Im Fussball gibt es bekannte Frisuren (Ronaldo an der WM 2002), bekannte Utensilien (der Helm von Petr Cech) und bekannte Torjubel (Mario Balotellis Oben-ohne-Pose im EM-Halbfinal 2012 gegen Deutschland). Noch etwas exquisiter ist einzig eine Serie spezieller Torjubel aus dem Jahr 2010 auf YouTube, wo ein Team wo ein Team in Blau-Weiss einen Treffer mal als Angler mit zappelndem Fisch, mal in Form eines menschlichen Fahrrads feiert.

Es waren Akteure des isländischen Stjarnan FC, der Fussballabteilung innerhalb des Ungmennafelagid Stjarnan (Deutsch: Jugendverein Stern), die diesen Einfallsreichtum an den Tag legten. Schauplatz ist ihre Heimat, das «Sternenfeld» in Gardabaer, einer Gemeinde in den südlichen Ausläufern von Reykjavik. Das Stadion wirkt von den in der Hauptstadt besuchten am vernachlässigsten: An der Wand prangt ein ausgebleichtes Logo und die Sitzpolster im Vereinsheim sind eher abgeranzt. An die grossen Tage des Meisters von 2014, mit Europacup-Auftritten gegen Inter Mailand, Celtic Glasgow oder Espanyol Barcelona, erinnert nur noch eine Inschrift an der Fassade. Direkt daneben liegt das Schwimmbad, hier herrscht stattdessen reger Betrieb – schliesslich zählt ein Besuch im «Sundlaug» praktisch zur Tagesroutine jeder Person in Island. So sehr, dass das Land 2023 gar den Antrag einreichte, die Schwimmtradition auf die UNESCO-Liste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit setzen zu lassen. Die Entscheidung steht noch aus.

Zurück zum Fussball und dem Duell zwischen Stjarnan und Afturelding, das auch ein musikalisches ist. Aus Gardabaer stammt mit Of Monsters and Men eine bekannte Band voller melancholischer Melodien, während Mosfellsbaer die Heimat der Band Kaleo ist, die einst schon – nicht minder melancholisch – auf einer Eisscholle vor dem Gletscher Vatnajökull spielte. Auch sportlich ist das Duell im engen Mittelfeld ohne eindeutigen Favoriten. Lediglich in der Heraldik liegen die Gäste klar vorne: Ihr traditionelles Logo sticht den an eine Winterjackenmarke eines Discounters erinnernden Stern von Stjarnan klar aus.

Auch auf dem Rasen haben die Gäste zunächst die Nase vorn und lassen die mitgereisten Familienangehörigen unter den 709 Zuschauern früh aufspringen. Ein Platzverweis gegen die Gäste gibt dem Spiel im Anschluss jedoch eine andere Wendung, sodass Stjarnan nach dem Seitenwechsel das 0:1 in ein 4:1 dreht. Nur die kreativen Torjubel scheinen sie in Gardabaer in den Jahren der Erfolglosigkeit verlernt zu haben.