Ascoli Calcio - Vis Pesaro

«Fino alla fine, Ascoli Calcio», hallt es in ohrenbetäubender Lautstärke durch das Rund. Tatsächlich hat Ascoli Calcio mit einem Doppelschlag in der 93. und 96. Minute die Partie gegen Pesaro gedreht und spätestens mit dem 2:1 den schwarz-weissen Anhang ins totale Delirium geschossen. Der Last-Minute-Sieg ist eine Reprise – schliesslich hat die «Regina delle Marche» bereits wenige Tage zuvor in Arezzo in der Nachspielzeit gewonnen und damit das Rennen um den Aufstieg in die Serie B richtig lanciert.

Der späte Coup beim direkten Konkurrenten hatte in Ascoli Piceno eine derartige Euphorie ausgelöst, dass das Stadio Cino e Lillo del Duca gegen Pesaro innert elf Minuten ausverkauft war. Vor 10’167 Zuschauern sind einzig im Gästeblock aufgrund der Tessera-Pflicht viele Sitzschalen frei. Das Dutzend aus Pesaro hatte dafür zunächst Grund zu jubeln: Nach einer Viertelstunde gehen die Gäste überraschend in Führung. Ascoli ist in der Folge aber spielbestimmend, sündigt jedoch im Abschluss mehrmals, ehe der vermeintliche Ausgleich durch den VAR nach minutenlanger Prüfung aberkannt wird. Es kann nicht im Sinne des Erfinders sein, wenn von beiden Teams sieben Spieler wie krähende Hähne an der Seitenlinie stehen und mit heftiger Sprache und Gestik versuchen, auf den am Bildschirm stehenden Schiedsrichter Einfluss zu nehmen.

Da Arezzo am Nachmittag beim Erzrivalen Ascolis in San Benedetto gepatzt hatte, bot sich den «Spechten» mit einem Sieg die Möglichkeit, punktemässig zur Spitze aufzuschliessen und damit in zwei Runden fünf Punkte gutzumachen. Eigentlich Grund genug, dass die Stimmung in der Curva Nord ausgelassen sein sollte. Doch diese trällerte sich in der zweiten Halbzeit in eine Lethargie, und ein Vorsänger fehlte, der die schönen Melodien zu unterbrechen und die Kurve aufzuwecken vermochte. Dabei hatte die Curva Nord, der Ausweichstandort der Ascoli-Ultras während des Umbaus, solide losgelegt.

Angeführt wird sie von den «Ultras 1898», die 2012 als Zusammenschluss zahlreicher Gruppen entstanden sind. Daneben existieren die «Shanghai Zone» (wie wär’s mit einer Freundschaft nach Norrköping?), «Stra Kaos» und «Blackline» sowie die «Veterani» auf der Gegentribüne. Auch Freunde aus Padova und von Fortitudo Bologna (Basketball) sind mit je einer Fahne vor Ort.

Mit der Auflösung der Settembre Bianconero (SBN), die sich 1974 nach der für die Ermordung israelischer Sportler bei den Olympischen Spielen von München verantwortlichen palästinensischen Terrorgruppe «Schwarzer September» benannt hatte, hat Ascolis Kurve zumindest optisch die offen rechte Gesinnung verloren. Dennoch lassen die vielen Italienfahnen weiterhin auf die verbreitete konservative Haltung der Anhänger – und generell der Region Marken – schliessen.

Zumindest auf ihre kleine Stadt unter den schneebedeckten Gipfeln der Monti Sibillini sind die 45’000 Einwohner zurecht stolz. Sei es aufgrund der Architektur mit den vielen alten Gebäuden aus Travertin, dem Jugendstil-Kaffeehaus «Caffè Meletti», dem Ercolani-Turm – einem der verbliebenen von über 200 Türmen, welche die Adligen im Mittelalter als Festungen und Prestigesymbole errichten liessen – oder kulinarischer Köstlichkeiten wie die lokalen «olive ascolane».


US Sambenedettese - SS Arezzo

Eine leichte Enttäuschung bleibt: Obwohl der Name an die Stadt San Benedetto del Tronto erinnert, entstammen das Unternehmen und seine Quelle den venezianischen Alpen. Passen würde der übersüsste Eistee aber auch problemlos an die «Riviera delle Palme», wie der beliebte Badeort an der Adriaküste sowie das dortige Stadion heissen. Die 50’000 Einwohner geniessen hier das mediterrane Klima und leben primär vom Tourismus sowie der Fischerei. Am Strand finden sich trotz der milden Temperaturen noch keine Touristen, zumindest aber einige angespülte Flaschen und Dosen, darunter auch ein San-Benedetto-Eistee.

