Abseits

FCSG, zämä 19/20

Der etwas andere Rückblick auf die vergangene Saison des FC St. Gallen.

Saison
Der britische Autor Nick Hornby stellte in einem seiner Bestseller einst passend fest, dass die «natürliche Seelenlage eines Fussballfans bittere Enttäuschung ist». Nach einem verkorksten Saisonstart, spätestens aber nach dem frühen Cup-Out in Winterthur, hatte ich mich mit einer weiteren Übergangssaison abgefunden und damit den seelischen Normalzustand dem FCSG gegenüber erreicht: auf ewig treu, aber weit weg von der romantischen Leichtigkeit zu Beginn einer Beziehung. Umso überraschender, dass meine Liebe in derselben Saison derart aufflammt. Verantwortlich dafür: sportlicher Erfolg. Ich schäme mich, schliesslich ist es das Drumherum, für das ich ins Stadion gehe. Aber all das macht schlicht mehr Spass, wenn deine Mannschaft dazu noch gewinnt.

Anfang Februar ist es soweit. Der FC St. Gallen stellt die gefährlichste Offensive der Liga und erzielt am meisten Tore nach Standards. Die Eckbälle sind gefährlich und die Mannschaft gewinnt auch schwierige Spiele, zum Beispiel auswärts in Luzern. Argumente genug, um optimistisch nach Basel zu reisen. Der dortige Treffer in der Nachspielzeit ist gleichbedeutend mit dem Auswärtssieg und der Tabellenführung. Dass ich nur drei Wochen später ein Spiel sehen werde, das emotional noch eine Stufe aufwühlender sein wird, hätte ich nicht für möglich gehalten.

Mit dem Spitzenspiel gegen die Berner in der heimischen Arena trat dieses Szenario ein. Kein Fussballherz der Welt hält es aus, wenn es in der 91. Minute wegen des vermeintlichen Siegtreffers höher schlägt, nur um in der Nachspielzeit der Nachspielzeit, nach VAR-Konsultation und einem Penaltyentscheid zugunsten der Gegner, in die Hosen zu rutschen. Nein, es droht vielmehr gar auszubluten, wenn es den Penalty gehalten sieht, ehe in der 99. Minute – nach minutenlanger Diskussion – zu einer Wiederholung des Penaltys kommt und schliesslich der 3:3-Ausgleich folgt.

Eine Woche später ist der Schock verdaut. Die Gedanken kreisen um das Auswärtsspiel in Sion, mental sitze ich schon im Meisterexpress – excusez-moi – im Extrazug ins Wallis, als der Bund allen Fussballfans einen Strich durch die Rechnung macht. Sämtliche Veranstaltungen mit mehr als 1000 Zuschauern werden verboten. Die Fussballschweiz steht drei Wochen still, dann entscheidet der Bundesrat abermals. Gerüchte machen die Runde, Fragen tauchen auf: Wird die Saison zu Ende gespielt? Gibt es einen Meister nach 27 Runden? Gibt es überhaupt einen Meister? Zum zweiten Mal nach dem Cupout im September schreibe ich die Saison innerlich ab.

Es folgt der Lockdown und schliesslich die Wiederaufnahme des Spielbetriebs Mitte Juni. Der FC St. Gallen nimmt als erstes Team der Liga das Training wieder auf, um bei einem Wiederbeginn für den Titelkampf gerüstet zu sein. Die Angst um einen Einbruch zeigt sich unbegründet, der FCSG vermag seine gute Form zu konservieren, auch wenn der ganz grosse Coup zum Schluss ausbleibt. Im letzten Heimspiel gewinnt der FC St. Gallen 6:0, sichert sich den zweiten Platz und wird erstmals Vizemeister. Die Spieler sitzen nach Abpfiff enttäuscht auf dem Rasen, trösten sich gegenseitig. Ein Bild, das mir als Fan enorm wehtut und aus sportlicher Sicht diese spezielle Spielzeit doch treffend widerspiegelt.

Vizemeistermacher
Meine These? Heuchlerische Liebeserklärungen lassen sich bei positiver Tabellenlage einfacher schreiben. Doch nur schon beim Gedanken daran, wie die Spieler seit kurzem – aus Eigeninitiative! – beim Einwärmen und nach dem Schlusspfiff immer zur Kurve rennen, bekomme ich Gänsehaut. Diese Saison war es ein Kollektiv, dass St. Gallen den zweiten Platz eingebracht hat. Eines aus «Glücks-Betim» Fazliji, «Dino-Miro» Muheim und vielen anderen Akteuren wie…

Leonidas Stergiou, bei dem ich sicher bin, dass er einmal zum Grössten aus der St. Galler Fussballschmiede avisiert. Er spielt so souverän, dass ich bei einem Fehler von ihm böse werde und vergesse, dass er erst 18 ist. Mit seiner Vertragsverlängerung bis 2024 hat er uns einst eine stolze Ablösesumme gesichert – Danke Leo!

