Nikosia liegt im Herzen von Zypern, die Metropolregion zählt über 300’000 Einwohner. In der Hauptstadt ringen traditionell zwei Klubs um die Vorherrschaft: Omonia und APOEL. Die Rivalität ist alt und tief. APOEL gilt seit jeher als nationalistisch geprägt; Ende der 1970er-Jahre entstand dort die erste Ultragruppierung der Insel. Linke und kommunistische Anhänger wurden wie an vielen Orten des Landes einst ausgeschlossen und fanden mit der Gründung von Omonia ein neues Zuhause und einen politischen sowie sportlichen Gegenpol. Während APOEL Rekordmeister und -pokalsieger ist, stellt Omonia das Team mit der grössten Fanbasis dar, mit Klubhäusern quer über die Insel und einem Logo, das stark an jenes von Panathinaikos erinnert.

Seit einigen Jahren mischt in Nikosia auch ein dritter Profiklub mit: 2018 wandte sich der Kern der Omonia-Fans vom eigenen Klub ab, nachdem die linke Partei AKEL den Verein an einen Investor verkauft hatte. Für viele vom «Gate 9» war das ein Bruch mit der eigenen Identität. So entstand der «Volkssportverein Omonia 29. Mai» – mit Sowjetstern und Ähre im Logo und einem langen Marsch durch die unteren Ligen, stets von einer aktiven Fanszene begleitet. Inzwischen spielte der Klub zwar bereits wieder eine Saison erstklassig, aber ohne eigenen Anhang und ohne eigenes Stadion: Das «Gate 9» boykottiert weiterhin die verpflichtende Fankarte, ein Dauerthema im zypriotischen Fussball.

Und genau diese Abwesenheit merkt man dem Stadtderby an. Die Heimkurve wirkt jung, motiviert, aber sie fällt schnell in sich zusammen. Meist vermag nur die Mitte der unteren Tribünenhälfte, die anfangs sehr hohe Lautstärke über mehr als eine Strophe der Lieder zu halten. Auf APOEL-Seite sieht es hingegen in optischer Hinsicht etwas mager aus: Das Gästekontingent wird seit Jahren begrenzt, der Block umfasst daher nicht die gesamte Hintertortribüne. Trotzdem schaukeln sich die Kurven weit vor Anpfiff hoch, wie es sich für ein Derby gehört. Bei Omonia, oder Omonoia, wie der Klub bei exakter Transkription der griechischen Sprache heisst, offenbaren Symbole wie die Fahne von Palästina, das Konterfei Che Guevaras oder die Flagge Chinas die kommunistische Prägung, mit der die Grün-Weissen in den Reihen von APOEL für erhitzte Gemüter sorgen.

Das Motto am Zaun wird bei Omonia bereits zwanzig Minuten vor Anpfiff enthüllt, bei APOEL wird die Zaunfahne für das Intro so vorbereitet, dass sie von den oberen Reihen der Haupttribüne aus bereits entziffert werden kann. Und doch zeigen besonders die zahlenmässig unterlegenen APOEL-Fans, warum ihre Zettelchoreos bekannt sind, während auf der Heimseite ein Chaosintro und laute Böller folgen. Die APOEL-Anhänger verweisen in einem zweiten Schritt – von Blinkern untermalt – auf das 100-jährige Vereinsjubiläum im kommenden Jahr und müssen nach wenigen Minuten durch ein Gegentor bereits einen Dämpfer hinnehmen.

Diesen verkraften sie besser als ihre Gegenseite, die vom prompten Ausgleich deutlich mehr aus dem Konzept gebracht wird. Nach dem rassigen Start mit frühen Treffern auf beiden Seiten flacht das Spiel und die Stimmung ab und steuert nach dem zweiten Treffer für Omonia auf einen Heimsieg zu, ehe das 2:2 in der Nachspielzeit das Team und die Fans von APOEL in späte Ekstase versetzt. Der Grossteil der 14’200 Zuschauer – wiederum scheint mir diese Zahl deutlich zu niedrig gegriffen – verlässt daraufhin wütend und fluchtartig über die markanten Ecktürme das Stadion.