Groundhopping

KS Cracovia – Wisla Kraków (24.07.15)

Es ist als das gefährlichste Derby in Europa bekannt und die Anhänger der beiden Vereine hassen sich bis auf den Tod. Auch sind die Fans beider Lager weit über die Landesgrenzen hinaus gefürchtet und gelten als besonders gewaltbereit und brutal. Es war nur eine Frage der Zeit, bis mich der Fussball das erste Mal nach Polen führt. Aber den Länderpunkt gleich mit dem unter dem Namen „Swieta Wojna“ (zu deutsch Heiliger Krieg) bekannten Stadtderby von Krakau zu machen, ist dann doch eine grosse Nummer. So furchterregend eine jede Medienstelle über das Krakauer Derby zu berichten weiss, so übertrieben sind meist die Berichte bezüglich sogenannter Risikospiele. Nun sollte also auch erstmals diese Erfahrung gemacht und eine eigene Meinung gebildet werden, wobei ich davor eine gehörige Portion Respekt hatte, Angst war aber definitiv keine dabei. Die Zeiten von Todesopfern beim Aufeinandertreffen der beiden ältesten Mannschaften Polens sind nämlich vorbei, so glaube/hoffe ich zumindest.

Des Weiteren sollte sich um das Stadtderby eine recht nette Tour zusammenbasteln lassen, die mit drei Spielen der polnischen Topklasse (Ekstraklasa) durchaus neben dem fantechnischen Aspekt auch noch zumindest im entferntesten Sinne fussballerisch seinen Reiz versprühte. Zumal ich die polnischen Teams für etwa gleich stark wie diejenigen der Schweizer Liga halte. Eine Vermutung, die ich nach der Rückkehr aber revidieren muss, jedoch später mehr dazu.

Zusammen mit dem Aachener Hopperkollege Mirko, der von den Anspielzeiten ebenfalls sehr angetan war einigte man sich auf die drei Spiele in Krakau, Posen und Stettin. Für den Sonntag wäre zwar als Alternative noch das Heimspiel von Legia Warschau im Raum gestanden, aufgrund eines uninteressanten Gegners wählte man aber die Stettin-Variante. Krawallhopper! Alsbald hatte ich mit Jonathan auch meine heimische Begleitung gefunden, der seinerseits erst vor kurzem vom einem Europatrip heimgekehrt war und nun mit mir also bereits wieder „on the Road“ ist. Treffpunkt war dann am Freitagmorgen der Bahnhof von Basel, den ich nach einigen wenigen Stunden unbequemen Schlaf aufsuchte, um den lieben Herrn aus der schönen Gallusstadt in Empfang zu nehmen. Begleitet wurde ich dabei von Schmerzen in meinem Rücken, da mich tatsächlich (kein Witz!) morgens um sechs Uhr im Flughafengebäude eine mir unter das Shirt gekrochene Wespe zweimal in den Rücken stach. Auf den Rat der ärztlichen Betreuung sollte ich auf jeden Fall kurz das Spital aufsuchen, da doch erst vor Kurzem eine Frau an den Stichen einer solchen Killerwespe gestorben sei. Aber nene meine Herren; für mich geht’s jetzt nach Polen, Herr Ryan wartet schliesslich auch nicht ewig.

Also nun Abflug nach Krakau. So ziemlich das erste Mal, dass ich beim Durchschauen der Departures das Gefühl hatte, die interessanteste Destination anzufliegen. Ich meine nur schon der Name K-R-A-K-A-U tönt für mich fremd und somit irgendwie recht aufregend. Ich meine es gibt ja da diese Namen die man als Kind irgendwann einmal aufschnappt und sich denkt, wo zum Himmel denn diese Stadt auf der Weltkarte ihren Platz gefunden hatte. Trotz der Aufregung den Flug dann aber ohne Hyperventilierung überlebt. 😉

In Polen gelandet dann erstmals richtig überrascht aus der Wäsche geguckt, als man vom wohl modernsten Flughafenbus aller Zeiten zum Ausgangsbereich chauffiert wurde. Dort irgendeiner halbswegs intakten Kutsche den Zuschlag gegeben und sich in die Krakauer Innenstadt chauffieren lassen. In der Nähe zum Bahnhof würde unser Hotel liegen, wo man sich mit dem bereits am Morgen über Katowice angereisten Mirko verabredet hatte. Nach kleineren Abstimmungsproblemen und zwei Bier mit Himbeersaft (durchaus beliebt hier Polen) kam dann der Mirko auch zum Vorschein und man machte sich sogleich zu Fuss auf in Richtung Stadion, wo es die Kartenfrage für das Derby am heutigen Abend zu klären galt.

