Fenerbahce SK - Adana Demirspor

Das türkische Meisterrennen ist in der Saison 2023/24 gleichzeitig ein städtisches und doch interkontinentales Duell. Möglich macht dies die Lage der beiden grössten Vereine des Landes: Galatasaray hat sein Zuhause auf der europäischen und Fenerbahce auf der asiatischen Seite von Istanbul. Während der Erzrivale seit der Einführung der Süper Lig am meisten Titel einheimsen konnte, kann sich Fenerbahce als gesamthistorischen Rekordmeister bezeichnen.

Seinen Namen verdankt der Klub dem gleichnamigen Leuchtturm, wovon mit «Fener» der erste Teil des Wortes für Leuchtturm und «bahce» für Garten steht. Er liegt südlich von Kadiköy – nicht zu verwechseln mit dem hippen Hafenviertel Karaköy – und dem Sükrü-Saracoglu-Stadion in einem Park unweit des Bosporus-Eingangs.

Zu den prominentesten Anhängern von Fenerbahce zählen mit Mustafa Kemal Atatürk und Recep Tayyip Erdogan sowohl der Begründer als auch der aktuelle Präsident der Republik Türkei. Obwohl «Fener» als Klub der Mittelschicht gilt, sind die Preise für den Besuch eines Heimspiels hoch; gut gefüllt ist das kompakte Stadion mit 32‘293 Zuschauern dennoch. Auf drei der vier Tribünen stehen die Anwesenden während der gesamten Spieldauer. Wieder wird viel gepfiffen, wieder erreicht die Dezibel-Skala bisweilen Höchstwerte, gefühlt ist es gar noch ein wenig lauter als beim Heimspiel von Galatasaray am Vortag. Der Kern der heimischen Anhängerschaft findet sich im Oberrang beider Hintertortribünen und konstituiert sich unter dem Namen «Genç Fenerbahceliler», was für «junge Fenerbahce-Fans» steht. Aufgeteilt ist der Fanzusammenschluss, der in 18 Ländern Ableger hat, in zehn Untergruppen, darunter auch die etwa in Deutschland bekannte «GFB Europe» mit über 500 Mitgliedern.

Ob die Partie gegen Adana überhaupt ausgetragen wird, war lange ungewiss. Grund dafür waren Ausschreitungen beim vorangehenden Auswärtsspiel in Trabzon, das der Klub aus Istanbul spät gewann, was die heimischen Fans zu einem Platzsturm bewegte. Doch nicht etwa Sanktionen seitens der Liga, sondern Drohgebärden von Fenerbahce selbst, liessen in den Folgetagen an der Durchführung des nächsten Pflichtspiels zweifeln. Nach der Ankündigung, einen Rückzug aus der Süper Lig zu erwägen, beliess es der Klub nach einer ausserordentlich einberufenen Generalversammlung bei einer auf den Rasen gesprühten Botschaft mit der Forderung nach einem fairen Wettbewerb und einer eher fragwürdigen Protestaktion rund um den Supercup.

Wie bereits beim Stadtrivalen sind auch an diesem Abend zahlreiche bekannte Namen auf dem Matchblatt zu finden, wobei etwa den beiden Europameistern Leonardo Bonucci beim Klub aus Istanbul und Nani bei den Gästen nur ein Platz auf der Ersatzbank vorbehalten ist. Für die Highlights sind andere Altstars verantwortlich: Adana-Stürmer Mario Balotelli lässt seinem zwischenzeitlichen Ausgleich einen extravaganten Torjubel folgen, die Show stehlen ihm auf dem Weg zum 4:2-Sieg für die Gastgeber aber erst Edin Dzeko mit dem neuerlichen Führungstreffer sowie Dusan Tadic mit einem Traumtor aus der Distanz.


Esenler Erokspor - Beyoglu Yeni Carsi FK

2017 spielte Erokspor noch in der 5. Liga, nun steht das Team aus dem Istanbuler Stadtbezirk Esenler vor dem Aufstieg in die zweithöchste Spielklasse. Seine Wurzeln hat der Klub in Kasimpasa, wo auch der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan herkommt, der auf Amateurebene prompt einst einige Jahre lang für Erokspor gespielt hat. Während es Erdogan in die Politik zog, ging auch Erokspor neue Wege: Der Verein gliederte sich auf die Saison 2018/19 hin in ein Unternehmen um und verlegte seinen Standort in den Westen der Stadt, wo er mit dem Esenler Stadyumu eine neue Heimat fand und diese renovieren liess. Einzig die aus dem dadurch deplatziert wirkenden Querbalken des Wappens verschwundene Inschrift der Grün-Gelben erinnert noch an die Vergangenheit im Stadtviertel Beyoglu.

