Groundhopping

Olympique de Marrakech – Chabab Houara (04.02.17)

Als Schweizer Arbeitnehmer kommt man je nach Berufsfeld gelegentlich in den Genuss der sogenannten «Sportwoche». Diese Ferien jeweils zum Ende des Monats Januar werden von einem Grossteil der Familien genutzt, um (mittlerweile vermehrt nach Österreich) in den Skiurlaub zu fahren. Und da ich diesem Alter bekanntlich etwas entwachsen bin, werden zwar auch einige Tage ausserhalb der Heimat verbracht, wobei hier allerdings der Wintersport nicht im Vordergrund steht. Im Gegenteil, ich durfte mit meiner Freundin und ihrer Familie, die mich netterweise nach Rom eingeladen hatte, einige äusserst angenehme Tage in der italienischen Hauptstadt verbringen. Für ein Heimspiel von Lazio hatte es aufgrund eines fehlenden Abendverkaufes zwar nicht gereicht, die Trauer darüber hielt sich jedoch in Grenzen. Rom hat es mir mit seinem antiken Forum, den warmen Temperaturen und kulinarischen Leckerbissen auch so sehr angetan.

Und als wäre dies nicht genug, wurde (nicht etwa aus mangelnder Wertschätzung gegenüber den Romferien), sondern aufgrund akuter Wärmeabstinenz am Dienstagnachmittag ein Taxi mit dem Ziel «Ciampino Airport» bestiegen, ehe uns der irische Lowcoster «Ryanair» zum Spottpreis weiter nach Marrakesch brachte. Von der Flugzeit her ist das Ganze gerade noch so knapp machbar in punkto Beinfreiheit. Während dem Landeanflug die übliche Anmeldekarte ausgefüllt, ehe die Passkontrolle zur Geduldsprobe avancierte. Doch auch hier wurden wir irgendwann schliesslich durchgewunken und es hiess nach langer Zeit wieder einmal Welcome to Africa! Die Meute Taxifahrern konnte routiniert stehengelassen werden, sodass wir wenig später für gutes Geld per Bus direkt vor die Strasse zu unserem Hotel gebracht wurden.

Zu Marokko spare ich mir ein tägliches Resümee und lasse stattdessen wie gewohnt die Bilder in der Slideshow weiter unten sprechen. Ein kurzes Gesamtfazit möchte ich euch aber dennoch nicht vorenthalten.

Ich muss ehrlich sein. Nordafrikaner gehören sicherlich nicht zu den Landsleuten, die mir von Grund auf sympathisch sind. Jenes Vorurteil gilt es nach diesen Ferien zumindest zu gewissen Teilen zu revidieren. Klar, der Tourismus ist für die Einwohner Marokkos die Haupteinnahmequelle und wir sind etwas ausserhalb der Saison unterwegs aber trotzdem. Ich hatte mir die Händler in der Medina deutlich aufdringlicher und unfreundlicher vorgestellt. Kommen wir somit gleich zur Hauptattraktion, den Suks. Also die Märkte, die sich nach dem Passieren des Hauptplatzes «Djemaa el Fna» in alle Richtungen schier endlos erstrecken. Hier werden einem nicht nur Lederwaren, sondern wie auf dem Hauptplatz, einfach alles angeboten. Wer will, kauft sich die neuesten Fälschungen von Louis Vuitton, Chanel oder Gucci, nippt an einem köstlichen Fruchtsaft oder sieht einem der vielen Schlangenbeschwörer dabei zu, wie er mit seinem nervtötenden Blasinstrument die armen Reptilien penetriert. Auch müssen gezähmte Affen mit halbwegs lustigen Verkleidungen für Touristenfotos im marokkanischen Sonnenschein herhalten. Zusammen mit den Chamäleons und Schildkröten sowie den diversen Tierfellen alles in allem nichts für meine tierliebende Freundin. Auch die teils stark abgemagerten Pferde an den Kutschen und Lastesel hinterlassen einen traurigen und bemitleidenswerten Eindruck.

Doch die Königsstadt mit ihrer knappen Million an Einwohnern weiss auch zu entzücken. So etwa zwei kulinarische Adressen. Einerseits das Cafe Kif-Kif unweit vom Marktplatz gelegen mit seinen genialen Brownies und dem absolut typischen Pfefferminztee, wie auch das Restaurant Le Jardin inmitten der verwinkelten Gassen der Medina. Ein persönlicher Geheimtipp nicht nur auf kulinarischer Ebene ist das lokale Fotomuseum, welches neben unglaublich eindrücklichen Fotografien in Sepiatönen auch durch eine geniale Dachterrasse mit Blick über die Stadt und dem sich dahinter erhebenden Atlas besticht. Natürlich sind auch die Restaurants im Zentrum für das Beobachten des Markttreibens interessant, hier sollte der Besucher für einen guten Platz aber etwas mehr Zeit einzurechnen. Wer sich nun in einer solchen Gaststätte eine richtige Mahlzeit gönnt, kommt an Couscous, Omeletten oder an der typischen Tajine, einer Art Schmorgericht, nicht vorbei.

