Groundhopping

ZSKA Moskau – FK Rostow (15.04.17)

Erst wenige Tage sind seit dem Anschlag auf die U-Bahn in St. Petersburg vergangen und so ist die angespannte Situation auch hier in der Hauptstadt zu spüren. Doch im Allgemeinen würde ich dem Russen sowieso einen noch signifikanteren Kontrollwahn attestieren, als er teils in anderen Ländern des Ostblocks zu finden ist. So sind beispielsweise an jeder Ecke Polizisten oder private Sicherheitsmänner, stets mit dem Schlagstock in Griffnähe, zu finden. Der strenge Blick, die straffe Uniform mit dem Adler auf dem Oberarm und dem kyrillischen Schriftzug «POCCNR» runden das Gesamtbild ab. Dazu kommen die Sicherheitsschleusen, die vom Stadion über die U-Bahn bis hin zum Einkaufszentrum praktisch an jedem Eingang zu finden sind. Die Beweggründe dafür vollständig auf den Terrorismus oder den kommunistischen Hintergrund zurückzuführen, finde ich abwegig. Eher sehe ich in der hohen Anzahl an Beamten eine Branche in der russischen Arbeitswelt, in welcher der Lohn stimmt, die Angst um einen allfälligen Jobverlust fehlt und auch das Ansehen in der Gesellschaft durchaus vorhanden zu sein scheint.

Ähnlich beeindruckt zeigten sich Jonathan und ich von Moskau, ausgesprochen übrigens „Maskwa“, und den Bauten am und rund um den Roten Platz. Den geschichtlichen Hintergrund möchte ich hier nicht zitieren, zumal die meisten damit vertraut sind. Wer sich dennoch kultiviert geben will, findet dafür einige Bilder in der Slideshow am Beitragsende. Vielmehr finde ich es spannend, den persönlichen Eindruck dieser Stadt auf mich zu schildern. Denn Russland ist nicht nur geografisch gesehen deutlich östlicher anzusiedeln. Während einem tagsüber stets ein kalter Wind entgegenbläst, erleuchten die zahlreichen Grosskomplexe die Strassen und Gassen in der Nacht, sodass wir zwei es nie für vollständig dunkel empfunden haben. Kommunismus und Kapitalismus leben hier für den Aussenstehenden im Gegensatz, wobei es für mich eher wie ein künstlicher Einklang wirkt. So sind neben gigantischen Plattenbauten hochmoderne Einkaufszentren zu finden. Auch Freundchen Putin geniesst beim patriotischen Durchschnittsrussen hohe Popularität. Bettler sowie Landsmänner aus Afrika bekamen wir während der Zeit unseres Aufenthalts praktisch keine vor das Gesicht. Sicherlich ein unglaublich spannendes Land, das neben der Hauptstadt noch diverse andere interessante Ort birgt, die irgendwann vielleicht zu einem fundierten Fazit verhelfen können.

Im Nordwesten der Stadt ist mit der WEB Arena die neue Heimat von ZSKA Moskau zu finden. Wer jetzt denkt, das Stadion vom Armeesportclub wurde im Zuge der Weltmeisterschaft gebaut, sieht sich aber getäuscht. Mit gut 30’000 Plätzen ist die Spielstätte dafür nämlich zu klein. Nach dem gestrigen Auftakt mit dem Duell der beiden Jugendmannschaften folgte nun heute also quasi der Hauptgang. Dieser verkam aber vielmehr zum „Dinner for one.“ Denn beim Clubbesuch am Vorabend war Jonathan plötzlich nicht mehr aufzufinden, nachdem ich vom Bartresen zurückkam.

Ziemlich aufgeschmissen wurden daraufhin einige Leute angesprochen, zumal Jonathan mit seiner Grösse kaum zu übersehen war. Doch dies scheiterte entweder am Nichtwissen des Gegenübers oder an der jeweiligen sprachlichen Inkompetenz beider Parteien. Die Partylaune war damit verdorben und nach einigen erfolglosen Anrufen auf das Mobiltelefon von Jonathan trat ich den Heimweg an. Der Samstag wurde ruhig angegangen, denn noch immer fehlte von meiner Reisebegleitung jede Spur. So blieb mir gegen Mittag nichts Anderes übrig, als mich alleine auf den Weg in Richtung Spielstätte zu machen. Gegen die Mittagszeit erreichte ich endlich Jonathan, der mir in knappen Worten schilderte, dass er sein Portmonee verloren hätte. Wann er den Polizeiposten verlassen dürfe, sei ihm aber noch nicht gesagt worden.

So bekam der Matchbesuch einen ziemlich faden Beigeschmack. Das dort Gesehene ist im Allgemeinen schnell erzählt. Im mit 15’000 Zuschauern genau zur Hälfte gefüllten Stadion herrschte zwar gute Stimmung, auf das Spiel vermochte die Unterstützung aber scheinbar keinen Einfluss zu nehmen. Weder der Gastgeber, noch der Aufsteiger der letzten Jahre konnte die Partie zu seinen Gunsten entscheiden. Das Duell endete folgerichtig torlos mit 0:0. Aus Rostow waren gut zwei Hundertschaften angereist, die mit einer kleinen Choreografie sowie durchgängiger Unterstützung ziemlich überzeugten. Noch besser gefallen hat mir aber die Heimseite, die meiner Meinung nach optisch zum Besten in ganz Russland gehört. Einheitlich schwarze Kleidung sowie ein rotblauer Balkenschal runden das eindrückliche Gesamtbild im Block des ursprünglichen Kommunistenvereins ab.

Nach Spielschluss blieb lediglich noch die Frage nach dem Verbleib Jonathans offen. Und für eine Antwort musste schliesslich bis um kurz vor Mitternacht gewartet werden, ehe Jonathan, in jeder Hinsicht sichtlich am Ende, wieder das Hotel erreichte. Die ganze Geschichte dahinter mitsamt all ihren abstrusen Facetten bleibt jedoch das Geheimnis unserer kleinen Reisegruppe.

Bilder von der Reise nach Moskau, abseits der fussballerischen Geschehnisse.

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5. Juni 2017