Wer eine Woche abseits der Zivilisation Islands verbringt, bekommt nicht nur einmalige Natur mit überwältigender Farbwelt geboten, sondern sammelt auch einige Erkenntnisse. So weiss ich nun, dass der Goldregenpfeifer nicht mit uns wandern möchte, sondern uns nur von seinem Nest weglockt; dass noch so einladend wirkende «warme Quellen» brennend heiss sein können; dass vier Jahreszeiten in einer Stunde möglich sind; was ein «Blindhead» ist; dass strömender Regen und bissiger Wind nur halb so schlimm sind, wenn die Laune stimmt und man sich an einem Lavafeld eines Vulkans wärmen kann; und dass selbst die beste Funktionsjacke deutschen Boomer-Touristen wenig hilft, wenn es ans Durchwaten eines Flusses geht.
Vor allem aber entwickelte ich Respekt für Schafe. In meinen Augen stets ein ähnlich kopfloses, grasliebendes Herdentier wie sogenannte Fussballfans, das sich in den Bergen Islands aber als zäh, unbekümmert und trittsicher bei Wind, Regen und Nebel herausstellte und weitgehend autonom lebt – bis es im Herbst, wenn es in der Höhe kälter wird und das Futter knapp, mit Quads, Drohnen und Pferden eingesammelt wird.
Zurück in Reykjavik scheint die Sonne, fast wie in einer Parallelwelt – die 20-Grad-Marke ist geknackt, die Luft am Stadion von Valur unmittelbar neben dem Stadtflughafen riecht nach Hochsommer. Von einem kleinen Jungen nach dem Eingang für Balljungen gefragt, erkläre ich, dass ich kein Isländisch spreche – die Frage wird daraufhin in perfektem Englisch wiederholt. Alle Kinder reden Englisch. Ich dagegen weiss immerhin, dass Foss für Wasserfall, Jökull für Gletscher und Vik für Bucht steht. Kinder arbeiten hier auch an Verpflegungsständen und sind generell früh im Berufsleben aktiv. Gleichzeitig sind klassische Familienbilder und konservative Geschlechterrollen trotz formaler Gleichberechtigung in der Gesellschaft noch immer stark verankert.
So stehen beim Duell zwischen Valur und dem Rivalen KR wiederum auffallend viele junge Frauen mit Kinderwagen am Spielfeldrand oder sitzen mit dem Nachwuchs auf der Tribüne unter dem verlängerten Dach der Trainingshalle. «Walör» wird von einem virtuosen Trommler vorangetrieben, der im gut gefüllten Stadion am Hang (Hlidarendi) die Hälfte der 917 Zuschauer antreibt. Gegen die Hafenstädter aus Hafnarfjördur läuft es gut – das Spiel endet mit einem überzeugenden 3:1-Sieg für die Rot-Blauen.































