CA San Lorenzo de Almagro - CA Huracan

Wer Antonella zum ersten Mal begegnet, würde wohl kaum vermuten, dass sie an jedem Heimspiel in der Kurve von San Lorenzo steht. Die Lehrerin Mitte zwanzig wirkt zurückhaltend, beinahe unscheinbar. Sie lacht selten. Dafür ist sie eine jener Personen, die einem helfen, noch bevor man überhaupt darum bittet. So auch immer dann, wenn mein äusserst rustikales Spanisch an seine Grenzen stösst und Sprachnachrichten, etwa jene von Medienchefs bezüglich des Presseeingangs, über Alltagsfloskeln hinausgehen. Einmal zeigt sie mir eine Zeile aus dem Song Propuesta Indecente: «Una aventura es mas divertida si huele a peligro» (Ein Abenteuer macht mehr Spass, wenn es nach Gefahr riecht). Es ist ihr Lebensmotto.

Auch ohne sie ist der CA San Lorenzo de Almagro für mich während meiner Zeit in Buenos Aires ein fixer Programmpunkt. Es gibt schliesslich einige Dinge in der Fussballwelt, die man einfach kennt. Der Einlauf der Barra Brava «La Gloriosa Butteler» ins bereits berstend volle Estadio Pedro Bidegain gehört dazu. Vor allem aber beschäftigt mich San Lorenzo seit dem Dokumentarfilm «Volver a Boedo», der von der Vertreibung des «Ciclón» während der Militärdiktatur und dem jahrzehntelangen Streit mit Carrefour erzählt. Das Gelände ist inzwischen zurückgekauft, doch für den Stadionneubau fehlt weiterhin das Geld. Der Klub, dem auch Papst Franziskus die Daumen drückte, ist hoch verschuldet.

Das Derby gegen Huracan, den Clasico Porteno, wollte ich ausnahmsweise nicht als Fotograf vom Spielfeldrand erleben, sondern gemeinsam mit Antonella in der Kurve. Am Morgen werde ich abgeholt und es gibt Mate und Medialunas zum Frühstück, bevor wir uns auf den Weg nach Bajo Flores machen. Statt in Boedo trägt San Lorenzo seine Heimspiele hier aus, einem nicht ungefährlichen Stadtteil. Ein erstes Highlight ist das Gewusel rund um das Stadion. Beeindruckend ist auch die hohe Polizeipräsenz, obwohl keine Gästefans zugelassen sind. Auch das Einsingen unter der Tribüne ist ohrenbetäubend laut und nicht minder bemerkenswert. Gleichzeitig haben viele Fans das Handy immer wieder zum Filmen in der Hand. Ein negativer Eindruck, der sich später im Stadion noch verstärken sollte.

Für den «CASLA» setzt es ein enttäuschendes 0:2 gegen Huracan ab. Die 44’000 Zuschauer reagieren ernüchtert, die zuvor aufgeheizte Atmosphäre verliert zunehmend an Intensität. Beim zweiten Treffer jubelt der ausländische Stürmer provokativ direkt vor der Heimkurve. Keine gute Idee in Südamerika. Auf dem Platz verlieren nun auch einige Spieler von San Lorenzo die Nerven, während der Torschütze kurz darauf unter grossem Aufruhr ausgewechselt wird. Spätestens seit dem tragischen Tod von Andres Escobar sollte bekannt sein, welchen Stellenwert Fussball auf diesem Kontinent besitzt.

So bleibt dies der einzige wirklich hitzige Moment des Nachmittags. Daneben kommt es direkt unter uns auf den Stehstufen noch zu einer kurzen, aber heftigen Schlägerei, bei der Blut fliesst. Insgesamt bleibt die Kurve aufgrund des Spielverlaufs jedoch hinter meinen hohen Erwartungen zurück. Gleichzeitig ist unschwer zu erkennen, welches Potenzial in ihr steckt. An einem schönen Sommertag bei passendem Spielverlauf dürfte dies eine der eindrücklichsten Kurven der Welt sein. Dasselbe gilt für das Stadion, dessen gewaltige Stehtribünen zu den bemerkenswertesten zählen, die ich bislang gesehen habe.