Auch am Stadion stehen Palmen unter der Tribüne des «tempio del tifo», wie die Fans zwischen die markanten Aufgänge hinter der Heimkurve geschrieben haben. Die Spielstätte wurde 1985 infolge der Stadionkatastrophe im alten Stadio Fratelli Ballarin eröffnet. Eine Gedenktafel erinnert an die Toten des Brands im Ballarin, das seinen Namen wiederum einer Tragödie verdankt: jener von Superga, bei der die Gebrüder Ballarin beim Flugzeugabsturz starben. Trotz Renovationen und stetigen Anpassungen ist es in die Jahre gekommen, aber immerhin vollständig überdacht und weist über 13’000 freigegebene Plätze aus.

Viel Änderung erfuhr auch die US Sambenedettese in der jüngeren Vereinsgeschichte. Nicht weniger als acht verschiedene Namen trug der Klub in diesem Jahrhundert, seit 2023 mit den Buchstaben «US» als Zusatz, und die Fans sind froh, können sie an diesem 4. April den 103. Geburtstag ihres Klubs feiern. Trotz der langen Historie spielte «Samba» nie erstklassig; 1989 agierte der Klub aus den Marken letztmals in der Serie B. Heuer ist Sambenedettese nach vier Jahren in der Serie D wieder drittklassig unterwegs.

Ein umgehender Wiederabstieg scheint derzeit aber nicht völlig unwahrscheinlich, und so braucht es gegen den Tabellenführer aus Arezzo einen Exploit, um zumindest einen Punkt an der Stadt am Fluss Tronto zu behalten. Dieser gelingt den Hausherren prompt, die gegen den Favoriten auf bescheidenem Niveau ein 0:0 ergattern. Wäre nicht der VAR, hätten zumindest ein Penalty für Arezzo sowie ein sehr schöner Treffer für Samb als Highlights genannt werden können; so aber zerstören die Unterbrechungen den Spielfluss und machen das Geschehen vor 5’379 Zuschauern zu einer zähen Angelegenheit.

Zu den Anwesenden zählen überraschenderweise trotz Gästeverbot auch ein Dutzend Fans aus Arezzo. Sie alle tragen entweder einen Schal oder schwenken eine Fahne, scheinen einander aber nicht zu kennen und sind nicht als Gruppe unterwegs – etwas, das ich so auf jeden Fall noch nie gesehen habe. Koordinierter präsentiert sich das Bild auf der Gegenseite, wenn auch die «Curva Nord Massimo Cioffi» einen eher bescheidenen, aber gemessen an der tabellarischen Situation erwartbaren Auftritt abliefert. Ihren Namen verdankt sie dem Fan Massimo Bruni, der 2003 während eines Spiels vom oberen Rang hinunterstürzte und nach fast zwei Jahren Leidenszeit schliesslich verstarb.

Auch die Folgen der Ausschreitungen 2017 in Vicenza, bei denen die Polizei Luca Fanesi schwer verletzte und straflos davonkam, während einige Samb-Fans bis zu diesem Jahr laufende Stadionverbote ausgesprochen bekamen, sind weiter spürbar. So ist San Benedettos Kurve zumindest an diesem Tag weit entfernt von einer Zeit unter der Leitung der legendären «Onda d’urto» (Schockwelle) oder inbrünstigen Gesängen wie «È la mia vita», die bis nach Süddeutschland für Gänsehaut sorgen.

Danke für meh als e halbs Läbe a minere Siite – mach‘s guet, Calvin!


Persijap Jepara - Madura United

Roadtrip mit Fahrer Tito, Radhifan und Getek – wie im Oktober 2024 bin ich mit Leuten aus dem Kern der Brigata Curva Sud unterwegs. Unweit von damals, als wir Partien in Kudus, Pati und Tuban ansteuerten, geht es diesmal nach Jepara zum Aufsteiger aus der Stadt in der Provinz Zentraljava. Sie liegt an der Nordküste, nordöstlich von Semarang und unweit des Vulkans Muria und ist bekannt für ihre Teakholzschnitzkunst. «Jeporo», wie die Stadt auf Javanisch heisst, hat 85’000 Einwohner und verdankt ihre Bekanntheit primär dem Umstand als Geburtsort von Kartini, einer Pionierin der Frauenrechte und indonesischen Nationalheldin.

