Abseits

FCSG, zämä 17/18

Das Positive zuerst. Die Saison ist nächsten Samstag zu Ende und der FC St. Gallen spielt höchstwahrscheinlich international. Die zweite Qualifikationsrunde der Europa League mit Gegnern wie Burnley, Sevilla oder Djurgardens wartet. Hätte mir jemand vor dem Saisonstart diese Ausgangslage prognostiziert, ich wäre augenblicklich darauf eingegangen.

Doch selten wäre ein dritter Tabellenplatz und somit (bei einem Cupsieg von den Berner Young Boys vor heimischer Kulisse) die direkte Qualifikation zur Gruppenphase, derart einfach zu erreichen gewesen.

Darf ich mir darüber ein Urteil bilden? Denn einerseits hatte der FCSG die gesamte Spielzeit über nichts mit dem Abstieg zu tun. Andererseits besuchte in der ablaufenden Spielzeit wohl ein Grossteil im heimischen Espenblock mehr Spiele von Grün-Weiss als meine Wenigkeit. Damit haben sie unbestritten mehr Gründe, sich zu ärgern. Als Beispiel voran geht das gestrige Gastspiel in Sion; ein Ausflug von fünfzehn Stunden für 90 Minuten, so undankbar wie die Akteure nach dem Schlusspfiff.

Ein kleines Resümee zur Spielzeit 17/18. Doch womit fange ich an? Vielleicht mit dem Mittwochabend vergangener Woche. Da konnte mit dem FC Luzern doch tatsächlich eine Mannschaft, auf welche die Espen in der zweiten Saisonhälfte 17 (!) Punkte verloren haben, in der heimischen Arena mit einem Tor in den Schlussminuten den dritten Tabellenplatz sichern. Auch der FC Thun, notabene zusammen mit dem FCSG einziger SL-Club ohne Cupfinaleinzug in den letzten zehn Jahren, liefert niederschmetternde Argumente. So haben die Berner Oberländer, vor zehn Runden mit 15 Punkten Rückstand auf St. Gallen Tabellenletzter, im Heimspiel gegen den FC Sion mit einem Sieg die Möglichkeit, den Espen im allerletzten Moment den internationalen Startplatz abzulaufen. Unbestritten hat das Unheil, welches durch die acht Niederlagen aus den letzten neun Spielen auch für Randbegeisterte endgültig besiegelt wurde, bereits früher seinen Lauf genommen.

Die Entlassung von Trainer Giorgio Contini sah nach Anfang der Niederlagenserie wie ein Schnellschuss aus, war jedoch die einzig richtige Entscheidung. So war der ehemalige Stürmer aus der Meistersaison das letzte Überbleibsel der Italo-Seilschaft rund um die Herren Blasucci, Vanin und Otero. Dass bei diesem Trio nicht der älteste Fussballverein Kontinentaleuropas höchste Priorität genoss, war spätestens nach den Profiverträgen für die beiden Sohnemänner Noah und Dennis unübersehbar. Sie grinsen dem Betrachter der Porträts des Profikaders entgegen, ohne einmal für die erste Mannschaft in einem Ernstkampf dem Ball hinterher gegrätscht zu haben.

Genauso unanfechtbar ist die unpassende Antwort auf die Entlassung Continis. Ich verstehe das Argument der neuen und engagierten Führung mit der Installierung eines festen Assistenztrainers. Schliesslich mag auch ich mich nicht mehr entsinnen, wann in der Gallusstadt letztmals nur ein Trainer auf der Lohnliste stand. Doch mit Boro Kuzmanovic wurde die falsche Wahl getroffen. Und damit meine ich nicht seine Vergangenheit beim GCZ. Wer nach vollen 28 (!) Jahren in der Deutschschweiz einen eingeschränkteren Wortschatz als Nationaltrainer Petkovic präsentiert und vor der Presse keinen Satz in korrektem Schriftdeutsch vorzutragen weiss, ist definitiv der falsche Motivator in der Kabine einer verunsicherten Fussballmannschaft. Es scheint, als wäre der Interimstrainer, der über die „Axpo Super League“ berichtet und einen Vokuhila trägt, nicht nur in der taktischen Ausrichtung ein bisschen in der Zeit stehen geblieben zu sein.

Auf die neue Spielzeit hin ist der neue Trainer Peter Zeidler also gefordert. Der Deutsche hat bei Sion angedeutet, welche Trainerqualitäten er besitzt; wusste zuletzt beim ehemaligen Erstligisten Sochaux (10. Schlussrang) jedoch nur bedingt zu überzeugen. So ist es vor dem Startschuss wichtig, das Kader zu verdünnen. Leider sind gewisse Spieler Altlasten der vorherigen Vereinsführung, die nicht einfach abgeschüttelt werden können. Konkret meine ich damit nicht nur die automatische Vertragsverlängerung Wittwers, sondern weiter Innenverteidiger Yrondu Musavu-King, der bei Toulouse in den letzten zwei Jahren exakt drei Spiele bestritten hat. Seine Verpflichtung geht auf die Kappe der Frontgroup. Ein weiteres spannendes Puzzleteil in einer St. Galler Leidensgeschichte. Wer sich aktiv mit dem FC St. Gallen beschäftigt, ist zwingend schon über diesen Namen gestolpert. Dahinter steckt eine Gesellschaft, die laut eigenen Aussagen Fussballreisen durchführt, Fussballtickets für internationale Topspiele organisiert und sich nebenbei, quasi als zweites Standbein, der Spielervermittlung und Beratung verschrieben hat. Bei einer derartigen Diversität an Kernkompetenzen wäre jeder Unternehmensberater längst stutzig geworden, doch der FC St. Gallen vertraut dem „langjährigen Partner“ vollends.

Zum Schluss gerne noch ein Punkt in eigener Sache. Die emotionale Nüchternheit, in der auf dem Onlineauftritt und in sozialen Medien zu desolaten Leistungen berichtet wird, ist schlichtweg untragbar. Mir ist klar, dass der (technologische) Wandel der Zeit erhöhte Präsenz auf verschiedenen Kanälen erwartet. Doch wer weiterhin, statt gewisse Selbstkritik zu äussern, euphemistisch und knapp über die achte Niederlage im neunten Spiel berichtet, sollte besser eine Strategie dahinter verfolgen.

Und trotzdem. Meine Saisonkarte sollte Ende Monat im Briefkasten liegen. Denn nur du FC Sangalle, blibsch für immer.

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14. Mai 2018