Unabhängig davon bleibt der Besuch ein Erlebnis. Als Insider-Tipp sei zum Schluss noch der Fussballtrikotladen «Camisetas Nani» erwähnt. Dieser wird von Diego und Pablo geführt, die zum innersten Kreis der Butteler zählen.


CA Independiente - CA Platense

Samstagabend, kurz vor 21 Uhr. Ich sitze auf dem Rücksitz von Juan, einem Fotografenkollegen. Wir schlängeln uns mit seinem Mofa um Häuserecken, vorbei am stockenden Verkehr und am gleissenden Flutlicht des Stadions nebenan. Durch den Helm dringen Fangesänge zu mir. Und dennoch bin ich nicht nervös, etwas zu verpassen. Zwar bestreiten nebenan die Boca Juniors tatsächlich ihr zweites Heimspiel im Exil von Huracan, doch dort war ich gerade erst, und mein Ziel ist ein anderes in dieser Stadt voller Stadien.

Die Situation ist das beste Beispiel für die Dichte und Nähe der Fussballtempel in Buenos Aires. Am augenscheinlichsten ist die Situation bei jenen von Racing und Independiente in Avellaneda, wo die beiden Bauten nur gerade dreihundert Meter trennen. Neben der runden Heimat von Racing liegt das Estadio Libertadores de America, benannt nach den sieben Titelgewinnen von Independiente. Eine Besonderheit, die mir so nur aus dem britischen Nottingham oder Dundee bekannt ist.

Buenos Aires selbst ist ebenfalls geprägt von europäischen Einwanderern und erinnert nicht selten an Madrid. Der Ballungsraum zählt rund 15 Millionen Einwohner, die einst florierende Rinderzucht machte die Region reich. Mit der Plaza de Mayo und der Plaza del Congreso, dem Regierungspalast und dem Kongressgebäude nach Washingtoner Vorbild sowie der «Avenida 9 de Julio» reiht sich Sehenswürdigkeit an Sehenswürdigkeit. Letztere wird immer wieder als breiteste Strasse der Welt bezeichnet. Benannt ist sie nach dem Tag, an dem Argentinien seine Unabhängigkeit von Spanien erklärte. Kulinarisch gehören Choripan mit Chimichurri, Asado und Fugazzeta für viele zum Pflichtprogramm, während das Planetario und der Parque Tres de Febrero zu empfehlenswerten Ausflugszielen zählen.

Zurück in der Heimat von Independiente sind es die vier Türme in den Ecken, die dem kompakten Stadion etwas Majestätisches verleihen und besonders sehenswert sind. Weniger angenehm wirken hingegen die rund vier Meter hohen Zäune, welche das Spielfeld hinter den beiden Toren von den Fans trennen. Sie dürfen allerdings nicht der Grund für den verhaltenen Auftritt der Barra sein, die beim 0:1 gegen Platense vor 38’000 Zuschauern den schwächsten Eindruck der «Cinco Grandes» von Buenos Aires hinterlässt.


Almirante Brown - Ciudad de Bolivar

«Be careful», rät mir ein Fotograf, als ich ihm von meinem Plan erzähle, vor dem Abendspiel bei Independiente noch bei Almirante Brown vorbeizuschauen. Der Klub trägt seine Spiele in La Matanza im Westen der Stadt aus, einem Bezirk mit der höchsten Kriminalitäts- und Mordrate im Grossraum Buenos Aires. Mit über acht Fällen pro 100’000 Einwohner liegt die Mordrate fast doppelt so hoch wie im Durchschnitt der gesamten Provinz.

Tatsächlich beginnt auch das Spiel mit einer Schweigeminute, allerdings für den an einer Krankheit verstorbenen Vater von Lionel Messi. Generell sind die Fans in Argentinien stark patriotisch geprägt. So hängt für die Familie des Zauberflohs bereits eine eigene Fahne direkt im Zentrum der Barra. Diese nimmt ihren Bereich allerdings erst eine Viertelstunde nach Anpfiff ein. Das «Recibimiento» gehört schliesslich zum Ritual und wird entsprechend zelebriert.

