Exeter City - Luton Town
Stolz erklärt mir Paul, dass Exeter City neben dem AFC Wimbledon den einzigen fangeführten Profiklub in England verkörpert. Wir stehen in seinem Reich, dem Museum des Supporters Trust, und er sinniert über die historische Niederlage gegen Brasilien im Jahr 1914, die Aktion «Red or Dead» in der Saison 2003/04, als der Klub kurz vor dem Bankrott stand, oder die Tatsache, dass Exeter City den Übernamen «The Grecians» trägt, obwohl keinerlei griechischer Bezug besteht.
Am namensgebenden Fluss Exe ist man aber nicht nur wegen des lokalen Drittligisten stolz, sondern auch auf die Hauptstadt der Grafschaft Devon selbst. Angeführt von der gotischen Kathedrale besticht die 140’000-Einwohner-Stadt mit mittelalterlicher Architektur und lockt neben Touristen dank ihres guten Rufs im Bildungsbereich auch viele Studenten an, die den Sprung an eine der Londoner Eliteunis verpasst haben. Wer jugendliche Trinkfreudigkeit mit sehenswerten Gotteshäusern verbinden will, dem sei das «George’s Meeting House» empfohlen, eine ehemalige Kirche und heutiges Pub mit preiswertem Pint.
Mit dem St. James Park trägt die altehrwürdige und bislang einzige Heimat von Exeter City den gleichen Namen – allerdings ohne Apostroph – wie jene von Newcastle United. Mitten in der Stadt gelegen, zählt das Stadion für mich zu den schönsten des Landes und bietet gleich mehrere Blickfänge: die Backsteinhäuser hinter dem Gästesektor, die trapezförmige Stehtribüne mit ihren markanten Wellenbrechern oder die Reihenhäuser des Stoke Hill. Letztere sind sichtbar, weil die nach dem früh verstorbenen Exeter-Spieler Adam Stansfield benannte Tribüne nur bis zur Mittellinie reicht, zumal direkt dahinter die Gleise verlaufen.
Platzknappheit herrscht in Exeter auch an der Seitenlinie. Die Coachingzonen trennen kaum einen Meter, die kleinen Ersatzbänke liegen gar aneinander. Sicher nicht das Setting, das sich Luton-Trainer und Ex-Nationalspieler Jack Wilshere zu seinem 34. Geburtstag gewünscht hat. Auch die Ränge sind dicht besetzt: 7’912 Zuschauer sind anwesend, darunter knapp tausend Gäste, deren Lieblinge sich überraschend passiv präsentieren. So holt Exeter dank dem 1:0 kurz nach der Pause wichtige Punkte im engen Abstiegskampf der League One.

Yeovil Town - Eastleigh FC
«It’s a freezing cold Tuesday night, but where would you rather be than at Huish Park?» Mit dieser Frage begrüsst der Stadionsprecher die Anwesenden kurz vor Anpfiff, und ich bin nicht sicher, ob in seiner Stimme nicht auch ein leiser Funken Sarkasmus mitschwingt. Zumindest mir fallen einige Orte ein – doch wer freiwillig bereits zur gleichen Jahreszeit in Grimsby oder Scunthorpe unterwegs war, für den galt auch der Besuch in Yeovil nur als Frage der Zeit.
Zugegeben: Die 50’000-Einwohner-Stadt im Südwesten Englands, gelegen am Zusammenfluss von Yeo und Parrett, ist tatsächlich ein besonders karger Ort. Auch dem lokalen Fussballklub, dessen krächzende Hymne nun durch die Lautsprecher im schummrigen, orangenen Licht der Tribünen schallt, haftet etwas Überholtes und leicht Verwahrlostes an. Da hilft auch das neue Logo nicht, das sich die «Glovers» vor knapp zwei Jahren verpasst haben. Ihr Name geht übrigens auf die Handschuhfertigung zurück, die man an diesem Abend tatsächlich gut gebrauchen kann.
