Groundhopping

NK Maribor – Levski Sofia (14.07.16)

Nach der Europameisterschaft ist vor der Saison. Ich persönlich bin froh, dass das Turnier vorüber ist und der Fussball nun wieder voll und ganz denjenigen gehört, die sich auch nach einem Grossanlass aktiv mit dem Ballsport beschäftigen und nicht einfach alle zwei Jahre zu Pseudo-Fussballfanatikern avancieren. Die erste Tour der neuen Spielzeit sollte mich nun also gemeinsam mit Nachbar Marty und Namensvetter Schenk in die österreichische Hauptstadt und nach Maribor führen. Doch beinahe wäre dieser Start schon grausam in die Hosen gegangen. Denn als wir am Bahnhof aufkreuzten (ja, der Zug stellte ein weiteres Mal das Transportmittel dar, dazu später aber mehr) fiel unsere Verbindung in Richtung Österreich einem Zugsausfall zum Opfer. Damit stand die Reise auf der Kippe, denn eine Alternative bestand nicht und der Zug in Bregenz würde sicherlich nicht auf uns warten. Also als letzte Möglichkeit den Familienjoker gezogen und meinen Vater angerufen. Dieser tauchte wenig später mit dem fahrbaren Untersatz am Bahnhof auf und von den Tönen von Antonio Vivaldis vier Jahreszeiten beflügelt, bretterten wir nun in Richtung Feldkirch. Somit konnte der Fehlstart glücklicherweise noch korrigiert werden, obschon ich persönlich nicht mehr mit einem Gelingen gerechnet hatte und innerlich bereits meine Wutrede gegen die Schweizer Bundesbahn einstudierte. So sass man wenig später doch Kirschen essend im Railjet mit Ziel Wien Hauptbahnhof.

Persönlich bevorzuge ich für solch stattliche Strecken (St. Gallen – Wien immerhin 800km) jeweils den Weg durch die Lüfte, wobei hier aber die günstigen Preise den Ausschlag gaben, dass ich auch das Gelübde, welches ich nach der letzten Wienreise ablegte, brach. Damals war man nach neun Stunden Heimfahrt im Regionalzug ohne Sitzplatz derart am Ende. Aber eben. Die Zeit heilt bekanntlich alle Wunden. Hinzu kommt der Preis, wo wir mit einer kleinen Finte äusserst kostenfreundlich wegkamen. Der Trick ist es nämlich, die Fahrkarten über die tschechische Bahn mit dem Ziel Brno zu kaufen. So fährt der Sparfuchs für wenige Euros von Bregenz (oder eben Feldkirch) in die Hauptstadt und nimmt dort einfach den Umstieg nicht wahr, sondern verbleibt in Wien. Da ich Brno bereits vor knapp 2 Jahren besuchte, ist dies auch nicht weiter schlimm.

So gemacht also am Dienstag, wo Marty und Ich am frühen Nachmittag in Wien eintrafen. Der dritte im Bunde sollte erst am Freitag zu uns stossen, da noch berufliche Verpflichtung unter der Woche wahrgenommen werden mussten. Ursprünglich war sowieso geplant, erst zum Wochenende hin anzureisen, da das Eröffnungsspiel im neuen Stadion von Rapid Wien gegen Chelsea den Hauptgrund für diese Reise darstellte. Als sich aber durch die erste Runde im österreichischen Cup und der zweiten Runde der Europa League einige interessante Kombinationen ergaben, wurde mit Begleiter Marty entschieden, bereits einige Tage früher anzureisen. Für den Donnerstag bescherte mir die Losfee EL-Heimspiele von Austria Wien, Wacker Mödling und Slovan Bratislava. Da sich bei jeder der drei Mannschaften der Gegner als ziemlichen Sinnlosverein herausstellte, sollte durch das Stadion einen Entschluss gefällt werden. Hier wäre mir ein Besuch in der Generali Arena von Austria lieb gewesen, zumal diese Spielstätte, wie beim Rivalen, bald umgebaut wird. Wie sich herausstellte in näherer Zukunft als von mir gedacht, denn die Partie wurde ins Happelstadion verlegt. Und da die Motivation fehlte, diesen Kick vor fast leeren Rängen in einem überdimensionalen Stadion zu besuchen, wurden Alternativen gesucht. So schaute ich mir nochmals die ausgelosten Duelle der Europa League an und kam zum Entschluss, dass einzig die Partie Maribor – Levski Sofia auch auf den Rängen interessant klingt, zumal von St. Gallen auch Kontakte nach Maribor bestehen. Eine Verbindung für den Donnerstag von Wien in die slowenische Stadt wurde auch gefunden und da auch die Kartenfrage mit einer Onlinebestellung problemlos beseitigt werden konnte, stand dem Vorhaben nichts mehr im Wege.

