CA Osasuna - Real Valladolid

Unter «Osasuna» hatte ich mir stets eine kleine Stadt im Ebrobecken mit Blick auf zerklüftete Karstformationen der Pyrenäen vorgestellt. Das unbedeutende sportliche Dasein des lokalen Fussballklubs – oftmals ein treibender Faktor meiner geografischen Wissbegierde – wirkte sich diesbezüglich auf meine Fehleinschätzung aus. Dieser Irrtum offenbarte sich erst im Vorlauf der Reise, als ich mich intensiver mit dem Baskenland auseinanderzusetzen begann.

Weil das Heimspiel Osasunas besser als jenes von Athletic Bilbao in den Zeitplan passte, bekamen der Klub und damit auch seine Herkunft schliesslich die Aufmerksamkeit, die ihnen gebührt. So lernte ich, dass Osasuna keinen Stadtnamen darstellt, sondern im Baskischen für «Gesundheit» oder auch «Kraft» steht. Zuhause ist der Verein – einer von nur vier mitgliedergeführten Profiklubs Spaniens – in Pamplona, der Hauptstadt der Provinz Navarra.

Wie das Baskenland gehört auch Navarra zu den wohlhabenderen Gegenden Spaniens. Das zeigt sich etwa im erhöht gelegenen Zentrum Pamplonas. Nebst der Altstadt und ihrer Kathedrale lohnt es sich in der 200’000-Einwohner-Gemeinde der Zitadelle aus der Zeit der spanischen Renaissance einen Besuch abzustatten. Am meisten Touristen lockt allerdings die «Sanfermines» nach Iruña, wie die Stadt in der baskischen Sprache genannt wird. Die alljährlichen Festlichkeiten zu Ehren von Firmin von Amiens umfassen nebst dem Tragen der weissen Kleidung und den roten Halstüchern auch die bekannten Stierläufe (Encierros). Diese führen jeweils in den Morgenstunden durch die Altstadt und finden gegen Abend hin mit dem Tod der Tiere in der «Plaza del Toro» ihren traurigen Höhepunkt.

Das grösste Stadion Pamplonas verkörpert aber nicht die 100-jährige Stierkampfarena, sondern mit dem «El Sadar» die Heimat des städtischen Fussballklubs. Benannt ist die Spielstätte nach dem kleinen Fluss, der hinter der Gegentribüne vorbeiführt. Seit dem vor eineinhalb Jahren abgeschlossenen Umbau bietet die steile und kompakte Baute im Süden der Stadt Platz für 25’000 Personen.

An diesem Samstag sind es 19’429 Zuschauer, welche die Sitzschalen zu grossen Teilen besetzen und mit ihrer Anwesenheit die starke Hinrunde Osasunas würdigen. Die «Rojillos» stehen im vorderen Mittelfeld der Tabelle und sind auch gegen Aufsteiger Valladolid zu favorisieren. 20 Schüsse, davon die Hälfte auf das gegnerische Gehäuse, sprechen denn auch eine eindeutige Sprache zugunsten der Hausherren, während die Gäste lediglich zwei Torabschlüsse verzeichnen. Doch nur in zwei Fällen sind die Angriffe Osasunas von Erfolg gekrönt und besiegeln den hochverdienten 2:0-Heimsieg.


Deportivo Alaves - Real Oviedo

Das Duell zwischen Deportivo Alaves und Real Oviedo avancierte bereits vor Anpfiff zur Zitterpartie. Grund dafür war die wieder entfachte Diskussion zu Artikel 89 im spanischen Sportgesetz. Als sich im vergangenen Frühling mit Real und Atletico Madrid sowie dem FC Barcelona nämlich auch drei LaLiga-Vertreter für eine europäische Super League aussprachen, rief dies die Legislative auf den Plan.

Diese wollte den spanischen Fussball durch eine Anpassung der gesetzlichen Bestimmungen künftig besser schützen, welche der Liga und dem Verband die Befugnis einräumt, abtrünnigen Klubs die Lizenz zu entziehen.