Seinen gewöhnungsbedürftigen Namen verdankt der Klub William Brown, dem ersten Admiral der argentinischen Kriegsmarine, der in Argentinien als Nationalheld und «Vater der argentinischen Marine» gilt. Nebst Strassen und Plätzen sind auch Vereine nach ihm benannt. Das Team wird deshalb meistens «La Fragata» (die Fregatte) oder «El Mirasol» (die Sonnenblume) genannt. Prompt ist dann auch immer wieder eine Sonnenblume im Kern der Kurve zu erkennen, die den 5000 Zuschauern entgegengehalten wird. Mit Deportivo Moron und Nueva Chicago zählen zwei der stärksten Fanszenen zu den Rivalen von Almirante Brown. Doch auch die Anhänger der «Fragata» können auf eine etablierte Fankurve zählen, einst gar auf zwei, wobei sich eine davon zusätzlich auf der kleinen Seitentribüne befand.

Auch die Gäste haben einen irritierenden Namenszusatz, der allerdings nichts mit Bolivien zu tun hat. Im Verfolgerduell der zweiten Liga verschiessen sie einen Penalty. Insgesamt ist es beim 2:0 für Gelb-Schwarz – eine farbliche Hommage an Penarol aus Uruguay – ein bescheidener Auftritt beider Teams. Wenn sie im Aufstiegsrennen mitreden wollen, werden sie sich mit solchen Leistungen schwertun.


Boca Juniors - Estudiantes de La Plata

Natürlich gehört auch «La Bombonera» zu den Zielen während meines Aufenthalts in Argentinien. Selbst wenn vieles an diesem Stadion Mythos ist, zählt ein Besuch hier zur Pflicht, wenn man in Buenos Aires ist. Doch ausgerechnet der Rasen macht mir einen Strich durch die Rechnung. Weil er in schlechtem Zustand ist, müssen die Boca Juniors ihre «Pralinenschachtel» für einige Partien verlassen und ich verpasse prompt ein Heimspiel in ihrem ehrwürdigen Stadion.

Schwacher Trost: Das zum Exil erkorene Estadio Tomas Adolfo Duco von Huracan ist ebenfalls äusserst sehenswert. Es stammt aus den 1940er-Jahren, ist im Art-déco- und rationalistischen Stil erbaut und zählt mit seinem markanten Turm, der einer Rakete ähnelt, und den enormen Stehtraversen zu den schönsten Stadien des Landes. Für den eigentlichen Heimklub ist die Anlage überdimensioniert, an diesem Abend ist sie mit 44’000 Zuschauern aber prall gefüllt. Die Gegend südlich des Stadions wirkt mit dem Barrio 21-24, einer sogenannten «Villa miseria», hingegen wenig einladend.

Nicht nur ich bin wegen der kurzfristigen Änderung der Spielstätte frustriert. Auch zahlreiche Boca-Fans mit Saisonkarten finden im Ausweichstadion keinen Platz. Bereits im Vergleich mit dem Monumental von River ist die Bombonera deutlich kleiner, nun fasst die temporäre Heimat nochmals ein paar tausend Fans weniger. Keine richtige Alternative für Boca, das eine der grössten Anhängerschaften Südamerikas um sich schart und längst als Institution gilt. Die Präsidentschaft des Mitgliedervereins kann gar als Sprungbrett an die Spitze der nationalen Politik dienen, wie Mauricio Macri einst gezeigt hat.

Auch das Viertel «La Boca» ist weltberühmt. Entlang der Fussgängerzone Caminito reihen sich die farbenfrohen Blechhäuser in Gelb, Blau, Rot und Grün. Das Viertel gilt als Wiege des Tangos, der hier in den Strassen und Bars bis heute lebendig zelebriert wird. Tagsüber ist die Gegend touristisch geprägt, abends gilt es im Hafenviertel Vorsicht walten zu lassen.

Das eigentliche Aushängeschild des Stadtteils sind aber nicht die windschiefen Häuser, sondern die Boca Juniors. Angeführt wird das Team von Leandro Paredes, Weltmeister von 2022. Bei der Endrunde vier Jahre später fiel er hingegen negativ auf, in Buenos Aires geniesst er jedoch grosse Beliebtheit und hinterlässt auch an diesem Abend einen deutlich abgeklärteren Eindruck als noch in den USA.

