Groundhopping

Levski Sofia – PFC Litex Lovech (12.12.15)

Damit auch der nächste Ferientag getreu dem Motto „Carpe Diem“ genutzt werden konnte, stand für Freitag die Idee im Raum, sich ein zweites Spiel anzusehen. Ursprünglich war deshalb ein Besuch bei Clermont-Ferrand in der zweiten Liga geplant. Zum Schluss hatten Lukas und ich aber die Entscheidung getroffen, Clermont, trotz der imposanten Tribüne vor Ort, fallenzulassen. So ist es halt, wenn man sich mit dem definitiven Spieltermin zu viel Zeit lässt. Die neue Destination lautete Sofia. Wieso gerade Bulgarien, werden sich jetzt sicherlich einige Leser fragen? Der Grund ist simpel, denn nach Recherchen bezüglich passender Alternativen stach mir das Spitzenspiel der A Grupa zwischen Levski Sofia und Litex Lovech ins Auge. Beim Check allfälliger Flugpreise stellte sich heraus, dass der ungarische Low-Coster Wizz Air die Hauptstadt am Freitag um die Mittagstunde zu Spottpreisen von Genf aus anpeilt. Mit einem weiteren Länderpunkt in Aussicht wurde also trotz etwas teurerem Rückflug (verhältnismässig jedoch noch immer sehr billig) der Möglichkeit ins Auge gefasst, ein weiteres Land im Südosten von Europa zu bereisen. So waren wir zwei lediglich auf einen kurzen Zwischenstopp zuhause in Lausanne, ehe es auch schon wieder in Richtung Genf zum Flughafen ging, wobei man im Zug wie geplant auf Cedric traf. Dieser war extra aus der Gallusstadt angereist und sollte unser Trio für diese Reise komplettieren.

Vor dem Abflug sorgte noch eine Bombendrohung am Flughafen für Aufregung, nachdem für die Stadt Genf bereits am Vortag erhebliche Terrorgefahr ausgesprochen wurde. Dabei hatte die Polizei unter anderem zwei verdächtige Syrer verhaftet. Für den jetzigen Alarm sollte es aber eine (den Umständen entsprechend) ziemlich amüsante Erklärung geben. So wurde nämlich im Terminal 3 ein verdächtiger Koffer gemeldet, welcher niemandem zu gehören schien. Im Anschluss wurde das entsprechende Terminal grossräumig abgesperrt. Ein herbeigeeilter Japaner gab aber bekannt, dass er seinen Koffer hier ohne Aufsicht deponiert hätte und damit die angespannte Situation verursachte. Anschliessend schien alles in Ordnung. Doch nur einige Augenblicke später wurde im Terminal 1 ein verdächtiger Gegenstand gemeldet, der daraufhin auch gesprengt wurde. Wie sich herausstellen sollte, war dies der Rucksack des Japaners, welchen er vergass, während er zum Terminal 3 eilte, um sein anderes Gepäckstück zu retten. Manchmal hast du einfach kein Glück und dann kommt auch noch Pech dazu.

Unser Flug startete somit leicht verspätet, trotz allem erreichten wir Sofia an diesem Freitag rechtzeitig. Im Anschluss brachte uns, nachdem man die halblegale Taximafia abgewimmelt hatte, eine ziemlich alte Kutsche zum Hotel. Die Unterkunft war ideal gelegen und uns wurde praktisch eine kleine Wohnung mitsamt Erker in einer Art Türmchen zugewiesen. Für den Abend stand zuerst die Nahrungsaufnahme im Vordergrund was auch reichhaltig geschah, ehe man nach einem langen Tag, vor allem für Lukas und mich, verhältnismässig früh den Weg ins Bett fand.

Am Spieltag ging es früh raus, da man ein mitunter durch Sehenswürdigkeiten prall gefülltes Programm vor sich hatte. Rückblickend fallen die Bewertungen unseres Trios für die Hauptstadt Bulgariens mehrheitlich positiv aus, da Sofia mit ihren vielen Kirchen und im kommunistischen Stile gebauten Einrichtungen doch über einige imposante Bauten verfügt. Neben dem obligaten Sightseeing ergab sich wie so oft noch etwas Zeit für Shopping, wo man sich an diversen Parfüm-Fälschungen ergötzen durfte. So wurde aus einem Paco Rabanne schnell mal ein Poco Robonne gemacht und der arme Hugo Boss wurde zum Hugo Boos verunstaltet. Auch die bekannte Duftmarke Chanel wurde auf den wenig klangvolleren Namen Chanea umgetauft.