Im Oktober 2022 nahm die Regierung die damals ausgesprochene Zusage aber plötzlich wieder zurück. Dies rief das Gros der 42 Klubs aus den ersten beiden Profiligen auf den Plan, die im Falle einer Kehrtwende der Exekutive in den Streik treten wollten. Die Drohung zeigte Wirkung: In letzter Minute fanden die involvierten Parteien in einer ausserordentlichen Generalversammlung doch noch einen Konsens.

Doppelt durchatmen meinerseits, hatte zuvor doch bereits die Fluggesellschaft für die Reise ins Baskenland rund um die Diskussion zum neuen Gesamtarbeitsvertrag mit Arbeitsniederlegung gedroht.

So stand dem Zweitliga-Duell am Samstagabend in Vitoria-Gasteiz nichts mehr im Weg. Dabei würde die lebendige Altstadt und allen voran ihre «Calle Cuchilleria» genug Unterhaltung bieten, um auch ohne Fussball einen kurzweiligen Samstagabend zu verleben. Im erhöht gelegenen Stadtkern Vitorias, wie die Stadt im Spanischen heisst, während Gasteiz den baskischen Namen darstellt, lässt sich nebst lokalen Brauerzeugnissen auch vorzüglich die lokale Küche geniessen.

Dass Vitoria-Gasteiz das Zentrum der «Autonomen Gemeinschaft Baskenland» darstellt, gründet auf einem klugen Schachzug des baskischen Parlaments im Jahr 1980: Weil damals die innerstädtische Loyalität zwischen jener zu Spanien und dem Baskenland schwankte, riefen die Verantwortlichen die 250’000-Einwohner-Gemeinde als Hauptstadt aus – der Plan ging auf und die Stadt ist seither baskisch geprägt. Nicht zu verwechseln ist diese Gemeinschaft mit dem «Baskenland» im kulturellen Sinn, das sich unter anderem auch über die Region Navarra und bis in den Südwesten Frankreichs erstreckt.

Im Süden der Stadt liegt das Estadio Mendizorrotza (baskisch für Bergspitze). Mit der Nähe zum Spielfeld und den fehlenden Netzen hinter den Toren, den Stützpfeilern sowie den trapezförmigen Dachrändern erinnert es mich an die einstige White Hart Lane in London. Seine Glanzzeit erlebte «El Glorioso», wie die Fans ihren Klub nennen, kurz nach der Jahrtausendwende. Im UEFA-Pokal-Final 2001 stoppte ihn der FC Liverpool erst mit einem Golden Goal in der Verlängerung.

Von europäischen Endspielen ist Deportivo, das seinen richtigen Namen übrigens der Provinz Alava zu verdanken hat, in der Gegenwart weit entfernt. Aus einer schwachen Vorsaison resultierte der Abstieg in die zweite Liga und auch der Ausbau des Stadions wurde daraufhin auf unbestimmte Zeit vertagt.

Gegen Mittelfeldklub Real Oviedo ging der Tabellenführer der Segunda Division vor 14’209 Zuschauern als Favorit in die Partie. Die Gäste aus dem dreieinhalb Stunden entfernten Oviedo wurden von vielen Fans begleitet, diese blieben aber – im Vergleich zu ihrer Präsenz im Stadtzentrum in den Stunden zuvor – erstaunlich blass.

Einzig beim Ausgleich der Gäste erhoben sie sich aus ihren Sitzen und machten sich bemerkbar. Der Treffer fiel kurz vor Anbruch der Schlussphase und läutete für Alaves damit den doppelten Charaktertest ein. Diesen bestanden die Hausherren sowohl auf den Rängen als auch dem Rasen bravourös: Angetrieben von einer nimmermüden Fankurve gelang ihnen schliesslich doch noch der viel umjubelte Siegtreffer zum 2:1 – per Penalty in der 99. Minute.


SC Freiburg - FC Nantes

In Freiburg hat sich seit meinem letzten Besuch vor neun Jahren viel getan. Admir Mehmedi, damals gegen Hannover noch Doppeltorschütze, spielt mittlerweile im türkischen Ferienparadies Antalya und auch der SCF zählt längst nicht mehr zu den Abstiegskandidaten der Bundesliga. Vor allem aber: Das Dreisamstadion im Osten der Stadt ist Geschichte.