Jordi Quintilla, den ich im letzten Rückblick noch als fragwürdiger Transfer verschrien habe, überzeugt durch seine Kreativität und (Spiel-)Intelligenz sowie seine gefährlichen Freistösse. Besonders gefällt mir sein Engagement neben dem Platz: Er zeigt sich vorbildlich, fühlt sich in der Ostschweiz wohl und spricht bereits hervorragend Deutsch.

Cedric Itten, der ganz St. Gallen stolz machte. Mit seinem Aufgebot für die Nationalmannschaft ging eine lange Durststrecke zu Ende. Dass er bei seinem Debüt für die Schweiz – ausgerechnet in St. Gallen – nach sechs Minuten per Kopf den Siegtreffer erzielt, lässt diese Geschichte fast zu kitschig klingen. Wie sein Sturmpartner Ermedin Demirovic (zum SC Freiburg) zieht es ihn weiter. Itten wechselte im Sommer zu den Glasgow Rangers.

Lukas Görtler – wenn ich einmal gross bin, will ich so sein wie du! Ein «Chrampfer» und Heisssporn, wie wir ihn uns in St. Gallen immer gewünscht haben. Mit seinem enormen Kampfgeist spielte er sich beim Gros der Fans bereits in seiner ersten Saison mitten ins Herz. Besonders hart für ihn: der Abgang von Silvan Hefti, mit dem der Bamberger nicht nur auf dem Platz enorm gut harmonierte.

Alessandro Kräuchi: unser Aktmodel und Skandalrapper; einer aus der eigenen Jugend. Nun trittst du in die grossen Fussstapfen Heftis. Bleib gesund und angriffig. St. Gallen steht hinter dir, denn du bist nicht nur SOG, sondern auch SOSG – Son of Sankt Gallen.

Peter Zeidler, der Trainer mit Gesichtsausdruck, als würde er sich am Spielfeldrand mit Sartres Werk zum Existenzialismus auseinandersetzen. Der Deutsche ist als Trainer komplett und damit auch ein Risiko, sollte er einst wegbrechen. Umso schöner, baut die St. Galler Führung und Zeidler auch in unsicheren Zeiten auf Langfristigkeit und verlängert ihre Verträge bis 2025. Einziger Schönheitsfehler: fast sämtliche Spieler Zeidlers stammen aus dem Konsortium von Red Bull.

Trotz aller Freude dürfen wir eine Personalie nicht vergessen: Moreno Costanzo. Ein Ostschweizer mit genialer Spielintelligenz, der nun von der Fussballbühne abtritt – durch die Hintertür. Als wir dich brauchten, warst du nicht hier. Deine beiden Tore mit und gegen YB werden wir hingegen nie vergessen (können). Trotz allem: Moreno, da hesch nöd verdient!

Trashtalk
Im Winter ist plötzlich Goalie Dejan Stojanovic weg, er wechselt zum abstiegsbedrohten Zweitligisten aus Middlesbrough. Ich habe Stojanovic immer für einen Söldner und durchschnittlichen Goalie gehalten. In dieser Saison hatte er schlicht eine funktionierende Mannschaft vor sich, die ihn auf die Liste internationaler Scouts trug. Sein Nachfolger Lawrence Ati Zigi machte ihn schnell vergessen. Der junge Torwart aus Ghana mit gewaltiger Strafraumpräsenz spielte vorher in Liefering, Salzburg und Sochaux. Alles Vereine, bei denen auch Zeidler tätig war. Es scheint, als ob der Trainer das fehlende Spielernetzwerk Sutters ausbügelt.

Mit Federico Crescenti verliess auch das wohl grösste Nachwuchstalent den FC St. Gallen. Der 16-jährige wechselt in den Nachwuchs von RB Salzburg. Sportlich ein herber Verlust, menschlich scheint Crescenti, seine Familie und sein Management eine andere Auffassung des Kosmos Fussball zu haben, die sowieso nicht in die Ostschweiz gepasst hätte.

