FC Clos du Doubs - US Boncourt II

Es ist ein blauer Mercedes, den Polizist Alphons Clenin an einem nebligen Novembermorgen 1948 in der Twannbachschlucht am Strassenrand entdeckt. Dessen Fahrer hält er zunächst für betrunken, bemerkt jedoch kurz darauf, dass der Berner Polizeileutnant Ulrich Schmied erschossen wurde. Die Szene bildet den Einstieg in Friedrich Dürrenmatts Roman «Der Richter und sein Henker», dem ich auf meiner seit Jahren andauernden Reise durch die Schweizer Literatur schon vor einiger Zeit begegnet bin. Vielleicht liegt es am spannenden Auftakt, dem treffenden Buchtitel oder den gewöhnungsbedürftigen Ortsnamen wie «Lamboing», dass der Roman – im Gegensatz zu anderen Schweizer Klassikern – in meinem Gedächtnis geblieben ist.

So wird nach Lutry und Cortaillod zum dritten Mal in Folge ein Sommerausflug zu einem pittoresken Westschweizer Fussballplatz in Angriff genommen. Mit dabei ist wie in den beiden Jahren zuvor Flavio, der zwar nicht dieselbe Literatur-, dafür aber zumindest die Wein- und Wanderbegeisterung teilt.

Von Magglingen aus laufen wir mit schöner Aussicht parallel zum Bielersee, ehe sich nach etwas mehr als zwei Stunden die Twannbachschlucht öffnet und damit genau jener Ort erreicht ist, an dem der eingangs erwähnte Roman seinen Anfang nimmt. Die Schlucht ist mit ihren engen Felsen nicht nur sehr schön, sondern bei den heissen Temperaturen auch eine willkommene Abwechslung – und zudem länger als erwartet. Nach rund 45 Minuten erreichen wir schliesslich Twann, das im Berner Seeland am Nordufer des Bielersees liegt. Es bleibt Zeit für eine Abkühlung im Bielersee sowie für ein Glas lokalen Wein.

Anschliessend bringt uns der Zug tief in den Jura. Vom Bahnhof sind es nur wenige Minuten bis in die malerischen Gassen von St-Ursanne. Schöne Gebäude, Ateliers, Restaurants, das Kloster des namensgebenden Ursicinus und rund 700 Einwohner – eine richtige Idylle am Ufer des Doubs, in dem wir später ein Bad nehmen, bevor es weiter zum Spielfeld Champs-Fallats geht.

Dieses glänzt vor allem durch seine Aussicht und ist damit auch der eigentliche Grund der Anreise. Hinter dem Platz verläuft eine Brücke, auf der zweimal pro Halbzeit ein Zug vorbeifährt und so für erhöhten Puls beim Fotografen sorgt. Weniger aufregend ist das Geschehen auf dem Rasen. Auf der achten und damit zweittiefsten Ligastufe steht der letzte Spieltag an. Die zweite Mannschaft aus Boncourt steht bereits als Aufsteiger fest und auch für die Gastgeber geht es nur noch um die Ehre.

Dass Fussball hier vor allem ein geselliges Hobby ist, zeigt sich auch im Detail: Im Tor der Gastgeber steht ein Goalie mit einem alten Juve-Trikot, auf dem nur noch «uffon» zu lesen ist, und auch auf den Trikots der Feldspieler des FC Clos du Doubs beginnen die Rückennummern langsam abzublättern.

Der Klub trägt seinen Namen seit 2002, um die gesamte Region des Clos du Doubs zu vertreten. Gegen die Gäste aus dem Grenzort zu Frankreich reicht aber auch die vereinte Kraft der Region nicht. So sehen die rund 70 Zuschauer zum Saisonabschluss ein 0:5 – wenig tragisch, zumal Boncourt als grosser Favorit galt und die Meisterschaft längst entschieden hatte.


FC Tiroler Zugspitze - SU Roppen

Unverhofft kommt oft. Zwischen einem Weintasting in der schönen Stadt Füssen und dem Auftaktkonzert der Richard-Strauss-Tage in Garmisch-Partenkirchen bleibt Platz für Fussball. Der Weg durchs Allgäu führt weiter unter der Zugspitze hindurch – und da klingelt doch etwas: Sowohl die Gemeinden Ehrwald als auch Lermoos im Bezirk Reutte in Tirol verfügen über sehenswerte Sportplätze und teilen sich einen Klub: den FC Tiroler Zugspitze aus der sechstklassigen Bezirksliga West.