Seit rund einem Jahr tragen die Breisgauer – passend zum sportlichen Aufschwung – ihre Heimspiele neben dem lokalen Flugplatz aus und füllen die Ränge einer modernen Arena. Trotz des verpassten Pokaltriumphs hat sich der Klub in der abgelaufenen Spielzeit über die heimische Liga für die Gruppenphase der Europa League qualifiziert. Dort trifft er am 3. Spieltag mit dem FC Nantes ausgerechnet auf einen Pokalsieger – jener aus Frankreich.

Die Partie verläuft einseitig zugunsten des Gastgebers und widerspiegelt in meinen Augen damit auch das Leistungsgefälle zwischen der Bundesliga und der französischen Ligue 1. Vor 33’200 Zuschauern feiern die Deutschen so einen verdienten 2:0-Heimsieg. Auf den Rängen hingegen imponieren die zahlreich angereisten Nantes-Fans mit melodiösen Gesängen und mehreren visuellen Aktionen.

Nur eines ist seit meiner Aufwartung 2013 in Freiburg gleich geblieben: Kult-Trainer Christian Streich steht noch immer an der Seitenlinie und treibt sein Team mit viel Engagement entschlossen nach vorne.


Persis Solo - Bali United

Rückblende: Im Sommer 2019 spielte Persis Solo in der zweithöchsten Liga Indonesiens. Ihr eigentliches Stadion in Surakarta, wie die Stadt im Zentrum Javas auch genannt wird, befand sich immer noch im Umbau. So war das «Derby Mataram» gegen Erzrivale PSIM Jogjakarta als Geisterspiel im östlich gelegenen Madiun angesetzt. Trotz der Warnung der Polizei, das Risikospiel ohne Zuschauer auszutragen, hatten die Persis-Fans bereits vorab ihre Anreise zugesichert. Überwältigt von den Massen vor dem Stadion kippte die Polizei schliesslich wenige Augenblicke vor Anpfiff ihre eigene Entscheidung und liess die abertausenden Zuschauer ins Stadion strömen. Vor vollen Rängen erlebten mein damaliger Begleiter Michael und ich einen unglaublich emotionalen Heimsieg.

Drei Jahre später darf sich Persis Solo Erstligist nennen und besitzt mit dem Stadion Manahan auch endlich wieder eine eigene Heimat. An diesem Abend empfängt der Klub, der auf seine ruhmreichen Zeiten schon länger zurückblickt, als Aufsteiger den amtierenden Meister Bali United. Entsprechend durften die 13‘050 Zuschauer im Duell gegen den Favoriten auch keinen Sieg erwarten. Wie bereits in Tangerang reicht ein Blick durchs Rund, um zu erahnen, dass bei der Zahl der Anwesenden deutlich untertrieben wurde. Es ist der indonesische Weg, um die nach wie vor bestehende, coronabedingte Kapazitätsbegrenzung von 75 Prozent zu umgehen.

Eine zweite nationale Eigenheit offenbart sich den Anwesenden bereits wenige Momente nach dem Anpfiff. Wie in grossen Spielen üblich bekommt das Heimteam einen umstrittenen Penalty zugesprochen, nimmt das Geschenk dieses Mal aber nicht an. Trotz der verpassten Führung zeigt sich der vermeintliche Aussenseiter agil und zieht ein für indonesische Verhältnisse ansprechendes Spiel auf. Ein Tor nach einer halben und eines nach einer ganzen Stunde lenken das Spiel schliesslich doch noch in die gewünschte Richtung. Der 2:0-Sieg für Persis, das zuletzt öfter sieglos blieb, kommt überraschend und ist dennoch verdient.

Die drei Punkte spornen auch den rot-weissen Anhang rund um die Fangruppen Pasoepati, B6 (Casuals), Surakartans (Hooligans) sowie die Curva Sud (Ultras) gehörig an. Ihr ganzes Potenzial schöpfen diese unabhängig agierenden Gruppen allerdings erst nach dem Anpfiff aus, als sie – erstmals an diesem Abend gemeinsam – inbrünstig die Klubhymne singen.


