Groundhopping

Olympique Marseille – Paris Saint-Germain (05.04.15)

„Das muss ich unbedingt mal gesehen haben“ oder wohl einfach „Geil, wahnsinnig“ werden in etwa die Worte gewesen sein, welche ich herausbrachte, als ich das neue Stadion von Olympique Marseille das erste Mal gesehen habe. Denn vor ziemlich genau vier Jahren begann man in Südfrankreich mit der Aufwartung der Spielstätte hinsichtlich der im nächsten Jahr stattfindenden Europameisterschaften im eigenen Lande. Bereits vor der „Renovierung“ hatte mir das Vélodrome mit seinen zwei mächtigen Fankurven gefallen, aber was den Architekten nun hier gelungen ist, treibt einem Stadionfanatiker wie mir einfach nur noch Freudetränen in die Augen. Die alte Haupttribüne musste einer grösseren und moderneren Muscheltribüne weichen, während die drei anderen Tribünen ihre Form behielten, jedoch aber aufgewartet wurden. Den Schlusspunkt setzt eine futuristische und extrem imposante Dachkonstruktion auf eines der grössten Stadien Europas.

Jetzt aber genug geschwärmt! Denn bis es dann soweit war, brauchte es noch einige Hürden zu nehmen. Angefangen hatte dies mit der Suche für ein angemessenes Spiel anfangs Jahr. Als man sah, dass am Osterwochenende Paris St. Germain an der „blauen Küste“ zu Gast sein wird, war der Entschluss gefasst, hoffte man doch auf einen Spitzenkampf dieser beiden Mannschaften. Da man von der beiden Feiertagen zum Ende und zum Anfang der Woche profitieren konnte, sollte es auch kein Problem sein, wenn die Partie auf den Sonntagabend fallen würde.

Als der Plan an die Leute gebracht wurde konnte mit Andrin S. schnell einen Begleiter gefunden werden, der von der Idee begeistert war. Begeistert war auch ich, als ich kurz darauf einen Hin- und Rückflug für schlappe 79.- Franken buchen konnte. Die Airline war übrigens Darwin, die unter dem Namen Etihad Regional diesen Flug durchführt. Somit dies (vermeintlich) auch geklärt und man konnte zum (vermeintlich) schwierigsten Teil, dem Beschaffen von zwei Tickets übergehen. Denn wie sich die Liga entwickelte wurde immer schneller klar, dass es sich hier tatsächlich um einen Spitzenkampf handeln wird. Einerseits natürlich schön, andererseits macht dass die Beschaffung von zwei Karten über offiziellen Weg nicht einfacher. Somit also bereits im Voraus einen Account erstellt und den Newsletter abonniert, um dann schnellstmöglich zuschlagen zu können. So schnell war ich dann allerdings nicht, denn als ich nach einer virtuellen Warteschlange endlich an die Reihe kam, gab es nur noch wenige Restkarten. Trotzdem, für zwei Einlassberechtigungen, allerdings für einen recht hohen Preis, hatte es zum Glück gerade noch gereicht.

Kaum war man allerdings alle Sorgen los, sorgte Etihad Regional an einem regnerischen Wochentag mit einer Mail für einen Paukenschlag. Der „Dear Customer“ musste leider darüber informiert werden, dass der Flug nach Marseille annuliert wurde. Wer einen Ersatzflug will, soll sich doch in den nächsten Tagen bei ihnen melden. Na toll! Grund für die Annulierung war, dass Etihad Regional mit einer Vorschrift der Schweizerischen Luftfahrtbehörde (BAZL) in Berühung kam und sich fortan diese Strecke für sie grob gesagt als nicht mehr rentabel erweisen sollte. Grund genug für Darwin, die unter dem obengenannten Namen die Flüge durchführen, mal schnell dreissig Flüge aufgrund dieser Tatsache zu streichen. Anfangs bekam nur ich die Mail, als verspätet aber auch mein Kumpel über die Annullierung klagte wussten wir, dass es sich hiermit leider nicht um einen verfrühten Aprilscherz handelte. Es blieb also nichts anderes übrig als bei der untenstehenden Mailadresse um eine Alternativroute zu betteln, wobei bei mir der Service doch recht bescheiden ausfiel. Erst wurde auf meine Mails gar nicht reagiert, ehe ich eine etwas lächerliche Variante mit dem Zug vorgeschlagen bekam, schlussendlich wurde mir aber nach ein bisschen Druck meinerseits ein Flugticket kostenneutral via Paris ausgestellt. Beim Kollegen dasselbe. Abflugtag war zwar derselbe wie ursprünglich geplant, trotzdem verlor man durch den relativ späten Nachmittagstermin und den langen Aufenthalt in Paris beinahe einen Tag. Bitter! Aber immerhin wurde das angepeilte Spiel nicht auf den Freitag- sondern auf Sonntagabend terminiert, was für uns das Ganze gerade noch einigermassen erträglich machte. Und trotzdem, Darwin wird zumindest von mir in Zukunft (aus Trotz) gemieden.

