Groundhopping

US Salernitana – US Avellino (13.05.17)

Leser, die in regelmässigen Abständen meinen Blog verfolgen, wissen vermutlich Bescheid: Avellino hat es mir, spätestens nach dem Auftritt vor ein paar Jahren in Bologna, mächtig angetan. Am Derby gegen Salerno, ein ebenfalls grosser Verein mit renommierter Anhängerschaft, komme ich daher auf lange Sicht nicht vorbei.

Glücklicherweise wurde genau dieses Rencontre auf einen Samstagnachmittag im Mai terminiert und konnte anfangs perfekt mit einem Abstecher nach Bari kombiniert werden. Eine relativ kurzfristige Verschiebung dieser Partie führte jedoch dazu, dass (wie so oft) spontan umgedacht werden musste. So nahmen meine beiden Freunde Cedric und Lukas den ursprünglich geplanten Flug an die Ostküste wahr, während ich die Variante Rom vorzog und am nächsten Morgen die restlichen Kilometer per Zug bis nach Salerno bewältigte. Hier traf ich wie geplant auf das Duo, das mit dem Mietwagen bereits die Strecke Brindisi – Salerno zurückgelegt hatte. Ich persönlich finde es ja immer wieder besonders schön, wenn einem tausend Kilometer von der Heimat entfernt plötzlich ein bekanntes Gesicht angrinst.

Für dieses Derby sah der Verband eine Tessera-Pflicht vor. Diese Tatsache stellte für uns als Schweizer Bürger ein Problem dar. Zwar bietet die Unione Sportiva aus Salerno eine solche Karte in ihrem Ticketshop an, jedoch hat der Kauf einige Haken. So kann man hier zwar die Herkunft Schweiz anwählen, muss den Wohnort jedoch nach Salerno verlegen. Im dritten Anlauf fanden sich schliesslich überall grüne Häklein und ich konnte meine Bestellung abschliessen. Die Tatsache, dass die Lieferkosten den Kartenpreis nochmals um ein Vielfaches übersteigen, wird hier natürlich nicht erwähnt. Wäre ja eine Frechheit, wenn jetzt die Tessera trotzdem nicht pünktlich geliefert wird. Immerhin stellten uns die Verantwortlichen eine Bestätigung per Mail zu. Nun endlich war auch der Kauf der Eintrittskarten für die gewünschte Partie möglich. Lediglich im Hinblick auf den Einlass an den Stadiontoren verblieb ein flaues Gefühl im Magen.

Als wir am Meer, einen Golf südlich von Neapel, ausspannen und durch die Altstadt schlendern, sind die Gedanken aber ganz woanders. Das mediterrane Flair Süditaliens lässt gepaart mit den warmen Temperaturen auch über das Wochenende Ferienstimmung aufkommen. Als es an der Zeit ist, in Richtung Stadion Arechi aufzubrechen, stellen wir uns an den Strassenrand. Einen Fahrplan gibt es hier natürlich nicht und trotzdem kommt nach einiger Zeit ein Bus mit dem richtigen Ziel. Nach der Fahrt ist ein kurzer Fussmarsch nötig, der für einen Schwatz mit den Einheimischen genutzt wird, ehe sich die Spielstätte vor unserem Trio auftut. Unsere Reisegruppe ist sich sofort einig. Die einzige Zutat, aus dem dieses Stadion besteht, ist Beton.

Kurz vor dem Eingang meldete sich das flaue Gefühl aus der Magengegend wieder zurück. Zwar schauten die Herrschaften bei der Kontrolle etwas blöd, nach kurzer Erörterung der Sachlage wurde aber allen Zutritt gewährt. Das Stadion sucht mit seinen wuchtigen, steilen Betonstufen wahrlich seinesgleichen. Eine Wahnsinnsschüssel direkt am Meerufer, in der lediglich auf dem Unterrang der Haupttribüne Sitzschalen zu finden sind. Wir setzten uns in den Oberrang, wo in der brütenden Hitze Borghetti nippen und auf den Spielbeginn warten, angesagt war. Langweilig wird es einem hier nicht, denn entweder schaut man dem Gästeanhang zu, der mit Bussen hinter die Tribüne verfrachtet wird oder lässt den Blick über die Heimkurve schweifen. In der Kurve von Salerno sind auch die beiden Zaunfahnen der Seguaci aus Bari sowie der Brigata Fidelis Andria präsent. Welch ein Bündnis! Irritierend hier jedoch die vorgefertigte Choreografie, die einiges an grüner Farbe erahnen liess. Dies sind jedoch bekanntlich die Farben der Gäste aus den Bergen.

Das Geheimnis lüftete sich mit dem Anpfiff, wo unter (Sch)Määh-Lauten die beiden Mannschaften den Platz betraten. Während im Gästebereich grün-weisse Fähnchen geschwenkt wurden, hatten sich die Heimfans etwas ganz Spezielles einfallen lassen. So traute ich anfangs meinen Augen nicht, als ich meinte, im Block von Salernitana doch tatsächlich die «Curva Sud Avellino» Fahne zu erblicken. Beim genaueren Hinschauen bemerkten wir jedoch, dass das letzte Wort in «Agnellino» abgeändert wurde. Dies heisst Lämmchen und gibt nun auch den zu vernehmenden Lauten einen Sinn. Hier wird definitiv auf die ländlich geprägte Heimat der Gäste abgezielt. In der Mitte des Fanblocks stand zudem der Bauer aus der bekannten Comicserie «Shaun das Schaf», dem eine Gedankenblase mit den Worten «Leben eines Schafes» hinzugefügt war. Umgeben wurde der ältere Herr von hunderten Schafen, die ein Holzzaun flankierte. Ein sehr gelungener Anblick und absolut würdig für ein Derby. Nach der Aktion erstrahlte die Kurve aber sofort wieder im klassischen weinrot und einige Rauchtöpfe wurden gezündet. Eine Gruppe Salernitana-Fans schien sich direkt neben den Gästen am Ende der Gegentribüne eingefunden zu haben und provozierte mit Leuchtspuren. Avellino liess sich nicht zweimal bitten und antwortete mit Böllern, die mitten im pöbelnden Publikum detonierten. Die Druckwelle war wie üblich auch auf der Haupttribüne zu spüren und in der Heimat wäre ein Spiel nach solchen Vorkommnissen wohl bereits abgebrochen worden. Hier schien es jedoch zum Rahmenprogramm zu gehören und änderte sich erst mit dem Einschreiten der Polizei nach einer kurzen Spielunterbrechung. Aber auch die eigentliche Aufgabe erledigten die beiden Fanlager sehr gewissenhaft. Dauerhafter und vor allem lauter Support aller Anwesenden. Für die spielerischen Höhepunkte musste über eine Stunde gewartet werden, ehe die Truppe aus Salerno die 13’265 Zuschauer erlöste. Bis zum Schlusspfiff konnte der Gastgeber noch ein Tor drauflegen und feierte damit einen verdienten 2:0 Erfolg im Duell gegen den Lokalrivalen. Avellino kürt mit dieser Schmach eine Grottensaison und muss nun sogar um den Klassenerhalt bangen.

Wir machten uns indes zu Fuss auf den gut einstündigen Marsch zurück in die Innenstadt. Einmal mehr hätte sich eine Vespa nach einem Spiel in Italien als sehr nützlich erwiesen. Seinen Abschluss fand der Tag übrigens in Castellammare di Stabia, einer Küstenstadt südlich von Pompeji, wo für das morgige Playoff-Spiel drei Karten den Besitzer wechselten.

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17. Juli 2017