Wesentlich bekannter ist die Stadt in Somerset allerdings für ihr Helikopterwerk. Auch die heutigen Gäste aus Eastleigh haben mit der Supermarine Spitfire eine Verbindung zur Aviatik – sie tragen sie im Logo, da in Hampshire die ersten Testflüge des bekannten Jagdflugzeuges unternommen wurden. Ähnlich angriffig gibt sich der kleine Casual-Mob aus Halbstarken, der auf der unüberdachten Hintertortribüne den Kern des kleinen Gästeanhangs ausmacht und das Mittelfeldduell zwischendurch mit einer blauen Rauchsäule garniert.
2014 noch in der zweitklassigen Championship aktiv, fand sich Yeovil Town ein Jahrzehnt später in der 6. Liga wieder, hat sich mittlerweile aber wieder in der fünftklassigen Conference National eingenistet. Im Huish Park, benannt nach dem Quartier, in dem einst das Stadion stand, ist die Kulisse entsprechend spärlich. Lediglich 3’102 Zuschauer haben sich am westlichen Stadtrand eingefunden und werden für ihr Kommen immerhin mit einem kurzweiligen 1:1 belohnt – weil beide Teams praktisch kein Mittelfeld besitzen und qualitativ höchst bescheiden agieren.
Coventry City - Ipswich Town
Coventry City hat kein Logo, sondern gefühlt ein ganzes Geschichtsbuch auf der Brust: Ein Elefant, der auf einem hellblauen Ball balanciert und eine Burg auf dem Rücken trägt, flankiert von zwei Phönixen – einer von ihnen erhebt sich aus der Asche. Dazu die Farben Rot, Weiss und Schwarz.
Ebenso bewegend wie das Klubwappen ist die Geschichte der zehntgrössten Stadt Englands. Während des Zweiten Weltkriegs wurde Coventry durch die deutsche Luftwaffe beim Coventry Blitz schwer beschädigt. Auch die Kathedrale der knapp 350’000 Einwohner zählenden Stadt im Zentrum Englands wurde zerstört. Dennoch ist man stolz: Gerade aufgrund dieser Kathedrale darf man sich «City» nennen – im Unterschied zu Gegner Ipswich, das mit seiner Kirche nur eine «Town» ist.
Coventry City beschliesst gegen Ipswich Town ein verrücktes Jahr: Nach einer Vergangenheit mit Heimspielen im Exil von Northampton und Birmingham ist man in diesem Sommer endlich Eigentümer des Stadions im Norden der Stadt geworden. Zwar scheiterte Coventry im Playoff-Halbfinal am Aufstieg in die Premier League, doch als souveräner Tabellenführer tritt man in der aktuellen Spielzeit abermals zum Spitzenspiel gegen den Drittplatzierten an – mit satten 13 Punkten, die vor Anpfiff zwischen den beiden Mannschaften liegen. Entsprechend ausgelassen ist die Stimmung im markanten Anbau des Stadions, der als Trinkhalle genutzt wird, während im Hintergrund die Darts-WM im TV läuft. So voll besetzt ist der Raum sonst lediglich bei Konzerten.
Für die Fans der «Sky Blues» – 2018 noch viertklassig – ist klar, wer für den Erfolg verantwortlich ist: Frank Lampard. Der Trainer soll dem Gründungsmitglied der Premier League die lang ersehnte Rückkehr ins Oberhaus ermöglichen. Entsprechend respektvoll tritt auch Ipswich auf: Die «Tractor Boys» schinden von Beginn an Zeit, müssten sich als spielstarker Absteiger aber eigentlich nicht verstecken. Coventry findet prompt kein probates Mittel, und für die 31’213 Zuschauer ist schnell ein Schuldiger gefunden: «My dad was right, the refs are shite», hallt es durchs Rund, nachdem die Gäste mit späten Toren das 0:2 an diesem kalten Montagabend besiegeln.