Trotz des sportlichen Höhenfluges und des bescheidenen Eintrittspreises von 25 türkischen Lira (70 Rappen) sind an diesem Mittwochnachmittag nur 400 Zuschauer anwesend, darunter eine Gruppe Jugendlicher, die sich um akustische Unterstützung bemühen. Die dritte Liga der Türkei ist in eine weisse und eine rote Gruppe geteilt und wird als professionelle Stufe geführt, wenn auch das Niveau insgesamt bescheiden ausfällt. Beim 1:1 bleibt der Tabellenführer der weissen Gruppe trotz Feldüberlegenheit vieles schuldig. So sind es eher die dreieckigen Flutlichtmasten, der fast vollständig in Pink gekleidete Schiedsrichter oder der Torschütze mit der Eins als Rückennummer, die nach dem Schlusspfiff auf der Taxifahrt von Esenler zum Stadion von Fenerbahce für Gesprächsstoff sorgen.


Galatasaray SK - Hatayspor

«Cim Bom Bom», hallt es durch das Stadion von Galatasaray. Am Ursprung einer These, wie der gewöhnungsbedürftige Anfeuerungsruf in den 1960er-Jahren den Weg ins Repertoire der türkischen Anhänger gefunden hat, stehen Schweizer Fans. Einer ihrer unverständlichen Gesänge – der für das restliche Publikum dem Ausruf «Cim Bom» glich – war es, der die Galatasaray-Fans auf der Suche nach einer passenden Kurzform für ihren Klub inspirierte.

Tatsächlich gastierten zu jener Zeit im Europapokal innert weniger Jahre erst der FC Zürich und dann auch der FC Sion in Istanbul und duellierten sich auf den Rängen und dem Rasen mit Galatasaray – oder eben «Cimbom», wie der türkische Rekordmeister und -cupsieger im Volksmund genannt wird. Unbestritten belegen lässt sich hingegen die Herkunft des offiziellen Vereinsnamens, der auf das Galatasaray-Gymnasium zurückgeht. Hier ging Anfang des 20. Jahrhunderts eine Gruppe Schüler, darunter auch ein gewisser Ali Sami Yen, ein und aus und gründete mit Gleichgesinnten 1905 schliesslich Galatasaray. Dabei verkörpert «Galata» den gleichnamigen Stadtteil im Bezirk Beyoglu, während «Saray» für das deutsche Wort «Schloss» steht.

Bis heute gilt Galatasaray als der beliebteste Klub des Landes und weist mit Dries Mertens, Hakim Ziyech oder Mauro Icardi bekannte Namen in der Startelf auf. Trotz der Favoritenrolle mühen sich die Gelb-Roten gegen Hatayspor nach früher Führung lange ab, ehe sie das 1:0 glücklich über die Zeit zu retten vermögen. Dabei steht der bekannteste Mann bei den Gästen nicht auf, sondern nur am Rand des Spielfelds: Volkan Demirel, der einstige Goalie des türkischen Nationalteams. Die Gäste aus der Stadt Antakya im Süden des Landes unweit der Grenze zu Syrien spielen die gesamte Saison über im Exil. Grund dafür ist das Erdbeben im Februar 2023, das mitunter das Stadion des Klubs beschädigte. Auch Galatasaray tritt bei seinen Heimspielen nicht mehr in der einstigen «Arena» an. Hierfür trägt aber kein Erdbeben die Schuld, sondern Präsident Recep Tayyip Erdogan, der sich ob des «nicht türkischen» Wortes «an die Arenen im alten Rom» erinnert fühlte und so eine Umbenennung anordnete.