Am Stadion begrüsst uns das Broadcast-Team aus Sleman, darunter einige bekannte Gesichter, welche die Übertragung für den Streaminganbieter koordinieren. Meine Besatzung hätte damit dank einiger Akkreditierungen der Kollegen problemlos Zugang zum Spiel, entscheidet sich aber dennoch gegen einen Spielbesuch und überlässt mich den Händen der Fotografen des Curva Nord Syndicate, der heimischen Fanszene.

Ein Besuch hier war mir nicht nur wegen der Fanszene ein Anliegen gewesen, sondern auch aufgrund des Stadions, wenn auch dieses seit dem Aufstieg und der Renovation an Charme eingebüsst hat und nun optisch irgendwo zwischen jenen in Bali und Pescara liegt.

Mit einem von Sleman inspirierten Liedgut und einer allgemein gelungenen Nachahmung der Brigata Curva Sud wird die Fankurve Jeparas von einer ziemlichen Euphorie durch die erste Spielzeit im Oberhaus nach 11 Jahren getragen, auch wenn die Mannschaft sportlich um den Klassenerhalt kämpft. Mit Madura von der gleichnamigen Halbinsel ist ein unattraktiver Gegner zu Gast, dennoch sind in meinen Augen deutlich mehr als die offiziell angegebenen 4’758 Zuschauer vor Ort. Sie sehen eine solide erste Halbzeit des Gastgebers, der dank eines Eigentors den Abend mit einem 1:0 schliesslich gar siegreich zu gestalten vermag.


Matahari FC - Guyub Jaya FC

Am Ursprung dieses Spielbesuchs steht ein kräftiger Windzug. Er hatte mir, auf dem Rücksitz eines Mofas sitzend, die Kappe vom Kopf geweht, weshalb Liston, mein «Orang Dalam» (Insider) in den Fankreisen von Sleman, kurzerhand kehrt machte. Als ich sie von der Strasse auflese und den Staub abklopfe, erblicke ich zwischen den Häusern einen Fussballplatz mit zwei Mannschaften darauf – eine seltene Chance auf eine Portion indonesischen Amateurfussballs, dessen Paarungen auf dieser Stufe im Internet jeweils nur schwer zu recherchieren sind.

Die Umstände sind günstig, das Testspiel hat eben erst begonnen. Liston verabschiedet sich, während ich spontan als einer der 20 Zuschauer dem Treiben beiwohne. Auf dem holprigen Platz stehen sich der Matahari FC und der Guyub Jaya FC gegenüber. Die Gastgeber tragen den Namen der grössten indonesischen Warenhauskette und wurden von einstigen Mitarbeitern gegründet. Der Name des Kaufhauses geht auf die niederländische Tänzerin Mata Hari zurück, deren Name «Auge des Tages» bedeutet, was in der indonesischen Sprache für die Sonne steht. Mata Hari war in der Zeit vor und während des 1. Weltkriegs als exotische und exzentrische Künstlerin berühmt und wurde aufgrund ihrer Spionagetätigkeit für die Deutschen 1917 wegen Hochverrats hingerichtet.

Über die Gäste kann ich wesentlich weniger in Erfahrung bringen, ausser dass ihr Name übersetzt für «Erfolgreiche Gemeinschaft» steht. Dies spiegelt sich auf dem Lapangan (Feld) Kentungan – der indonesische Name für eine Schlitztrommel – in Condongcatur, einem Quartier im Norden von Jogjakarta, nur bedingt wider: Zwar geht Guyub Jaya in Führung, mit 3:1 Toren entscheidet Matahari die Partie am Ende aber doch verdient für sich.


