Groundhopping

Urania Genève Sport – FC Saxon-Sports (13.05.15)

Mit nunmehr knapp siebzig besuchten Fussballplätzen verteilt in der ganzen Schweiz darf man von sich doch behaupten, bereits eine beachtliche Menge heimischer Bauten rund um das viereckige Grün gesehen zu haben. Und trotzdem ist die Liste bezüglich weiterer „Wunschgrounds“ immer noch von stattlicher Länge, wobei dem hierarchisch an erster Stelle aufgelisteten Verein, nämlich Urania Genève Sport, heute endlich einen langersehnten Besuch abgestattet werden sollte. Schuld für diesen ersten Rang ist nicht das Alphabet, ansonsten würde es bis zu einem allfälligen Besuch ja noch ein Weilchen dauern, sondern der Grad der Sehenswürdigkeit einer Anlage. Kann man dies eigentlich so ausdrücken? Gemeint ist eigentlich einfach nur, dass die besonders schönen Stadien zuerst auf der Liste erscheinen. So wie dies heute der Fall war. Platz 1 also wie gesagt. So etwa wie der FC Basel in der Schweiz nur halt einfach als Stadion und zehn Mal sehenswerter.

Gelegen in einem ruhigen Quartier in der Calvinstadt kann das Stade de Frontenex auf eine lange und bewegte Vergangenheit zurückblicken. Erbaut kurz nach dem ersten Weltkrieg war es nicht nur Schauplatz der Cupspiele, welche Urania Genève Sport im Jahre 1929 allesamt gewann und schliesslich im Final auch noch die Berner Young Boys besiegte und somit den ersten und einzigen Cupsieg feierte. Nein, einige Jahre später kam sogar noch eine Vizemeisterschaft hinzu, in welcher man sich lediglich den damals so glorreichen Grashüpfern aus Zürich geschlagen geben musste. Nebenbei fanden im Velodrome rund um das Spielfeld (wie der Name bereits erahnen lässt) auch nationale Wettkämpfe im Radsport statt.

Heute ist es ruhig geworden rund um den Verein und dessen altehrwürdigen Spielstätte. Die Radbahn wird nicht mehr genutzt, das Stadion ist jeweils nur noch spärlich gefüllt und der Verein spielt „lediglich“ in der 5. Liga der Schweiz relativ ansprechenden Feierabendfussball. In der aktuellen Saison läuft es Urania aber ausserordentlich gut, sodass sie sich als Leader der 2. Liga interregional gute Chancen auf einen Aufstieg in die 1. Liga classic ausrechnen dürfen. Dafür ist aber auch heute wieder ein Sieg gegen den Gast aus dem Wallis von Vorteil, der zumindest auf dem Papier her klar den Kürzeren zieht und somit absolut im Bereich des Möglichen liegt.

Als man aber wegen des grossen Feierabendverkehrs erst knapp vor der geplanten Abfahrtszeit das Stadion erreichte sassen die Spieler der Gastgeber nur lässig auf der Treppe vor der Tribüne. Was war der Grund dafür? Bereits eine Spielabsage befürchtend fragte man beim Trainer nach, was denn der des Übels Wurzel sei, wobei der ebenfalls eine Gegenfrage auf der Zunge liegen hatte. Ob ich denn der Verantwortlicher von Saxon-Sport sei. Ähm, nein sorry das nicht gerade. Mit die komplizierte Geschichte über meiner Leidenschaft ihn dann aber nicht konfrontiert und es bei einem kurzen „Non, Monsieur, je suis désolé“ belassen. Obwohl, irgendwie hätte es mich schon gereizt einmal einen auf Wichtigtuer zu machen und dem Trainer irgendein skurriles Schauermärchen aufzutischen. Denn anscheinend waren von den Gästen noch keine Spur und auch keine Nachricht eingetroffen und so entschied man sich noch eine Viertelstunde abzuwarten, ehe die Partie wohl abgesagt werden müsse. Na toll dachte ich mir.