Mit 41‘220 Zuschauern ist der nach einem Bau- und Immobilienunternehmen benannte «Park» trotz des Spieltages unter der Woche gut besucht und oft wird es sehr laut, wenn auch das Pfeifkonzert bei Ballbesitz der Gäste dem neutralen Stadionbesucher schnell auf die Nerven geht. Melodischere Klänge sind von der oberen Hälfte des Unterrangs auf der Nordtribüne zu vernehmen, wo sich der kleine Kern von «ultrAslan» (uA) eingefunden hat, deren Zaunfahne in mehrfacher Ausführung im ganzen Stadion hängt. Die 2001 gegründete Vereinigung verdankt ihren Namen dem einstigen Anführer Alpaslan Dikmen, der bis zu seinem Unfalltod 2008 als Hauptkoordinator von uA figurierte. Dass sich unter dem Kofferwort zu Ehren von Aslan (zu Deutsch «Löwe») keine klassische Ultragruppe, sondern eine in über 60 Ländern bestehende Dachorganisation versteht, zeigt nebst den zahlreichen einheimischen Touristen im Fanblock auch die Tatsache, dass ein Verlust mehrerer wichtiger Zaunfahnen bei einem Volleyball-Spiel drei Tage später nicht mit der Auflösung des Zusammenschlusses einhergeht.


Maltepespor - Anadolu FK

Keine andere Stadt der Welt hat 2023 so viele Touristen empfangen wie Istanbul. Mit über 20 Millionen Besuchern rangiert die türkische Metropole noch vor London, Paris oder New York. Die wenigsten davon dürften während ihres Aufenthalts einen Stopp in Maltepe eingelegt haben, einer der 39 Stadtbezirke, welche zusammen die vor 40 Jahren gebildete «Grossstadtgemeinde» (Büyükşehir belediyesi İstanbul) mit rund 15 Millionen Einwohnern bilden. Am ehesten noch erhaschen die Touristen einen Blick auf den unscheinbaren Vorort (mit einer halben Million Menschen), wenn sie von Büyükada, der grössten der Prinzeninseln (Adalar) vor der Küste im Marmarameer, mit der Fähre zurück ans Festland übersetzen.

Entsprechend überrascht zeigt sich der Rettungssanitäter, der uns vor Anpfiff in gebrochenem Englisch spasseshalber durch einen Seiteneingang ins Stadion lotsen will, als wir ihm klarmachen, dass wir tatsächlich dieses Spiel anvisiert haben. Tickets scheint es seit einigen Jahren nicht mehr zu geben und bei einer Anstosszeit um 15 Uhr an einem Dienstag fehlt auch von «Asi Dramalilar», der Fangruppe von Maltepespor, die einst mit über 100 Anhängern die Westtribüne des nach dem früheren Bürgermeister benannten Hasat-Polat-Stadions bevölkert hatte, jede Spur. So bleibt es bei einzelnen Wortgefechten in der Schlussphase, welche die 220 Zuschauer wahlweise mit dem Schiedsrichter oder den gegnerischen Spielern austragen. Dabei hätten sie allen Grund zur Freude: Die Hausherren hatten einen Blitzstart hingelegt und bereits nach 18 Minuten mit 4:0 geführt. Obwohl Maltepespor den Gästen in der Folge das Spielfeld weitgehend überlässt, resultiert am Ende ein 4:2-Sieg. Damit festigen die Grün-Roten in der ersten von zwölf Gruppen der fünftklassigen «Bölgesel Amatör Lig» ihren Platz in der Verfolgergruppe.


Karlsruher SC - FC Magdeburg

Die Heimspiele des Karlsruher SC ziehen derzeit beinahe so viele Menschen an wie in der letzten Bundesliga-Saison vor 15 Jahren. Den grossen Aufschwung verdankt der Zweitligist seinem umgebauten Stadion – dabei wähnte ich mich beim Besuch der neuen Heimat des KSC in einer bereits besuchten Spielstätte. Das jetzige Wildparkstadion rief in mir allerdings keine Erinnerungen an den Besuch an selbiger Stelle vor einem Jahrzehnt hervor, sondern von der Bauweise, der Blockaufteilung sowie dem blauen Farbton her an jenen in der Arena in Sinsheim.

Auch das von der Gegengerade in den Südosten gewanderte Stimmungszentrum vermochte sich trotz des Besuches von Freunden aus Strasbourg und einem äusserst günstigen Spielverlauf nicht vom viel zitierten «Einheitsbrei» deutscher Fankurven abzuheben. Dazu gesellten sich zu laute Pauken, Fangesänge zur Melodie von «Anton aus Tirol», eine von der Fankurve initiierte La-Ola-Welle sowie Sprechchöre gegen den Rivalen aus Stuttgart und für einen Auftritt im Europapokal, obwohl in beiden Fällen zumindest aus sportlicher Sicht jegliche Berührungspunkte fehlen. Da hatte ich den Zusammenschluss rund um die vier Ultrà-Gruppen Phönix Sons, Rheinfire, Armata Fidelis und die Wild Boys besser in Erinnerung.