PSM Makassar - Semen Padang

Ein bisschen stolz war ich schon auf mich. Ich hatte es tatsächlich wie die Indonesier gemacht und meinen Flug nach Makassar erst sehr kurzfristig gebucht, auch wenn die Spielpläne im südostasiatischen Inselstaat mittlerweile erstaunlich stabil sind. Selbst für die vierstündige Fahrt von Makassar der Küste entlang zum Spielort in Parepare und zurück hatte ich mir bis kurz vor der Abreise keine Gedanken gemacht. Tito würde mir dann schon aushelfen. Und tatsächlich organisierte mir das inoffizielle Oberhaupt der Anhängerschaft in Sleman in der PSM-Fanszene mit Jenar einen Kontakt, der am Flughafen in Makassar wartete und während des gesamten Aufenthalts dem «Gast der Brigata Curva Sud» zur Seite stand.

Dieser hatte an der Fight Night in Sleman im Sparring gestanden und war deshalb einigen Leuten aus den Fankreisen von PSS bekannt. Jenar sprach gut Englisch und kannte gar einige deutsche Wörter, zumal er das halbe Jahr über in der Küche eines Kreuzfahrtschiffes in Europa arbeitet. Stationiert ist er in Deutschland, und tatsächlich war der gute Herr ähnlich pünktlich wie die Züge aus seiner Halbjahresheimat. So wurde am Spieltag aus der Abfahrtszeit um elf Uhr schliesslich kurz nach zwei, dennoch blieb mit dem Anpfiff am Abend Zeit genug für die rund 150 Kilometer, die auf der einzigen richtigen Strasse in rund vier Stunden zu bewerkstelligen sind. Auf der Rückbank des kleinen Autos nahmen drei weitere Fussballfans Platz, darunter auch einer von Semen Padang, den man für das heutige Gastspiel seines Teams mitnahm. Mit feinstem Britpop ging es so gegen Norden, vorbei an Reisfeldern und begleitet vom Vape-Geruch, den sie auch hier so inbrünstig inhalieren wie den Asthmaspray.

Kaum vorstellbar, hat man an jedes Heimspiel eine solche Reise zu bewältigen. Doch es ist Realität, erst recht, seit das nach dem ehemaligen Präsidenten Bacharuddin Jusuf Habibie benannte Stadion renoviert wurde und die einstige Heimat in der Hauptstadt Makassar abgebrochen und nie wieder aufgebaut wurde. So hat sich die 160’000-Einwohner-Stadt Parepare zum fussballerischen Zentrum Sulawesis gemausert.

Pünktlich zum Anpfiff setzt der in dieser Jahreszeit gängige Monsun ein, der die bereits triste Atmosphäre auf einen fast schon spöttischen Tiefpunkt senkt. PSM, zuletzt mit fünf Niederlagen, war noch 2023 Meister, hinkt derzeit den Erwartungen aber weit hinterher. Ein Platz im hinteren Tabellenmittelfeld ist für den «Juku Eja», den roten Fisch, deutlich zu wenig. Mit seinem durch die niederländische Kolonialherrschaft verliehenen Gründungsdatum 1915 gilt er als ältester Fussballklub des Landes und längst als Institution. Zum Duell zwischen dem 13. und dem 17. an einem Montagabend kamen schliesslich gerade einmal 1’035 Zuschauer, nebst der Distanz unter der Woche auch der sportlichen Bedeutungslosigkeit geschuldet. Diese verteilten sich zu allem Übel noch auf vier Stimmungskerne, wobei die kleine Schar schwarz gekleideter PSM-Fans hinter dem Tor beim 0:0 noch den besten Eindruck hinterliess. Für das bescheidene Remis gegen die Gäste aus Sumatra bekam die Mannschaft nach Abpfiff von Jenar und einigen anderen Fans auf dem Rasen noch ein paar saftige Worte mitgeteilt, ehe es für uns eher schleppend wieder zurück nach Makassar ging.

Deutlich reizvoller als der Spielbesuch ist die Natur auf Sulawesi. Nebst 16 Millionen Einwohnern beherbergt die Vulkaninsel zwischen Borneo im Westen und den Molukken im Osten auch viele unberührte Landschaften. Touristisch kaum erschlossen und wirtschaftlich eher vom Binnenhandel mit Seide geprägt, kann man etwa im Nationalpark Maros Pangkep rund um das Karstgebiet Rammang Rammang eine enorm vielfältige Flora und Fauna mit Mangroven, Makaken und Schmetterlingen bestaunen.


