Groundhopping

Middlesbrough FC – Leeds United (27.09.15)

Ganz anders als bei Newcastle präsentiert sich die Gemütslage momentan etwas mehr südlich im Städtchen Middlesbrough, wo der lokale Zweitligist in den letzten 15 Partien elf Mal als Sieger vom Platz ging. So war für den Sonntag also zumindest in tabellarischer Hinsicht ziemliches Kontrastprogramm angesagt. Kollege Claudio musste mich heute leider bereits wieder verlassen, sodass es bei schönstem Wetter alleine in Richtung Süden ging.

Spätestens in Darlington konnte die Sonnenbrille allerdings frustriert wieder eingepackt werden, da die Gegend in eine dicke Nebeldecke gehüllt wurde. Diese durfte zu allem Übel sogar noch etwas länger als ursprünglich vorgesehen begutachtet werden, schlussendlich reichte die Zeit trotz der Verspätung aber weiterhin aus. Der gewohnt äussert kurz ausfallende Regionalzug mit Zielort Middlesbrough war übrigens beinahe nur mit Fussballinteressierten beider Lager inklusive einem gutgelaunten Schaffner gefüllt. Zu Zeiten einer Frontline beziehungsweise einer Service Crew auf Seiten von Leeds wäre eine solche Anreise im gleichen Zug undenkbar gewesen, doch im heutigen England wurden viele dieser „Probleme“ durch die Anziehung der Preisschraube und somit quasi erlesenem Publikum auf groteske Art und Weise aus der Welt geschaffen. Dennoch schaue ich mit Hoffnung in die Zukunft was die englische Fankultur betrifft, zumal sich doch bei jedem Verein gut Gruppen junger Casuals formieren, die einen erfreulichen Umschwung andeuten.

Während der Fahrt wurde ich noch ein offensichtlich betrunkener Boro-Supporter angesprochen, der mich doch tatsächlich für den Sänger Sam Smith hielt. Ob dies nun als Kompliment zu werten ist und woher eine allfällige Ähnlichkeit denn kommen mag frage ich mich noch heute. Sagen wir es mal so, Smith ist sicherlich der bessere Sänger von uns zweien. Mein Liedgut beschränkt sich ja grösstenteils auf Lieder mit Fussballbezug, darunter hat sich übrigens auch ein Boro-Song eingeschlichen.

Bekanntlich treffen heute mit Leeds und Middlesbrough zwei der reisefreudigsten und stimmungsvollsten Anhängerschaften der Insel aufeinander. Dies zeigte sich sogleich nach dem Ausstieg am Zielbahnhof, wo dank der dort herrschenden Akustik die Gästefans für einen ersten Gänsehaut-Moment sorgten.

Von da aus sind es zu Fuss noch knapp zehn Minuten Fussmarsch durch ein modernes Quartier, ehe man den Ausläufer der Nordsee und damit auch das Riverside Stadium erblickt. Jener Ort also, wo im Jahre 2006 Geschichte geschrieben wurde und ich mich bis heute weiterhin gut erinnern kann. Damals war der FC Basel im Norden Englands zu Gast. Im Rahmen des EL-Viertelfinals, damals noch unter dem Namen UEFA Cup, galt es einen 2:0 Heimsieg über die Zeit zu bringen. Die Partie begann für den Schweizer Vertreter durch ein frühes Tor ideal und alles deutete auf ein Weiterkommen der „Bebbi“ hin. Denn Middlesbrough brauchte nun ganze vier (!) Treffer in einer guten Stunde.

Und von der elektrisierenden Stimmung getragen schaffte Boro tatsächlich das Unmögliche. In der 90. Minute schossen sie das 4:1 und qualifizierten sich somit für den Halbfinal. Auch dieser konnte in ähnlicher Manier gegen Steaua Bukarest gewonnen werden, ehe man sich im Final schlussendlich klar dem spanischen Vertreter aus Sevilla geschlagen geben musste. Mit dieser Niederlage begann die Krise und wenige Jahre später hiess es sogar „Goodbye Premier League“. Erstklassig geblieben sind hier offiziell nur noch die Fans.

Diese machten zum Einlauf der Akteure dann mit diversen Bannern, unter anderem mit der Aufschrift „SOS Save our Steel“ auf die bedrothen Arbeitsplätze der lokalen Industriearbeiter aufmerksam. Die Stimmung dann zumindest im Laufe der ersten Halbzeit das Beste, was ich auf der Insel bisher erlebt habe. Leeds hingegen lebte heute grösstenteils von ihrem Ruf und wurde beim Versuch ihre Hymne „Marching on“ wie zuletzt in Derby gnadenlos ausgebuht. Nicht nur im Support gewann Middlesbrough ziemlich schnell die Oberhand sondern auch auf dem Platz. Nachdem der erste Treffer bereits in der 3. Minute fiel, liessen sie es etwas gemächlicher angehen und doppelten erst eine halbe Stunde später nach. Den Schlusspunkt in einer einseitigen Partie setzte Publikumsliebling Diego Fabbrini nach einem Abwehrfehler in der 87. Minute, indem er den Torwart elegant umkurvte und zum klaren und ebenso verdienten Schlussverdikt von 3:0 einnetzte. Middlesbrough ist somit auf dem besten Weg dahin zurückzukehren, wo sie hingehören, nämlich in die Premier League. Es wäre der Region und vor allem auch den 27’694 Zuschauer zu gönnen, die an diesem Sonntagnachmittag hier an der Riverside für ausgelassene Stimmung sorgten.

Anschliessend an die Partie stand erst vor dem Abflug am Folgetag noch ein letzter Pflichttermin an. Auf dem Weg zum Flughafen stattete man spontan noch der ehemaligen Gastmutter, zur der Zeit als ich für zwei Monate in Newcastle weilte, einen Besuch ab. Obwohl sich ihre damaligen Kochkünste auf Aufwärmpizza und Garlic Bread beschränkten, erinnere ich mich gerne an die Zeit zurück. Bekanntlich sind es die Erinnerungen, die nach einer Reise zählen.

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27. September 2015