Sunderland AFC - Leeds United
«Same colors as Sunderland», lautet eine beliebte Pointe aus einer Anekdote meiner Zeit im Sprachaufenthalt im Nordosten Englands. Es war die ernst gemeinte Antwort eines Newcastle-Fans auf die Frage, warum er seit vielen Jahren auf den Verzehr von Schinken verzichte.
Als Fremder dürfen einem aber beide Klubs aus der Region Tyne and Wear sympathisch sein – auch wenn das in den Augen der Bewohner hier eigentlich nicht möglich ist. Für die Menschen aus Newcastle ist Sunderland lediglich eine Haltestelle im städtischen Metronetz, für die lokalen «Mackems» hingegen ist die Industrie- und Hafenstadt an der Mündung des Flusses Wear in die Nordsee längst Lebenssinn. Der Name Sunderland geht auf das altenglische sundor-land (geteiltes Land) zurück – zwei Brücken verbinden bis heute das Zentrum der 275’000-Einwohner-Stadt mit dem Stadion.
Kaum in einem Land gleichen sich die Innenstädte und Bewohner derart wie in England – so sind wenig überraschend auch hier trotz giftiger Bise viele in kurzen Hosen unterwegs und tragen das Trikot der lokalen «Black Cats», als würde dieser Stolz allein ausreichend vor der Kälte schützen. Dabei liegt der letzte Titel von Sunderland über 50 Jahre zurück – ein Pokalsieg gegen den damaligen Krösus Leeds. Immerhin hat der Klub, dessen Besitzer der schweizerisch-französische Doppelbürger Kyril Louis-Dreyfus ist, im Sommer nach harzigen Jahren die Rückkehr in die Premier League geschafft. Die Leidensgeschichte der Fans ist auch in der Serie «Sunderland ’Til I Die» gut dokumentiert.
Zurück im Oberhaus spielt Sunderland als Siebter eine sehr solide Saison und hat jüngst auch das Derby gewonnen. Im Duell der Aufsteiger geht der Gastgeber dank eines durchdachten Passes des Schweizer Captains Granit Xhaka in Führung, während dessen Bruder Taulant einige Sitze neben mir sichtlich stolz unter den 46‘675 Zuschauern verweilt. Das Stadium of Light besitzt übrigens – sehr ähnlich wie beim Rivalen – lediglich auf zwei Seiten einen Oberrang.
In diesem sind auch die über dreitausend Gästefans untergebracht, die nach dem Seitenwechsel den prompten Ausgleich bejubeln dürfen. Auch in der Folge ist Leeds näher am Sieg, vermisst beim 1:1 aber die gewohnte Unterstützung der überraschend passiven Anhängerschaft. Allgemein wird das Stimmungspotenzial nicht abgerufen, das ich der Partie für englische Verhältnisse attestiert hätte.
Nach dem Krebs-Tod des sechsjährigen Sunderland-Fans Bradley Lowery im Jahr 2017 wurde die «Bradley Lowery Foundation» gegründet – ein Name, dem man rund um den Klub bis heute immer wieder begegnet. Spenden sind hier möglich.

Dorchester Town - Weymouth FC
Kommt es in der Grafschaft Dorset im Südwesten Englands zum «Ridgeway Derby», stehen sich die beiden Klubs aus Dorchester und Weymouth gegenüber. Gerade einmal zehn Kilometer trennen die 20‘000-Einwohner-Stadt vom deutlich grösseren und beliebten Ferienziel Weymouth.