Mit Captain Paredes gewinnen die «Xeneizes» gegen die Estudiantes aus La Plata verdient mit 1:0. Doch nicht nur das Resultat bleibt in Erinnerung. Auch die Stimmung überzeugt auf ganzer Linie. «La Doce», die berüchtigte Barra Brava der Boca Juniors, überzeugt mit ihren Gesängen, deren Melodien häufig dem Musikstil «Cumbia Villera» entspringen. Ein paar Mal wird es so wahnsinnig laut, wie ich es bisher einzig aus Marokko oder Indonesien kenne. So stellt Boca während meines Aufenthalts den stimmungsvollsten Anhang. Hierbei sei allerdings anzufügen, dass ich die anderen vier grossen Hauptstadtklubs allesamt mit einer Heimniederlage erlebt habe und an diesem denkwürdigen Abend bei Huracan aufgrund der reduzierten Kapazität zudem deutlich weniger Touristen im Stadion waren.


Velez Sarsfield - CA Independiente

Buenos Aires ist ein wahres Fussballmekka. Und damit meine ich nicht etwa die vielen Sportplätze, sondern dass gefühlt an jeder dritten Strassenecke eine Tribüne in den Himmel ragt. In jedem Restaurant läuft Fussball im Fernseher, egal zu welcher Uhrzeit, und jeden Tag zeigt die Übersicht von Promiedos irgendein Spiel an. So auch zum Wochenstart, als am Montagabend kein geringeres Duell als jenes zwischen dem Ersten und dem Zweiten der Clausura-Tabelle anstand, die bereits in der Apertura um den Titel mitgespielt haben und auch in der Jahrestabelle weit vorne stehen.

Argentiniens Fussballkalender ist ebenso bemerkenswert wie die hiesige Stadiondichte. Mit Apertura und Clausura bilden zwei halbjährliche Meisterschaftsturniere den Kern der obersten Spielklasse. Zusätzlich gibt es die Relegationstabelle mit Punktedurchschnitten der letzten drei Saisons, eine Jahrestabelle, die Copa Argentina sowie die internationalen Wettbewerbe Libertadores und Sudamericana. Die Spieltage verteilen sich damit auf die ganze Woche. Die Ansetzungen berücksichtigen TV-Übertragungen, Polizei- und Sicherheitsbedenken sowie die geografische Nähe der Stadien.

Eines der schöneren Exemplare ist jenes von Velez Sarsfield. Es ist eine Mischung aus dem Stadion Maksimir und der Heimat von Hercules Alicante und hat auch schon Queen und Nirvana für Konzerte beherbergt. Wie viele Klubs im 19. Jahrhundert ist auch Velez entlang der Eisenbahnlinien bei den Bahnhöfen entstanden und trägt deshalb den Übernamen «Liniers». Der eigentliche Name des Klubs geht jedoch auf den Juristen und Politiker Dalmacio Velez Sarsfield zurück: Während eines Regengusses hatten einst drei junge Männer unter dem Tunnel der damaligen Bahnstation «Velez Sarsfield» Schutz gesucht und dort die Idee eines eigenen Vereins besprochen.

Auch wenn Velez nicht zu den «Cinco Grandes» in Buenos Aires zählt und in der Stadt eher eine Nebenrolle einnimmt, hat mich der Besuch im Estadio Jose Amalfitani positiv überrascht. Der einstige Sieger der Copa Intercontinental und der Copa Libertadores überzeugt auf dem Rasen mit attraktivem Spiel und auf den Rängen trotz fehlendem Dach mit beachtlicher Lautstärke. Bisweilen fühlte ich mich beim 1:0 gegen Independiente aufgrund der Heimkurve an die Curva Nord aus Bergamo erinnert, während das Trikot stark jenem von Brescia ähnelt. Italienische Fahnen und zahlreiche kleine Schwenker verstärken diesen Eindruck vor 25’000 Zuschauern. Ein spannendes Spiel wäre hier sicher einmal das Derby gegen den Lokalmatador Ferro Carril Oeste, der in der zweiten Liga derzeit auf einem Aufstiegsplatz steht.


