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Roter Stern Belgrad – Partizan Belgrad (27.08.17)

Es ist soweit. Der Tag des ewigen Derbys (Veciti derbi) ist gekommen. Nach vier Appetitmachern folgt der langersehnte Hauptgang an diesem Sonntagabend. Eigentlicher Termin für das Stadtduell ist seit jeher der Samstag; durch den Auftritt von Roter Stern am vergangenen Donnerstag in der Europa-League folgte die kurzfristige Verschiebung, die es uns erst ermöglichte, in Belgrad derart viele Spiele zu geniessen. Die begehrten Eintrittskarten für das 155. Aufeinandertreffen der beiden Rivalen konnten übrigens bereits im Voraus zu einem Preis von 15 Franken für die Haupttribüne erworben werden.

Wer auch die Nebenerscheinungen des beliebtesten Volkssports mehr oder weniger mitverfolgt, weiss, dass dieses Spiel in Vergangenheit schon oftmals für Kontroversen gesorgt hatte. So sind Sachbeschädigungen, übermässiger Gebrauch von Pyrotechnik und körperliche Auseinandersetzungen im Rahmen der oben genannten Partie keine Seltenheit. Dass, abgesehen vom Pyrogebrauch, eben genannte Begleiterscheinung ausgerechnet an diesem Sonntag grösstenteils ausblieben, hat einen tragischen Hintergrund. So erreichte die Rivalität der beiden Stadtclubs im Juni ihren neuerlichen Höhepunkt, als ein Kampf im Quartier Novi Belgrad zwischen den Heiligen (Delije) und den Totengräbern (Grobari) mit dem Tod des 18-jährigen Partisan-Anhängers Demir Jukic endete. Dieser wurde während der Auseinandersetzung angeschossen und verstarb vor wenigen Tagen in einem Belgrader Krankenhaus. Wenig verwunderlich, dass die rund siebentausend Gästefans nach ihrem Marsch zum Stadion bis in die Mitte der ersten Halbzeit schwiegen. Im Anschluss wurde das Konterfei des Verstorbenen im Block hochgezogen und es gab Fackeln zu Ehren des Toten. Darauf folgte ein längeres Spruchband, welches untermauerte, wie schwer die Szene der Gäste durch diesen Verlust getroffen wurde. Vielleicht blieben als Reaktion darauf heute Teile der berühmten „Tribuna Sever“ frei. Für uns als neutrale Betrachter natürlich eine ganz bittere Pille und so pendelte sich der Support auf der Heimseite auf einem überschaubaren Niveau ein. Da die Rede aber nicht von irgendeiner Kurve, sondern derjenigen von Roter Stern beim wohl grössten Spiel Europas ist, blieb das Gezeigte trotz Pyroshow in der zweiten Halbzeit insgesamt doch deutlich unter den, zugegeben hohen, Erwartungen.

Schliesslich ist das Duell der Rivalen nicht nur aufgrund der Nähe beider Spielstätten brisant, sondern auch wegen den namhaften Fanfreundschaften und dem Punkt, dass sich hier die beiden erfolgreichsten Vereine aus dem ehemaligen Jugoslawien gegenüber stehen. Dazu kam ein äusserst dürftiges Spiel auf dem Rasen, was mit einem torlosen 0:0 ebenfalls nicht stimmungsfördernd war. Aber alles schlechtreden wäre falsch. So sorgte beispielsweise das imposante Stadion Rajko Mitic, besser bekannt unter dem Namen „Marakana“, bereits vor Anpfiff für Staunen. Wer einmal, wie die heute anwesenden 33’000 Zuschauer in diesem Stadion sitzt, weiss, warum es hier derart laut und emotional werden kann. Durch die Dunkelheit wurde dem Fackelinferno der Gäste zudem ein würdiger Rahmen geboten und auch das Feuer aus angezündeten Sitzschalen ist mittlerweile fixer Bestandteil.

Über solche Aktionen scheiden sich die Geister in einem Spiel, bei welchem eindeutig nicht der fussballerische Aspekt im Vordergrund steht. Zum Schluss seien noch Sitznachbar und Rapid-Fanbetreuer Robert mitsamt seinem serbischen Vater gegrüsst, der mir als Übersetzer während den neuzig Minuten tatkräftig zur Seite stand. Trotz den Umständen am heutigen Abend eine insgesamt gelungene Reise, die ihr Ende im Rückflug nach Zürich am nächsten Tag fand.

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20. September 2017