Groundhopping

Sheffield Wednesday – Fulham FC (14.03.15)

Einmal mehr sollte es ins Königreich gehen. Die Insel zieht mich immer mehr in ihren Bann. Vor allem die Stadien und deren Umfeld in England sind es meiner Meinung nach, die den Fussball dort so einzigartig machen. Von der Grösse allen voran das Old Trafford, ihrerseits Heimstätte vom Manchester United. Für diese Spielzeit bin ich eine Saison lang „Official Member“ des Vereins aus der Stadt am River Irwell. Ziel dieser Mitgliedschaft sollte es sein, mir damit eines der begehrten Tickets zu sichern. Als Stichtag für einen Besuch wurde der 14. März ausgewählt. Somit kurz einen Flug gebucht der am nächsten Morgen wieder früh in die Schweiz zurückfindet, da man noch einige Angelegenheiten zu erledigen hatte. Will ja nicht bei jedem Beitrag jammern was für ein Pechvogel ich bin, aber langsam wird das Ganze echt unheimlich. Die gewünschte Partie gegen die „Yids“ aus London wurde nämlich kurzfristig auf den Sonntag gelegt und ich wäre zwar an Tickets gekommen, nur nützte mir dies nun nichts mehr. Also die Alternative gewählt, welche durchaus auch ihren Reiz hatte. Denn Everton, einer der Klubs auf der Insel mit dem ich sympathisiere sollte die Magpies aus dem mir bekannten Newcastle empfangen. Der Goodison Park zudem auch ein Stadion, welches ich seit langem einmal besuchen wollte. Von dem her der Spieltausch eigentlich verkraftbar, wäre da nicht die Kleinigkeit mit den Toffees und ihrem internationalen Gastspiel.

Dieses sah nämlich vor, dass sie im Sechzehntelfinale den Young Boys aus Bern gegenüberstehen sollten. Wie ich dann mit Schrecken feststellen musste, käme ein Weiterkommen der Liverpooler mit einer Verschiebung des Heimspieles gegen Newcastle gleich. Somit galt es also auf die Schweizer Hauptstadt und deren Mannschaft zu hoffen. Die Ticketpreise waren mir dann allerdings etwas zu hoch, um mir das „Spektakel“ in Bern live vor Ort anzusehen und so blieb es beim gemütlichen Schauen vor der heimischen Kiste. Apropos Kiste, die Young Boys brachten es doch tatsächlich fertig, in der 24. Minute mit 1:0 in Führung zu gehen, und mir so ein bisschen Hoffnung zu geben, dass Everton-Ticket nicht umsonst gekauft zu haben. Dieses eine Tor war es neben einem verschossenen (!) Penalty dann aber auch schon. Die Berner Gurkentruppe kam in der Folge von Goalgetter Lukaku und Co. noch vier Treffer eingeschenkt und auch im Rückspiel blieben die Schweizer chancenlos.

Dieses Spiel wurde nun also ebenfalls verschoben, da man den Profis eben keine zwei Spiele in drei Tagen zumuten darf. Ironischerweise wurde dass Spiel dann auf den darauffolgenden Sonntag terminiert, wobei man sich dann fragen kann ob diese 24 Stunden zusätzlich Erholung den Spielern wirklich geholfen haben. Immerhin wurde mir das Matchticket nach der Erklärung meiner misslichen Lage vom Everton-Ticketing-Team freundlicherweise umgehend zurückerstattet. Fest stand aber, dass ich nun an diesem Wochenende nicht in Liverpool meinen geliebten Fussball sehen werde. Zum Glück gibt es in England ja so ein breites Angebot, dass die Suche nach weiteren Alternativen nicht allzu schwer fällt. Entschieden habe ich mich dann gegen Burnley – Manchester City, was mich irgendwie nicht gross reizte und für das Traditionsteam Sheffield Wednesday. „Tradition, Tradition“ Oh wie ich das Wort doch eigentlich hasse. So ziemlich das Lieblingswort neben „Kommerzverein“ eines jeden Fussballinteressierten. Kommt dann immer auch als erstes Argument eines jeden Fussballfans nach der Frage, warum eben genau sein Verein der beste sei. Obwohl immer noch besser als beim FC Barcelona oder Real Madrid Fanzug aufzuspringen.