Enttäuschend präsentierte sich auch die Anzahl der mitgereisten Magdeburger, als hätten sie geahnt, was sie beim Auftritt in Baden vor 27’028 Zuschauern erwarten würde. Immerhin unterstützten die anwesenden FCM-Anhänger ihre Mannschaft in typisch ostdeutscher Manier auch beim Stand von 7:0 aus Karlsruher Sicht unermüdlich. Den soliden Auftritt rundete ein Spruchband ab, auf dem sich die Gästefans mit drei Mitarbeitern des Fanprojekts Karlsruhe solidarisierten. Diesen hatte die Staatsanwaltschaft Strafvereitelung vorgeworfen und laut dem Karlsruher Amtsgericht Strafbefehle in einer Höhe von insgesamt über 20’000 Euro erlassen. Vorausgegangen war ein Vorfall mit Pyrotechnik im November 2022, bei dem mehrere Personen verletzt wurden. Um die Namen der Täter zu erfahren, wurden auch die Sozialarbeiter befragt – sie verweigerten stets die Aussage, trotz Androhung von Beugehaft.

Auf der Suche nach Gerechtigkeit für die bleibend geschädigte Person hat die Staatsanwaltschaft den Blick für das grosse Ganze aus den Augen verloren. Ihr Vorgehen stellt einen empfindlichen Eingriff in die etablierte Praxis eines diffizilen Berufsfeldes dar und bedroht die soziale Arbeit in diesem spezifischen Themenfeld fundamental. Im Gegensatz zu anderen Dimensionen der Sozialarbeit können sich Mitarbeiter eines Fanprojekts nämlich nicht auf ein Zeugnisverweigerungsrecht berufen und führen ihre Arbeit auf Basis eines jahrelang erarbeiteten Vertrauensverhältnisses aus. Dass ein repressiver Ansatz, sollten vorherrschende Strukturen juristisch aufgebrochen werden, zum gewünschten Ziel führt, scheint – auch mit Blick auf Beispiele aus anderen Ländern – hingegen äusserst fragwürdig.


BSG Chemie Leipzig - FSV Zwickau

«Eint Begeisterung mit einer Stimme um einer edlen, heiligen Aufgabe willen.» Darüber, ob die akustische Unterstützung eines Fussballklubs eine heilige Aufgabe ist, lässt sich streiten. Wohl auch deshalb haben die Anhänger der BSG Chemie Leipzig den Text angepasst und in ihrem bekannten Fangesang nur die Melodie von «Buruh Tani» beibehalten. Seit sie sich vor zwei Jahren für ihr Fanzine «Orange Times» bei mir nach der Bedeutung und den Hintergründen zum Lied aus der indonesischen Widerstandsbewegung erkundet hatten, stand ich in losem Kontakt mit Einzelpersonen aus der Fanszene. Im Herbst 2023 kam es schliesslich zum Besuch mit meiner Vortragsreihe «Fankultur in Indonesien» in Connewitz. Ein besonderer Abend, zumal im Süden der sächsischen Grossstadt auch eine einstige Führungsfigur aus der Fanszene von Sleman eine neue Heimat gefunden hat.

Um mir von der angepriesenen «Anarchie im Kunze-Sportpark» selbst ein Bild zu verschaffen, wartete ich ein würdiges Spiel ab. Das Duell der Chemiker gegen den FSV Zwickau erfüllte in der 25. Runde der Regionalliga Nordost schliesslich sämtliche Vorraussetzungen für die Stippvisite in Leutzsch. Nebst dem sportlichen Kräftemessen kommt es dabei auch zum Fanzine-Duell zwischen «Erlebnis Fussball» und «Blickfang Ultra» sowie zum Aufeinandertreffen zweier etablierter Ultra-Gruppierungen. Zwischen den «Diablos» auf der einen und «Red Kaos» auf der anderen Seite scheint weiter ein Respektverhältnis zu herrschen, ob gar noch der von Seiten Leipzigs in den Anfangszeiten beschriebene «Waffenstillstand» herrscht, wage ich jedoch zu bezweifeln. Schon damals kein gutes Wort hatten die Diablos hingegen für ihren «Lok»alrivalen über, der «in Sachen Liedgut und Choreografien nicht annähernd unser Niveau erreicht». Eine treffende Aussage, auch wenn die Diablos bei einem Zug­über­fall in Bit­ter­feld 2003 ihre Zaunfahne an Hal­lenser Fans (und deren Freunde vom FC Lokomotive Leipzig) verloren hatten. Nichtsdestotrotz hängt das bekannte Banner mit dem Teufelskopf, von dem sich einige Jahre später scheinbar auch das Pfalz Inferno aus Kaiserslautern inspirieren liess, bis heute zentral hinter dem Tor.

