Abseits

FCSG, zämä 18/19

Ich stand hinter dem Tor, als der Ghettoblaster den Espenblock ausfüllte und war im Stadion, als der Grabstein hochgezogen wurde. Ich habe die riesige Choreografie beim Saisonabschluss und Aufstieg gegen Winterthur miterlebt und bin beim zwischenzeitlichen Führungstreffer gegen Valencia vor Freude explodiert. Nur der Cupfinal – in meinen Augen einer der emotionalsten und schönsten Momente im Fandasein – bleibt mir und vielen anderen Grün-Weissen durch eine Heimniederlage im Achtelfinale ein weiteres Mal verwehrt. Vor etwas mehr als einem Monat jährte sich der einzige St. Galler Triumph aus dem Jahre 1969, als weder E-Mail noch Handy existierten, zum 50. Mal. Ein Jubiläum, das traurig stimmt. Durch den diesjährigen Finaleinzug der Thuner bildet der FCSG das einzige SL-Team der abgelaufenen Saison, welches in den letzten acht Jahren nicht im Endspiel stand.

Da die zweite Ausgabe von „FCSG zämä“ von gröberen Umfang ist, habe ich sie in verschiedene Unterkapitel gegliedert. Die folgenden Zeilen widerspiegeln einzig meine eigene Meinung rund um das Geschehen in der vergangenen Saison und zielen nicht darauf ab, Personen(-gruppen) auf persönlicher Ebene negativ darzustellen.

Saison
Ich kann mich noch an die Zeit erinnern, als Heimspiele gegen Thun, Xamax oder Sion drei Punkte garantierten. In der Realität erschütterte in der abgelaufenen Spielzeit allerdings eine Heimschwäche, ein seit nunmehr sechs Jahren negatives Torverhältnis sowie eine Siegesserie von maximal zwei Spielen meine Fussballseele. Es sei aber auch gesagt, dass es Peter Zeidler und seinen Mannen stets gelang, das Ruder im richtigen Moment herumzureissen. Dies führt dazu, dass das Momentum über gröbere Schwächephasen hinwegtäuscht.

Die alte Saison brachte aber auch Erfreuliches mit sich. So avancierte das 140-jährige Bestehen des Vereins zu einem gelungenen Jubiläum, dem ich anfangs kritisch gegenüberstand. Zu fest hatte ich das Gefühl, dass künstlich ein runder Geburtstag zu einem Jubiläum geformt werden sollte. Als in den Tagen vor dem Spiel die Vorfreude nicht nur mich, sondern auch viele andere Herzen in Grün-Weiss packte, musste ich anerkennen, dass St. Gallen in seltenen Momenten wirklich zur Fussballstadt „verkommt“. Was die Organisatoren bei der ganzen Charmeoffensive trotz ausgereiftem Marketing nicht bedacht haben, ist die Tatsache, dass dieses nun enorm wichtige Spiel nicht mit einer beliebigen Mannschaft gewonnen werden kann. Und so kam es, dass sich, trotz dem Besuch beim Fanfest am Vortag, ein Grossteil der Akteure nicht ansatzweise um diese Dimensionen bewusst waren. Prompt ging die Partie mit 1:2 verloren, was notabene die 9. Niederlage in Folge gegen den FC Luzern bedeutete.

Das schönste Kapitel der Saison 18/19 schrieb in meinen Augen unbestritten der „St. Galler Bueb“ Tranquillo Barnetta, der an seinem 34. Geburtstag im letzten Heimspiel den „St. Galler Bueben“ auf den Rängen mit einem Tor in einem hochemotionalen Spiel gegen den Meister den Sieg schenkte. Es tut weh mitanzusehen, wie ein Ostschweizer Original und vor allem in der zweiten Saisonhälfte eine absolute Leaderfigur wegbricht und eine grosse Lücke hinterlässt.

