Jena ist im Fussballkontext ein Gemisch aus Stadt, Stadion und Fanszene, das sich nicht sauber auseinanderziehen lässt. Eine Stadt, die als einzige in Thüringen wächst und sich doch immer wieder in Bürokratie verrennt. In diesem Zusammenhang ist «Sicherheitsbürgermeister» Benjamin Koppe direkter Adressat der jüngsten Tiraden. Ein nicht vom Klub verwaltetes Stadion mit Hausverboten als Standardmittel und nur ganz selten auch tatsächlichen Stadionverboten für einzelne Protagonisten, zumal die Grundlagen dafür oft auf sehr dünnem Boden stehen – wenn, dann sind es verpasste Fristen oder zu spät eingereichte Einsprüche. Und eine Fanszene, die durch den Kampf gegen diese Widrigkeiten erst in dieser Form gereift ist.
Der Konflikt läuft dabei nicht nur über einzelne Massnahmen im Sicherheitswahn, sondern über das Stadion als Ganzes. Rund um das nach dem Physiker Ernst Abbe benannte und umgebaute Sportfeld im Stadtteil Paradies geht es auch um den gefährdeten Stadionturm und die Heimkurve als Teile eines Ortes, der seit Jahren in Umstrukturierungs- und Zukunftsdebatten hängt. Die Nord-Süd-Frage ist dabei zentral, weil sie direkt in die Kurvenstruktur eingreift. «Südkurve bleibt» ist deshalb nicht nur eine Forderung der aktiven Fanszene, sondern eher eine seit vielen Jahren vertretene Ideologie gegen Verlagerung und gegen die schleichende Auflösung gewachsener Strukturen. In diesem Zusammenhang muss sich die Fanszene allerdings auch selbst hinterfragen, ob sie durch ihre Prinzipien nicht Gefahr läuft, sich ideell zu verrennen, die breite Basis zu verlieren und damit der eigenen Entwicklung zu schaden. Doch wer sich selbst – vielleicht nicht derart präsent wie Toni Schley als Gallionsfigur der Jenaer Fanbewegung – in diesem Umfeld immer wieder zwischen Ideologie, Lokalbezug und Kurvenrealität bewegt hat, weiss, dass bei gewissen Themen nach getroffenen Entscheidungen oft nur noch die Flucht nach vorne bleibt, um sich nicht den eigenen Werten gegenüber aufzugeben.
Vielleicht hat die Fanszene des FCC genau deshalb ihren eigenen Stil entwickelt und bewahrt, unabhängig von anderen starken Kontrahenten in der Region und darüber hinaus. Einstige Verbindungen Richtung Mönchengladbach spielen heute kaum noch eine Rolle, wichtiger sind eigene Linien, getragen von der unverkennbaren Horda Azzuro. Dazu passt auch, dass die italienische Orthografie nicht ganz stimmt. Unterstützt wird sie etwa von Iena Branco (Weisse Hyäne), der Adolescent Crew, Letzte Festung Naumburg oder den Schultern der heranwachsenden Jugend HArakiri. Auch die Freundschaften zum FSV Frankfurt, zur Schickeria und zur Section Ouest aus Lausanne zeigen, dass man in der Universitätsstadt geistig im oberen Quartil mitspielt.
Optisch und akustisch bewahrt Jena ebenfalls seine Eigenheit. So etwa die Fahne «Ultras aus dem Paradies» als starkes Stück mit visuellen Anklängen an DDR-Zeiten, als der Klub etwa 1981 im Europapokal der Pokalsieger im Finale gegen Dinamo Tiflis stand. Auch im Support selbst steckt viel Pathos, sodass relativ triviale Lieder wie «Sierra Madre» oder umgedichtete Melodien wie «Asoziale Schalker» zu «Carl Zeiss Jena, treib den Ball nach vorne, hau ihn in die Maschen und zwinge deinen Gegner in die Knie» als eingängig und doch differenziert wahrgenommen werden.
Und selbst ausserhalb der Südkurve, in der sie sich stur weiter einnistet, macht die Fanszene eine gute Figur. So hat sie – gemeinsam mit der verfeindeten Erfurter Anhängerschaft – den Protest in den Stunden vor dem Spiel in die Gassen der eigenen Stadt getragen. Grund dafür ist das mit 800 Tickets auf die Hälfte reduzierte Gästekontingent im Thüringen-Derby. Ob zwei rivalisierende Fanszenen wenige hundert Meter voneinander entfernt in der Innenstadt weniger Polizeikosten und mehr Sicherheit gewährleisten, muss jeder für sich beantworten, insbesondere unter der Betrachtung, dass zumindest die Jena-Fans diesen Spieltag aufgrund der Ausgangslage wohl bewusst konstruktiv gestaltet haben.
Eine subtile Note gegen die Verantwortlichen schickten denn auch die ersten vier Ziffern der 13’123 Zuschauer. Diese konnten im Stadion mit verwaistem Gästeblock in der 10. Minute die Führung bejubeln. Weil im Parallelspiel der viertklassigen Regionalliga Nordost Tabellenführer Lok Leipzig zwischenzeitlich tatsächlich zurücklag, hatte Jena vorübergehend in der Endabrechnung gar die Nase vorne. Ein enorm spannender letzter Spieltag, dessen Stimmung trotz 2:0-Sieg über den FC Rot-Weiss Erfurt gemeinsam mit dem Resultat in Leipzig allerdings noch kippte. Bleibt die Hoffnung, dass die letzten Dezibel künftig nicht wieder in Anspannung verkeimen und stattdessen durch eine motivierte Gästeschar herausgekitzelt werden können.


