Vorher sollten aber noch Wien erkundigt werden. Die knapp zwei fussballfreien Tage mit viel Kultur vergingen wie im Flug und schliesslich fand man sich am Donnerstagmorgen auch schon im Bus nach Maribor wieder. Die Fahrt führte durch die Steiermark und vorbei an Graz ehe wir gegen die Mittagszeit in der zweitgrössten Stadt von Slowenien eintrafen. Diese hat eine bewegte Vergangenheit hinter sich und war in ihrer Geschichte bereits Teil von Österreich, Österreich-Ungarn, Jugoslawien oder auch vom Deutschen Reich. Ziemlich beachtlich für die Stadt mit knapp 120’000 Einwohnern am Fluss Drava. Nachdem das Gepäck beim nahegelegenen Hotel aufgegeben werden konnte, folgte ein erster Stadtrundgang. Persönlich faszinierte mich vor allem der Spomenik in der Innenstadt, der als Denkmal für die im Krieg gefallenen Soldaten an ehemaligen Kriegsschauplätzen errichtet wurde. Zwar ist hiesiger nicht so imposant wie einige andere, trotzdem ist es ein Denkmal in seiner abstrakten Art, wie man es wohl nur selten zu sehen bekommt. Unweit vom Monument hatten sich, zumindest vorübergehend, die Levski-Anhänger eingenistet und tranken sich auf das abendliche Spiel ein. Zwischen den Sonnenschirmen wurden Fahnen mit Reichsadler oder Keltenkreuz aufgehängt, was ihrer bereits offensichtlichen politischen Gesinnung nochmals mehr Ausdruck verlieh. Und so auch wenig verwunderlich, dass Marty und ich prompt als homosexuelles Paar (da zu zweit mit Kamera und bewusst ohne «Fussballertracht» umherziehend) ertappt und dargestellt wurden. Auf die obszönen Gesten hätte ich beinahe mit einem winkenden Handkuss reagiert, da einige der Bulgaren aber sicherlich schnell auf den Beinen gewesen wären, wurde darauf aber verzichtet. 😉

Nach einem Malzgetränk auf der lokalen Rooftop-Bar wurde ein Restaurant und anschliessend das Hotel angesteuert, ehe wir uns gemeinsam langsam in Richtung Stadion begaben. Vor dem Stadion bereits viel los und auch wir mischten uns etwas unter die Leute. Polizei in grosser Anzahl und an jedem Ecken sowie die Tatsache, dass ein Hubschrauber über dem Stadion kreiste, sprechen meiner Meinung nach für sich. Die vorab gebuchten Tickets wurden von uns noch in zwei Originalkarten umgetauscht und für die Einlasskontrollen mit Namen, Wohnort und Nationalität versehen. Nach diesem Prozedere durfte endlich der Platz auf der ausverkauften Gegengerade eingenommen werden. Von hier bot sich einem ein perfekter Blick auf den Heim- und Gästeanhang, wobei letzterer das imposantere Bild abgab. Der Away-Block derart prall gefüllt und mit massig Ordnungshütern im Nacken, dass zusätzlich sogar auf den äussersten Teil der Haupttribüne ausgewichen werden musste. Maribor konnte seine Tribüne leider nicht ganz füllen, auch hier aber ein stattliches Bild. Kurz nach Spielbeginn gab es auf der Heimseite dann noch eine Choreografie mit dem Namen der führenden «Viole Maribor» sowie deren Gründungsjahr als Zaunbeflaggung, untermalt von etwas Pyro und anschliessendem Fahnenschwenken. Die Anhänger aus Sofia verzichteten auf optische Stilmittel und verliessen sich auf ihre brachialen Stimmen, was wie bereits beim Besuch in der bulgarischen Hauptstadt vor einem halben Jahr, ziemlich Eindruck hinderliess. Ebenfalls erwähnenswert der Ausblick über dem Stadiondach in die Natur sowie der wunderbare Sonnenuntergang zum Pausenpfiff. Das Gezeigte auf dem Rasen war dafür umso dürftiger und so war ein Lattentreffer auf Seiten von Maribor sowie eine Chance in der Schlussminute für Levski die einzigen beiden spielerischen Highlights, welchen den anwesenden 7’345 Zuschauern am heutigen Abend geboten wurden.

Ein 0:0 ist immer ärgerlich, heute konnte bei einem Drink zurück in der Innenstadt aber aufgrund des äusserst netten «Rahmenprogramms» getrost darüber hinweggesehen werden. Es folgte eine erholsame Nacht und die Rückfahrt nach Wien am Folgetag, wobei das weitere Vorgehen dann im nächsten Beitrag abgetan wird.

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28. Juli 2016