In sportlicher Hinsicht kann die Wiedereinführung der Barrage als Aufwertung angesehen werden, auch wenn der FCSG eine Zeit lang mehr zitterte, als die Endtabelle vermuten lässt. In diesem Bezug sei stellvertretend für vermeidbare Niederlagen das Auswärtsspiel in Lugano erwähnt. Ein Gastspiel in Europa wurde nicht im letzten Spiel der Saison (1:1 beim FCZ) verschenkt, auch wenn Abgänger Ashimeru in den Schlussminuten vor halbleerem Tor kläglich vergab. In der Abrechnung bedeutete dieses Unentschieden ein Total von 46 Punkten. Dieselbe Ausbeute teilten die Teams vom dritten bis zum sechsten Tabellenplatz. Das schlechte Torverhältnis bugsierte die Espen schliesslich auf den einzigen nichteuropäischen Abschlussplatz. Unumstritten wäre die direkte Qualifikation für die Europa League in Anbetracht der spielerischen Leistungen einer Farce gleichgekommen; das Gleiche gilt jedoch auch für den Profiteur aus dem Tessin.

Transferpolitik
Laut Alain Sutter kommt der FCSG dank Trainer Zeidler zu Spielern, die wir ohne ihn nicht bekommen hätten. Wen er damit konkret meint, bleibt sein Geheimnis. Sind es Mosevich oder Kchouk? Zwei Ergänzungsspieler, die Nachwuchshoffnung Nias Hefti erst zu einer erneuten Rückkehr nach Wil und schliesslich ganz zu einem Wechsel nach Thun veranlassten. Es scheint, als hätten die Verantwortlichen nichts aus dem Fall Gelmi gelernt, wird von einer finanziellen Beteiligung an einem allfälligen Weiterverkauf abgesehen.

Die im Hinterkopf lauernde Frage, wer in der neuen Saison als Linksverteidiger agieren wird, kann mit zwei Geschichten künstlich überspielt werden, die einem den Kopf schütteln lassen. Es sind dies die Verpflichtung eines Spielers aus der vierten spanischen Spielklasse, die sich auf einen St. Galler Logenbesitzer zurückführen lassen und jüngst die Sichtung eines polnischen Testspielers, der beim Drittligaabsteiger Ruch Chorzow keine Rolle mehr spielte. Im Vergleich zum Iberer wurde in diesem Falle immerhin von einem Engagement abgesehen.

Die St. Galler Nachwuchsakademie, welche immerhin mit drei (ehemals vier) Millionen budgetiert ist, wird von Sportchef Sutter als „Sozialprojekt“ abgestempelt. Ein bisschen mehr Ambitionen, Visionen und Ehrgeiz hätte ich mir schon erhofft. Es ist nicht das erste Mal, dass Öffentlichkeitsfigur Sutter in den Medien unglücklich agiert. Ein Kommunikationsprofi, wie er es ist, sollte rhetorisch eigentlich zu mehr in der Lage sein.

Nebenschauplätze
13 Jahre hat uns „Dani“ Lopar die Treue gehalten. Zwei Abstiege und der Verlust des Stammplatzes liessen den gebürtigen Ostschweizer nicht zu einem Wechsel veranlassen. Ein Vorzeigeprofi, der sich durch seine bescheidene Art auch in mein Fussballherz spielte. Im letzten Heimspiel hätte der Ersatztorhüter zu seinem 300. SL-Einsatz kommen können. Der Spielstand von 4:1 Toren in der Schlussphase räumte auch die letzte Argumentationsstütze „fehlende Spielpraxis“ aus dem Weg. Statt einem krönenden Abschluss liess Zeidler ihn auf der Bank seine St. Galler Karriere beenden. Jemand, den es als Trainer auf Profistufe noch nie länger als vier Jahre beim gleichen Verein gehalten hatte. Fingerspitzengefühl, dass der hochgelobte Didaktiker in der Hinrunde bereits beim zweiten St. Galler Original vermissen liess.