Persita Tangerang - PSIS Semarang

Es war alles dabei bei meiner Rückkehr in die indonesischen Fussballstadien, nachdem ich zuletzt vor drei Jahren und exakt einem Tag einer Partie im vielseits gigantischen Inselstaat in Südostasien beigewohnt hatte: Die bis weit nach Anpfiff leeren Zuschauerränge, Foto-Mister-Termine im Sekundentakt, kläglich gescheiterte Ballstafetten auf unebener Unterlage, Zaunfahnen mit Schreibfehler, im Casual-Stil gekleidete Mittdreissiger sowie zur Melodie tanzende und singende Frauen in den ersten Reihen einer gut aufgelegten Fankurve.

Am meisten aber beeindruckte mich in Tangerang, einer Millionenstadt im Nordosten der Metropolregion Jabodetabek, wiederum die kurze Zeitspanne zwischen den Momenten der totalen Friedfertigkeit bis zum Chaos auf den Rängen. Trotz gewohnt passivem Verhalten der Polizei blieb es bei kleineren Scharmützeln – als wollten die einheimischen Southern Ultras schlicht eine Kostprobe ihres immensen Gewaltpotenzials abgeben.

Glücklicherweise hielt sich die Reaktion der Panser Biru aus Semarang ebenso in Grenzen wie jene der North Legion, die gegenüberliegend das Stimmungszentrum von Persita Tangerangs Fanszene darstellt. Die Tribüne auf der Nordseite sollte auch jenen Bereich darstellen, der beim 1:0-Heimsieg im Stadion mit imposanter Dachkonstruktion am besten gefüllt war.

Noch immer zerstückeln eine Vielzahl an Streaminganbietern den Spieltag ins Unermessliche, sodass nur gerade zweihundert Gästefans die Reise in den Westen Javas mitmachten. Etwas mehr als die offiziell angegebenen 5‘127 Zuschauer dürften an diesem Mittwochnachmittag aber dennoch vor Ort gewesen sein. Da die indonesischen Stadien offiziell aber noch immer nur zu 75 Prozent ausgelastet werden dürfen, korrigieren die Verantwortlichen die Zahlen bewusst nach unten – Pandemiebekämpfung auf indonesische Art.


FV Illertissen - Wacker Burghausen

Ein vierzehntäglich erscheinendes Schweizer Konsumenten- und Beratungsmagazin stand am Ursprung dieses Spielbesuchs. Dessen Herausgeber sahen für das WM-Jahr eine Serie zu einem alternativen Fussballerlebnis vor und landeten über Umwege schliesslich bei mir als einen ihrer Protagonisten.

Als Kontext der Reportage diente ein von mir definiertes Fussballspiel. Das Duell zwischen dem FV Illertissen und Wacker Burghausen in der Regionalliga Bayern war zwar nicht meine erste Wahl, bot sich aber aufgrund der Erreichbarkeit und des ansonsten beidseitig vollen Terminkalenders an. Dass an jenem Dienstag mit Mämä Sykora der wohl grösste Schweizer Fussballkenner als Autor einsprang, liess den Ausflug zu einem kurzweiligen Abend unter – zumindest beinahe – Gleichgesinnten werden.

So blieb mir nebst viel Fachsimpelei vor allem der Austausch mit Wacker-Spieler Jérôme Laubli in Erinnerung – ein junger Schweizer, der vor einigen Jahren den unkonventionellen Weg nach Oberbayern ging und sein Glück als Fussballprofi seither dort versucht.

Das Spiel im Vöhlinstadion endete vor 375 Zuschauern übrigens 0:0. Torlose Partien – die viel zitierte Angst eines jeden Groundhoppers. Mämä, wenn das in deinem Text nicht die Pointe ist …


Soroksar SC - III. Kerület TVE (16.07.22)

Als ich mich im Netz schlau machte, was es über Soroksar alles zu wissen gibt, stiess ich auf den Bericht des walisischen Groundhoppers Matt. Zwar förderten diese Zeilen keine bisher unbekannten Informationen zum Klub aus dem südlichsten Bezirk Budapests zutage – und doch offenbarten sie neue Erkenntnisse.