Von der Küste hat sich denn auch eine vierstellige Anzahl Gäste auf den kurzen Weg an den südlichen Stadtrand von Dorchester gemacht, um dieses Lokalduell in der siebtklassigen Southern League Premier Division South zu verfolgen. Mit 4025 Zuschauern ist der Andrang gar so gross, dass die Partie eine Viertelstunde später angepfiffen wird. Platz bietet das sehenswerte Avenue Stadium aber ausreichend – sowohl auf der Sitzplatztribüne mit Giebeldach als auch auf den grösstenteils überdachten Stehtraversen. Nicht schlecht gestaunt habe ich, als ich an mehreren Stellen Werbung eines Schweizer Unternehmens aus meinem Arbeitsort entdeckte, das tatsächlich eine UK-Niederlassung in Dorchester betreibt und dort – wie auch in der Heimat – den lokalen Fussball unterstützt.
Eine gute Sache, denn der von den Fans geführte Verein blickt mit dem Gründungsjahr 1880 auf eine lange Tradition zurück. Im Derby erwischen die «Magpies» (Elstern) trotz der Verzögerung den besseren Start und bejubeln vor eigenem Anhang einen emotionalen Führungstreffer. Favorit Weymouth dreht die Partie jedoch mit einem Doppelschlag innert vier Minuten in der Nachspielzeit der ersten Halbzeit noch vor dem Seitenwechsel. Beim 1:2 aus Sicht von Dorchester Town bleibt es bis zum Schlusspfiff – auch, weil die Gastgeber einen Penalty verschiessen.
Omonia Nikosia - APOEL Nikosia
Nikosia liegt im Herzen von Zypern, die Metropolregion zählt über 300’000 Einwohner. In der Hauptstadt ringen traditionell zwei Klubs um die Vorherrschaft: Omonia und APOEL. Die Rivalität ist alt und tief. APOEL gilt seit jeher als nationalistisch geprägt; Ende der 1970er-Jahre entstand dort die erste Ultragruppierung der Insel. Linke und kommunistische Anhänger wurden wie an vielen Orten des Landes einst ausgeschlossen und fanden mit der Gründung von Omonia ein neues Zuhause und einen politischen sowie sportlichen Gegenpol. Während APOEL Rekordmeister und -pokalsieger ist, stellt Omonia das Team mit der grössten Fanbasis dar, mit Klubhäusern quer über die Insel und einem Logo, das stark an jenes von Panathinaikos erinnert.
Seit einigen Jahren mischt in Nikosia auch ein dritter Profiklub mit: 2018 wandte sich der Kern der Omonia-Fans vom eigenen Klub ab, nachdem die linke Partei AKEL den Verein an einen Investor verkauft hatte. Für viele vom «Gate 9» war das ein Bruch mit der eigenen Identität. So entstand der «Volkssportverein Omonia 29. Mai» – mit Sowjetstern und Ähre im Logo und einem langen Marsch durch die unteren Ligen, stets von einer aktiven Fanszene begleitet. Inzwischen spielte der Klub zwar bereits wieder eine Saison erstklassig, aber ohne eigenen Anhang und ohne eigenes Stadion: Das «Gate 9» boykottiert weiterhin die verpflichtende Fankarte, ein Dauerthema im zypriotischen Fussball.
Und genau diese Abwesenheit merkt man dem Stadtderby an. Die Heimkurve wirkt jung, motiviert, aber sie fällt schnell in sich zusammen. Meist vermag nur die Mitte der unteren Tribünenhälfte, die anfangs sehr hohe Lautstärke über mehr als eine Strophe der Lieder zu halten. Auf APOEL-Seite sieht es hingegen in optischer Hinsicht etwas mager aus: Das Gästekontingent wird seit Jahren begrenzt, der Block umfasst daher nicht die gesamte Hintertortribüne. Trotzdem schaukeln sich die Kurven weit vor Anpfiff hoch, wie es sich für ein Derby gehört. Bei Omonia, oder Omonoia, wie der Klub bei exakter Transkription der griechischen Sprache heisst, offenbaren Symbole wie die Fahne von Palästina, das Konterfei Che Guevaras oder die Flagge Chinas die kommunistische Prägung, mit der die Grün-Weissen in den Reihen von APOEL für erhitzte Gemüter sorgen.