River Plate - Rosario Central

In meiner Zeit in Argentinien habe ich gelernt, dass es in diesem Land zwei Dinge gibt, welche die Menschen ebenso bewegen wie in zwei Lager teilen: die politischen Strömungen Peronismo und Kirchnerismo – sowie River oder Boca. Selbst bei mir ist deshalb ein Kribbeln zu spüren, als ich auf «El Monumental» zuschreite, das diesen Namen wirklich verdient und fast so rund wie die Heimstätte von Racing daherkommt. Dröhnende Flugzeuge fliegen hier im Landeanflug tief über das Stadiondach, und auch der Gästeblock im Zuhause von River Plate ist für heranströmende Heimfans geöffnet. Die Baute wurde vor einigen Jahren gar nochmals erweitert, sodass über 75’000 Zuschauer anwesend sind.

Gespannt bin ich auf Los Borrachos del Tablon, die hiesige Barra Brava mit originellem Namen (die Besoffenen der Tafelrunde) und sehr bekannter Zaunfahne. Sie umfasst vielleicht 300 Leute und wie immer erfolgt der Einlauf mit pompösem Getrommel und Sonnenschirmen. Trotz grossem Potenzial und eingängigen Gesängen zu Melodien wie «Para no olvidar» verkommt der Klub nach und nach zum Real Madrid Südamerikas, allerdings mit deutlich besserer Stimmung. Doch vor Lichtshow und einem ferngesteuerten Auto, das den Ball vor dem Anpfiff zum Mittelkreis fährt, bleiben sie auch hier nicht verschont. In Madrid hatte ich den CARP im Superclasico übrigens einst die Copa Libertadores gewinnen sehen.

Auch an diesem Abend ist der Gegner mit Rosario Central kein schlechter. Angeführt von Altmeister Angel Di María treten die Gäste in der Hauptstadt mutig auf und haben mehr vom Spiel, sodass die «Millonarios» in der Pause beim Stand von 0:1 von den eigenen Fans ausgepfiffen werden. Doch Zugeständnisse an einen aufmüpfigen Gegner helfen einem Team selten, einen weiteren Rückschlag nach einem enttäuschenden Saisonstart zu vermeiden.


Chacarita Juniors - Agropecuario

Wie Krankheiten sollte man Gegenden rund um Fussballstadien in Südamerika nie googeln. Meist sind die Symptome ja doch nur eine harmlose Erkältung und keine schwerwiegende Malaria. Zwar hatten mich andere Fotografen am Vorabend bei Racing tatsächlich vor der «Sketchy Area» gewarnt, als ich ihnen von meinen Plänen erzählte. Doch wie eigentlich immer hielt ich ihre Warnungen für übertrieben – solange man ein wenig aufpasst.

Ihre Heimspiele tragen die Juniors allerdings nicht im aufstrebenden Viertel Chacarita aus, sondern in San Martin. Diese Gegend ist von überdurchschnittlich vielen Gewaltverbrechen geplagt und gilt laut Google insbesondere an Spieltagen als Hochrisikozone. Zumindest für Ausländer markiert dieser Umstand aber eher ein zusätzlicher Sicherheitsfaktor: Überfälle passieren schliesslich nicht unbedingt dann, wenn hunderte Menschen durch die Gassen ziehen und gleichzeitig viel Polizei vor Ort ist. Insgesamt ging alles gut – es galt wie immer, nicht aufzufallen und zu wissen, wie eine prompte An- und Abreise vonstatten geht.

Dass der Wind hier etwas rauer weht, ist nicht nur am Marihuana-Geruch im Unterrang der Haupttribüne zu erkennen. Die sich im Ausbau befindende Gegentribüne wirkt eher, als wäre sie gerade erst zusammengebrochen. Und mit «La concha de tu madre» ist auch eine der bekanntesten argentinischen Beleidigungen prominent als Zaunfahne in der Kurve zu sehen. Optisch erinnern diese ansonsten an die Anhängerschaft von Foggia Calcio. Den Höhepunkt des Hasses auf England, der auf den Falkland-Konflikt zurückgeht, erreicht die Kurve aber, als sie erbeutete Union-Jack-Fahnen von Anhängern von Stalybridge Celtic und Leicester präsentieren.