Abseits vom Kulinarischen bilden das Koutoubia Minarett wie auch die Moschee Ben Youssef die Hauptsehenswürdigkeiten. Nichtmuslimen ist der Zugang zur Moschee nicht gestattet, dafür ist die nebenanliegende Medersa betretbar. Hier, wie auch im Musée de Marrakech oder im Palais de la Bahia, dominieren farbige Mosaikmuster das Gesamtbild. Vor allem gegen Abend hin füllt sich die Stadt und ihr Zentrum mit immer mehr Leuten, von denen viele Kleinigkeiten verkaufen. Seien dies nun Muscheln, frischer Granatapfelsaft oder Süsswaren. Was mich kulturell am meisten überraschte, waren die sich teils widersprechenden moralischen Grundwerte wie etwa der Alkoholkonsum oder die Verschleierung der Frau. Letzteres wirkt nämlich spätestens im Einkaufszentrum überholt. Hier sind in den Schaufenstern der Kleiderläden nämlich Plakate von Models in Unterwäsche und auch sonstiger Damenmode zu finden, die eine traditionelle Marokkanerin auch in ihren kühnsten Träumen wohl niemals zu tragen gewagt hätte.

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Nun zum fussballerischen Teil der Reise.

Ein Spiel in Marokko und damit Länderpunkt Nummer 29 besass zwar nicht oberste Priorität, sollte aber, wenn möglich, doch mitgenommen werden. Da sich das Ligasystem ziemlich undurchsichtig präsentiert und Spieltermine erst zwei Tage vor Anpfiff auf der Verbandsseite ohne Austragungsort veröffentlicht werden, war das Ganze keine leichte Aufgabe. Eine zusätzliche Schwierigkeit bestand in der Tatsache, dass mit Kawkab der eigentliche Verein von Marrakesch ein Auswärtsspiel zu bestreiten hatte. Dem sollte laut Verband aber ein Verein namens «Olympique de Marrakech» Abhilfe schaffen. Für Samstag war nämlich ein Heimspiel angesagt für das es nun lediglich noch den Austragungsort herauszufinden galt. Also den simpelsten Weg gesucht und zum nahegelegenen Stadion El Harti gelaufen, wo wir zu unserer eigenen Überraschung wenig später im integrierten Sportministerium vorgeladen wurden. Bei meinem Anliegen konnte die äusserst nette Dame allerdings nicht weiterhelfen und verwies uns deshalb an die Geschäftsstelle von Kawkab, welche sich in Gehnähe befinden solle. War dann auch so, wenn dabei die Rede von einer unscheinbaren Eisentür mit einer «KACM» Beschilderung ist. Also auf gut Glück geklingelt und wenig später hereingebeten worden. Hier klärte man mich wie erwartet über das (bereits bekannte) Auswärtsspiel von Kawkab auf. Um meinem Anliegen dennoch gerecht zu werden, wurde keine Mühe gescheut und ein wenig rumtelefoniert. Und tatsächlich, kurze Zeit später bestätigte mir die nette Dame an der Rezeption ein Spiel im Stadion El Harti für Samstag um vier Uhr. Die entstandene Informationsasymmetrie mit einer Anpfiffszeit von 14 Uhr laut Verbandsseite wurde als Teilinformationen von beiden Quellen zusammengeführt und so standen meine Freundin und ich am Samstag um 14 Uhr vor dem Stadion El Harti.

Und tatsächlich. Als wir zur besagten Stunde aufkreuzten, wurde zu meiner grossen Freude soeben die Partie zwischen Olympique Marrakech und Chabab Houara angepfiffen. Sprich Länderpunkt Nr. 29 und Kontinentalpunkt Afrika bei Drittligafussball auf künstlicher Unterlage. Wie bereits die ganze Stadt kommt auch die Spielstätte im selben hellen Rotton daher, der bei Sonnenschein und hohen Temperaturen die Wärme zu konservieren scheint. Die alte Heimat von Kawkab war am heutigen Tag mit gut 200 Zuschauern nur sehr spärlich gefüllt. Die Anwesenden sahen bereits in der Anfangsphase mit dem Tor zum 1:0 den einzigen Treffer der Partie. Überraschenderweise waren unter den Zusehern auch gut vierzig mitgereiste Fans aus Ouled Teima, die trotz grösstenteils zartem Alter mit neuen Melodien und erfrischendem Support glänzten. Speziell vielleicht noch die Tatsache, dass meine Freundin die einzige Frau im Stadion war und daher vermehrt besonders genau gemustert wurde. Nach einer kurzen Diskussion mit der örtlichen Polizei wurde mir Zutritt in den Innenraum gewährt und ich konnte weitere Aufnahmen der Spielstätte machen. Wie bereits auf dem Markt oder bei Taxifahrten, präsentierte sich meine Fähigkeit die französische Sprache zu sprechen auch hier als äusserst hilfreich. Eintritt wurde übrigens keiner berappt, sodass die einzigen marokkanischen Dirhams an diesem Nachmittag für zwei Kokosmakronen mit Waschmittelgeschmack ausgegeben wurden.

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14. März 2017