Der in die Kritik geratene Cateringbetreiber weist plötzlich binnen zweier Wochen über 50-Bewertungen mit fünf Sternen auf – dreiste Fake-Kommentare. Für diese Erkenntnis sind keine tieferen Kenntnisse von investigativem Journalismus, sondern einzig einen Blick in die Kommentarspalte, vonnöten. Es handelt sich um einmalige Anmerkungen mit demselben Text- und Namensmuster innerhalb kürzester Zeitspanne; just vor der Konzession des neuen Catering-Vertrags. Da ist die Aufnahme von St. Galler Klosterbräu ins Angebot definitiv ein sympathischerer Rettungsversuch, sich (vergebens) als Kandidat im Rennen zu halten.

Finanziell steht der FCSG auf breiterem Fundament, es wurde aufgeräumt und es erfolgt keine Profilierung mehr. Das Nachwuchsprojekt FCO wurde in ruhigere Fahrwasser geleitet und man hat sich in der Ostschweiz vom Projekt eSport verabschiedet. Erfreuliche Entwicklungen, dennoch bleibt weiter viel zu tun. Einige Beispiele:

Betrachtet man die durchschnittlichen Ticketpreise, findet sich der FCSG europaweit auf Clubebene in den Top 30 wieder. Zwar kommt diese Platzierung vor allem durch die Preise auf den Sitzplätzen zustande, trotzdem sind dies happige Fakten für einen Club, der in sportlicher Hinsicht kaum zu den Top 100 des europäischen Fussballs gehört. Weiter werden teils willkürliche Zuschauerzahlen kommuniziert und in der Medienstrategie ist in puncto Kommunikation immer noch grosses Optimierungspotenzial zu erkennen. Als neuer Sicherheitschef wird der Freund der CEO-Tochter installiert und die Bundesliga dient weiterhin zu fest als Vor- und Vergleichsbild. Nach den Fahnen und der Hymne stehen nun begleitete Busfahrten für Kinder sowie ein Mitglieder-System vor der Tür.

Espenblock
Auf den Rängen habe ich das Gefühl, bauen wir seit der Saison, die uns im Jahre 2013 nach Europa brachte, kontinuierlich ab. Und damit ist nicht nur die Lautstärke gemeint. Wer in der Kurve steht, sollte in meinen Augen sein Bier oder seine Wurst in der Pause konsumieren und im Falle einer Choreografie fähig sein, für wenige Minuten ein Blatt Papier mit beiden Händen hochzuhalten. Fangruppierungen, die sich trotz ihrem chauvinistischen Auftreten und ihren, teilsweise legitimen, Besitzansprüchen zu wenig um Problemlösungen sorgen, sind für mich genauso schwer nachzuvollziehen, wie das Revidieren gemachter Aussagen.

Es gilt unbequem zu bleiben und wieder die nötige Distanz dem Verein gegenüber zu schaffen. Es ist Fakt, dass Matthias Hüppi ein grün-weisses Herz besitzt, jedoch ist ebenso unbestritten, dass der harmoniebedürftige Verwaltungsratspräsident einer Aktiengesellschaft im Ernstfall der aktiven Fanszene kritisch gegenübersteht. Verlagern wir das Geschehen also weg von Nebenschauplätzen, lassen wir die hochdeutschen Lieder im Liederarchiv liegen und schauen wir nicht nach links oder nach rechts. Schauen wir nach vorne – gemeinsam als eine Einheit!

Ausblick
Wer so in Richtung Europa schlitterte, hätte ob einem Sarpsborg 2.0 nicht überrascht sein dürfen. So bleibt nach der kurzzeitigen Ernüchterung vor allem die Freude, dass Rivale GC nun endgültig in der Zweitklassigkeit schmort.

Mit Rückkehrer Moreno Costanzo, dem ich seinen Nicht-Torjubel bei unserem Abstieg weiterhin hoch anrechne, kommt eine Identifikationsfigur in die Ostschweiz, mit der im Bereich Spielintelligenz nur Jordi Quintilla mithalten kann. Besonders ihm und dem wieder genesenen Youngster und Publikumsliebling Cedric Itten, auf dem grosser Druck lastet, wünsche ich einen optimalen Saisonbeginn.

Wir lesen uns im nächsten Sommer. All together now – für Stadt und Verein!

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7. Juli 2019