Da während den drei Tagen nur ein Spiel auf dem Programm stand, wollte man immerhin noch ein bisschen Groundspotting im Nationalstadion Vasil Levski sowie im etwas älteren Rakovski-Stadion betreiben. Am Nationalstadion angekommen wurde man allerdings energisch abgewiesen. Schlussendlich fanden wir trotzdem einen geöffneten Durchgang, wurden aber von einer heraneilenden Dame auf der Zielgerade am Erinnerungsfoto gehindert. Bei der zweiten Spielstätte hatten wir dann deutlich mehr Glück. Neben offenen Toren fanden wir unter anderem einen von der Zeit gezeichneten Ground vor, wie hier schön zu sehen ist.

Nun war es langsam an der Zeit, uns für einige bulgarische Lew (1 Franken = 1.80 Lew) zum Austragungsort chauffieren zu lassen, wo bereits reger Betrieb herrschte. Sogleich wurde die Kartenausgabe angesteuert, wo die Dame uns penetrant kein Ticket für die Haupttribüne verkaufen wollte, sondern einen Platz mittig auf der Gegentribüne. Also drei Eintrittsberechtigungen zum Stückpreis von 12 Lew für ebendiese Gegentribüne geordert, welche man nach zweimaliger Einlasskontrolle endlich betreten durfte. Im gleichen Moment wird einem dann auch klar, warum es nichts mit Karten für den „Main Stand“ geworden ist. Dieser befindet sich im Umbau und ist daher für das Publikum geschlossen. Platzmangel herrschte trotz allem bei weitem nicht, da sich lediglich 3’400 Zuschauer an das Spitzenspiel verirrten und nur der Heimblock gut gefüllt war. Aus Lovech waren wie erwartet nicht mehr als die zehn handgezählten Supporter angereist.

Allgemein präsentiert sich mir dieser Club als ziemlicher Sinnlosverein, was sich in den kommenden Szenen nur bestätigen sollte. Zwar war es der in den letzten Jahren ziemliche erfolgreiche Gastverein, der nach gut 20 Minuten durch ein Tor für das erste Highlight sorgte, anschliessend verlor der Verein bei unserer Reisegruppe allerdings alle seine restlichen Sympathiepunkte. Denn kurz darauf holte sich ein Oranger nämlich mit einer dummen Aktion zurecht die Ampelkarte. Die Überzahl wusste Levski trotz der lautstarken Unterstützung ihrer Fans vorerst nicht auszunutzen. Vor dem Pausenpfiff kam es nach einer unübersichtlichen Situation zu einem Penaltypfiff für die Gastgeber und ein zweiter Litex-Akteur wurde aufgrund einer Tätlichkeit des Feldes verwiesen. Zurück in der Schweiz kann ich diese Entscheidung auch nach mehrmaligen Schauen der Wiederholung durchaus als gerechtfertigt betiteln. Anders sah dies aber der Trainer von Lovech, der seine Spieler konsequent in die Kabine beorderte.

Damit sollten sich die von Cedric vorab geäusserten Befürchtungen eines Spielabbruchs bestätigen. Immerhin durfte ich mit der Halbzeit die gespielt wurde den Länderpunkt auch nach „Hopping-Regeln“ zählen.

Die Zuschauer waren jetzt natürlich ziemlich aus dem Häuschen und vor allem rund um das Spielertunnel versammelte sich zahlreich Bereitschaftspolizei. Zu einem direkten Kontakt kam es allerdings nicht, es blieb beim Besteigen der Zäune und wüsten Beleidigungen in Richtung Spielertunnel. Die Heimkurve schien sich über den Spielabbruch indes nicht zu stören und präsentierte nicht nur eine Choreografie sowie eine grosse Pyroshow, sondern supportete auch noch etwa eine halbe Stunde lauthals weiter, bis sich die Heimmannschaft schlussendlich in den heimischen Block begab.

Nach dieser unsportlichen Aktion der Gäste, man stelle sich vor nach, jeder umstrittenen Aktion würde so gehandelt, entschied die Liga wenige Tage später auf einen 3:0 Forfaitsieg für Levski und schloss wenig später die Gäste sogar ganz vom Ligabetrieb aus. Ein ziemliches Skandalspiel, welches wir hier erlebt hatten.

In der Folge ereignete sich nicht mehr allzu viel was hier Erwähnung finden sollte, ausser vielleicht der Tatsache, dass am Folgetag unser Taxifahrer statt ein Armaturenbrett ein Tablet hinter dem Steuerrad angeklebt hatte und darauf eine bulgarische Serie schaute. Kult! Definitiv ein unterhaltsamer Ausflug in ein Land gewesen, in welchem die Monobraue durchaus noch kulturellen Stellenwert aufzuweisen vermag.

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12. Dezember 2015