Der Verein hat sein Zuhause auf rund 1’000 Metern Höhe und vereint mehrere Gemeinden am Fuss des Wettersteingebirges, zu dem auch die 2’962 Meter hohe Zugspitze gehört. Heuer feiert er sein 25-jähriges Jubiläum. Das lockt rund 200 Zuschauer an, zumal sich die Tiroler den Titel bereits vorzeitig gesichert hatten und sich somit als letzten Meister der Bezirksliga West bezeichnen können. Eine zweifelhafte Ehre, verwehrt die anstehende Reform dem Klub doch gleichzeitig den Aufstieg in die fünfte Spielklasse.

Dennoch: Die Gastgeber haben sich diesen Titel mit grossem Vorsprung verdient und zeigten auch im Schlussspurt keinen Leistungsabfall. Gegen die bemitleidenswerte Elf der Sportunion Roppen hatten die Hausherren bereits nach 34 Minuten sechs Tore erzielt. Danach folgte eine rote Karte gegen den FCTZ, der die Partie jedoch weiterhin souverän mit 9:2 für sich entschied.

Unbestritten erstklassig bleibt hingegen das Panorama mit Sonnenspitze, Höllkopf und dem Wald auf der einen Seite sowie der Zugspitze auf der anderem – jenem Gipfel, der dem Klub auch seinen Namen verleiht.


FC Carl Zeiss Jena - FC Rot-Weiss Erfurt

Jena ist im Fussballkontext ein Gemisch aus Stadt, Stadion und Fanszene, das sich nicht sauber auseinanderziehen lässt. Eine Stadt, die als einzige in Thüringen wächst und sich doch immer wieder in Bürokratie verrennt. In diesem Zusammenhang ist «Sicherheitsbürgermeister» Benjamin Koppe direkter Adressat der jüngsten Tiraden. Ein nicht vom Klub verwaltetes Stadion mit Hausverboten als Standardmittel und nur ganz selten auch tatsächlichen Stadionverboten für einzelne Protagonisten, zumal die Grundlagen dafür oft auf sehr dünnem Boden stehen – wenn, dann sind es verpasste Fristen oder zu spät eingereichte Einsprüche. Und eine Fanszene, die durch den Kampf gegen diese Widrigkeiten erst in dieser Form gereift ist.

Der Konflikt läuft dabei nicht nur über einzelne Massnahmen im Sicherheitswahn, sondern über das Stadion als Ganzes. Rund um das nach dem Physiker Ernst Abbe benannte und umgebaute Sportfeld im Stadtteil Paradies geht es auch um den gefährdeten Stadionturm und die Heimkurve als Teile eines Ortes, der seit Jahren in Umstrukturierungs- und Zukunftsdebatten hängt. Die Nord-Süd-Frage ist dabei zentral, weil sie direkt in die Kurvenstruktur eingreift. «Südkurve bleibt» ist deshalb nicht nur eine Forderung der aktiven Fanszene, sondern eher eine seit vielen Jahren vertretene Ideologie gegen Verlagerung und gegen die schleichende Auflösung gewachsener Strukturen. In diesem Zusammenhang muss sich die Fanszene allerdings auch selbst hinterfragen, ob sie durch ihre Prinzipien nicht Gefahr läuft, sich ideell zu verrennen, die breite Basis zu verlieren und damit der eigenen Entwicklung zu schaden. Doch wer sich selbst – vielleicht nicht derart präsent wie Toni Schley als Gallionsfigur der Jenaer Fanbewegung – in diesem Umfeld immer wieder zwischen Ideologie, Lokalbezug und Kurvenrealität bewegt hat, weiss, dass bei gewissen Themen nach getroffenen Entscheidungen oft nur noch die Flucht nach vorne bleibt, um sich nicht den eigenen Werten gegenüber aufzugeben.

