Groundhopping

Lokomotiva Zagreb – HNK Rijeka (16.04.16)

Die vorerst letzten längeren Ferien sollten natürlich nicht ohne getaner Dinge, in meinem speziellen Falle steht das „Dinge“ analog zu Grounds, ins Land ziehen und so wurden etwa zwei Monate im Voraus ein paar Tage Auszeit in der kroatischen Hauptstadt gebucht. Die definitiven Ansetzungen der „Prva HNL“, wie das kroatische Oberhaus heisst, waren noch nicht bekannt; mit den Heimspielen von Dinamo und Lokomotiva Zagreb konnte der Zukunft aber beruhigt ins Auge geschaut werden. Die vier Tage würden sowieso nicht all zu sehr auf den Fussball ausgerichtet sein, da ich mit meiner weiblichen Begleitung dem kulturellen Teil den Vorzug liess und wir es uns auch einfach einmal gutgehen lassen wollten.

Knappe zwei Wochen vor Abreise und meinem gefühlten hundertsten Besuch auf dem Internetauftritt der Liga waren die Spieltermine endgültig fixiert und die Ansetzungen erlaubten es, am Samstagnachmittag und am späten Abend zwei Spielstätten der höchsten Spielklasse zu kreuzen. Natürlich wäre auch in den unteren Ligen noch der eine oder andere Lückenfüller möglich gewesen, doch wie eingangs erwähnt, liess ich die Möglichkeit dieses Mal ungenutzt. Keine der beiden Partien kann als ganz grossen Klassiker bezeichnet werden, jedoch ist jeweils ein Name pro Affiche ein ziemlich klangvoller. Bei der ersten ist dies der Gast aus Rijeka mit seiner, bis vor kurzen, einmaligen Spielstätte; bei der zweiten ist dies Gastgeber Dinamo Zagreb, der sich mit 18 Titel Rekordmeister des Landes nennen darf und auch heuer wieder auf guten Wege ist, die Schale für eine weitere Spielzeit zu verteidigen.

Der Flug mit Swiss am frühen Freitagmorgen angenehm, sodass wir gegen 10 Uhr, nach einem kurzen Zwischenstopp im Hotel, erstmals die Stadt erkundigen durften. Aus dem Umfeld hatten wir bereits erfahren, dass Zagreb jetzt nicht so der Ort mit massenweise Sehenswürdigkeiten ist, dennoch ziehen beide von uns ein äusserst positives Fazit vom Besuch in der Stadt an der Save. Als Zentrum gilt der Ban-Jelacic-Platz, benannt nach dem gleichnamigen König und Nationalhelden, von wo aus es in jede Richtung interessante Dinge zu entdecken gibt. Nimmt man eine Seitenstrasse am linken Ende des Platzes, so endet man im Quartier „Gornji Grad“, welches erhöht liegt und neben einigen Prachtsbauten wie die St. Markus-Kirche einen schönen Ausblick auf die Stadt und die Kathedrale bietet. Wer auf dem Platz jedoch horizontal nach links oder rechts läuft, findet diverse Shoppingmöglichkeiten sowie kleine Bars und Bistros, wo sich Touristen und Einheimische zu jeder Tageszeit verköstigen lassen. In südlicher Richtung des Platzes liegt nach einigen Minuten Fussmarsch ein Park mit dem Kunstpavillon, der bewusst etwas an den Central Park erinnern sollte. Im gleichen Gelbton gehalten und definitiv ebenfalls einen Besuch wert ist das kroatische Nationaltheater. Was mich aber am meisten überraschte, war die eingangs etwas makaber klingende Idee meiner Freundin, uns doch den Mirogoj-Friedhof anzuschauen. Dieser liegt etwas ausserhalb des Stadtkerns und sieht schon von aussen äusserst imposant aus. Auch innen wird der prunkvolle Stil des Nobelfriedhofs weitergeführt, sodass einem schnell bewusst wird, dass hier nur die elitäre Oberschicht einen letzten Ruheplatz, meist in der Form eines Familiengrabes, gefunden hat. Das vorhin erwähnte Adjektiv makaber könnte dann wenn auch nur auf einige Grabinschriften zutreffen, wo zum Beispiel bereits der Name der momentan wohl ältesten Person der Familie sowie ein Geburtsdatum (1932 – 20__) eingraviert ist.