Auf dem Rasen sorgt «Chaca» hingegen für positive Schlagzeilen. Vor 7000 Zuschauern – Zutritt haben an diesem Nachmittag ausschliesslich Socios – drehen die Gastgeber im Zweitliga-Duell gegen Agropecuario einen Rückstand innerhalb von drei Minuten in ein 2:1. Dabei bleibt es.


Racing Club - CA Tigre

Der Übername macht Sinn. «Der Zylinder» ist wirklich vollends rund, eine wahre Schüssel. Verständlich also, warum sich diese Bezeichnung stärker etabliert hat als der offizielle Name der Heimstätte des Racing Club: Estadio Presidente Peron, benannt nach dem einstigen argentinischen Präsidenten Juan Peron. Die zweite Besonderheit des Stadions betrifft seine Lage: Nur gerade 300 Meter trennen es von der Spielstätte des Erzrivalen Independiente. So zählt das Derby von Avellaneda denn auch zu den weltweit bekannten Klassikern.

Ausgesprochen wird Avellaneda übrigens «Aveschaneda». In der argentinischen Variante des Spanischen wird das Doppel-L als «sch» ausgesprochen. So heissen die Armenviertel «Villas Miserias» hier eben auch «Wischas Miserias». Avellaneda hingegen ist keine arme Gegend, sondern bekannt als Handels- und Industriestandort. Die Stadt ist eigenständig und liegt unmittelbar südlich der offiziellen Hauptstadtgrenze von Buenos Aires, wobei der Übergang längst nicht mehr zu erkennen ist.

Auch der Racing Club hat eine spannende Geschichte hinsichtlich seines Namens. Für den Vereinszusatz liessen sich die Mitglieder einst von einem französischen Magazin über den Rennsport inspirieren. Deutlich bekannter ist allerdings der Beiname «La Academia», wie Racing ebenfalls genannt wird. Grund dafür ist die renommierte Nachwuchsförderung des Klubs, aus der mit Diego Milito auch der heutige Präsident und ehemalige Profi hervorgegangen ist.

An diesem Abend tragen allerdings weder die talentierten Eigengewächse noch die passende Farbwahl, die an jene des argentinischen Nationalteams erinnert, zu einem erfolgreichen Verlauf bei. Auch der Anhang rund um die «Guardia Imperial» ist zwar sehr laut, verliert aufgrund der Weite des Stadions aber immer wieder den Rhythmus und landet nicht selten im ungewollten Kanon. So sehen 38’000 Zuschauer, wie der Gewinner der Copa Libertadores und des Weltpokals 1967 früh in Rückstand gerät und sich am Ende den Gästen aus Tigre mit 1:3 geschlagen geben muss.


Ferro Carril Oeste - Godoy Cruz

Zugegeben: Das Niveau des argentinischen Fussballs ist bescheidener, als ich erwartet hatte – wohl auch deshalb, weil die Stärke des Nationalteams und Ausnahmekönner wie Lionel Messi den Blick auf die heimische Liga etwas verzerren. Zumindest in der höchsten Spielklasse habe ich viele Aufeinandertreffen erlebt, die mit wenigen Torszenen und oftmals überschaubarem spielerischem Niveau wenig Spannung boten.

All dies ist anders in der Zweitliga-Partie bei Ferro Carril Oeste. Beim Duell mit Godoy Cruz aus Mendoza ist alles geboten: Beim 1:3 der Gäste fällt der Führungstreffer per Seitfallzieher, der Ausgleich gelingt nach einer Volleyabnahme und der dritte Treffer schlägt nach einem Weitschuss aus grosser Distanz im Winkel ein. In der Primera Nacional, wie die in zwei Spielklassen aufgeteilte Liga heisst, drängen die Hausherren gegen den auf den Playoff-Rängen klassierten Kontrahenten aus der Weingegend auf den erneuten Ausgleich. Nach einem späten Konter müssen die Gastgeber vor 9000 Zuschauern jedoch einen Rückschlag im Kampf um den Aufstieg ins argentinische Oberhaus hinnehmen. Eine kurze Zusammenfassung des Spiels ist übrigens hier einsehbar.