Vielleicht hat die Fanszene des FCC genau deshalb ihren eigenen Stil entwickelt und bewahrt, unabhängig von anderen starken Kontrahenten in der Region und darüber hinaus. Einstige Verbindungen Richtung Mönchengladbach spielen heute kaum noch eine Rolle, wichtiger sind eigene Linien, getragen von der unverkennbaren Horda Azzuro. Dazu passt auch, dass die italienische Orthografie nicht ganz stimmt. Unterstützt wird sie etwa von Iena Branco (Weisse Hyäne), der Adolescent Crew, Letzte Festung Naumburg oder den Schultern der heranwachsenden Jugend HArakiri. Auch die Freundschaften zum FSV Frankfurt, zur Schickeria und zur Section Ouest aus Lausanne zeigen, dass man in der Universitätsstadt geistig im oberen Quartil mitspielt.

Optisch und akustisch bewahrt Jena ebenfalls seine Eigenheit. So etwa die Fahne «Ultras aus dem Paradies» als starkes Stück mit visuellen Anklängen an DDR-Zeiten, als der Klub etwa 1981 im Europapokal der Pokalsieger im Finale gegen Dinamo Tiflis stand. Auch im Support selbst steckt viel Pathos, sodass relativ triviale Lieder wie «Sierra Madre» oder umgedichtete Melodien wie «Asoziale Schalker» zu «Carl Zeiss Jena, treib den Ball nach vorne, hau ihn in die Maschen und zwinge deinen Gegner in die Knie» als eingängig und doch differenziert wahrgenommen werden.

Und selbst ausserhalb der Südkurve, in der sie sich stur weiter einnistet, macht die Fanszene eine gute Figur. So hat sie – gemeinsam mit der verfeindeten Erfurter Anhängerschaft – den Protest in den Stunden vor dem Spiel in die Gassen der eigenen Stadt getragen. Grund dafür ist das mit 800 Tickets auf die Hälfte reduzierte Gästekontingent im Thüringen-Derby. Ob zwei rivalisierende Fanszenen wenige hundert Meter voneinander entfernt in der Innenstadt weniger Polizeikosten und mehr Sicherheit gewährleisten, muss jeder für sich beantworten, insbesondere unter der Betrachtung, dass zumindest die Jena-Fans diesen Spieltag aufgrund der Ausgangslage wohl bewusst konstruktiv gestaltet haben.

Eine subtile Note gegen die Verantwortlichen schickten denn auch die ersten vier Ziffern der 13’123 Zuschauer. Diese konnten im Stadion mit verwaistem Gästeblock in der 10. Minute die Führung bejubeln. Weil im Parallelspiel der viertklassigen Regionalliga Nordost Tabellenführer Lok Leipzig zwischenzeitlich tatsächlich zurücklag, hatte Jena vorübergehend in der Endabrechnung gar die Nase vorne. Ein enorm spannender letzter Spieltag, dessen Stimmung trotz 2:0-Sieg über den FC Rot-Weiss Erfurt gemeinsam mit dem Resultat in Leipzig allerdings noch kippte. Bleibt die Hoffnung, dass die letzten Dezibel künftig nicht wieder in Anspannung verkeimen und stattdessen durch eine motivierte Gästeschar herausgekitzelt werden können.


Ascoli Calcio - Vis Pesaro

«Fino alla fine, Ascoli Calcio», hallt es in ohrenbetäubender Lautstärke durch das Rund. Tatsächlich hat Ascoli Calcio mit einem Doppelschlag in der 93. und 96. Minute die Partie gegen Pesaro gedreht und spätestens mit dem 2:1 den schwarz-weissen Anhang ins totale Delirium geschossen. Der Last-Minute-Sieg ist eine Reprise – schliesslich hat die «Regina delle Marche» bereits wenige Tage zuvor in Arezzo in der Nachspielzeit gewonnen und damit das Rennen um den Aufstieg in die Serie B richtig lanciert.