Zu Gast sollte der FC Fulham sein, fantechnisch sicher nicht das Beste, trotzdem erhoffte man sich vom Premier-League-Absteiger zumindest sportlich (vergebens) einen guten Auftritt. Hauptgrund für die Wahl war aber ganz klar eine andere. Einmal mehr der Austragungsort. Wohl eines der bekanntesten Stadien der Welt, wenn auch leider zum grössten Teil wegen der Tragödie aus dem Jahre 1989. Das Hillsborough Stadium. Schauplatz der Massenpanik, anlässlich des FA-Cup Halbfinales, in welcher 96 Liverpool Fans zerquetscht und totgetrampelt wurden. Sicherlich eine der schwärzesten Stunden des Fussballs. Die Schuld an dem ganzen Dillemma trägt übrigens zu grossen Teilen die Polizei, die aufgrund der enormen Menschenmassen die ins Stadion wollten ein weiteres Tor zum Eintritt öffneten und so die Zuschauer in einen bereits überfüllten Block drängten und es folglich zur Tragödie kam. Der ganze Vorfall ist Vorlage für den Taylor Report und somit einer der Hauptgründe, dass man heutzutage in England in den obersten zwei Ligen nur Sitzplätze in den Stadien vorfindet.

Trotzdem freute ich mich auf den Besuch in dieser legendären Spielstätte. Zusammen mit Flavio, der im Nachhinein von meinen Plänen gehört hatte und Lust bekundete mitzukommen, flog man noch am Freitagabend nach Liverpool. Dort gönnte man sich noch ein finales Bier, ehe es in die Horizontale ging. Wenige Stunden später sass man im Taxi an den Bahnhof, wo man bereits früh morgens den Weg ins zwei Stunden entfernte Sheffield in Angriff nehmen wollte, um neben dem Fussball auch noch weitere Aspekte aus der Arbeiterregion Englands mitnehmen zu können. „Carpe Diem“ eben. Doch am Bahnhof dann erstmal arg gebremst worden, da unser Zug viel Verspätung hatte und der Anschluss nicht mehr zu erreichen war. In jedem anderem Land ist dies ja eigentlich kein Problem, nur in England tickt man in dieser Hinsicht etwas anders. So ist es zum Beispiel nicht erlaubt, mit einem Ticket auf einen anderen „Operator“ zu wechseln. In unserem Falle von Virgin auf Crosscountry. Also mal schnell den Kondikteur gefragt was man tun könne und der stellte einem dann eine Art Bestätigung aus, dass eben der vorherige Zug zu spät war und ich den von Crosscountry ausgeführten Zug nun nehmen darf. Trotzdem zur Sicherheit am Bahnhof von Manchester nochmal vergewissert, wobei mir bestätigt wurde, dass wir ohne Probleme auf den nächsten Zug gehen können. Sie seien in diesem Fällen kulant.

Ja, denkste. Der Schaffner im „Ersatzzug“ wollte nichts von meiner verspäteten Verbindung wissen und liess sich auch nicht durch das von seinem Kollegen ausgefüllte Schriftstück beeindrucken. Stattdessen durften wir ein neues Ticket kaufen. Und so sass man dann also dann nach einem verlorenen Disput mit acht Billeten im Zug Richtung Sheffield, welches man nach dem kleines Ärgernis mit dem Kontrolleur dann ohne weitere Probleme so gegen 10 Uhr erreichte. Trotzdem, Damen und Herren an der Downing Street 10: Die absolut freie Marktwirtschaft im Schienenverkehr doch bitte nochmals überdenken! Sheffield hatten wir nach einer knappen Stunde gesehen. So hart es auch klingen mag, aber diese Kohlestadt ist einfach nur ein karger Fleck auf Englands Karte. Da man dies aber bereits vorher vernommen hatte, war man für eine solche Situation (natürlich) bestens gerüstet! 😉

Also zügig zurück an den Bahnhof und nach kurzer Fahrt das Städtchen Rotherham erreicht. Der Geburtsort von Ex-Schiedsrichter Howard Webb (meines Erachtens einer der besten) bietet zwar kulturtechnisch neben einem imposanten Münster auch nicht viel. Wäre da nicht das „Millmoor“, die ehemalige Heimstätte des Zweitligisten Rotherham United, der übrigens heute auch ein Heimspiel auszutragen hatte. Allerdings in der eintönigen Arena auf den Industriegebiet, welche zu allem Überfluss noch auf den Namen „New York Arena“ hören muss.
Aber zurück zum Millmoor, welches mitten in der Innenstadt vor sich hin rottet. So ein altes Stadion natürlich ein Traum für jeden Stadionfanatiker. Mit ein bisschen Klettern kommt man dann auch ins Innere des mehr oder weniger offenen Stadions, welches mir absolut gefällt. Aber schaut euch am Besten einfach die Fotos unten an.