Wie Matt sechs Jahre zuvor hatte nämlich auch meine Reisegruppe auf dem Weg zum «Szamosi Mihaly Sporttelep» das zwielichtige Bahnhofsbistro in Közvagohid besucht. Der Ort wird als «Öffentlicher Schlachthof» ins Deutsche übersetzt und symbolisiert das Ende des Budapester Tramnetzes. Welche Szenerie sich Ankömmlingen hier bis zur Weiterfahrt mit der Regionalbahn bot, untermalen folgende Google-Bewertungen treffend:

 

«Grundsätzlich ein freundlicher Ort in einer nicht sehr freundlichen Nachbarschaft»

«Die meisten Gäste sind normal»

«Wenn Kata da ist, gehe ich gerne hinein»

Ich habe dort mit einem wundervollen Mädchen Wein getrunken. Das wird mir ewig in Erinnerung bleiben: 3 Sterne»

«Nur unglückliche Leute da»

«Voller Arbeiter»

«Sozialistischer Realismus»

Auch die anschliessende Zugfahrt mit sperrangelweit geöffneten Fenstern, hypnotisierenden Sitzmustern in zu engen Sitzreihen und zu hoher Einstiegsrampe zeichnete ein entsprechendes Bild. In den Nachmittag voller Besonderheiten reihte sich auch das Stadion nahtlos ein: Es ist ein Flickwerk aus vergittertem Spielertunnel, provisorisch überdachter Haupttribüne, baufälligem VIP-Turm sowie einem von Matt passend als «random building» beschriebenem Klubhaus.

Überraschend ansehnlich war hingegen das Testspiel zwischen dem Zweitligisten «Sori» und dem jüngst in die 3. Liga abgestiegenen Gast aus dem 3. Bezirk im Norden der ungarischen Hauptstadt. Vor 125 Zuschauern lieferten sich die Teams ein unterhaltsames 1:1.


Eintracht Trier - Stuttgarter Kickers (14.06.22)

Um ein Haar hätte die Eintracht-Fans das gleiche bemitleidenswerte Schicksal ereilt, das eine Woche zuvor bereits den Anhängern der Stuttgarter Kickers widerfahren war: Der sichergeglaubte Aufstieg löste sich in letzter Sekunde in Luft auf. Doch Denis Wieszolek im Tor der Trierer liess sich trotz mehreren brenzligen Situationen kein zweites Mal in dieser Nachspielzeit bezwingen.

Wenig hatte darauf hingedeutet, dass die grosse Aufstiegsfeier für Trier beinahe im Desaster enden würde. Im entscheidenden Aufstiegsspiel um einen Platz in der Regionalliga reichte dem Gastgeber nämlich ein Remis, um mit den Stuttgarter Kickers den anderen Traditionsklub zu einem weiteren Jahr in der Oberliga zu verdammen. Spätestens nach den zwei gelb-roten Karten und der Führung in der 87. Minute hatten sich auch die letzten Pessimisten auf der Haupttribüne von ihren Sitzschalen erhoben.

Doch die neun Stuttgarter zeigten Moral und glichen in der 93. Minute tatsächlich noch aus. Ein Makel, den die Eintracht aufgrund des besseren Torverhältnisses in der Aufstiegsgruppe verkraften konnte. Erst im Anschluss, als den Gästen trotz doppelter Unterzahl mehrfach nur wenig zur grossen Wende fehlte, kehrte kurzzeitig das Zittern bei den SVE-Fans zurück. Zum Schluss blieb es aber beim 1:1.

Wider Erwarten wirkten die Gästefans ob des zweiten Nackenschlags innerhalb kurzer Zeit erstaunlich gefasst. Ein später Ausgleich von Konkurrent Freiberg hatte ihren Klub am letzten Spieltag erst im Fernduell noch vom direkten Aufstiegsplatz gestossen. Doppelt bitter: Weil die Stuttgarter Anhänger und Spieler nicht mitbekommen hatten, dass jene Partie noch lief, feierten sie auf dem Rasen in Dorfmerkingen bereits die vermeintliche Rückkehr in die Viertklassigkeit.