Der späte Coup beim direkten Konkurrenten hatte in Ascoli Piceno eine derartige Euphorie ausgelöst, dass das Stadio Cino e Lillo del Duca gegen Pesaro innert elf Minuten ausverkauft war. Vor 10’167 Zuschauern sind einzig im Gästeblock aufgrund der Tessera-Pflicht viele Sitzschalen frei. Das Dutzend aus Pesaro hatte dafür zunächst Grund zu jubeln: Nach einer Viertelstunde gehen die Gäste überraschend in Führung. Ascoli ist in der Folge aber spielbestimmend, sündigt jedoch im Abschluss mehrmals, ehe der vermeintliche Ausgleich durch den VAR nach minutenlanger Prüfung aberkannt wird. Es kann nicht im Sinne des Erfinders sein, wenn von beiden Teams sieben Spieler wie krähende Hähne an der Seitenlinie stehen und mit heftiger Sprache und Gestik versuchen, auf den am Bildschirm stehenden Schiedsrichter Einfluss zu nehmen.

Da Arezzo am Nachmittag beim Erzrivalen Ascolis in San Benedetto gepatzt hatte, bot sich den «Spechten» mit einem Sieg die Möglichkeit, punktemässig zur Spitze aufzuschliessen und damit in zwei Runden fünf Punkte gutzumachen. Eigentlich Grund genug, dass die Stimmung in der Curva Nord ausgelassen sein sollte. Doch diese trällerte sich in der zweiten Halbzeit in eine Lethargie, und ein Vorsänger fehlte, der die schönen Melodien zu unterbrechen und die Kurve aufzuwecken vermochte. Dabei hatte die Curva Nord, der Ausweichstandort der Ascoli-Ultras während des Umbaus, solide losgelegt.

Angeführt wird sie von den «Ultras 1898», die 2012 als Zusammenschluss zahlreicher Gruppen entstanden sind. Daneben existieren die «Shanghai Zone» (wie wär’s mit einer Freundschaft nach Norrköping?), «Stra Kaos» und «Blackline» sowie die «Veterani» auf der Gegentribüne. Auch Freunde aus Padova und von Fortitudo Bologna (Basketball) sind mit je einer Fahne vor Ort.

Mit der Auflösung der Settembre Bianconero (SBN), die sich 1974 nach der für die Ermordung israelischer Sportler bei den Olympischen Spielen von München verantwortlichen palästinensischen Terrorgruppe «Schwarzer September» benannt hatte, hat Ascolis Kurve zumindest optisch die offen rechte Gesinnung verloren. Dennoch lassen die vielen Italienfahnen weiterhin auf die verbreitete konservative Haltung der Anhänger – und generell der Region Marken – schliessen.

Zumindest auf ihre kleine Stadt unter den schneebedeckten Gipfeln der Monti Sibillini sind die 45’000 Einwohner zurecht stolz. Sei es aufgrund der Architektur mit den vielen alten Gebäuden aus Travertin, dem Jugendstil-Kaffeehaus «Caffè Meletti», dem Ercolani-Turm – einem der verbliebenen von über 200 Türmen, welche die Adligen im Mittelalter als Festungen und Prestigesymbole errichten liessen – oder kulinarischer Köstlichkeiten wie die lokalen «olive ascolane».


US Sambenedettese - SS Arezzo

Eine leichte Enttäuschung bleibt: Obwohl der Name an die Stadt San Benedetto del Tronto erinnert, entstammen das Unternehmen und seine Quelle den venezianischen Alpen. Passen würde der übersüsste Eistee aber auch problemlos an die «Riviera delle Palme», wie der beliebte Badeort an der Adriaküste sowie das dortige Stadion heissen. Die 50’000 Einwohner geniessen hier das mediterrane Klima und leben primär vom Tourismus sowie der Fischerei. Am Strand finden sich trotz der milden Temperaturen noch keine Touristen, zumindest aber einige angespülte Flaschen und Dosen, darunter auch ein San-Benedetto-Eistee.

Auch am Stadion stehen Palmen unter der Tribüne des «tempio del tifo», wie die Fans zwischen die markanten Aufgänge hinter der Heimkurve geschrieben haben. Die Spielstätte wurde 1985 infolge der Stadionkatastrophe im alten Stadio Fratelli Ballarin eröffnet. Eine Gedenktafel erinnert an die Toten des Brands im Ballarin, das seinen Namen wiederum einer Tragödie verdankt: jener von Superga, bei der die Gebrüder Ballarin beim Flugzeugabsturz starben. Trotz Renovationen und stetigen Anpassungen ist es in die Jahre gekommen, aber immerhin vollständig überdacht und weist über 13’000 freigegebene Plätze aus.

