Gleich eine Vielzahl vielversprechender Partien gingen an diesem Sonntag in Sizilien über die Bühne: Im Kampf um den «Scudetto» der Serie D gastierte Cavese in Trapani, während sich im Final der Playoffs Siracusa und Reggio Calabria gegenüberstanden. Eine Ligastufe tiefer hielt der Halbfinal der Aufstiegsspiele die Paarung Milazzo – Jonica bereit und den Geheimtipp verkörperte das Endspiel der Coppa Italia der Sechstligisten zwischen Vittoria und San Vito Lo Capo, wo von einem starken Auftritt der «Curva Sud Turi Ottone» auszugehen war.

Die Qual der Wahl fiel schliesslich – mitunter aufgrund der Nähe zum Nachtquartier Catania und der schönen Altstadt – auf das Heimspiel von Siracusa. Mit der «Curva Anna» wartet hier eine gestandene Fanszene auf einen Besuch, die ihren Namen Anna Rametta verdankt. Bis zu ihrem Tod war «Signora Rametta» ein steter, gern gesehener Gast auf der Heimtribüne gewesen, die mit ihrem freundlichen Auftreten für viele Anhänger zur «Mamma» der Kurve avancierte. Weniger schöne Worte fanden die Küstenstädter hingegen jüngst für ihre einstigen Brüder von Juve Stabia, mit denen sie eine 45-jährige – und damit eine der italienweit längsten – Freundschaft verband. Nachdem die Sizilianer Anfang Mai auf dem Weg zum Auswärtsspiel bei Afragolese in Casalnuovo di Napoli in einen Hinterhalt geraten waren, warfen sie ihren Freunden aus Castellammare di Stabia in einer Mitteilung Verrat vor. Weil diese eine Freundschaft zu den Ultras Napoli und damit zum Lager der Angreifer pflegen, hätten sie von deren Absichten zwingend gewusst und ihre Freunde warnen müssen, begründeten die Siracusa-Fans die Auflösung der «Gemellaggio».

So beschränkte sich die Präsenz befreundeter Ultras an diesem Nachmittag auf den «Sita Clan» aus Agrigento, der ältesten «Amicizia», welche die Heimkurve aufweist. Auch zum heutigen Kontrahenten aus Reggio Calabria pflegten die Blau-Weissen vor der Jahrtausendwende einst ein gutes Verhältnis. Ob dies mit ein Grund war, dass die Behörden zum Playoff-Final in der Girone I Gästefans zugelassen hatten, wage ich jedoch zu bezweifeln. Ein Transparent mit dem Wunsch nach Auswärtsfahrten ohne Einschränkungen und die mit 343 tiefe Zahl an Reggina-Fans liessen aber erahnen, dass seitens der Verantwortlichen ein kurzfristiges Umdenken stattgefunden hatte. Diese These stützte auch der bekannte Fangesang aus dem Gästeblock zur Melodie von Marcella Bellas «Montagne verdi».

Mit 4900 Zuschauern waren die restlichen Sektoren des Stadions für die Entscheidung in der südlichsten Staffel der Serie D ausverkauft. Benannt ist die Spielstätte nach dem ehemaligen Juve-Stabia- und Siracusa-Verteidiger Nicola De Simone, für dessen Begräbnis 1979 über 1500 Siracusa-Fans nach Castellammare di Stabia reisten und dort den Grundstein für die nun zerbrochene Freundschaft zwischen den beiden Fanlagern (und später sogar zwischen den Städten) legten.

Mit zwei lautstarken Kurven, ebenso vielen roten Karten und etlichen Rudelbildungen oder Diskussionen mit dem Schiedsrichter bekam die Partie einen emotionalen Rahmen verliehen. Den würdigen Höhepunkt stellte der vielumjubelte Treffer zum 2:1 für Siracusa in der 88. Minute dar, auf den die Gäste nicht mehr zu reagieren vermochten. Trost gab es für die leidgeprüften Reggina-Anhänger, die ihr Team noch vor einem Jahr in den Aufstiegsspielen zur Serie A angefeuert hatten, erst Wochen später und abseits des Rasens: Ein Sieg vor Gericht ebnete «Reggina 1914» die offizielle Rückkehr zu den Wurzeln, sodass der gewöhnungsbedürftige Name «La Fenice Amaranto» (der dunkelrote Phönix) wieder aus der Historie der 2023 zwangsrelegierten Kalabrier verschwindet.

Für das Heimteam fällt der Triumph mit dem 100-jährigen Jubiläum zusammen, der ob des Aufstiegs im Vorjahr umso beachtlicher ist. Damit endet für Siracusa die Spielzeit wiederum mit Feierlichkeiten in den umliegenden Strassen, obwohl es im Duell mit Reggio Calabria praktisch um nichts ging. Der Grund dafür liegt im italienischen Ligasystem: Aus der Serie D steigt einzig der Meister der jeweiligen Staffel auf, während die Zweit- bis Fünftplatzierten in mehreren Playoff-Runden lediglich ihre Klassierung in einer Schlusstabelle ausspielen, die im Falle insolventer Drittligisten die Reihenfolge für nachrückende Vereine regelt. Weil der erste Platz davon – anstelle der bankrotten US Ancona – in diesem Jahr vom sportlichen Abschneiden entkoppelt bereits dem Nachwuchs von Milan zugesichert wurde, bestand für Siracusa zu keiner Zeit eine realistische Chance auf den Durchmarsch.