Dabei hätte ausgerechnet hier die Partie gar nicht so packend sein müssen. Denn mit dem Estadio Arquitecto Ricardo Etcheverry steht im Stadtteil Caballito das älteste noch bestehende Stadion Argentiniens – und eine Spielstätte, die auch abseits des Fussballs zahlreiche gute Fotosujets bietet. Es sind dies etwa das marode Tribünendach, die Palme am Spielfeldrand oder die Hochhäuser gegenüber, die mich bei bestem Fussballwetter in ihren Bann ziehen.

Seit der Gründung von «Ferro» im Jahr 1905 durch britische Einwanderer und Mitarbeiter der Eisenbahn ist das Stadion die Heimat des Klubs. Seine zentrale Lage macht den Besuch ohnehin zum lohnenden Abstecher. Dazu kommen die sympathischen grün-weissen Farben und eine gute Stimmung, bei der auch zahlreiche neue Melodien zu hören sind.


Grêmio FBPA - Club Bolivar

Sucht man auf Google Maps in der Satellitenansicht nach der Arena do Grêmio, ergibt sich ein skurriles Bild. Direkt an den futuristischen Riesenbau grenzt im Süden mit Farrapos ein verarmter Stadtteil, geprägt von kleinen Häuschen, die im Vergleich zum kolossalen Stadion aus der Vogelperspektive fast unterzugehen scheinen.

Ich bin froh, dass das alte und klappernde Auto meines Fotografen-Kollegen, der mich kurz vor Mitternacht netterweise zurück ins Stadtzentrum mitnimmt, an sämtlichen Kreuzungen auf der Avenida Farrapos nicht schlappmacht. Die grosse Hauptverkehrsachse verbindet die Zona Norte mit der Innenstadt. Während sie tagsüber stark befahren ist, gilt sie nachts – insbesondere wegen Strassenprostitution, Drogenhandel und Raubüberfällen – als absolute No-Go-Area. Die komischen Gestalten, die paradoxerweise bisweilen sogar auf Bürostühlen an den Strassenrändern sitzen, hinterlassen nicht nur bei mir, sondern auch bei meinem Fahrer ein mulmiges Gefühl.

Einer, der die verschiedenen Realitäten und Lebensumstände in Porto Alegre kennt, ist Ronaldinho, der seine Karriere einst bei Grêmio lancierte. Kurz vor der Jahrtausendwende war der Ausnahmekönner auch für regionale Erfolge des Klubs verantwortlich. Die grössten Triumphe feierte die «Tricolor» allerdings ohne das Wirken des zweifachen Weltfussballers: Grêmio hat die Copa Libertadores dreimal, die brasilianische Meisterschaft zweimal und den Weltpokal einmal gewonnen.

Vielleicht auch deshalb liegt die Erwartungshaltung der Fans höher, als zu einer Playoff-Partie in der zweitklassigen Copa Sudamericana antraben zu müssen. So finden sich lediglich 25’010 Zuschauer im Stadion, was in der gewaltigen Arena fast verloren wirkt. Nicht nur der Farbe wegen erinnert sie an die Spielstätte von Zenit St. Petersburg. Fast könnte man meinen, auch hier sei bei der WM 2014 gespielt worden. Doch das Gastgebertum blieb in Porto Alegre Internacional vorbehalten, der sich in der Bewerbungs- und Planungsphase geschickter angestellt hatte.

Zumindest für meine bescheidenen Kenntnisse die sportlichen Kräfteverhältnisse innerhalb Südamerikas betreffend, kam die 2:3-Pleite in La Paz im Hinspiel eine Überraschung gleich. Auch aus den Reihen der Heimkurve, wo die Geral do Grêmio das Sagen hat, klingt es vor dem Anpfiff über die Lautsprecher noch optimistisch, was das Rückspiel gegen den Club Bolivar betrifft.

Dann aber folgt eine weitere schwache Leistung. Grêmio kassiert das 0:1 und beendet damit sein internationales Abenteuer vorzeitig. Die acht mitgereisten Gäste aus Bolivien dürfen sich entsprechend freuen. Das Gesamtskore von 2:4 war so definitiv nicht vorhersehbar – und die vielen Buhrufe nach dem Schlusspfiff bestätigen, wie wenig Verständnis die Heimkurve für den Auftritt ihrer Mannschaft aufbringt. Ganz anders als noch am Vortag beim Stadtrivalen.