Viel Änderung erfuhr auch die US Sambenedettese in der jüngeren Vereinsgeschichte. Nicht weniger als acht verschiedene Namen trug der Klub in diesem Jahrhundert, seit 2023 mit den Buchstaben «US» als Zusatz, und die Fans sind froh, können sie an diesem 4. April den 103. Geburtstag ihres Klubs feiern. Trotz der langen Historie spielte «Samba» nie erstklassig; 1989 agierte der Klub aus den Marken letztmals in der Serie B. Heuer ist Sambenedettese nach vier Jahren in der Serie D wieder drittklassig unterwegs.

Ein umgehender Wiederabstieg scheint derzeit aber nicht völlig unwahrscheinlich, und so braucht es gegen den Tabellenführer aus Arezzo einen Exploit, um zumindest einen Punkt an der Stadt am Fluss Tronto zu behalten. Dieser gelingt den Hausherren prompt, die gegen den Favoriten auf bescheidenem Niveau ein 0:0 ergattern. Wäre nicht der VAR, hätten zumindest ein Penalty für Arezzo sowie ein sehr schöner Treffer für Samb als Highlights genannt werden können; so aber zerstören die Unterbrechungen den Spielfluss und machen das Geschehen vor 5’379 Zuschauern zu einer zähen Angelegenheit.

Zu den Anwesenden zählen überraschenderweise trotz Gästeverbot auch ein Dutzend Fans aus Arezzo. Sie alle tragen entweder einen Schal oder schwenken eine Fahne, scheinen einander aber nicht zu kennen und sind nicht als Gruppe unterwegs – etwas, das ich so auf jeden Fall noch nie gesehen habe. Koordinierter präsentiert sich das Bild auf der Gegenseite, wenn auch die «Curva Nord Massimo Cioffi» einen eher bescheidenen, aber gemessen an der tabellarischen Situation erwartbaren Auftritt abliefert. Ihren Namen verdankt sie dem Fan Massimo Bruni, der 2003 während eines Spiels vom oberen Rang hinunterstürzte und nach fast zwei Jahren Leidenszeit schliesslich verstarb.

Auch die Folgen der Ausschreitungen 2017 in Vicenza, bei denen die Polizei Luca Fanesi schwer verletzte und straflos davonkam, während einige Samb-Fans bis zu diesem Jahr laufende Stadionverbote ausgesprochen bekamen, sind weiter spürbar. So ist San Benedettos Kurve zumindest an diesem Tag weit entfernt von einer Zeit unter der Leitung der legendären «Onda d’urto» (Schockwelle) oder inbrünstigen Gesängen wie «È la mia vita», die bis nach Süddeutschland für Gänsehaut sorgen.

Danke für meh als e halbs Läbe a minere Siite – mach‘s guet, Calvin!


Persijap Jepara - Madura United

Roadtrip mit Fahrer Tito, Radhifan und Getek – wie im Oktober 2024 bin ich mit Leuten aus dem Kern der Brigata Curva Sud unterwegs. Unweit von damals, als wir Partien in Kudus, Pati und Tuban ansteuerten, geht es diesmal nach Jepara zum Aufsteiger aus der Stadt in der Provinz Zentraljava. Sie liegt an der Nordküste, nordöstlich von Semarang und unweit des Vulkans Muria und ist bekannt für ihre Teakholzschnitzkunst. «Jeporo», wie die Stadt auf Javanisch heisst, hat 85’000 Einwohner und verdankt ihre Bekanntheit primär dem Umstand als Geburtsort von Kartini, einer Pionierin der Frauenrechte und indonesischen Nationalheldin.

Am Stadion begrüsst uns das Broadcast-Team aus Sleman, darunter einige bekannte Gesichter, welche die Übertragung für den Streaminganbieter koordinieren. Meine Besatzung hätte damit dank einiger Akkreditierungen der Kollegen problemlos Zugang zum Spiel, entscheidet sich aber dennoch gegen einen Spielbesuch und überlässt mich den Händen der Fotografen des Curva Nord Syndicate, der heimischen Fanszene.

Ein Besuch hier war mir nicht nur wegen der Fanszene ein Anliegen gewesen, sondern auch aufgrund des Stadions, wenn auch dieses seit dem Aufstieg und der Renovation an Charme eingebüsst hat und nun optisch irgendwo zwischen jenen in Bali und Pescara liegt.

