Groundhopping

SSV Jahn Regensburg – FC Augsburg (10.07.15)

Ein neues Stadion zieht grundsätzlich immer zwei besondere Arten Interessenten an. Die Erfolgfans, als auch die andere, etwas seltenere Spezies der Groundhopper. So wie dies an jenem Juliwochenende im bayrischen Regensburg der Fall war. Als Vertreter dieser Randgruppe wurde dieser Termin natürlich bereits früh in der Agenda markiert. Als dann rauskam, dass mit dem FC Augsburg mein Herzensclub beim 3. Liga-Absteiger zu Gast sein wird, war die Freude gleich noch etwas grösser. Da das Eröffnungsspiel in der Regensburger Arena noch mit einem zweiten Kick am darauffolgenden Tag verbunden werden konnte, darf ruhig von einer kleinen Tour in Niederbayern und Unterfranken geredet werden, die ich und Nachbar sowie Kollege Marty an diesem Wochenende absolvierten.

Am „Tag X“ ungewohnt souverän aufgestanden, traf man sich wenige Zeit später zur frühen Stunde an der Bushaltestelle auf dem Weg in Richtung Stadt, wo man auch schon den Zug bestieg und die ersten der insgesamt 1100 Eisenbahn-Kilometer an diesem Wochenende abspuhlte. Mit Umstiegen in Lindau und München erreichte man die Stadt Regensburg, welche nahe der tschechischen Grenze liegt, so um die Mittagszeit.

Danach folgten die gewohnten Abläufe wie Gepäck in der Unterkunft verstauen, ehe man sich mehr oder weniger elegant durch die Altstadt bewegte. Ist bei meiner Beinschiene und Krücken natürlich immer relativ zu betrachten. Das Städtchen insgesamt recht nett anzusehen, was zusammen mit den hohen Temperaturen dazu führte, dass man sich wenige Zeit später in einer der zahlreichenden Gassenschenken an einem Bananenfrappé nippend wiederfand. Der ursprünglichen Idee, der nun „alten“ Heimat des SSV einen Besuch abzustatten, wurde aus geografischen Gründen einen Korb verpasst und man beschäftigte sich anderwertig, ehe es dann gegen 19 Uhr langsam in Richtung Neubaute im Süden der Stadt ging.

Diese erreicht man per Extrabus vom Bahnhof aus in wenigen Minuten, es sei denn, ganz Regensburg entschliesst sich dieses Eröffnungsspiel gegen meine deutsche Liebe den FCA mit dem privaten Gefährt anzusteuern. Über Sinn oder Unsinn darf da wohl kaum noch diskutiert werden…

Irgendwann schaffte man es dann doch zumindest in die Nähe der neuen Arena, die auf den Namen eines Autoreifenherstellers hört. Die Tickets für diese Partie waren in Windeseile vergriffen, sodass man beim FCA um die Zustellung zweier Tickets für den Gästeblock betteln musste, um auch noch irgendwie Teil dieser „Stadion-Entjungferung“ werden zu dürfen. Dies klappte wie immer hervorragend, langsam kennen sie den verrückten Typen aus der Schweiz wohl aber auch, was auf die kollegiale Anrede und Verabschiedung im jeweiligen Mailverkehr schliessen lässt. 😉

Und wieder einmal abgeschweift. Genau, nun also Gästeblock, wobei man die Stehplätze für 90 Minuten gerade noch im Bereich des Möglichen bezüglich Kniebelastung taxierte. Einmal um die Bude rum, die mich allgemein an die unweit von hier zu findende Heimat der Bundesliga-Aufsteiger aus Ingolstadt erinnert. Nicht nur von der Blockaufteilung und wegen den Farben in der die Arena gehalten wird, nein auch die am Dach angebrachten Flutlichter gleichen sich ungemein. Nach kurzem Abtasten am Eingang kam dann der Moment, den wir Groundhopper doch so lieben. Der erste Blick ins Rund. Jedes Mal aufs Neue freut man sich wie ein kleines Kind darauf. Am heutigen Tag wird es den meisten der 14’780 Zuschauer ähnlich gegangen sein, schliesslich wird das Stadion heute nach vier Jahren Bauzeit endlich festlich eingeweiht. Platz haben 15’000 Leute, wobei die Absenz von den 220 Leuten auf den Gästeblock zurückzuführen ist. Nicht ganz voll, aber trotzdem stark, eine vierstellige Anzahl Supporter ins zwei Stunden entfernte Regensburg zu bringen, für ein „unbedeutendes“ Testspiel. Der FCA ging die Aufgabe aber sehr diszipliniert an und nach nicht einmal zwei Minuten Spielzeit lag die Kugel erstmals hinter dem Schnapper des Jahn und wir durften jubeln. Das nenn ich mal einen Fehlstart nach Mass, als wäre der Abstieg auf den Stadionumzug hin nicht schon genug hart gewesen. 🙂

