Groundhopping

FC Echallens – FC Azzurri Lausanne (22.03.17)

Eine Weiterbildung im Raum Fribourg bugsiert mich zurück in meine Westschweizer Vergangenheit. Zu jener Zeit hatte ich bei etwas Amateurfussball oftmals Ablenkung vom Alltag gefunden. Heute sollte sich diese Gelegenheit mit einem Duell zweier Mannschaften der vierten Schweizer Spielklasse nach Kursfeierabend wieder einmal anbieten. Da aber Abfahrt- wie auch Zielort derart unerschlossen in der Schweizer Prärie liegen, dauert die Anreise satte drei Stunden. Von der eigentlichen Heimat hätte ich daher wohl nur minimal länger gebraucht. Um der Woche aber einen für meine Leidenschaft relevanten Sinn zu verleihen, entschied ich mich trotzdem für diesen Spielbesuch. Und so sitze ich wenig später auch schon im Bus.

Bereits auf der Fahrt wird mir durch das fehlende Nachtessen und die kurvenreiche Strecke übel. Der zügige Umstieg auf die Regionalbahn nach Yverdon kann da auch nicht helfen. Weiterhin knurrt der Magen, die Blase drückt, doch es folgt nochmals vierzig Minuten Postautofahrt durch tiefste Westschweizer Provinz. Draussen ist es mittlerweile dunkel geworden und der Regen prasselt gegen die Seitenfenster. Ich bin der einzige Fahrgast. Mit einem Trick habe ich den Busfahrer noch um den Fahrpreis geprellt. In gewissen Bereichen bleibt man halt immer der kleine Lausbub von damals. Langsam werden die verschwommenen Lichter hinter den Scheiben weniger; es geht noch tiefer raus aufs Land. Am Bahnhofshäuschen von Bercher werde ich schliesslich ausgespuckt. Hätte die Fahrt auch nur wenige Augenblicke länger gedauert; die Bauchschmerzen wären endgültig zurückgekehrt.

Als der Zug, der mich nach Echallens bringt, einfährt, steigt der Lokführer aus. Er grüsst mit mir den wiederum einzigen Fahrgast, kramt sich eine Zigarette aus der Jackentasche und steckt sie sich an. Die kleine Gemeinde, ein schmerzhafter Fleck auf der Schweizer Stadionkarte, der heute ausgewaschen werden sollte. Zu faul war ich damals, als meine Heimat noch Lausanne hiess. Die letzten Meter vom Bahnhof bis hin zur Spielstätte „Les Trois Sapins“ (Sportplatz zu den drei Tannen) lege ich im Laufschritt zurück. Nicht nur wegen dem Regen, sondern auch weil ich den Anpfiff nicht verpassen will. Egal ob nun bei einem Viertligaspiel oder in der Champions League, den Beginn verpasse ich nie gerne.

Bevor ich meinen knurrenden Magen stille, werden die obligaten Fotos geschossen. Der Platz gleicht schon nach wenigen Spielszenen dem eines Biotops. Die Flutlichter spiegeln sich darin. Innerhalb kürzester Zeit sind auch meine Schuhe nass. Nun habe ich mir die erste Mahlzeit seit dem Mittag aber verdient. Das regionale Bier ist auch bei Regenwetter gewohnt süffig. Auch die Wurst schmeckt. Ich setze mich zu ein paar älteren Herren an den Tisch unter dem Vordach des Clubhauses. Sie schlürfen Weisswein und beobachten das Geschehen zwischen die Regenschirme hindurch mehr oder weniger emotional. Ich habe die französische Sprache vermisst, merke ich. Vor 120 Zuschauern bleibt erste Hälfte torlos. Nach einer guten Stunde überschlagen sich plötzlich die Ereignisse. Zuerst geht der Gast aus Lausanne nicht unverdient mit 0:1 in Führung, danach folgt postwendend der Ausgleich. Doch dies ist nicht alles, denn ein Spieler der Gäste holt sich kurze Zeit später innerhalb von zwei Zeigerumdrehungen zuerst den gelben und dann den roten Karton ab. Trotz Unterzahl bewahrt Azzurri Lausanne die Nerven und kann den Punkt über die Zeit retten. In der Nachspielzeit kommt es für die Italiener sogar noch besser. Ein Freistosstor führt zum vielumjubelten 1:2 Auswärtserfolg.

Schliesslich ist es für mich an der Zeit, den Rückweg anzutreten. Dieser führt über Lausanne, wo die Metro noch genauso riecht wie zu meiner Zeit. Ein unvergleichlicher Geruch, der mich stets an das nasse Fell eines Vierbeiners erinnerte. Ich besteige die Bahn nach Fribourg. Dort hat mir Kumpel Emanuel in seiner Wohngemeinschaft bereits ein Bett bereitgemacht. Herzlichen Dank nochmals dafür. Nun fehlt in dieser Liga nur noch ein Ground. Und der liegt Nachbardorf. Trotz allem Flair und dem Hang zum Amateurfussball. Steigt doch bitte ab.

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19. April 2017