Die Chemiker lieferten an diesem Tag den erwartet erfrischenden Auftritt ab, der beweist, welches Potenzial für eine engagierte und reife Fanszene in einer grossen Rivalität, einer dezidierten Auseinandersetzung mit der städtischen und der eigenen Vereinsgeschichte sowie einer langjährigen Freundschaft nach Frankfurt liegt. Dies zeigt sich dem aufmerksamen Stadionbesucher etwa in Form eines gesanglichen Konters auf den bekannten Zwickauer Schlachtruf «Dass wir Zwickauer sind». Nebst ihrem Liedgut überzeugten auch die Gäste mit einem Fahnenintro, welches das Wort «Voran» formte, sowie eingängigen Trommelrhythmen. Nur der erlebnisorientierte Zwickauer «A Block» am Rande der Hintertortribüne wirkte abseits des Kerns der kreativen Fanszene wie ein Fremdkörper.

Ein Highlight stellt auch das Stadion am Leipziger Auwald dar, obschon statt den einst über 30’000 zugelassenen Fans aufgrund von Auflagen des Ordnungsamtes nur gerade 4999 Zuschauer anwesend sein dürfen. Neben der schönen Holztribüne und den mittels einer Spendenkampagne finanzierten Flutlichtern lässt vor allem der zweigeteilte Norddamm mit seinen windschiefen Stehstufen die Herzen traditioneller Fussballfans höher schlagen. Bis nach der Wende trug die Spielstätte den Namen des kommunistischen Widerstandkämpfers Georg Schwarz, der 1945 hingerichtet wurde. Seit 1992 ist sie nach dem erfolgreichen Trainer Alfred Kunze benannt, der die BSG 1964 überraschend zum Titel in der DDR-Oberliga führte. Der sich in diesem Mai zum 60. Mal jährende Coup lässt die Chemiker offenbar bis heute über die einstige Zugehörigkeit Kunzes zur NSDAP hinwegsehen.

Als DDR-Vertreter scheiterte Leipzig damals im Europapokal der Landesmeister bereits in der 1. Runde deutlich am ungarischen Vertreter aus Györ. Zwei Jahre und einen Pokalsieg später bestritt die BSG gegen Legia Warschau und Standard Lüttich seine vorerst letzten internationalen Pflichtspiele. 1990 verschwand der Klub gar gänzlich von der Bildfläche, als er nach einer Fusion mit der BSG Chemie Böhlen im FC Sachsen Leipzig aufging. Erst 18 Jahre später ging die BSG Chemie wieder unter ihrem traditionellen Namen an den Start, als Anhänger, die sich bereits 1997 zur Erhaltung des alten Namens in Vereinsstrukturen formiert hatten, eine Mannschaft als Antwort auf Unstimmigkeiten rund um den FC Sachsen Leipzig in der tiefsten Spielklasse anmeldeten. Nach diversen Aufstiegen und einer Übernahme des Spielrechts des damaligen Sechstligisten VfK Blau-Weiss Leipzig zählt der Klub nun bereits seit fünf Saisons zum Inventar der Regionalliga Nordost.

In der 4. Liga rangiert der Klub derzeit im hinteren Mittelfeld, was ein Fan im Spieltagsheft der Leutzscher wie folgt einordnet: «Mir fehlt die sportliche Übersicht, um zur derzeitigen Situation eine fachkundige Meinung geben zu können. Eleganten Fussball sind wir eh nicht gewohnt, aber irgendwie ist der Stolperfussball schlimmer geworden.» Tatsächlich ist das Niveau überschaubar, das die Leipziger gegen den Absteiger aus Zwickau auf der holprigen Unterlage bieten. Zum Schluss ist es aber kein Stolperer, sondern ein simpler Abspielfehler eines Verteidigers, der zum kollektiven Haareraufen auf dem unteren Norddamm und dem bitteren 1:2 in den Schlussminuten führt.