Mit einem von Sleman inspirierten Liedgut und einer allgemein gelungenen Nachahmung der Brigata Curva Sud wird die Fankurve Jeparas von einer ziemlichen Euphorie durch die erste Spielzeit im Oberhaus nach 11 Jahren getragen, auch wenn die Mannschaft sportlich um den Klassenerhalt kämpft. Mit Madura von der gleichnamigen Halbinsel ist ein unattraktiver Gegner zu Gast, dennoch sind in meinen Augen deutlich mehr als die offiziell angegebenen 4’758 Zuschauer vor Ort. Sie sehen eine solide erste Halbzeit des Gastgebers, der dank eines Eigentors den Abend mit einem 1:0 schliesslich gar siegreich zu gestalten vermag.


Matahari FC - Guyub Jaya FC

Am Ursprung dieses Spielbesuchs steht ein kräftiger Windzug. Er hatte mir, auf dem Rücksitz eines Mofas sitzend, die Kappe vom Kopf geweht, weshalb Liston, mein «Orang Dalam» (Insider) in den Fankreisen von Sleman, kurzerhand kehrt machte. Als ich sie von der Strasse auflese und den Staub abklopfe, erblicke ich zwischen den Häusern einen Fussballplatz mit zwei Mannschaften darauf – eine seltene Chance auf eine Portion indonesischen Amateurfussballs, dessen Paarungen auf dieser Stufe im Internet jeweils nur schwer zu recherchieren sind.

Die Umstände sind günstig, das Testspiel hat eben erst begonnen. Liston verabschiedet sich, während ich spontan als einer der 20 Zuschauer dem Treiben beiwohne. Auf dem holprigen Platz stehen sich der Matahari FC und der Guyub Jaya FC gegenüber. Die Gastgeber tragen den Namen der grössten indonesischen Warenhauskette und wurden von einstigen Mitarbeitern gegründet. Der Name des Kaufhauses geht auf die niederländische Tänzerin Mata Hari zurück, deren Name «Auge des Tages» bedeutet, was in der indonesischen Sprache für die Sonne steht. Mata Hari war in der Zeit vor und während des 1. Weltkriegs als exotische und exzentrische Künstlerin berühmt und wurde aufgrund ihrer Spionagetätigkeit für die Deutschen 1917 wegen Hochverrats hingerichtet.

Über die Gäste kann ich wesentlich weniger in Erfahrung bringen, ausser dass ihr Name übersetzt für «Erfolgreiche Gemeinschaft» steht. Dies spiegelt sich auf dem Lapangan (Feld) Kentungan – der indonesische Name für eine Schlitztrommel – in Condongcatur, einem Quartier im Norden von Jogjakarta, nur bedingt wider: Zwar geht Guyub Jaya in Führung, mit 3:1 Toren entscheidet Matahari die Partie am Ende aber doch verdient für sich.


PSM Makassar - Semen Padang

Ein bisschen stolz war ich schon auf mich. Ich hatte es tatsächlich wie die Indonesier gemacht und meinen Flug nach Makassar erst sehr kurzfristig gebucht, auch wenn die Spielpläne im südostasiatischen Inselstaat mittlerweile erstaunlich stabil sind. Selbst für die vierstündige Fahrt von Makassar der Küste entlang zum Spielort in Parepare und zurück hatte ich mir bis kurz vor der Abreise keine Gedanken gemacht. Tito würde mir dann schon aushelfen. Und tatsächlich organisierte mir das inoffizielle Oberhaupt der Anhängerschaft in Sleman in der PSM-Fanszene mit Jenar einen Kontakt, der am Flughafen in Makassar wartete und während des gesamten Aufenthalts dem «Gast der Brigata Curva Sud» zur Seite stand.