Auch wenn der Partie die Spielklasse deutlich anzumerken war, sorgte die Kulisse für einen kurzweiligen Nachmittag. Die 8’300 Zuschauer zeichneten nicht nur für ein ausverkauftes Moselstadion und ausgezeichnete Stimmung verantwortlich, sondern auch für Szenen, wie ich sie in Deutschland noch nie erlebt hatte. Überall kletterten Menschen auf den Zaun, ergatterten sich einen Fensterplatz im nahegelegenen Gebäude oder erklommen Verpflegungsstände, um in der ältesten Stadt Deutschlands eine bessere Sicht auf das wichtigste Spiel des Jahres zu geniessen.


Hajduk Split - HNK Rijeka (26.05.22)

«Du kannst alles sagen gegen mich oder die ganze Welt. Aber ich will nichts von dir gegen Split hören», klang es gar aus den Kehlen der Bardamen, die zum Höhepunkt des Abends selbst auf den Tresen gestiegen waren und die feiernde Menge für lau mit Alkohol versorgten. Mittlerweile hatte auch ich das Lied «Nista kontra Splita» (Nichts gegen Split) des lokalen Sängers Dino Dvornik oft genug gehört, um in der kleinen Bar im Herzen Dalmatiens nicht weiter aufzufallen.

 

(K)ein Schweizer Spielverderber

Stunden zuvor hatte mit Hajduk der lokale Fussballklub erstmals seit neun Jahren wieder den kroatischen Cup gewonnen – und das ausgerechnet in der heimischen «Muschel», wie das Stadion Poljud im Deutschen heisst. Dabei begann das Aufeinandertreffen mit dem Rivalen aus Rijeka alles andere als optimal: Nach nur 13 Minuten brachte ausgerechnet der Schweizer Nationalspieler Josip Drmic die Gäste in Führung.

Unter der Leitung der Torcida, der 1950 gegründeten und damit ältesten Fanorganisation Europas, vermochte der Gastgeber die Partie aber noch zu drehen. Nebst der Unterstützung von den Rängen trug auch eine rote Karte gegen die Gäste aus Istrien ihren Teil dazu bei, dass sie in Unterzahl kaum mehr offensiv in Erscheinung traten. Spätestens mit dem Tor zum 3:1 war die grosse Genugtuung über den Titelgewinn bei den 29‘411 Zuschauern zu spüren, nachdem Hajduk kürzlich eine weitere Saison nur knapp hinter dem ewigen Rivalen aus Zagreb abgeschlossen hatte.

Andere Länder, andere Sitten

Mit dem Schlusspfiff verlagerte sich die Freude von den Rängen auf den Rasen und obwohl selbst auf der Gegentribüne jeder Anwesende beim Anlass seine Schuhe hatte ausziehen müssen, erhellten nun überall Fackeln die historische Nacht an der Adriaküste. Einige von ihnen flogen im hohen Bogen in die Reihen der rund dreitausend Rijeka-Fans, die sich das Schauspiel gezwungenermassen mitansehen mussten. Es war die Antwort der «Plünderer» (Hajduk) auf die Aktion der Armada aus Rijeka, die wenige Minuten vor Abpfiff mit der Niederlage vor Augen angefangen hatte, benachbarte Blöcke mit brennenden Leuchtstäben einzudecken. Passive Ordnungskräfte und lachende Väter mit winkenden Kindern auf ihren Armen – untermalt von Miso Kovacs Folklore – zeichneten besonders für Westeuropäer ein surreales Bild.

Zwischen den überschäumenden Glücksgefühlen im Stadion mit dem pittoresken Gebirgszug Kozjak im Hintergrund und dem Ausklang des langen Abends in der eingangs beschriebenen Bar, begab ich mich auf eine Anhöhe. Hier von der Terrasse des Restaurants Vidilica liess sich die Halbinsel Marjan und damit das Zentrum Splits bestens beobachten. Ich hatte auf ein Feuerwerk spekuliert, das die UNESCO-geschützte Altstadt mit ihrem Diokletianspalast und der belebten Riva taghell erleuchten lassen würde – und wurde abermals nicht enttäuscht.