Das Motto am Zaun wird bei Omonia bereits zwanzig Minuten vor Anpfiff enthüllt, bei APOEL wird die Zaunfahne für das Intro so vorbereitet, dass sie von den oberen Reihen der Haupttribüne aus bereits entziffert werden kann. Und doch zeigen besonders die zahlenmässig unterlegenen APOEL-Fans, warum ihre Zettelchoreos bekannt sind, während auf der Heimseite ein Chaosintro und laute Böller folgen. Die APOEL-Anhänger verweisen in einem zweiten Schritt – von Blinkern untermalt – auf das 100-jährige Vereinsjubiläum im kommenden Jahr und müssen nach wenigen Minuten durch ein Gegentor bereits einen Dämpfer hinnehmen.
Diesen verkraften sie besser als ihre Gegenseite, die vom prompten Ausgleich deutlich mehr aus dem Konzept gebracht wird. Nach dem rassigen Start mit frühen Treffern auf beiden Seiten flacht das Spiel und die Stimmung ab und steuert nach dem zweiten Treffer für Omonia auf einen Heimsieg zu, ehe das 2:2 in der Nachspielzeit das Team und die Fans von APOEL in späte Ekstase versetzt. Der Grossteil der 14’200 Zuschauer – wiederum scheint mir diese Zahl deutlich zu niedrig gegriffen – verlässt daraufhin wütend und fluchtartig über die markanten Ecktürme das Stadion.
Yenicami AK - Dogan Türk Birligi SK
Gut sichtbar am Hang des Pentadaktylos-Gebirges steht der Satz «Ne Mutlu Türküm Diyene» – auf Deutsch: «Glücklich, wer sagt: Ich bin ein Türke». Er stammt von Mustafa Kemal Atatürk, dem Gründer der modernen Türkei. Ursprünglich aus weissen Steinen gelegt, ist er heute als Schriftzug gemalt. Rechts daneben zieht sich die nordzypriotische Fahne über rund 400 Meter Breite. Bereits von der Hauptstadt Nikosia ist sie deutlich zu sehen – selbst nachts, wenn die Fahne beleuchtet wird und beim modularen Einschalteffekt zuerst die türkische Flagge im Dunkeln erscheint. Ein Schelm, wer dabei Böses denkt.
Nach der türkischen Militärintervention 1974 und der Ausrufung der Türkischen Republik Nordzypern 1983 entstand ein De-facto-Staat, der international einzig von der Türkei anerkannt ist. Bis heute ist die Besetzung des zypriotischen Nordens Thema in der Gesellschaft – nicht mehr in Form eines eskalierenden Konflikts, sondern eher als verpasste Chance, das Land wirtschaftlich und touristisch stärker zu positionieren und zu einen.
Auch kulturell ist der Grenzübertritt spürbar. Wer in der touristischen Ledrastrasse den Grenzposten von Nikosia passiert und nach «Lefkosa» schreitet, wie die Stadt im Norden heisst, bemerkt sofort die Unterschiede: Minarette mehrerer Moscheen prägen das Stadtbild, die Gassen sind enger, die Läden kleiner, und anstelle etablierter Modehäuser treten Basare und Stände mit gefälschter Ware.
Selbst ein Spielbesuch im Atatürk-Stadion am nördlichen Stadtrand erinnert stark an die Türkei. Sesamringe sind hier ebenso präsent wie die Polizei, und auf den Rängen wird lautstark Polemik geschürt. Rund 250 Zuschauer haben im weitläufigen, sehenswerten Rund Platz genommen und kommentieren jede vermeintliche Fehlentscheidung des Schiedsrichters.