Zaungast #11: Zurück in Sleman

Liston, meine indonesische Bezugsperson der ersten Stunde, blickt mich im Medienraum des Stadion Maguwoharjo an, als hätte er einen Alien vor sich, als ich ihm mit einem Lächeln gegenübertrete. Die 11’500 Kilometer lang geplante Überraschung ist geglückt, denn ich hatte mein Kommen in Sleman nur bei zwei relevanten Stellen angekündigt. Einige nicht bezogene Ferientage aus dem Vorjahr hatten eine weitere, wenn auch vergleichsweise kurze Reise nach Indonesien möglich gemacht. Es ist trotz all der vielen Dinge, über die ich in diesem Land den Kopf schüttle, immer wieder ein Heimkommen in eine liebgewonnene Parallelwelt mit besonderen Menschen, Essen, Freiräumen und Fussball im Herzen Javas.

Wie immer herrschte grosses Gewusel, als Radhifan und ich am Stadion ankamen. Es ist beeindruckend, diese enorme und scheinbar unkontrollierbare Masse zu sehen, die doch von einigen wenigen geführt wird, wenn auch dies am Spieltag so kaum ersichtlich ist. Einer davon ist Tito, er lehnt mit einer Zigarette im Mund und einem Stapel A4-Tickets lässig an einem Roller vor dem Haupteingang des Stadions. Wortlos verteilt er Tickets an Personen aus seinem Umfeld. Es ist der Kompromiss, den die Brigata Curva Sud mit dem Klub ausgehandelt hat, um die offizielle Kapazitätsgrenze von zwölftausend Zuschauern zu umgehen und für die Kurve noch unter der Hand die notwendigen Tickets zu bekommen. Sonst gibt es für alle noch immer die Bracelets wie zu meinem ersten Besuch. Der inoffizielle Anführer der Fanszene Slemans hat mittlerweile geheiratet, seine Liebe Sheila steht dem Oberhaupt in Sachen Fankultur treu bei und wurde bei einer Razzia im Curva-Sud-Shop auch schon kurz nach ihrer Hochzeit mit ihrem Ehemann verhaftet.

Neu ist hingegen das kleine Chaos in der Curva Sud, bis die Choreo zu Beginn der 2. Halbzeit schliesslich perfekt sitzt. Dann wird sie aber im gewohnten Stil inszeniert und der Block ist, trotz der Sitzschalen, ähnlich gut voll wie in früheren Jahren – auch aufgrund des beschriebenen, inoffiziellen Abkommens mit dem Klub. Zwei Betrachtungen bietet auch die Choreo unter dem Motto «this is us», wobei zum 15-Jahre-Jubiläum der Brigata Curva Sud das Wort «is» in Form einer 15 geschrieben ist und ein Fan ein Puzzleteil hochhält, mit dem sich die Fanszene als Teil des Ganzen versteht. Die Stimmung ist in einigen Momenten am Anschlag, ansonsten auf gutem Niveau, wenn auch meine Messlatte hier mittlerweile sehr hoch liegt und PSS nach dem Abstieg am letzten Spieltag der vergangenen Saison nur noch in der zweiten Liga agiert. Ein in den Farben Palästinas gehaltenes Spruchband, das die Jungs offiziell als Spruchband für Sumatras Flutopfer ausgeben, ist für mich hingegen eine Inkonsequenz, da keine Politik zum Manifest (habe ich in der Ausgabe #94 von Erlebnis Fussball beleuchtet) der Brigata Curva Sud zählt.

Selbst in der Schlussphase ruht mein Blick primär auf den Rängen als auf dem Feld, und so kann ich beobachten, wie es zu einer Schlägerei unter eigenen Fans am Rand der Haupttribüne kommt. Prompt erkenne ich unter den Übeltätern auch einige Gesichter aus meinem ersten Besuch – Ultras der ersten Generation, die mittlerweile das Feld den Jüngeren überlassen haben. Unter starkem Alkoholeinfluss wird hier mit Feuerlöschern hantiert und die Fäuste gegen vermeintlich Schlichtende fliegen im Sekundentakt. Das Geschehen weitet sich wie immer in Indonesien derart schnell aus, dass die Partie in der Nachspielzeit unterbrochen wird – Polizei ist wie so oft keine zugegen.