Die Stimmung wurde durch diesen frühen Führungstreffer allerdings nicht beeinflusst, was auf der Tatsache gründet, dass es so gut wie keine gab und wenn dann von beiden Seiten nur sehr sporadisch. Verständlich bei einem Testspiel, zudem wird auf der Heimseite bei den Aktiven noch mehr oder weniger erfolgreich für eine fanfreundlichere Sektorengestaltung demonstriert. Auf dem Platz fing sich der Viertligist in der Folge aber und kam sogar zu einem Elfmeter, den der Regensburger Captain Palionis aber äussert lässig mittels missglücktem Panenka über das Tor setzte. Bitter, wenn man es auf solche Art vergibt, als erster heimischer Torschütze in der neuen Heimat in die Annalen einzugehen.

Die Führung für die Fuggerstädter blieb also bestehen bis zur Pause, in der man den Veranstalter der „Bananenflankenliga“ interviewte. Eine Liga für Behindertenfussballer. Oder eben für Sportler mit „erhöhten Förderbedarf“ wie die Kumpel auf dem Rasen es nannte. Dies macht ja fast schon der Bezeichnung Konkurrenz, die man einmal in Ingolstadt für den Behindertensport gehört hatte. Fussballmannschaft der „intellektuell Beeinträchtigten.“ Versteht mich nicht falsch, ich habe Hochachtung für Betreuer und Aktive die diesen Sport mit viel Liebe, vielleicht sogar noch mit mehr als wir „Normalos“, ausüben, aber darf man denn nicht mehr einfach von Behindertenfussball sprechen? Wird die Situation für die Beteiligten durch diese Tabu-Gesellschaft mit ihren lächerlichen euphemistischen Ausdrücke besser? Ich mag es zu bezweifeln und bin mir auch absolut sicher, dass sich keiner der behinderten Akteure über den Namen Behindertenfussball im geringsten Sinne den Kopf zerbrechen oder ihn als abschätzig empfinden würde.

In Abschnitt zwei dann das Spielgeschehen etwas ausgeglichener, wobei jedoch wiederum der nächste Treffer auf das Konto der Fuggerstädter ging. Fan-Liebling Mölders traf sehenswert. Für den erstmaligen Jubel im neuen Wohnzimmer sorgte rund 10 Minuten vor Schluss dann Pusch, der den zweiten Elfmeter des Abends sicher verwandeln konnte. Die letzten Hofffnungen der Regensburger auf einen Achtungserfolg zerstörte dann Arbeitstier und Routinier Tobias Werner, der nach einem schönen Sololauf kurz vor Spielschluss trocken in die Ecke traf. Was zum 1:3 Schlussresultat und Auswärts- sowie Pflichtsieg für die Augsburger führte. Da lag man einmal mehr mit seiner Resultatprognose goldrichtig. Dies musste auch Begleiter Marty einsehen, der allen Ernstes zu glauben vermochte, er könne dem „Krösus Andrin“ in irgendeinerweise fussballtechnisch das Wasser reichen. 😉

Der Rückweg ins Stadtzentrum verlief dann überraschend problemlos. Nichts von einem Verkehrschaos zu sehen und dank meiner eingeschränkten Mobilität konnte man im Extrabus sogar noch einen Sitzplatz geniessen. Anschliessend wurde der Abend im gemütlichem Stile zu Ende gebracht.

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10. Juli 2015