TSG Balingen - Stuttgarter Kickers

4. Juni 2022: Ein Platzsturm nach dem 3:1-Sieg in Dorfmerkingen leitet für die Stuttgarter Kickers am letzten Spieltag der fünftklassigen Oberliga den Jubel über den vermeintlichen Wiederaufstieg in die Regionalliga ein. Was die Fans zu diesem Zeitpunkt nicht wissen: Im Gegensatz zum bereits abgepfiffenen Spiel in Dorfmerkingen steht in Nöttingen, wo sich der direkte Konkurrent aus Freiberg mit letzter Kraft gegen das Remis stemmt, die Nachspielzeit noch bevor. Und diese hält prompt den Siegtreffer – und damit den Aufstieg – für den SGV Freiberg bereit. Nach den voreiligen Feierlichkeiten müssen sich die Stuttgarter und ihre Anhängerschaft einiges an Gespött anhören. Prompt lassen sie in den Aufstiegsspielen zur Regionalliga Südwest auch die zweite Chance ungenutzt und müssen Eintracht Trier den Vortritt lassen.

Seit dem fatalen Fernduell vor zwei Jahren läuft bei den Kickers aber alles wie am Schnürchen: Gleich in der Folgesaison gelang ihnen die Rückkehr in die Regionalliga, wo sie – wiederum als Tabellenführer – die strikte Marschrichtung zurück in die 3. Liga verfolgen, in welcher der Klub zuletzt 2016 spielte. Auch die Kulisse bei den Heimspielen am Degerloch stimmt jeweils. Einzig den Final des Landespokals hatten die Blauen im vergangenen Sommer etwas überraschend gegen die TSG Balingen im Penaltyschiessen verloren.

Beim damaligen Sieger herrscht derzeit die konträre Gefühlslage. In der sechsten Regionalliga-Saison passt im Süden Baden-Württembergs wenig zusammen, die leisen Aufstiegshoffnungen der letzten Spielzeit sind längst der Abstiegsangst gewichen, fehlen der Turn- und Sportgemeinschaft nach zwei Dritteln der Meisterschaft doch bereits neun Zähler auf das rettende Ufer. So gingen die Balinger als Aussenseiter in eines der vermeintlich letzten grossen Heimspiele vor 2499 Zuschauern. Unterstützt von über 800 Fans aus Stuttgart bestätigte sich die erwartete Rollenverteilung einzig auf den Rängen. Dem Auftritt des Erstplatzierten auf dem Rasen hatten die Gastgeber hingegen einiges entgegenzusetzen und mussten sich zum Schluss nur knapp mit 1:2 geschlagen geben.


SK Slovan Bratislava - SK Sturm Graz

Ein umstrittener Investor sowie ein Exil-Dasein in der Heimat des einstigen Stadtrivalen Inter hatte viele Jahre an Slovan Bratislava und dessen Fanbasis gezehrt. So auch 2016, als bei meinem ersten Aufenthalt in der Slowakei nicht einmal 1700 Zuschauer das Heimspiel des Rekordmeisters besuchten. Mit der Rückkehr ins neu errichtete Tehelné pole (Ziegelfeld) hat das Interesse am Hauptstadtklub wieder zugenommen, dennoch zählt Slovan aus fantechnischer Sicht weiterhin eher zu den schwächeren Adressen Osteuropas.

Nichtsdestotrotz war ich überrascht, dass die vom «Sektor C» vorab angepriesene Choregrafie ohne Erklärung ausblieb und die Stimmung nur selten auf die Mehrheit der 19’870 Zuschauer überschwappte. Zu den Heimfans gesellten sich auch Einzelpersonen aus den Reihen von Wisla Krakau und Austria Wien, wobei sich im letzteren Fall noch zeigen wird, ob Vertreter aus Bratislava nach den Auseinandersetzungen mit der neuen Führungsgruppe «KAI2000» rund um das 342. Wiener Derby auch in Zukunft im Fanblock der Austria willkommen sind.