Nach diesem Ausflug kurz den knurrenden Kollegen aus dem Bauchbereich gestillt, ehe es auch schon wieder zurück nach Sheffield ging, schliesslich ist das Zuhause der Eulen nicht im Stadtzentrum gelegen wie jenes von Rivale Sheffield United. Dieser spielt momentan übrigens recht weit oben in Liga drei mit, und wird sicherlich besucht sollte es in nächster Zeit zu einem Derby kommen.

Aber nun zurück zum mächtigen Hillsborough, welches per Bus oder Strassenbahn erreicht werden kann. Bereits von Aussen wirkt die Baute imposant. Nach einem kurzen Abstecher zum Memorial der 96 Verstorbenen wurden dann unsere Plätze auf der Gegentribüne, mit bester Sicht auf das wunderschöne Giebeldach, eingenommen. Da sich Flavio erst später als meine Begleitung „anmeldete“, hatte ich es nicht mehr geschafft genau zwei Plätze nebeneinander zu reservieren sondern mit einem Platz dazwischen. Da man mit einem Matchbesucher gesunden Menschenverstandes rechnete, sollte dieser kleine Makel aber kein Problem darstellen. Können dann sicher tauschen, dachten wir uns im Voraus. Kannste knicken! Der sture Rentner bestand doch tatsächlich auf seinen Platz zwischen uns, wie er mehrmals in forscher Sprache uns zu übermitteln versuchte. Somit also immer über zwei Plätze Spielzüge analysieren, Kommentare über alkoholisierte Zuschauer und Unvermögen von Akteuren kundtun müssen. Ja, dass habt ihr halt davon!

Die Stimmung war leider relativ bescheiden, nur bei der schönen Clubhymne wurde es laut im Stadion. Dafür ist die Hütte umso schöner. Vor allem die imposante Haupttribüne mit dem für England ehemals typischen Giebeldach ist für Stadionnostalgiker wunderschön anzusehen. Zudem erinnert einem das „Away End“ doch sehr an den Goodison Park, wobei immerhin so etwas wie Everton-Feeling aufkam. Abgesehen von dieser Tribüne mit knapp zweihundert Gästefans war das Stadion mit 22’182 Zuschauern gut gefüllt. Fussballtechnisch war das Gezeigte heute allerdings eher Magerkost, da beide Mannschaften zu viele Fehler machten. Dies veranlasste Wednesday-Trainer Gray zum Ende einer lahmen ersten Hälfte den Aktivposten Stevie May einzuwechseln. Und prompt traf der Schotte mit der speziellen Haarpracht in der 54. Minute zum 1:0 für die Eulen. Eine Viertelstunde vor Schluss (75.) konnte aber der etwas forsch wirkende Fulham-Stürmer Matt Smith zum 1:1 ausgleichen. In der Schlussphase entwickelte sich somit ein interessantes Spiel, wobei beide Mannschaften es verpassten, die drei Punkte für sich zu gewinnen. Was mich noch wunderte ist der Trikotsponsor seitens des Heimteams, wo auf dem Leibchen gross der Schriftzug „Azerbaijan – Land of Fire“ prangt. Wo da der Zusammenhang ist steht auch in den Sternen oder besser gesagt lodert er im Feuer.

Wir drängten uns nach Spielschluss in eine der Strassenbahnen und am Bahnhof angekommen bestiegen wir den Zug nach Manchester, wo man nach einem kurzen Aufenthalt zurück nach Liverpool fuhr und dort per Bus praktisch bis vor das Hotel chauffiert wurde. Am nächsten Morgen hiess es noch früher aufstehen als am Samstag und bereits gegen die Mittagszeit war man wieder in heimischen Gefilden anzutreffen.

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14. März 2015