Zurück zum Fussball, wo es für mich hoffentlich noch den einen oder anderen Länderpunkt gibt, bevor auch mein Name in Stein gemeisselt wird. Der nunmehr 23. Länderpunkt konnte am Folgetag eingefahren werden. Für das erste Spiel sollte ich noch alleiniger Gast sein, während wir beim Abendspiel uns die Partie dann zusammen anschauen werden. Somit schnappte ich mir kurz vor 15 Uhr ein Taxi und liess mich zum Stadion von Lokomotiva chauffieren. Auf dem Weg noch etwas mit dem Taxifahrer geplaudert und ein weiteres Mal meine Leidenschaft einem Ungläubigen erklären durften, er sich im Anschluss aber ebenfalls als Fussballfan outete und mir riet, unbedingt einmal das Sevilla-Derby anzusehen. Da hat er wohl recht, die Partie habe ich sowieso schon lange Zeit auf meinem Radar. Die Spielstätte teilt sich Lokomotiva mit dem ligainternen Konkurrenten NK Zagreb. Das Stadion verfügt über eine Radrennbahn sowie eine überdachte Tribüne. Um ebendieses Objekt schön auf das Foto zu kriegen, kaufte ich mir für 40 Kuna (6 Schweizer Franken) ein Ticket für die Gegentribüne. Die anschliessend enorm gründliche Eingangskontrolle liess Böses erahnen und so war es dann auch. Ich fand mich im Gästesektor wieder, wo es weder sanitäre Anlagen, noch Schatten oder Verpflegungsmöglichkeiten gab, dafür aber massenweise Polizisten. Und wer denn Osten kennt, weiss genau, dass sich die Staatsmacht hier mit imposanter Postur, fiesem Blick und qualmender Zigarette im Mund präsentiert und nicht mehr viel von den in der Heimat bekannten Politessen hat. Unauffällig bleiben war also angesagt.

Das Spiel bei prachtvollem Sommerwetter lockte nur gerade 867 Zuschauer ins Stadion, wobei rund ein Viertel davon den Gästen die Daumen drückte. Etwa zur Mitte der ersten Halbzeit kreuzte dann die etwa hundert Mann starke Armada auf und es folgte von da an nun auch akustische Unterstützung für die Gäste. Die legendäre Armada-Zaunfahne, welche im griechischen Stile gehalten wird, wurde ebenfalls aufgehängt und war damit verlockend nahe an meinem Platz zu finden. Wäre schon ein Ding gewesen, würde ich einmal ein solches Teil zurück in die Schweiz bringen. Letztlich war es wohl einfach zu heiss, um hier den Herren im Anschluss an die Aktion davonzueilen und somit liess ich das Ganze bleiben… 😉

Auf dem Rasen wurde Fussball auf dem unteren Niveau gezeigt. Während der Pause startete ich einen Versuch, mit dem Sicherheitschef über eine Versetzung auf die Haupttribüne zu diskutieren und völlig wider Erwarten sah sich dieser bereit, den Touristen aus der Schweiz sogar persönlich und kostenfrei auf die Haupttribüne zu eskortieren. Ein freundlicher Herr! Allgemein habe ich das Gefühl, die Kroaten sind im Balkan das Volk, welches sich am freundlichsten gegenüber Fremden verhält. Klar wird man hier mit dem Tourismus argumentieren, aber beim Fussball ist dies ja nur äusserst selten der Fall. Somit genoss ich nun auch alle kulinarischen Freiheiten und orderte erstmals Popcorn und Bier, während die Akteure bereits wieder auf den Rasen zurückkehrten. Zu erwähnen gilt es noch das Maskottchen, natürlich mit dem Sujet eine Lokomotive, welche alleine von der Form her nur sehr schwer zu balancieren ist. Da eignet sich beispielsweise ein Bär oder Löwe bereits viel besser. Der zweite Abschnitt begann mit einer Grosschance für die Gastgeber vom Punkt aus, welche aber, zur grossen Freude der mitgereisten Gästeanhänger, vom Torwart mirakulös vereitelt wurde. Und wie so oft kam im Anschluss der Treffer zum 0:1 auf der Gegenseite. Als der Speaker mit Mario Gavranovic den Torschützen bekanntgab, staunte ich nicht schlecht, zumal der Schweizer mit kroatischen Wurzeln lange Zeit für den FC Zürich spielte und ich ihn nach seinem Wechsel aus den Augen verlor. Hier geniesst er also seinen Karriereabend. Gibt sicherlich schlechtere Entscheidungen.

Der Kopfballtreffer war zugleich der einzige der Partie, sodass sich wie erwartet der Favorit aus dem Küstenstädtchen durchsetzte. Mit dem Länderpunkt im Sack ging es für mich nach Schlusspfiff also wieder zufrieden in die Innenstadt.

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15. Mai 2016