitte Oktober 2020: Stell dir vor, es ist Fussball und jeder geht hin. Bei über einer Million Einwohner, die in Sofia leben, ist diese Aussage natürlich übertrieben. Für Personen, die volle Fankurven nur noch aus sehnsüchtigen Erinnerungen kennen, sind über zweitausend Zuschauer aber deutlich mehr, als jedes Mal in den Monaten vorher. Mit einer Ausnahme: im August, als ich einige Tage in Budapest verbrachte.

Dort sah die Politik der Pandemie entspannt entgegen. In Bulgarien sind die Umstände ähnlich: Bisher vergleichsweise tiefe Fallzahlen bedeuten – auch für den Fussballbetrieb – nur moderate Einschränkungen. Konkret darf jedes Stadion maximal zur Hälfte und jeder Block mit maximal tausend Zuschauern belegt sein. Da die meisten Vereine in einem grossen Stadion spielen und diesen Prozentsatz sowieso nur selten überschreiten, schränkt sie der Regierungserlass kaum ein.

In Sofia war ich Ende 2015 bereits einmal. Damals habe ich mir das gammelige Rakovski-Stadion und auch ein Spiel der ersten Liga angeschaut. Genau genommen waren es allerdings nur 44 Minuten Fussballkost, die Levski Sofia und Litex Lovech den Zuschauern an jenem kalten Dezemberabend geboten haben. Nach strittigen Entscheidungen des Schiedsrichters gegen die Gäste, die zum Zeitpunkt des Unterbruchs in Führung lagen, erzwang der Vereinspräsident von Litex einen Spielabbruch, indem er seine Mannschaft in die Kabine beorderte. Der bulgarische Fussballverband schloss Litex Lovech nach diesem Eklat mit sofortiger Wirkung von der Meisterschaft aus.

Nun wird es spannend: Ein halbes Jahr zuvor verweigerte der Verband CSKA Sofia, dem erfolgreichsten Verein des Landes, aufgrund von Zahlungsunfähigkeit die Lizenz und stufte ihn in die dritte Liga zurück. Nach diesem Zwangsabstieg präsentierte sich im Juni 2015 Grischa Gantschev, ein Geschäftsmann aus der Ölbranche, als neuer CSKA-Besitzer und Retter. Pikant: Gantschev besitzt zu diesem Zeitpunkt mit Litex Lovech bereits den Verein, der in der Winterpause aus der ersten Liga verbannt wird.

Unter seiner Führung gewinnt CSKA Sofia im Folgejahr als erster Drittligist völlig überraschend den bulgarischen Cup. Im Sommer 2016 witterte Opportunist Gantschev schliesslich seine Chance. Er benennt Litex Lovech – unter gütiger Mithilfe von Funktionären und Politikern – in PFC CSKA Sofia um und verfrachtet den Verein in die Hauptstadt, wo er fortan in der ersten Liga spielt. Die nötige Lizenz liefert der damalige Drittligist Chavdar Etropole. Das ruhmreiche CSKA Sofia aus der dritten Liga, wie auch der ausgeschlossene Erstligist Litex Lovech, existieren plötzlich nicht mehr.

Einige CSKA-Fans, allen voran die führende Ultra-Gruppierung Ofanziva, proklamieren diesen Tag als Todestag ihres Vereins. Sie gründen einen neuen Verein unter dem Namen CSKA 1948 Sofia und starten in der vierten Liga. Auch Litex Lovech wird neu gegründet und spielt mittlerweile wieder in der zweiten Liga. Im Gegensatz zur Situation in Lovech, die kaum mediales Aufsehen erregt, tobt in Sofia seither ein Streit darüber, welcher Verein das rechtmässige CSKA verkörpert.

Als das aus Protest gegründete CSKA 1948 Sofia auf diese Spielzeit hin gar den Aufstieg in die höchste Spielklasse realisierte, steht die Hauptstadt plötzlich vor mehreren brisanten Derbys: die Spiele gegen Rivale Levski, aber auch die Duelle zwischen PFC CSKA Sofia und CSKA 1948 Sofia. Das Recht am Wappen hat sich PFC CSKA Sofia, also jener Verein von Grischa Gantschev, gesichert und auch ein Grossteil der CSKA-Fans, darunter die beiden grossen Fangruppierungen Animals und Offenders, sehen in jenem CSKA den wahren Nachfolger ihres Vereins. Einzig für Fans von Levski Sofia ist klar, dass PFC CSKA Sofia nur eine billige Kopie ist. So beerdigten sie ihren Rivalen bereits vor Jahren mit einem symbolischen Trauerzug im Vorlauf des ersten Derbys nach der Rückkehr von PFC CSKA Sofia in die erste Liga.

Im Waldstück hinter dem Nationalstadion Vasil Levski, wo CSKA 1948 Sofia spielt, liegt die Heimat von PFC CSKA Sofia. Heute ist Beroe aus Stara Zagora zu Gast, einer Stadt im Zentrum Bulgariens. Zum Anpfiff zeigt die Heimkurve eine schöne Choreografie. Allgemein geniesst die Mannschaft – die von den meisten Fans nur CSKA Sofia genannt wird – zurzeit grossen Rückhalt. Grund dafür ist der Einzug in die Gruppenphase der Europa League, wofür CSKA unter anderem auch den FC Basel ausschaltete. Es ist ein unterhaltsames Duell, dass sich CSKA und Beroe liefern. Beide stehen in der Tabelle weit vorne und spielen offensiv – eine günstige Konstellation auf ein spannendes Spiel für den neutralen Beobachter unter den 2’500 Zuschauern. Die Gästeführung vermag CSKA nach einem Eckball ausgleichen; es bleibt schliesslich bei einem verdienten 1:1-Unentschieden. Für mich bleibt jedoch das Rundherum heute Abend das Spannendste: Die Hintergründe zum Namensstreit der beiden Vereine, vor allem aber die Gesänge der Heimfans, die meinen Fuss im Takt wippen und mich die Pandemie einen Moment lang vergessen lassen.