Nach dem eindeutigen Sieg der Grazer im Playoff-Hinspiel der Conference League war die Luft für das zweite Duell innert Wochenfrist auf Rang und Rasen vorzeitig draussen. Die Gäste beschränkten sich auf die Verwaltung des Drei-Tore-Vorsprungs, während Slovan nebst einem Lattenschuss kein Ausrufezeichen gelang. Trotz grösserer Spielanteile und einem Durchschnittsalter von über 31 Jahren trat stattdessen Sturm Graz abgeklärter auf und raubte dem Gastgeber mit einen Konter zum 0:1 kurz nach dem Wiederanpfiff die letzten Hoffnungen. Die über zweitausend Anhänger aus der Steiermark, darunter auch befreundete KSC- und Werder-Fans, zogen trotz des historischen Weiterkommens einen eher schwachen Tag ein.


Mamelodi Sundowns - Polokwane City

Zu den «affected parties» im Entschuldigungsschreiben der Moroka Swallows dürfen auch wir uns zählen. Ein ungelöster Disput zwischen der Mannschaft und der Vereinsführung zwingt den südafrikanischen Erstligisten zur kurzfristigen Absage der beiden letzten Spiele des Jahres. Die interne Fehde des Klubs macht uns gleich einen doppelten Strich durch die Rechnung: Nebst dem Auftritt bei den Mamelodi Sundowns, für den wir bereits am Ticketschalter stehen, verpassen wir auch das anschliessende Heimspiel der Swallows.

Zum Glück trägt mit den Sundowns immerhin ein Team aus dem Nordosten Südafrikas vor dem Jahreswechsel noch ein Heimspiel aus, das sich mit einigen Änderungen in den Reiseplan einbinden lässt. Ein Besuch bei Mamelodi, der «Mother of Melodies» aus dem gleichnamigen Township nordöstlich von Pretoria, klingt vielversprechend, schliesslich ist der Klub nicht nur Tabellenführer und Rekordmeister, sondern nebst den Orlando Pirates auch der einzige südafrikanische Sieger der Champions League. Trotzdem lockt die Partie gegen Polokwane City lediglich 5450 Zuschauer ins Loftus-Versfeld-Stadion. Die Gründe dafür finden sich in den gestiegenen Ticketpreisen und der hohen Preiselastizität im südafrikanischen Fussball. Seitdem die Tore auch bei grossem Andrang nicht nach einiger Zeit geöffnet werden, meidet eine Mehrheit der Fans den Stadionbesuch. So ist in der imposanten WM-Spielstätte von 2010 mit den Bulls denn auch das Rugbyteam Pretorias deutlich präsenter. Immerhin benötigt die Schiedsrichterin beim chancenarmen 0:0 für die Annullierung des vermeintlichen Siegtreffers der Sundowns derart viel Zeit, dass wir dennoch in den Genuss eines ausgelassenen Torjubels in Gelb-Grün kommen.

Die Hauptstadt Südafrikas ist wesentlich sicherer als ihr Nachbar Johannesburg und verfügt etwa mit den Union Buildings, dem halbjährigen Regierungssitz, auch über konkrete Sehenswürdigkeiten. Nichtsdestotrotz müssen wir nach einem kurzen Fussmarsch im Quartier Sunnyside bei einem aus den Hosentaschen eines Einheimischen gekramten Messer erkennen, dass das einstige Studentenviertel seinem Namen kaum mehr gerecht wird und mit der «University of South Africa» eine der weltweit grössten Universitäten scheinbar zurecht mit Zahlungsschwierigkeiten zu kämpfen hat.

Auch in den Folgetagen ist uns das eingangs erwähnte Spielplan-Glück nicht hold: Der Fussballverband von Lesotho vertagt kurzfristig eine gesamte Runde der nationalen Liga und nimmt stattdessen eine Einladung der «Bafana Bafana» für zwei Testspiele im Zuge deren Vorbereitung für den Afrika Cup an. Ein Glück bietet der Süden Afrikas auch ohne Fussball weit mehr als Rooibos-Tee, Loadshedding und als Bäume getarnte Mobilfunkmasten.


Orlando Pirates - Stellenbosch FC

Der Pager des Taxis piept, als wir über die Brücke fahren. Es handelt sich um eine Gefahrenwarnung und zugleich das Signal, dass wir in Soweto angekommen sind. Die Gegend im Südwesten von Johannesburg ist ein Zusammenschluss im doppelten Sinne: In der Kurzform für «South Western Townships» als auch in ihrer Entstehung in den 1960er-Jahren, als die südafrikanischen Behörden Grossteile der schwarzen Minderheit aus den Armensiedlungen der Industriemetropole in die Agglomeration verfrachteten.

