Liston, meine indonesische Bezugsperson der ersten Stunde, blickt mich im Medienraum des Stadion Maguwoharjo an, als hätte er einen Alien vor sich, als ich ihm mit einem Lächeln gegenübertrete. Die 11’500 Kilometer lang geplante Überraschung ist geglückt, denn ich hatte mein Kommen in Sleman nur bei zwei relevanten Stellen angekündigt. Einige nicht bezogene Ferientage aus dem Vorjahr hatten eine weitere, wenn auch vergleichsweise kurze Reise nach Indonesien möglich gemacht. Es ist trotz all der vielen Dinge, über die ich in diesem Land den Kopf schüttle, immer wieder ein Heimkommen in eine liebgewonnene Parallelwelt mit besonderen Menschen, Essen, Freiräumen und Fussball im Herzen Javas.

Wie immer herrschte grosses Gewusel, als Radhifan und ich am Stadion ankamen. Es ist beeindruckend, diese enorme und scheinbar unkontrollierbare Masse zu sehen, die doch von einigen wenigen geführt wird, wenn auch dies am Spieltag so kaum ersichtlich ist. Einer davon ist Tito, er lehnt mit einer Zigarette im Mund und einem Stapel A4-Tickets lässig an einem Roller vor dem Haupteingang des Stadions. Wortlos verteilt er Tickets an Personen aus seinem Umfeld. Es ist der Kompromiss, den die Brigata Curva Sud mit dem Klub ausgehandelt hat, um die offizielle Kapazitätsgrenze von zwölftausend Zuschauern zu umgehen und für die Kurve noch unter der Hand die notwendigen Tickets zu bekommen. Sonst gibt es für alle noch immer die Bracelets wie zu meinem ersten Besuch. Der inoffizielle Anführer der Fanszene Slemans hat mittlerweile geheiratet, seine Liebe Sheila steht dem Oberhaupt in Sachen Fankultur treu bei und wurde bei einer Razzia im Curva-Sud-Shop auch schon kurz nach ihrer Hochzeit mit ihrem Ehemann verhaftet.

Neu ist hingegen das kleine Chaos in der Curva Sud, bis die Choreo zu Beginn der 2. Halbzeit schliesslich perfekt sitzt. Dann wird sie aber im gewohnten Stil inszeniert und der Block ist, trotz der Sitzschalen, ähnlich gut voll wie in früheren Jahren – auch aufgrund des beschriebenen, inoffiziellen Abkommens mit dem Klub. Zwei Betrachtungen bietet auch die Choreo unter dem Motto «this is us», wobei zum 15-Jahre-Jubiläum der Brigata Curva Sud das Wort «is» in Form einer 15 geschrieben ist und ein Fan ein Puzzleteil hochhält, mit dem sich die Fanszene als Teil des Ganzen versteht. Die Stimmung ist in einigen Momenten am Anschlag, ansonsten auf gutem Niveau, wenn auch meine Messlatte hier mittlerweile sehr hoch liegt und PSS nach dem Abstieg am letzten Spieltag der vergangenen Saison nur noch in der zweiten Liga agiert. Ein in den Farben Palästinas gehaltenes Spruchband, das die Jungs offiziell als Spruchband für Sumatras Flutopfer ausgeben, ist für mich hingegen eine Inkonsequenz, da keine Politik zum Manifest (habe ich in der Ausgabe #94 von Erlebnis Fussball beleuchtet) der Brigata Curva Sud zählt.

Selbst in der Schlussphase ruht mein Blick primär auf den Rängen als auf dem Feld, und so kann ich beobachten, wie es zu einer Schlägerei unter eigenen Fans am Rand der Haupttribüne kommt. Prompt erkenne ich unter den Übeltätern auch einige Gesichter aus meinem ersten Besuch – Ultras der ersten Generation, die mittlerweile das Feld den Jüngeren überlassen haben. Unter starkem Alkoholeinfluss wird hier mit Feuerlöschern hantiert und die Fäuste gegen vermeintlich Schlichtende fliegen im Sekundentakt. Das Geschehen weitet sich wie immer in Indonesien derart schnell aus, dass die Partie in der Nachspielzeit unterbrochen wird – Polizei ist wie so oft keine zugegen.

Auf dem Platz bleibt es beim torlosen Remis. PSS fehlt auch aufgrund des Unterbruchs im Schlussspurt prompt der Rhythmus, um sich spät doch noch eine bessere Ausgangslage für die Mission Wiederaufstieg zu erarbeiten. Dies erklärt mir PSS-Spieler Kim Kurniawan, der Deutsch-Indonesier ist und in der Jugend beim KSC gespielt hat. Der indonesische Nationalspieler wurde mit Persib Bandung bereits Meister und attestiert, dass in Sleman ein enormer Druck von aussen herrscht und statt der Spieler primär der Klub verehrt wird – Zustände wie auf Schalke. Mit einem Sieg hätten sie einfachere Gegner für den dritten Teil der Saison (nochmals neun Spiele) erhalten, doch gegen den Klub aus Banjarmasin war dies sowieso schwierig. Nebst dem Glück ist den Gästen von Barito Putera auch die Politik hold, zumal der Aufstieg des Teams aus Borneo zum Wahlprogramm des Besitzers zählt, der sich über dem Klubwappen auf jedem Trikot gar mit einem Bild verewigt hat.

Für das Fehlverhalten auf den Rängen gibt es von offizieller Seite Konsequenzen in Form von Zuschauersperren bei den nächsten vier Heimspielen – damit bleibt in der ganzen Saison nur noch ein Heimspiel mit Fans. Es ist der Saisonfinal gegen den Lokalrivalen aus Semarang – eine Affiche, die in vielerlei Hinsicht speziell werden könnte. Der eigentliche Paukenschlag folgt aber erst drei Tage nach den Ausschreitungen, als sich mit den «Ultras PSS» die erste Ultra-Gruppe Slemans auf Twitter in wenigen Worten auflöst – just am Tag vor dem 15-jährigen Jubiläum der vereinigten Fankurve. Ich sitze mit den Vorsängern Aria und Iqbal sowie weiteren Ultras schliesslich ratlos in einem Café, als Radhifan auf eine meiner vielen Fragen die Stimmung treffend beschreibt: «Weisst du, es ist, wie wenn dein Vater gestorben ist – und du ihn selbst getötet hast.»