Auf dem Platz bleibt es beim torlosen Remis. PSS fehlt auch aufgrund des Unterbruchs im Schlussspurt prompt der Rhythmus, um sich spät doch noch eine bessere Ausgangslage für die Mission Wiederaufstieg zu erarbeiten. Dies erklärt mir PSS-Spieler Kim Kurniawan, der Deutsch-Indonesier ist und in der Jugend beim KSC gespielt hat. Der indonesische Nationalspieler wurde mit Persib Bandung bereits Meister und attestiert, dass in Sleman ein enormer Druck von aussen herrscht und statt der Spieler primär der Klub verehrt wird – Zustände wie auf Schalke. Mit einem Sieg hätten sie einfachere Gegner für den dritten Teil der Saison (nochmals neun Spiele) erhalten, doch gegen den Klub aus Banjarmasin war dies sowieso schwierig. Nebst dem Glück ist den Gästen von Barito Putera auch die Politik hold, zumal der Aufstieg des Teams aus Borneo zum Wahlprogramm des Besitzers zählt, der sich über dem Klubwappen auf jedem Trikot gar mit einem Bild verewigt hat.

Für das Fehlverhalten auf den Rängen gibt es von offizieller Seite Konsequenzen in Form von Zuschauersperren bei den nächsten vier Heimspielen – damit bleibt in der ganzen Saison nur noch ein Heimspiel mit Fans. Es ist der Saisonfinal gegen den Lokalrivalen aus Semarang – eine Affiche, die in vielerlei Hinsicht speziell werden könnte. Der eigentliche Paukenschlag folgt aber erst drei Tage nach den Ausschreitungen, als sich mit den «Ultras PSS» die erste Ultra-Gruppe Slemans auf Twitter in wenigen Worten auflöst – just am Tag vor dem 15-jährigen Jubiläum der vereinigten Fankurve. Ich sitze mit den Vorsängern Aria und Iqbal sowie weiteren Ultras schliesslich ratlos in einem Café, als Radhifan auf eine meiner vielen Fragen die Stimmung treffend beschreibt: «Weisst du, es ist, wie wenn dein Vater gestorben ist – und du ihn selbst getötet hast.»


Exeter City - Luton Town

Stolz erklärt mir Paul, dass Exeter City neben dem AFC Wimbledon den einzigen fangeführten Profiklub in England verkörpert. Wir stehen in seinem Reich, dem Museum des Supporters Trust, und er sinniert über die historische Niederlage gegen Brasilien im Jahr 1914, die Aktion «Red or Dead» in der Saison 2003/04, als der Klub kurz vor dem Bankrott stand, oder die Tatsache, dass Exeter City den Übernamen «The Grecians» trägt, obwohl keinerlei griechischer Bezug besteht.

Am namensgebenden Fluss Exe ist man aber nicht nur wegen des lokalen Drittligisten stolz, sondern auch auf die Hauptstadt der Grafschaft Devon selbst. Angeführt von der gotischen Kathedrale besticht die 140’000-Einwohner-Stadt mit mittelalterlicher Architektur und lockt neben Touristen dank ihres guten Rufs im Bildungsbereich auch viele Studenten an, die den Sprung an eine der Londoner Eliteunis verpasst haben. Wer jugendliche Trinkfreudigkeit mit sehenswerten Gotteshäusern verbinden will, dem sei das «George’s Meeting House» empfohlen, eine ehemalige Kirche und heutiges Pub mit preiswertem Pint.

Mit dem St. James Park trägt die altehrwürdige und bislang einzige Heimat von Exeter City den gleichen Namen – allerdings ohne Apostroph – wie jene von Newcastle United. Mitten in der Stadt gelegen, zählt das Stadion für mich zu den schönsten des Landes und bietet gleich mehrere Blickfänge: die Backsteinhäuser hinter dem Gästesektor, die trapezförmige Stehtribüne mit ihren markanten Wellenbrechern oder die Reihenhäuser des Stoke Hill. Letztere sind sichtbar, weil die nach dem früh verstorbenen Exeter-Spieler Adam Stansfield benannte Tribüne nur bis zur Mittellinie reicht, zumal direkt dahinter die Gleise verlaufen.