Und irgendwann kam er dann, der lang ersehnte Tag der Abreise, wo wir wie geplant von Genf zuerst nach Paris und von dort nach ein paar Stunden Aufenthalt zur späten Stunde von Air France in den Süden Frankreichs gebracht wurden. Natürlich umgibt einem auch als Vielflieger vor dem Einsteigen ein etwas mulmiges Gefühl wenn man weiss, dass eine Maschine erst vor Kurzem dort abgestürzt war, wo man auch darüber fliegen wird. Zum Glück hatten wir allerdings kein Problem auf allen vier Flugstrecken, um dass vorneweg zu nehmen. Kurz vor Mitternacht setzte die Air France Maschine etwas verspätet dann auf dem schön gelegenen Rollfeld am Flughafen Marseille Provencal auf und wir hatten Glück, dass wir gerade noch mit Ach und Krach den letzten Bus als letzte zwei Mitfahrer erreichten.

Nach etwas mehr als 20 Minuten Fahrt vorbei an massenweise Plattenbauten erreichte man die Innenstadt, wo wir zwei mit der Metro noch bis zum Hotel fuhren. Dort noch die letzten Nerven des Tages aufgebraucht, als der junge Herr an der Reception doch penetrant behauptete, dass wir das Hotel noch zahlen müssen. Irgendwie schaffte ich ihn zu überreden über die Sache zu Schlafen und das Ganze doch morgen zu regeln. Für uns ging es dann also endlich nach einem langen Anreisetag in die Horizontale. Pünktlich am nächsten Morgen standen wir an der Reception, wo man sich bei uns für den forschen Jüngling entschuldigte und versicherte dass alles bereits im Voraus bezahlt war. Was wäre denn anderes von uns Schweizern zu erwarten? 😉

Allgemein sollte heute einer der besten Tage des noch relativ jungen Jahres werden. Denn angesagt war ein Ausflug nach Cassis, einem malerischen Fischerstädtchen, östlich von Marseille an der Mittelmeerküste gelegen. Bei wunderschönem Wetter machten wir uns also per Zug auf ins Städtchen, wobei von dem noch nicht viel zu sehen ist, wenn man in Cassis ankommt. Erst nach einer knappen halben Stunde Fussmarsch erreicht man langsam das Zentrum. Der Weg dorthin führt durch Saatfelder und schöne Anwesen und wurde von keinem von uns zwei als störend empfunden, zumal auch die Sonne mit aller Kraft schien und keine Wolke am Himmel zu finden war. Das Dörfchen selbst liegt malerisch zwischen Felsen eingebettet an der Côte d’Azur und wir entschieden uns für eine Erkundungstour der Region, welche schlussendlich mehrere Stunden beanspruchte. Insgesamt eine wirklich sehenswerte Region. Zu Mittag wurde auch gespeist, etwas saftiger als das Steak meines Begleiters war dann die Rechnung, mit einem Bierpreis von beinahe zehn Franken, aber man gönnt sich bekanntlich ja sonst nichts…

So verging der Tag in Windeseile und wir machten uns dann irgendwann wieder auf um nach Marseille zu kommen, wo man den Abend gemütlich ausklingen liess und einige algerische Spezialitäten beim Quartierrestaurant geniessen durfte.

Und dann kam er auch schon, der Spieltag. Ursprünglich hatte man noch mit den Partien in Nizza und Montpellier geliebäugelt, beliess es aber bei diesem Kracher, um noch etwas mehr Zeit den kulturellen Dingen zu widmen. Und dies tat man dann auch. Neben einem Stadtrundgang besuchten wir auch das eine oder andere Museum, wobei eher moderne Kunst im Vordergrund stand. In einem alternativen Restaurant genoss man dann noch ein überaus guten Schokoladenkuchen sowie ein obligates Glas gelben Götternektar, ehe die Uhr auch schon langsam gegen den Abend zuschritt.

Da man mit einem regelrechten Chaos in Stadionnähe rechnete ging es dann auch schon knapp drei Stunden vor Anpfiff auf die Metro, wobei gesagt werden muss, dass wir einen Teil der Strecke noch zu Fuss hinter uns brachten und uns auf dem Weg noch verpflegten, um das teure Stadionfood meiden zu können. Die frühe „Anreise“ war dann auch tatsächlich ein Segen, denn als wir vor dem Stadion ankamen ging alles drunter und drüber. Andrin und ich liefen nicht nur zufällig in einen Mob von Marseille-Hauer hinein, die vermummt Steine auf Polizei und den Mannschaftscar von PSG schmissen, sondern mussten auch wieder fluchtartig kehrt machen, um nicht von einem Fluggeschoss oder Tränengas ausser Gefecht gesetzt zu werden. Also schnell mal einen Rückzieher gemacht und das Ganze aus der Ferne beobachtet. Waren schon ein paar üble Hauer zugegen (sogar vom freundlich gesinnten Sampdoria) und neben viel Pyros und Donnerschlägen kam es zu mächtig Krawall und Sachbeschädigungen. Zumindest vom letzteren bin ich nicht sonderlich Fan. Der Hass gegen PSG ist hier allgegenwärtig. Nur gut sind die Zeiten von den Pariser Fangruppierungen wie die bekannten „Boulogne Boys“ vorbei, sonst hätte ich hier schwarz gesehen. Einen etwas subjektiven Artikel über den Vorfall findet ihr übrigens hier. Allerdings muss ich sagen, vor Ort musste man keine Angst haben, wenn man sich nicht an den brenzligen Orten aufhielt und darum war die Stimmung bei den restlichen Fans (unter anderem auch viele Familien) recht entspannt.