Lech Poznan - Rakow Czestochowa (02.05.22)

Ganz ohne Fussball sollten die Tage in der Kaschubei dann doch nicht verstreichen. Und so stieg ich am Tag des polnischen Pokalfinals kurzfristig in den Zug nach Warschau. Zwar hatte Rakow Czestochowa einen Traumfinal auf Fanebene zwischen Legia Warszawa und Lech Poznan verhindert, doch aus sportlicher Sicht verkörperte das Aufeinandertreffen der «Krebse» mit dem Klub aus Westpolen den logischen Final. Zumal Rakow, amtierender Pokalsieger und Aufsteiger der letzten Jahre, sich mit Lech auch in der Meisterschaft einen spannenden Zweikampf um den Titel liefert.

Ein sturer Stadtpräsident

Was aber an jenem Montagnachmittag am Ufer der Weichsel folgte, verkörperte den wohl trostlosesten Cupfinal in der Geschichte des polnischen Fussballs. Verantwortlich dafür war mit Rafal Trzaskowski niemand geringerer als der Bürgermeister Warschaus, der auf Empfehlung der städtischen Feuerwehr hin sämtliche Banner und Fahnen – und damit auch Choreografien – verbot, welche die Masse von 1,5 x 2 Meter überstiegen. Eine Missachtung seiner kurzfristig eingeführten Regelung sah gestützt auf Art. 58 des polnischen Sicherheitsgesetzes zu Massenveranstaltungen eine Freiheitsstrafe von bis zu 8 Jahren vor.

Mit dem polnischen Fussballverband ging gegen diese absurde Regelung gar der Veranstalter des Endspiels in Berufung. Trzaskowski blieb jedoch bei seiner Meinung und verwies auf den Brandschutz. Da kurzfristige Repressalien im Hinblick auf den Pokalfinal in Polen keine Neuheit bedeuteten, appellierten die Fanszenen an die Vernunft und reisten trotzdem an. Dass dennoch nicht alle von ihnen an eine erneute Kursänderung glaubten, zeigten die zahlreichen Einweggrills und Campingstühle hinter der Lech-Kurve. Und so war es denn auch: Trzaskowski zeigte auch am Spieltag selbst keine Einsicht. Und obwohl Lech Walesa in diesem Kontext eher Glatze und ein T-Shirt mit martialischem Spruch darauf trug, erinnerte mich die Konsequenz, mit der die Fanszene Lechs angeführt von ihrem Vorsänger solidarisch vor den Toren des Stadions verharrte, an die Einstellung des Solidarnosc-Anführers, dessen Grundsätze mich tags zuvor im Museum in Danzig bereits beeindruckt hatten.

Übermannt von Gefühlen

Anders sah das Bild auf Seiten Rakows aus. Hier gab es bis kurz vor Schlusspfiff zwar ebenfalls keine Bemühungen um stimmliche Unterstützung, doch mit – zugegeben günstigem – Spielverlauf strömten immer mehr rotgekleidete Fans in die Kurve. Als mit dem 3:1 für Czestochowa der Pokalsieg eine Viertelstunde vor Schluss praktisch feststand, hob die Fanszene übermannt von Gefühlen und wohl auch überfordert von der Konsequenz auf Seiten Lechs ihren Boykott auf. Eine Aktion, die ihr in der polnischen Fanlandschaft in den Tagen darauf viel Hohn und Spott einbringen sollte. Während Lech also im Jubiläumsjahr die erste Chance auf einen eigenes Geschenk zum 100. Geburtstag verpasste, feierte Rakow zusammen mit einem Teil der 35‘694 Zuschauer in doch eher trostlosem Ambiente den zweiten Pokalerfolg de suite.

Optimistisch in die Zukunft blicken liessen da einzig die Worte des Verbandspräsidenten Cezary Kulesza, der im Nachgang der Partie in den sozialen Medien anmerkte, bei anhaltender Drangsalierung durch die Warschauer Politik den Final zukünftig nicht mehr in der Hauptstadt auszuspielen. Mit dem Stadion Slaski würde in Chorzow auch schon eine reizvolle Alternative bereitstehen.