Abseits

FCSG, zämä 20/21

Dieses Kurzwort im Titel, ein „gemeinsam“ im St. Galler Dialekt, war nie unpassender. Denn seit dem letzten ausführlichen Rückblick rund um den Vizemeistertitel hat sich viel verändert: mit dem Fandasein und auch der St. Galler Mannschaft.

Der Wechsel von Silvan Hefti in die Hauptstadt zum Ende der Saison 19/20 war unbestritten ein Schlag in die Magengrube. Viele Fans brachten kein Verständnis auf, sahen darin Verrat oder einen sportlichen Zwischenschritt. Wer aber sah, wie die Young Boys in der abgelaufenen Saison mit 31 Punkten Vorsprung ihren Meistertitel verteidigten, wird den jungen Ostschweizer verstehen. Im März – und damit mitten in der Saison – gelangten schliesslich die Wechselabsichten von Jordi Quintilla ans Licht. Er, der Hefti als Captain ersetzte, wurde mit dem FC Basel in Verbindung gebracht. Der FC St. Gallen bezahlt in diesem Fall den Preis dafür, ihn entdeckt zu haben: Quintilla kam als Unbekannter nach St. Gallen und spielte für einen bescheidenen Lohn, den er während seiner Zeit in der Ostschweiz beinahe verdoppelte und der für den spanischen Spielmacher trotzdem zu tief war, um einen neuen Vertrag zu unterschreiben. Nur wenige Tage nach dem Wechselgerücht einigten sich die Räte auf A-fonds-perdu-Beiträge ohne Lohnreduktion. Vielleicht wäre es damit anders gekommen. Nun ist es an Lukas Görtler und Basil Stillhart, die Hauptrolle im St. Galler Kollektiv zu übernehmen.

Als ich das letzte Meisterschaftsspiel der St. Galler im Stadion verfolgt hatte, standen sie an der Tabellenspitze. Fünfzehn Monate später stehen sie plötzlich dem anderen Ende der Tabelle bedrohlich nahe. Als Fan fühlte man sich dieses Mal besonders machtlos und den Humor schien einzig Trainer Peter Zeidler nicht verloren zu haben, der eine 0:3-Heimniederlage gegen den Tabellenletzten mit einem verschmitzten „es wird spannend“ quittierte. Dabei war der Einbruch der Mannschaft nur eine Frage der Zeit. Wer ein derart hohes Pressing und angriffigen Fussball betreibt, braucht viel Kraft. Zeidler setzte zudem stets auf die gleiche Stammelf und Wechselspieler, war damit durchschaubar und seine Spieler – besonders bei dieser Kadenz – pünktlich zur Rückrunde körperlich am Anschlag.

Im Angriff fehlte zudem ein Stürmer mit Knipserqualität. Neuzugang Kamberi war nicht der erhoffte Ersatz für das Duo Itten/Demirovic und wurde bereits im Winter nach Aberdeen verliehen. Und Jérémy Guillemenot fokussierte sich statt aufs Tore schiessen lieber auf Schwalben in Strafraumnähe. Der junge Angelo Campos kam erst im zweitletzten Spiel zu seiner Chance und auch Lorenzo Gonzalez durfte nach guten Auftritten in der U21 nur kurz ran. Stattdessen sah Zeidler seinen Heilsbringer plötzlich in Patrick Sutter, der gar im Halbfinal des Cups auf dem Platz stand. Tore schoss aber auch er nicht. Für diese sah sich am ehesten Junior Adamu verantwortlich. Der junge Österreicher mit nigerianischen Wurzeln war zwar eine weitere überzeugende Leihgabe aus Salzburg, bringt den FC St. Gallen langfristig aber auch nicht weiter.

Im zweitletzten Saisonspiel folgt schliesslich der langersehnte Befreiungsschlag: St. Gallen gewinnt mit 5:0 gegen Lausanne-Sport und sichert sich den Ligaerhalt. Die verkorkste Saison und der 7. Platz sind damit wie weggeblasen. Ganz St. Gallen fiebern nun uneingeschränkt dem Cupfinal entgegen, für das sie sich ausgerechnet in Pandemiezeiten in einer verkürzten Version seit vielen Jahren wieder einmal qualifizieren konnten.

Ein Cupfinal in Bern gehört definitiv zu den Spielen, auf die ich als St. Galler ein Leben lang gewartet hatte. Doch ohne Zuschauer ist es nicht dasselbe. Trotzdem kribbelt es am Matchtag bereits früh im Bauch und ich merke: Cupfinal ist ein Gemütszustand. Einer, der in diesem Fall keine halbe Stunde anhält. Denn der FC St. Gallen liegt schnell 0:2 hinten, das Spiel ist damit gelaufen. Zwar schaffen die Ostschweizer noch den Anschlusstreffer, insgesamt sind sie gegen den FC Luzern aber nicht auf der Höhe der Aufgabe. So dürfen auch eine strittige Szene im gegnerischen Strafraum oder ein allfälliges Offsidegoal zum enttäuschenden Abschluss einer bescheidenen Saison nicht als Ausrede dienen.

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14. Juni 2021