Nach der Aufruhr ging es für uns dann langsam ins Stadion, wo wir unsere Plätze im obersten Rang der Gegentribüne einnahmen. Der Moment wenn man diese Prachtsbaute das erste Mal von innen sieht ist unbeschreiblich. Einfach nur wow! Für mich im Moment das schönste Stadion der Welt. Unsere Plätze waren auch ganz schön, mit netter Sicht auf die beiden Heimkurven. Der Support bereits eine Stunde vor der Partie ganz ordentlich und die Zeit verging wie im Flug, ehe der Einlauf der Spieler für den nächsten „Wow“ Moment sorgte. Und zwar für einen mit drei Ausrufezeichen. Zu Beginn wurde nämlich eine gigantische Choreo über alle vier Tribünen präsentiert, wobei wir das Glück hatten, auf der Tribüne zu sitzen, wo „nur“ blaue Fähnchen geschwenkt wurden. Eine unbeschreiblich gigantische Choreo, darum schaut euch am besten einfach die Bilder unten an. Da kommt man ja bereits vor Spielbeginn nicht mehr aus dem Schwärmen heraus. Durfte nur noch das Spiel nicht enttäuschen. Und dies tat es auch überhaupt nicht. Von starkem Heimsupport angetrieben erarbeiteten sich die Gastgeber immer wieder Chancen zum Führungstreffer gegen den Erzrivalen. Bei Ecken für die Hauptstädter schwappte die Stimmung jeweils in puren Hass über und Lavezzi tat einem richtig leid, als er von diversen Gegenständen an der Eckfahne eingedeckt wurde und die Partie erst nach mahnenden Worten des Schiedsrichters in Richtung Fans weitergeführt werden konnte. Und dies auf der Haupttribüne. Hier schenkte man sich wirklich gar nichts. In der 30. Minute bei einem weiteren Angriff der Hausherren dann kollektive Ekstase bei den 65’148 Zuschauern. Topscorer André-Pierre Gignac netzte zum 1:0 für die „Marseillais“ ein.

Doch nur fünf Minuten später (35.) kehrte im Velodrome, welches heute einen neuen Zuschauerrekord verzeichnete, Totenstille ein. Blaise Matuidi traf mit seinem schwachen Fuss per Schlenzer wunderschön ins Lattenkreuz zum 1:1 Ausgleich. Lediglich im rundum vergitterten Gästesektor gab es kein Halten mehr. Doch OM liess sich von diesem Traumtor nicht beeindrucken und erneut war es Goalgetter André-Pierre Gignac, der in der 43. Minute die Pariser mit seinem Tor zum 2:1 schockte. Die Stimmung nun gigantisch; kaum in Worte zu fassen, was da abging. Alle lagen sich in den Armen und in den beiden Kurven wurde reichlich pyrotechnisches Material gezündet.

Im zweiten Durchschnitt zeigte die Gästetruppe aber, wieso sie als Titelaspirant Nummer eins in Meisterrennen gingen. Mit gutem Spiel gegen den Ball und einzelnen Nadelstichen, von denen der erste der Brasilianer Marquinhos in der 49. Minute zum 2:2 Ausgleich nutzen konnten und nur zwei Minuten später (51.) bugsierte Jérémy Morel, nachdem er von Stürmerstar Zlatan Ibrahimovic gestört wurde denn Ball unglücklich ins eigene Tor. Marseille-Coach Bielsa reagierte und brachte Ocampos für den unglücklichen Thauvin, doch auch der konnte die knappe und darum umso bittere 2:3 Niederlage gegen den „Feind aus dem Norden“ nicht mehr abwenden. Für einen letzten Aufreger sorgte noch Andrew Ayew, der in der Nachspielzeit noch den roten Karton für ein überhartes Einsteigen präsentiert bekam. Danach war Schluss. Schade, dass es im eigenen Hexenkessel nicht für mehr gereicht hat. Und trotzdem, ein Spitzenkampf mit fünf Toren sieht man auch nicht alle Tage. Für die Zeitungen am nächsten Tag war allerdings klar, dass der Titel hiermit zum Ding der Unmöglichkeit geworden ist.

Nach einer ruhigen Nacht hiess es am nächsten Morgen für uns wieder in die Heimat aufzubrechen, mit im Gepäck Erinnerungen an ein geniales Stadion, schöne Strände mit hellblauem Wasser in Cassis und an eine Stadt in der man sich, wenn man keinen Marseille-Trainer trägt, gleich ein wenig unwohl fühlt.

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5. April 2015