Dieser hatte an der Fight Night in Sleman im Sparring gestanden und war deshalb einigen Leuten aus den Fankreisen von PSS bekannt. Jenar sprach gut Englisch und kannte gar einige deutsche Wörter, zumal er das halbe Jahr über in der Küche eines Kreuzfahrtschiffes in Europa arbeitet. Stationiert ist er in Deutschland, und tatsächlich war der gute Herr ähnlich pünktlich wie die Züge aus seiner Halbjahresheimat. So wurde am Spieltag aus der Abfahrtszeit um elf Uhr schliesslich kurz nach zwei, dennoch blieb mit dem Anpfiff am Abend Zeit genug für die rund 150 Kilometer, die auf der einzigen richtigen Strasse in rund vier Stunden zu bewerkstelligen sind. Auf der Rückbank des kleinen Autos nahmen drei weitere Fussballfans Platz, darunter auch einer von Semen Padang, den man für das heutige Gastspiel seines Teams mitnahm. Mit feinstem Britpop ging es so gegen Norden, vorbei an Reisfeldern und begleitet vom Vape-Geruch, den sie auch hier so inbrünstig inhalieren wie den Asthmaspray.

Kaum vorstellbar, hat man an jedes Heimspiel eine solche Reise zu bewältigen. Doch es ist Realität, erst recht, seit das nach dem ehemaligen Präsidenten Bacharuddin Jusuf Habibie benannte Stadion renoviert wurde und die einstige Heimat in der Hauptstadt Makassar abgebrochen und nie wieder aufgebaut wurde. So hat sich die 160’000-Einwohner-Stadt Parepare zum fussballerischen Zentrum Sulawesis gemausert.

Pünktlich zum Anpfiff setzt der in dieser Jahreszeit gängige Monsun ein, der die bereits triste Atmosphäre auf einen fast schon spöttischen Tiefpunkt senkt. PSM, zuletzt mit fünf Niederlagen, war noch 2023 Meister, hinkt derzeit den Erwartungen aber weit hinterher. Ein Platz im hinteren Tabellenmittelfeld ist für den «Juku Eja», den roten Fisch, deutlich zu wenig. Mit seinem durch die niederländische Kolonialherrschaft verliehenen Gründungsdatum 1915 gilt er als ältester Fussballklub des Landes und längst als Institution. Zum Duell zwischen dem 13. und dem 17. an einem Montagabend kamen schliesslich gerade einmal 1’035 Zuschauer, nebst der Distanz unter der Woche auch der sportlichen Bedeutungslosigkeit geschuldet. Diese verteilten sich zu allem Übel noch auf vier Stimmungskerne, wobei die kleine Schar schwarz gekleideter PSM-Fans hinter dem Tor beim 0:0 noch den besten Eindruck hinterliess. Für das bescheidene Remis gegen die Gäste aus Sumatra bekam die Mannschaft nach Abpfiff von Jenar und einigen anderen Fans auf dem Rasen noch ein paar saftige Worte mitgeteilt, ehe es für uns eher schleppend wieder zurück nach Makassar ging.

Deutlich reizvoller als der Spielbesuch ist die Natur auf Sulawesi. Nebst 16 Millionen Einwohnern beherbergt die Vulkaninsel zwischen Borneo im Westen und den Molukken im Osten auch viele unberührte Landschaften. Touristisch kaum erschlossen und wirtschaftlich eher vom Binnenhandel mit Seide geprägt, kann man etwa im Nationalpark Maros Pangkep rund um das Karstgebiet Rammang Rammang eine enorm vielfältige Flora und Fauna mit Mangroven, Makaken und Schmetterlingen bestaunen.


Exeter City - Luton Town

Stolz erklärt mir Paul, dass Exeter City neben dem AFC Wimbledon den einzigen fangeführten Profiklub in England verkörpert. Wir stehen in seinem Reich, dem Museum des Supporters Trust, und er sinniert über die historische Niederlage gegen Brasilien im Jahr 1914, die Aktion «Red or Dead» in der Saison 2003/04, als der Klub kurz vor dem Bankrott stand, oder die Tatsache, dass Exeter City den Übernamen «The Grecians» trägt, obwohl keinerlei griechischer Bezug besteht.

Am namensgebenden Fluss Exe ist man aber nicht nur wegen des lokalen Drittligisten stolz, sondern auch auf die Hauptstadt der Grafschaft Devon selbst. Angeführt von der gotischen Kathedrale besticht die 140’000-Einwohner-Stadt mit mittelalterlicher Architektur und lockt neben Touristen dank ihres guten Rufs im Bildungsbereich auch viele Studenten an, die den Sprung an eine der Londoner Eliteunis verpasst haben. Wer jugendliche Trinkfreudigkeit mit sehenswerten Gotteshäusern verbinden will, dem sei das «George’s Meeting House» empfohlen, eine ehemalige Kirche und heutiges Pub mit preiswertem Pint.