Auch im stetigen Unruheherd Event AG zeichnete sich früh ein Knall ab, der Anfang Juni eintraf. Der CFO wird entlassen und der HR-Chef kündigt seinen Job. Das Konstrukt scheint einzig vom sportlichen Erfolg zusammengehalten zu werden. Stellen werden durch Personen aus dem Sponsorenumfeld (konkret Kybun und Gemag) besetzt. Es bestätigt sich, dass einige Personalentscheide aufgrund der Wirtschaftlichkeit getroffen werden und nicht zugunsten des Wohlergehens des Vereins geschehen.

Transfers von Spielern wie beispielsweise Fabiano Alves, der stets wenig durchdacht und überhart agiert, sollen künftig vermieden werden. Ein weiteres Beispiel ist Slimen Kchouk, ein Spieler, der gleich mehrfach gegen die internen Regeln verstossen hat. Indem man den Teammanager bei zwischenmenschlichen Bedenken in die Transfergespräche miteinbindet, lässt sich mit wenig Aufwand das Risiko reduzieren, einem Spieler für wenig Gegenleistung einen hohen Lohn über eine lange Vertragsdauer zahlen zu müssen.

Und schliesslich eine andere Frage, die mich jüngst vermehrt beschäftigte: Verhandelt der FC St. Gallen zu wenig hart? Anders kann ich es mir nicht erklären, dass bei den Verkäufen systematisch weniger Geld herausschaut, als bei der Konkurrenz. Es kann auch nicht an der Position liegen, wie die Wechsel der Offensivkraft Itten und Defensivleader Hefti belegen. Die Wechsel des Nati-Stürmers und des Captains erreichen nämlich zusammen nicht einmal annähernd den Betrag, den der FC Luzern mit dem Verkauf von Darian Males erzielt. Einem 19-jährigen Spieler, der eine halbe Saison in der Super League spielt, ein Tor erzielt und nun für vier Million zu Inter Mailand wechselt.

Espenblock
St. Gallen ist «Zrugg a dä Spitze»! Ein gelungenes Wortspiel in Bezug auf die Geschichte der Stadt und Region als einstiges Zentrum der Stickerei. Bis zum Unterbruch war das ein guter Auftritt auf den Rängen. Besonders in Anbetracht des Materialverbots, mit dem die Polizei im Herbst auf eine Jubiläumschoreo im Spiel gegen Servette reagierte. Fakt ist: Die hiesige Exekutive und Legislative ist zu sensibel für grössere Pyroshows. Machen wir den Fehler nicht und lassen uns davon einschüchtern, denn die Mühlen der Repression drehen nur in eine Richtung.

Um den Espenblock nach unserer Rückkehr zu einem noch stimmungsvolleren Ort zu machen, gilt weiterhin:

– Halten wir die untersten Reihen frei!

– Wellenbrecher sind zu meiden! Sie dienen einzig dazu, ein Hillsborough-Revival zu verhindern und sind keine Stehhilfe, um den sonntäglichen Kater auszubaden.

– Verpflegung lässt sich problemlos vor oder nach einem Spiel holen!

– Blätter sind bei Choreografien fünf Minuten lang (!) quer (!) und mit beiden Händen (!) hochzuhalten! Dies ist das mindeste, was es an Respekt der Choreogruppe entgegenzubringen gilt.

Setting
Dass in Zeiten einer Pandemie Fernsehverträge über einen fairen Wettkampf (mit zeitgleichen Spielen im Hinblick auf die Regenerationszeit) gestellt werden, ist ebenso bedenklich wie die Krisenkommunikation der Swiss Football League. Mittendrin in diesem Schlamassel – beinahe ein wenig untergegangen – kommt es zur Abstimmung über den «schottischen Modus», den die Vertreter der beiden Ligen zum Glück abgelehnt haben.

Für den FC St. Gallen bedeutete die Coronakrise rund eine halbe Million Franken Einbussen pro Heimspiel ohne Zuschauer. Schön, dass in der Ostschweiz eine solche Solidarität herrscht und ein Grossteil der Zuschauer auf eine Rückerstattung verzichtet und das Saisonabo gleich verlängert. Generell macht der Verein während dieser schwierigen Zeit eine gute Figur und ist besonders auch in den sozialen Medien stilsicherer unterwegs. Nur in der Preispolitik besteht noch Verbesserungspotenzial. So kosten beispielsweise Kindertrikots lediglich zehn Franken weniger als jene für Erwachsene.

Lieber FC St. Gallen, macht es doch wie Atalanta Bergamo und schenkt jedem neugeborenen Kind in der Stadt ein Trikot. Eine Geste, die sich auf die Dauer auszahlen wird – emotional und finanziell.

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20. September 2020