Kurz vor Ablauf der „Wartefrist“ tauchten dann aber endlich erste Akteure der gegnerischen Equipe auf, die den Anwesenden sogleich im ersten Atemzug mitsamt der Begrüssung wie artige Primarschüler den Grund für ihr verspätetes Erscheinen mitteilten. Ihr Mannschaftscar war aufgrund des Feierabendverkehrs rund um Genf im Stau stecken geblieben. Logisch! Wieso bin ich eigentlich nicht vorher darauf gekommen, schliesslich wiederfuhr mir ja das gleiche Schicksal. So konnte es also doch noch mit drei Viertelstunden Verspätung losgehen. Bis dahin hatte man noch Zeit für ein paar Fotos sowie für einen Becher kühles und ausserordentlich appetitliches Bier (der Spezialist tippt da mal auf das belgische Leffe) sowie nochmals über die vorherige Frage des UGS-Trainers nachzudenken.

„Verantwortlicher“ eines Fünftligisten und darum bereits vor Anpfiff an einem Dienstag als einziger Representant der Gäste auf dem gegnerischen Terrain herumstreichen. Eher weniger, zumal ich mir deren Teamverantwortlichen so um die fünfzig und mit leichtem Bierbauch, fahler Haut und Mundgeruch vorstelle.

Scout aus dem nordenglischen Newcastle wäre mir da schon lieber gewesen als Verwechslungsgrund, zumal ich in meinen Polohemd der Magpies doch etwas eher einen solchen Anschein machte. Glaube ich zumindest. Oder wohl doch nur den eines verwirrten Fussballtouristen aus der Ostschweiz? Eine rhetorische Frage. Über allfällige Verwechslungen, zum Beispiel in ein paar Jahren irgendwo in Jerusalem wo man mich für das einstige deutsche Jungtalent Julian Draxler halten wird werde ich euch natürlich auf dem Laufenden halten. Es sei denn, ihr seid schon vorher als Leser aufgrund meiner jeweils abschweifenden Berichterstattungen abgesprungen, was wir aber nicht hoffen wollen.

Schliesslich wird hier wöchentlich auch noch von der schönsten Nebensache der Welt berichtet, so wie auch jetzt wieder wo in einem kampfbetonten Spiel entgegen dem Spielverlauf der Aussenseiter aus dem Wallis in der Mitte der ersten Halbzeit per Volleytor um eine Länge in Führung ging. Unter den 60 Zuschauern waren wohl auch einige ältere Herren die den Gästen die Daumen drückten, denn anders ist die witzige Aussage „L’arbi c’est l’heure“ (Schiri/Schiedsrichter es ist Zeit abzupfeifen) eines solchen Seniors unmittelbar nach dem Führungstreffer für die Gäste nicht zu erklären. Der wollte aber nicht auf den ironisch gemeinten Ratschlag des Mannes hören und liess darum unbeeindruckt weiterlaufen. Und so kam es wie es kommen musste. Zehn Minuten später folgte der verdiente 1:1 Ausgleich des Favoriten, ehe es für eine verkürzte Pause in die Katakomben ging.

Während dem ersten Durchgang wurde man zudem noch Zeuge eines Sonnenunterganges allererster Sahne. Einfach malerisch mit einer solchen Kulisse. Da verkommt das Spiel beinahe zur Nebensache. Passend zum Gesamtbild lief übrigens der Song „Il est là“ von Irie Révoltés, in den Stadionboxen. Gibt ja beinahe schon in jedem Beitrag ein musikalisches Zuckerchen mit auf den Weg und dieses will man euch natürlich auch heute nicht vorenthalten. In Halbzeit zwei dann aber von der Tribüne aus das Geschehen genau verfolgt und mitbekommen, wie das gehässige Spiel dem Übungsleiter langsam aber sicher aus den Händen zu gleiten drohte. Es regnete gelbe Kartons auf beiden Seiten, wobei Torchancen eher Mangelware blieben. Schlussendlich fiel der Ball aber doch noch einmal hinter die Linie. Etwas unerwartet beim Leader UGS, der nach dieser 1:2 Niederlage nicht nur mit dem Schiedsrichter haderte sondern auch für die Gäste kein gutes Wort übrig hatte.

Für mich galt es sich also wieder schnell aus dem Staub zu machen, um als vermeintlichen Saxon-Verantwortlicher nicht noch für das zu späte Erscheinen sowie der etwas unverdiente „Punkteklau“ gerade stehen zu müssen.

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13. Mai 2015