Groundhopping

FC Mendrisio – AC Bellinzona (28.03.18)

Ein abendlicher Fussballstopp in der Sonnenstube der Schweiz ward auf Nachfrage meines Nachbarn Marty zu einer kleinen Zweitagestour ausgebaut. Diese Tatsache geleitete uns beide am besagten Mittwoch bereits in der Frühe ins Tessin.

Das Ziel war es, neben der Übernachtung in Brissago auch etwas Zeit für die Natur zu finden. Je weiter südlich die Strasse führte, desto besser präsentierte sich das Wetter und als ich nach vier Stunden den fahrbaren Untersatz am hinteren Ende des Verzascatals in eine Parklücke lenkte, strahlte die Sonne und der blaue Himmel sorgte für erheiterte Gemüter. Mittlerweile stellen der Fluss und sein Ufer, welches durch das Wasser eine einmalige Form verliehen bekommen hatte, keinen Geheimtipp mehr dar. Gefallen hat es mir trotzdem, zumal der Anblick des klaren, smaragdgrünen Wassers, der geschwungene Steinbrücke und den Rustici-Häuser an sorgenfreie Momente aus der Kindheit erinnerte.

Als am Nachmittag das Gepäck im Zimmer mit Sicht auf den Lago Maggiore verstaut war, stand die letzte Etappe bis zum Austragungsort kurz vor der italienischen Grenze an. Der zähe Verkehr und ein unfallbedingter Stau liess das Zeitpolster arg schrumpfen, sodass wir direkt auf den Stadionparkplatz fuhren. Hier war alles besetzt, doch ein Polizist wies mich an, neben dem Eingang zu parkieren. Dazu liess ich mich nicht zweimal bitten, zumal mein Parkplatz ja vom exekutiven Staatsorgan höchstpersönlich abgesegnet wurde. Zwei Schritte später standen wir im Stadion, welches lediglich den Zusatz „Campo comunale“ trägt. Die Pizza lag im Steinofen bereit, die Fledermäuse kreisten über dem Spielfeld und die Fangruppierungen hingen ihre Zaunfahnen auf. Da ist es wieder, dieses schwer zu beschreibende Gefühl bei einem Spiel unter Flutlicht. Die Tatsache, dass es sich um das Derby und den Spitzenkampf handelte, steigerte die Vorfreude nochmals. Während sich der ehemals insolvente Erstligist aus Bellinzona der Rückkehr ins Oberhaus fest verschrieben hat, zeigt auch der heutige Gastgeber durchaus Interesse am Aufstieg in die dritthöchste Spielklasse. Diverse gestandene Ex-Profis in den Reihen beider Mannschaften stützen diese Theorie.

Mit Verpflegung bewaffnet, setzten wir uns auf die Stufen der unüberdachten Gegengerade, wo die Heim-Tifosi beheimatet sind. Diese unterstützen ihre Fans hinter einigen Zaunfahnen, darunter die grösste mit der Aufschrift „Fattanza“. Dies steht in die deutschen Sprache übersetzt etwa für das Gefühl eines Dauerrausch. Neben einem Spruchband gegen Repressionen entdeckte ich eine andere Fahne mit dem Black-Power-Salute, dem Protestzeichen der Olympischen Spielen 1968. Weitere allbekannte Symbole lassen diese Anhängerschaft eindeutig dem linken Metier zuzuordnen. Etwas überraschend gab es zum Einlauf der Spieler eine kleine Pyroshow zu bestaunen. Für den Wochentermin in beachtlicher Zahl angereist waren die Gäste aus der Kantonshauptstadt, welche oberkörperfrei ihre Lieblinge unterstützten. Beim genaueren Hinsehen entdeckte ich neben den üblichen Stofffetzen ein Exemplar der „M-Block Fanatics“. Eine kurze Recherche zeigt eindeutig, dass es sich hierbei um die Fans des luxemburgischen Nationalteams handelt. Fanfreundschaften waren in meinen Augen stets eine Sache für sich, solche Auswüchse habe ich allerdings noch nie erlebt.

Das folgende Rencontre präsentierte sich im mit 800 Zuschauern gut gefüllten Stadion lange Zeit ausgeglichen, ehe die Granata kurz vor der Pause sehenswert zur Führung traf. in der zweiten Hälfte machte Bellinzona in punkto Abgeklärtheit den Unterschied aus. Während der Hausherr mehrmals im Abschluss sündigte, wusste der Gast aus Bellinzona eine ihrer Torchance zum 0:2 Endstand auszunutzen. Es gibt sie also doch, die stimmungsvollen Amateurderbys in unserem Land! Mit dieser erfreulichen Erkenntnis machten wir uns auf den Heimweg nach Brissago, wo ein Bier den Tag für beendet erklärte.

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6. April 2018