Beim Duell zwischen Yenicami und Dogan Türk Birligi sind die Gäste spielbestimmend, jedoch steuert das Spiel nach einem schönen Kopfball gegen die Laufrichtung des Torhüters auf ein Remis zu. Je ein Platzverweis in der Schlussphase bringt nochmals Hektik. Die erste Rote Karte mündet nach einem Konter und einer Notbremse in der glücklichen Führung der Gastgeber. Doch mit der letzten Ecke fällt doch noch das verdiente 2:2, sodass Yenicami den erst zweiten Saisonsieg im nordzypriotischen Oberhaus knapp verpasst.
Ethnikos Achnas - Apollon Limassol
Dasaki Achnas klingt zunächst wie das neueste Modell eines japanischen Elektroautoherstellers. Tatsächlich handelt es sich jedoch um die Heimat des zypriotischen Erstligisten Ethnikos Achnas. Ursprünglich war der Verein in Achna/Düzce angesiedelt, einem türkisch geprägten Dorf im Norden Zyperns, das einige Kilometer oberhalb liegt und mittlerweile verlassen ist.
Eine weitere Gemeinsamkeit mit dem vorher besuchten Klub Nea Salamis Famagusta stellt das Stadion dar: Auch hier ist die Spielstätte auf drei Seiten ausgebaut und stark überdimensioniert. In Dasaki Achnas ist die Kapazität gar doppelt so hoch wie die Einwohnerzahl des Dorfes. An diesem Abend ist es mit rund 800 Zuschauern gefüllt – die Hälfte davon stammt aus Limassol, dazu ein paar Katzen, die auf der Insel übrigens zahlreicher vertreten sind als die Menschen.
Die entsprechend triste Atmosphäre wird immerhin durch die Gruppe Gate 1 etwas belebt. Knapp 100 aktive Fans sammeln sich hinter einer Limassol-Zaunfahne und nutzen die Partie für langgezogene Melodien begleitet von eingängigen Trommelrhythmen. Der Erzrivale von AEL präsentiert sich beim 0:1 aus Sicht der Gastgeber insgesamt solide und erinnert mich bisweilen an italienische Fanszenen – ein Fest auf den Sitzschalen, allerdings ohne grossen optischen Anspruch.
Nea Salamis Famagusta - AEZ Zakakiou
«Du warst gestern schon in Limassol», sagt mir die Mutter der Nummer 11 und spricht mich stolz auf den Torschützen an. Ihren Sohn, Michalis Kolias, solle ich unbedingt in meinem Bericht erwähnen – nachdem ich ihr den Grund für meine erneute Anwesenheit in einem zypriotischen Fussballstadion offenbart hatte. Und ein Versprechen an eine Mutter wird gehalten.
Madame Kolias gehört zu den rund dreissig, mehrheitlich aus Familien bestehenden Gästefans aus dem Stadtteil Zakaki in Limassol, die auf der kleinen Gegentribüne des Ammochostos-Stadions Platz genommen haben. Das Stadion in Larnaka ist auf drei Seiten ausgebaut und heute mit 750 Zuschauern gefüllt. Für Nea Salamis stellt es seit Jahren eine Art Exil-Heimat dar, nur wenige Minuten vom Stadion ihres Rivalen Anorthosis Famagusta entfernt. Der Nachbar ist zugleich auch der historische Gegenspieler – war Salamis doch in der Antike die wichtigste und grösste Stadt Zyperns. Nach Erdbeben und arabischen Angriffen im frühen Mittelalter wurde sie aufgegeben, und die Bewohner gründeten unweit davon eine neue Stadt: Famagusta.
Auch 1948 kam es zu einer Gründung, diesmal im Schatten der politischen Spannungen zwischen Linken und Rechten während des Kalten Kriegs. Wie vielerorts auf Zypern führte die Spaltung zum Bruch mit dem Mutterverein und zur Entstehung eines neuen Klubs. Nea Salamina steht politisch klar auf der linken Seite und trägt entsprechend Rot, während Anorthosis in Blau-Weiss das nationalistisch-konservative Lager repräsentiert. Ein mögliches Stadtderby in der kommenden Saison wäre also ein Geheimtipp – auch wenn es seit der türkischen Besetzung nicht mehr im nordzypriotischen Teil stattfinden kann.
