Groundhopping

Lazio Roma – AS Roma (15.04.18)

Die „Berichterstattung“ zum Hauptgrund der Reise möchte ich mit einem Ausdruck beginnen, den ich vor wenigen Wochen im heimischen Fanlokal aufschnappte. Die Floskel „früher war alles besser“ kennt man, es tut als Fussballfan im besten Alter allerdings besonders weh, dies von jemanden zu hören, der den italienischen Calcio in den besten Jahren miterlebte.

Nichtsdestotrotz wurde nicht vom Plan abgewichen, in meinem dritten Versuch das Römer Olympiastadion abzuhaken. Die Eintrittsberechtigungen gab es wie gewohnt über die Plattform Listicket. Für Nicht-Tesserati war einzig die Haupttribüne zum wucherhaften Einheitspreis von neunzig Euro vorgesehen. Die Tickets vorsichtig in der Jackentasche verstaut, ging es für Cédric und mich frühzeitig zu Fuss von der Unterkunft in Richtung Spielstätte. Vor den Toren trank man wie abgemacht mit 2x St. Gallen und Anhang ein Bierchen. Deren Lazio-Affinität wurde bei der Platzwahl aber nicht geteilt und so enterten wir auf rechter Seite der Haupttribüne die Austragungsstätte während den Olympischen Sommerspielen im Jahre 1960.

Die Anhängerschaft Lazios hat in der Stadt wenig zu melden und so ist es üblich, dass Derbys mit Heimrecht dar Laziali jeweils schlechter besucht sind. Je nach Gastgeber hat das Gegenüber nämlich nur Anrecht auf Karten in der jeweiligen Fankurve. Das trotz dem erweiterten Spitzenkampf „nur“ 55’000 Zuschauer den Weg in den Nordwesten der Stadt gefunden haben, könnte am Scheitern Lazios in der Europa League liegen. Denn während die AS Roma in der Königsklasse sensationell Barcelona aus dem Wettbewerb kegelte, scheiterte Lazio kläglich an der Brause aus Salzburg. Trotz dieser herben Enttäuschung zeigte die Heimkurve beim Einlauf eine gewaltige Choreografie zum Thema „Was aus dem grössten reinen Willen geboren wird, lebt“. Im Anschluss blieb die Lazio-Kurve rund um die legendären Irriducibili (die Unbeugsamen) aber blass. Wäre im Block nicht ständige Fahnenbewegung zu erkennen gewesen; man hätte einen Boykott vermutet. Noch unverständlicher ist mir die Aktion in der Pause, als das verkehrte Banner gedreht und im zweiten Durchgang doch einige Male beachtliche Lautstärken erreicht wurden.

Weniger berauschend präsentiert sich das Bild zum Einlauf bei der ASR, die eine kleine Choreografie mit Aushängeschildern der Stadt zeigte. Garniert wurde die ganze Aktion von Rauch und Böllern. Während der Partie zeigten die Romanisti aber, welches Potenzial in der Curva Sud steckt und liessen ihre lauten Gesänge durchs Stadion hallen. Natürlich sei gesagt, dass auch das schwache Spiel mit 0:0 Toren seinen Beitrag zum enttäuschenden Abend leistete. So konnte lediglich ein Aluminumtreffer und eine rote Karte auf Seiten von Lazio als Highlights im „Derby della Capitale“ vermerkt werden.

Neben dem fehlenden Hass fiel unserer Reisegruppe noch ein weiteres Detail auf. So ist es verwunderlich, wie man als Anhänger der SS Lazio (grösstenteils) offensichtlich rechtes Gedankengut auslebt und von der „Ära Di Canio“ zehrt, die Mannschaft aber aus mehr dunkelhäutigen Akteuren als diejenige des Gegners besteht.

Um auf meine Präambel zurückzukommen. Ja, früher war das Römer Derby und Fussball in Italien wohl einiges lebhafter. Das merke ich am darauffolgenden Abend auch auf der Fahrt von Rom nach Caserta, als im Blockwestecho der Ultras Rapid die ersten Auswärtsfahrten zusammen mit Venezia-Mestre beschrieben sind. Und trotzdem packt sie mich immer wieder aufs Neue, diese herrliche (Fussball-)Sehnsucht in den Zügen südwärts…

Tags :
27. April 2018