Bis zur Spielstätte sind es bei gemächlichem Tempo knapp zwanzig Minuten, die einem quer durch die Altstadt an das nach dem Politiker Józef Piłsudski benannte Stadion von Cracovia führen. Ziemlich schnell fand man eine offene Kasse, wo man sich in die Schlange stellte, um in einer kleinen Kammer sein Konterfei für die Karta Kibica zu präsentieren. Übersetzt meint man damit eine Art Fankarte, die ab der neuen Saison nur noch bei gewissen Vereinen obligatorisch ist. Der damit verfolgte Sinn und Zweck ist, dass man weiss, wer im Stadion ein und ausgeht und bei den Eintrittskontrollen leuchtet jeweils eben dieses bei der Ausstellung gemachte Foto für die Stewards auf. Und so grinsten wir drei also abwechselnd einmal in die Kamera und hatten kurze Zeit später jeweils ein Ticket für die Haupttribüne sowie eine personalisierte Fankarte in der Hand. Wenn dies nicht einmal ein Kindheitstraum war der nun endlich in Erfüllung geht. 😉

Die Heimstätte des Stadtrivalen Wisla liegt nur ein Steinwurf von derjenigen von Cracovia entfernt, sodass wir der Vollständigkeit halber natürlich auch noch das grössere Stadion der Stadt kurz für ein Foto aufsuchten. Der Namenzusatz Wisla kommt übrigens vom Fluss der durch die Stadt fliesst und man in den deutschsprachigen Gefilden eher unter dem Namen Weichsel kennt.

Somit erstmals die Pflichtaufgabe erledigt und sorgenfrei den Rückweg in die Altstadt zum bekannten Hauptstadt antreten können, wo man sich gleich einmal in ein Restaurant setzte und gut zu Nachmittag (?!) speiste. Das Essen und die Preise duellierten sich um den Tagessieg, wobei wir danach noch etwas in der Altstadt umhergingen und uns irgendwann mit einem Umweg über das grosse Einkaufszentrum im Hotel wiederfanden, wo man vor dem Spiel noch etwas in friedlicher Atmosphäre ein paar Tyskie genoss. Zeitig machten wir drei uns dann nach dem kurzen Zimmer-Intermezzo auf zurück in die Innenstadt und langsam kam Derbystimmung auf, als es in Nähe des Stadions erste Böller zu vernehmen gab. Doch dann die Ernüchterung. Auf den Strassen nur wenig los und auch rund um das Stadion kein Gerangel, was uns ziemlich schnell auf ein Gästeverbot schliessen liess. Und so war es leider Gottes dann auch. Ein bisschen hatte ich es ja bereits geahnt, als man Fotos der führenden Fangruppierung von Wisla sah, die ihre Freunde aus Breslau am Vortag noch im schwedischen Göteborg unterstützten. Dies drückte natürlich auf die Stimmung, sowohl bei uns als auch bei derjenigen im Stadion. Nichtsdestotrotz war es zu Beginn brachial laut, ehe Wisla nach zwei Minuten mit 0:1 in Führung ging. Immerhin eine schöne Geste der Spieler, die ihr Tor absichtlich vor dem leeren Block der Gästefans zelebrierten. Spielerisch blieb das Gezeigte definitiv unteres Niveau, jedoch hatte man seine Augen ja sowieso zu 90% Prozent auf die Heimkurve und die Gegengerade gerichtet, wo das ganze Spiel über gestanden und aktiv supportet wurde. Die 12’933 Zuschauer durften sich dann auch noch vor der Pause über den 1:1 Ausgleich freuen, was die Lautstärke ein weiteres Mal in die Höhe trieb. Pyrotechnisch blieb es heute leider eine Nullnummer, immerhin konnte noch eine Choreografie der Cracovia-Fans bestaunt werden.

Im zweiten Abschnitt hatten die Gastgeber mehr vom Spiel, scheiterten jeweils aber am eigenen Unvermögen oder am Wisla-Schnapper, sodass es beim Unentschieden blieb. Zu erwähnen gilt es noch die Tatsache, dass man auf der Haupttribüne bei der Einwechslung eines schwarzen Spielers der eigenen (!) Mannschaft vereinzelt Affenlaute vernahm, was zumindest von uns als äussert respektlos und rassistisch taxiert wurde. Come on! Insgesamt leider eines der schwächeren Derbys, auch aufgrund der spontanen Entscheidung der Polizei keine Gäste zuzulassen. Dies hätte dem Aufeinandertreffen sicherlich nochmal etwas mehr Spannung und Stimmung verliehen.

Und so ging es nach Spielschluss halt ohne Strassensperren und Auseinandersetzungen zurück in Richtung Stadtzentrum und alsbald auch schon in die Horizontale. Dies weil wir drei am nächsten Morgen bereits früh in Richtung Posen weiter mussten, um dort dem Spiel der Cracovia-Freunde Lech gegen die Wisla-Freunde Lechia beizuwohnen.

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24. Juli 2015