Platzknappheit herrscht in Exeter auch an der Seitenlinie. Die Coachingzonen trennen kaum einen Meter, die kleinen Ersatzbänke liegen gar aneinander. Sicher nicht das Setting, das sich Luton-Trainer und Ex-Nationalspieler Jack Wilshere zu seinem 34. Geburtstag gewünscht hat. Auch die Ränge sind dicht besetzt: 7’912 Zuschauer sind anwesend, darunter knapp tausend Gäste, deren Lieblinge sich überraschend passiv präsentieren. So holt Exeter dank dem 1:0 kurz nach der Pause wichtige Punkte im engen Abstiegskampf der League One.


Yeovil Town - Eastleigh FC

«It’s a freezing cold Tuesday night, but where would you rather be than at Huish Park?» Mit dieser Frage begrüsst der Stadionsprecher die Anwesenden kurz vor Anpfiff, und ich bin nicht sicher, ob in seiner Stimme nicht auch ein leiser Funken Sarkasmus mitschwingt. Zumindest mir fallen einige Orte ein – doch wer freiwillig bereits zur gleichen Jahreszeit in Grimsby oder Scunthorpe unterwegs war, für den galt auch der Besuch in Yeovil nur als Frage der Zeit.

Zugegeben: Die 50’000-Einwohner-Stadt im Südwesten Englands, gelegen am Zusammenfluss von Yeo und Parrett, ist tatsächlich ein besonders karger Ort. Auch dem lokalen Fussballklub, dessen krächzende Hymne nun durch die Lautsprecher im schummrigen, orangenen Licht der Tribünen schallt, haftet etwas Überholtes und leicht Verwahrlostes an. Da hilft auch das neue Logo nicht, das sich die «Glovers» vor knapp zwei Jahren verpasst haben. Ihr Name geht übrigens auf die Handschuhfertigung zurück, die man an diesem Abend tatsächlich gut gebrauchen kann.

Wesentlich bekannter ist die Stadt in Somerset allerdings für ihr Helikopterwerk. Auch die heutigen Gäste aus Eastleigh haben mit der Supermarine Spitfire eine Verbindung zur Aviatik – sie tragen sie im Logo, da in Hampshire die ersten Testflüge des bekannten Jagdflugzeuges unternommen wurden. Ähnlich angriffig gibt sich der kleine Casual-Mob aus Halbstarken, der auf der unüberdachten Hintertortribüne den Kern des kleinen Gästeanhangs ausmacht und das Mittelfeldduell zwischendurch mit einer blauen Rauchsäule garniert.

2014 noch in der zweitklassigen Championship aktiv, fand sich Yeovil Town ein Jahrzehnt später in der 6. Liga wieder, hat sich mittlerweile aber wieder in der fünftklassigen Conference National eingenistet. Im Huish Park, benannt nach dem Quartier, in dem einst das Stadion stand, ist die Kulisse entsprechend spärlich. Lediglich 3’102 Zuschauer haben sich am westlichen Stadtrand eingefunden und werden für ihr Kommen immerhin mit einem kurzweiligen 1:1 belohnt – weil beide Teams praktisch kein Mittelfeld besitzen und qualitativ höchst bescheiden agieren.


Coventry City - Ipswich Town

Coventry City hat kein Logo, sondern gefühlt ein ganzes Geschichtsbuch auf der Brust: Ein Elefant, der auf einem hellblauen Ball balanciert und eine Burg auf dem Rücken trägt, flankiert von zwei Phönixen – einer von ihnen erhebt sich aus der Asche. Dazu die Farben Rot, Weiss und Schwarz.

Ebenso bewegend wie das Klubwappen ist die Geschichte der zehntgrössten Stadt Englands. Während des Zweiten Weltkriegs wurde Coventry durch die deutsche Luftwaffe beim Coventry Blitz schwer beschädigt. Auch die Kathedrale der knapp 350’000 Einwohner zählenden Stadt im Zentrum Englands wurde zerstört. Dennoch ist man stolz: Gerade aufgrund dieser Kathedrale darf man sich «City» nennen – im Unterschied zu Gegner Ipswich, das mit seiner Kirche nur eine «Town» ist.