Seit dem Schüleraufstand gilt Soweto als Zentrum des Widerstandes im langwierigen Kampf gegen die Apartheid. Auf Basis des auf parallelgesellschaftliche Strukturen ausgerichteten «Bantu Education Act» sollte 1976 das von europäischstämmigen Buren gesprochene «Afrikaans» als verbindliche Unterrichtssprache eingeführt werden. Die schwarze Schülerschaft sah darin Schikane durch die weisse Herrschaftsschicht sowie eine systematische Reduktion der Entwicklungsmöglichkeiten auf dem weiteren Bildungsweg. Das anschliessende «Soweto Uprising» hatte zahlreiche Todesopfer zur Folge und führte zu landesweiten Protesten gegen die rassistische Bildungspolitik. Das Mahnmal zu Ehren des damals von der Polizei erschossenen 12-jährigen Hector Pieterson steht bis heute sinnbildlich für den unheilbaren Schmerz und das Vergiessen von Blut und Tränen am Ort der Geschehnisse.

Doch Soweto steht auch für Zugehörigkeit, Zusammenhalt und Respekt. In der Sprache der Zulu ist dieser Lebensphilosophie mit «Ubuntu» gar ein eigenes Wort gewidmet. Das erfahren wir von «Coconut» Linda, der uns ausnahmsweise auch in seine Heimat, das von Touristen sonst unberührte «Deep Soweto», führt. Sein richtiger Name sei deutlich länger und seinen Spitznamen verdanke er seinen Freunden, die ihn aufgrund seiner Guide-Tätigkeit als «aussen schwarz und innen weiss» mit der Steinfrucht vergleichen.

Für Linda ist drei Jahrzehnte nach dem Ende der Apartheid aber nicht die einstige Oppression, sondern das eigene Versagen rund um Nepotismus, falsche Versprechen und gierige Bauherren der Hauptgrund, dass der Fortschritt in der Gegend ausbleibt. Viele junge Menschen hätten deshalb das Vertrauen verloren und sich von der Politik abgewendet. Auch heute noch sei es in Soweto ein gefährliches Unterfangen, sich gegen die Obrigkeit zu stellen. «Unbeschwert ist hier einzig das Kinderlachen», lässt unser Guide – ein Verfechter der herrschenden Selbstjustiz – einblicken. Gefährlich wird es, wie überall in Südafrika, jeweils in der Nacht und besonders in den ärmsten Townships, den «Informal settlements».

Stolz sind die Bewohner Orlandos, dem ältesten aller 41 Viertel in Soweto, hingegen auf das Orlando Stadium. Renoviert für die Weltmeisterschaft 2010 und als Ausweichspielstätte angedacht, beherbergte es die Eröffnungszeremonie sowie vereinzelte Trainingseinheiten. Zuletzt bis auf den letzten Platz gefüllt war die 40’000-Plätze-Baute 2018 anlässlich der Beerdigung von Nelson Mandelas zweiter Frau Winnie Madikizela. Noch immer schwingen im Namen des aus Soweto stammenden Freiheitskämpfer und ersten schwarzen Präsidenten Südafrikas Hochachtung und Wehmut mit.

Vor dem Stadion des ältesten Verein des Landes grasen wenige Minuten vor Anpfiff entspannt einige Kühe. Zum von Linda angepriesenen «Slaughterhouse» wird die Spielstätte an diesem Abend beim Auftritt gegen den Stellenbosch FC einzig aus Sicht der Hausherren: Innert acht Minuten verspielen die Orlando Pirates eine 2:0-Führung und müssen zusehen, wie die Gäste beim 2:3 alle drei Punkte in die Wein-Hauptstadt Südafrikas entführen.

Ob der Niederlage gross verärgert scheinen die 6000 Zuschauer aber nicht. Für sie geht die Verbundenheit zu den «Buccaneers» weit über den Spieltag hinaus. So tanzen die Fans bereits während der Partie nicht selten mit dem Rücken zum Spielfeld und singen melodische Lieder. Nur beim Soweto-Derby gegen die Kaizer Chiefs aus Orlando West dürfte für die Pirates aus Orlando East auch die Ausbeute im Zentrum stehen.