Mit dem St. James Park trägt die altehrwürdige und bislang einzige Heimat von Exeter City den gleichen Namen – allerdings ohne Apostroph – wie jene von Newcastle United. Mitten in der Stadt gelegen, zählt das Stadion für mich zu den schönsten des Landes und bietet gleich mehrere Blickfänge: die Backsteinhäuser hinter dem Gästesektor, die trapezförmige Stehtribüne mit ihren markanten Wellenbrechern oder die Reihenhäuser des Stoke Hill. Letztere sind sichtbar, weil die nach dem früh verstorbenen Exeter-Spieler Adam Stansfield benannte Tribüne nur bis zur Mittellinie reicht, zumal direkt dahinter die Gleise verlaufen.

Platzknappheit herrscht in Exeter auch an der Seitenlinie. Die Coachingzonen trennen kaum einen Meter, die kleinen Ersatzbänke liegen gar aneinander. Sicher nicht das Setting, das sich Luton-Trainer und Ex-Nationalspieler Jack Wilshere zu seinem 34. Geburtstag gewünscht hat. Auch die Ränge sind dicht besetzt: 7’912 Zuschauer sind anwesend, darunter knapp tausend Gäste, deren Lieblinge sich überraschend passiv präsentieren. So holt Exeter dank dem 1:0 kurz nach der Pause wichtige Punkte im engen Abstiegskampf der League One.


Yeovil Town - Eastleigh FC

«It’s a freezing cold Tuesday night, but where would you rather be than at Huish Park?» Mit dieser Frage begrüsst der Stadionsprecher die Anwesenden kurz vor Anpfiff, und ich bin nicht sicher, ob in seiner Stimme nicht auch ein leiser Funken Sarkasmus mitschwingt. Zumindest mir fallen einige Orte ein – doch wer freiwillig bereits zur gleichen Jahreszeit in Grimsby oder Scunthorpe unterwegs war, für den galt auch der Besuch in Yeovil nur als Frage der Zeit.

Zugegeben: Die 50’000-Einwohner-Stadt im Südwesten Englands, gelegen am Zusammenfluss von Yeo und Parrett, ist tatsächlich ein besonders karger Ort. Auch dem lokalen Fussballklub, dessen krächzende Hymne nun durch die Lautsprecher im schummrigen, orangenen Licht der Tribünen schallt, haftet etwas Überholtes und leicht Verwahrlostes an. Da hilft auch das neue Logo nicht, das sich die «Glovers» vor knapp zwei Jahren verpasst haben. Ihr Name geht übrigens auf die Handschuhfertigung zurück, die man an diesem Abend tatsächlich gut gebrauchen kann.

Wesentlich bekannter ist die Stadt in Somerset allerdings für ihr Helikopterwerk. Auch die heutigen Gäste aus Eastleigh haben mit der Supermarine Spitfire eine Verbindung zur Aviatik – sie tragen sie im Logo, da in Hampshire die ersten Testflüge des bekannten Jagdflugzeuges unternommen wurden. Ähnlich angriffig gibt sich der kleine Casual-Mob aus Halbstarken, der auf der unüberdachten Hintertortribüne den Kern des kleinen Gästeanhangs ausmacht und das Mittelfeldduell zwischendurch mit einer blauen Rauchsäule garniert.

2014 noch in der zweitklassigen Championship aktiv, fand sich Yeovil Town ein Jahrzehnt später in der 6. Liga wieder, hat sich mittlerweile aber wieder in der fünftklassigen Conference National eingenistet. Im Huish Park, benannt nach dem Quartier, in dem einst das Stadion stand, ist die Kulisse entsprechend spärlich. Lediglich 3’102 Zuschauer haben sich am westlichen Stadtrand eingefunden und werden für ihr Kommen immerhin mit einem kurzweiligen 1:1 belohnt – weil beide Teams praktisch kein Mittelfeld besitzen und qualitativ höchst bescheiden agieren.