Coventry City beschliesst gegen Ipswich Town ein verrücktes Jahr: Nach einer Vergangenheit mit Heimspielen im Exil von Northampton und Birmingham ist man in diesem Sommer endlich Eigentümer des Stadions im Norden der Stadt geworden. Zwar scheiterte Coventry im Playoff-Halbfinal am Aufstieg in die Premier League, doch als souveräner Tabellenführer tritt man in der aktuellen Spielzeit abermals zum Spitzenspiel gegen den Drittplatzierten an – mit satten 13 Punkten, die vor Anpfiff zwischen den beiden Mannschaften liegen. Entsprechend ausgelassen ist die Stimmung im markanten Anbau des Stadions, der als Trinkhalle genutzt wird, während im Hintergrund die Darts-WM im TV läuft. So voll besetzt ist der Raum sonst lediglich bei Konzerten.

Für die Fans der «Sky Blues» – 2018 noch viertklassig ­– ist klar, wer für den Erfolg verantwortlich ist: Frank Lampard. Der Trainer soll dem Gründungsmitglied der Premier League die lang ersehnte Rückkehr ins Oberhaus ermöglichen. Entsprechend respektvoll tritt auch Ipswich auf: Die «Tractor Boys» schinden von Beginn an Zeit, müssten sich als spielstarker Absteiger aber eigentlich nicht verstecken. Coventry findet prompt kein probates Mittel, und für die 31’213 Zuschauer ist schnell ein Schuldiger gefunden: «My dad was right, the refs are shite», hallt es durchs Rund, nachdem die Gäste mit späten Toren das 0:2 an diesem kalten Montagabend besiegeln.


Sunderland AFC - Leeds United

«Same colors as Sunderland», lautet eine beliebte Pointe aus einer Anekdote meiner Zeit im Sprachaufenthalt im Nordosten Englands. Es war die ernst gemeinte Antwort eines Newcastle-Fans auf die Frage, warum er seit vielen Jahren auf den Verzehr von Schinken verzichte.

Als Fremder dürfen einem aber beide Klubs aus der Region Tyne and Wear sympathisch sein – auch wenn das in den Augen der Bewohner hier eigentlich nicht möglich ist. Für die Menschen aus Newcastle ist Sunderland lediglich eine Haltestelle im städtischen Metronetz, für die lokalen «Mackems» hingegen ist die Industrie- und Hafenstadt an der Mündung des Flusses Wear in die Nordsee längst Lebenssinn. Der Name Sunderland geht auf das altenglische sundor-land (geteiltes Land) zurück – zwei Brücken verbinden bis heute das Zentrum der 275’000-Einwohner-Stadt mit dem Stadion.

Kaum in einem Land gleichen sich die Innenstädte und Bewohner derart wie in England – so sind wenig überraschend auch hier trotz giftiger Bise viele in kurzen Hosen unterwegs und tragen das Trikot der lokalen «Black Cats», als würde dieser Stolz allein ausreichend vor der Kälte schützen. Dabei liegt der letzte Titel von Sunderland über 50 Jahre zurück – ein Pokalsieg gegen den damaligen Krösus Leeds. Immerhin hat der Klub, dessen Besitzer der schweizerisch-französische Doppelbürger Kyril Louis-Dreyfus ist, im Sommer nach harzigen Jahren die Rückkehr in die Premier League geschafft. Die Leidensgeschichte der Fans ist auch in der Serie «Sunderland ’Til I Die» gut dokumentiert.

Zurück im Oberhaus spielt Sunderland als Siebter eine sehr solide Saison und hat jüngst auch das Derby gewonnen. Im Duell der Aufsteiger geht der Gastgeber dank eines durchdachten Passes des Schweizer Captains Granit Xhaka in Führung, während dessen Bruder Taulant einige Sitze neben mir sichtlich stolz unter den 46‘675 Zuschauern verweilt. Das Stadium of Light besitzt übrigens – sehr ähnlich wie beim Rivalen – lediglich auf zwei Seiten einen Oberrang.

In diesem sind auch die über dreitausend Gästefans untergebracht, die nach dem Seitenwechsel den prompten Ausgleich bejubeln dürfen. Auch in der Folge ist Leeds näher am Sieg, vermisst beim 1:1 aber die gewohnte Unterstützung der überraschend passiven Anhängerschaft. Allgemein wird das Stimmungspotenzial nicht abgerufen, das ich der Partie für englische Verhältnisse attestiert hätte.

Nach dem Krebs-Tod des sechsjährigen Sunderland-Fans Bradley Lowery im Jahr 2017 wurde die «Bradley Lowery Foundation» gegründet – ein Name, dem man rund um den Klub bis heute immer wieder begegnet. Spenden sind hier möglich.