Die kleine Fanszene trumpft mit solidem Liedgut auf, das neben Gesängen von Raja und Partizan auch einige unbekannte Melodien bereithält. Insgesamt besteht der Haufen aus einer guten Mischung aus Jung und Alt; sogar ein Mann mit Krücke steht direkt neben dem Capo-Podest. Nur die Fahnen stören das Gesamtbild ein wenig. Während die Zaunfahne der «Red Rebels» noch liebevoll gemalt daherkommt, sind die Exemplare der Sektionen aus Nikosia und Limassol – wie so oft hier – gedruckt.
Meine Sitznachbarin Madame Kolias darf nach dem Tor ihres Sohnes lange Zeit auf ein Remis beim Tabellenführer hoffen – was für den Vorletzten der 2. Liga ein Achtungserfolg gewesen wäre. Doch wie so oft, wenn das Glück fehlt und dem Gegner ein bisschen mehr gelingt, bringt in der Nachspielzeit ein umstrittener Penalty das 2:1 und so doch noch den erwarteten Heimsieg.
AEL Limassol - Enosis Neon Paralimni
Limassol bietet erstaunlich wenig Sehenswertes. Die mit 150’000 Einwohnern zweitgrösste Stadt, in der griechischen Sprache Lemesos genannt, liegt an der zypriotischen Südküste und besitzt lediglich einen kleinen historischen Kern. Sie wächst weiter, unter anderem aufgrund der zahlreichen Israelis und Russen, die hier Zuflucht gefunden haben. Gleichzeitig ist die Insel selbst historisch von Konflikten begleitet: Neben dem Linksverkehr erinnern zwei bis heute bestehende britische Militärbasen wenige Kilometer ausserhalb von Limassol daran.
Im Zentrum ist Apollon, der Rivale von AEL, mit Wandbildern und Graffiti deutlich präsenter. AEL gilt als Verein aller Ethnien und markiert damit das Gegenstück zum griechisch-nationalistischen Apollon. Im Gegensatz zum Stadtderby ist an diesem Freitag die Anhängerschaft rund um Gate 3, das seit 1989 eine lange Ultra-Tradition pflegt, nur in kleiner Zahl vertreten. Wie in Griechenland wirkt es auf mich immer wieder, dass die Trommeln hier viel hypnotischer klingen, die Fans mit grösserer Inbrunst – und vielleicht auch mit mehr Lungenvolumen – am Werk sind und sich schneller in einen Rausch singen und springen als in westeuropäischen Breitengraden. Besonders eine Adaption von Reamonns «Supergirl» schallt gut durch das graue Rund, das lediglich mit 1200 Zuschauern gefüllt ist.
Generell üben sich die Zyprioten etwas in Understatement, was die Zuschauerzahlen betrifft. Gefühlt sind mehr Leute vor Ort im weit ausserhalb gelegenen Stadion in der Gemeinde Kolossi. Dieses erinnert an das Stadion in Ljubljana, während im Zentrum das historische Tsirio-Stadion mit seiner typischen Dachkonstruktion vor sich hin altert. Einst als neues Stadion für Apollon angedacht, musste sich der Klub aus Geldnot mit den beiden anderen städtischen Erstligisten zusammentun. 2022 eröffnet und schliesslich auch aus staatlicher Hand mitfinanziert, dient es seither Aris, AEL und Apollon sowie bisweilen auch der Nationalmannschaft als Zuhause. Immerhin suggeriert die Beleuchtung in den jeweiligen Vereinsfarben noch etwas Individualität und Heimatgefühl.
Auf dem Feld stehen einige bekannte Namen, etwa der Mexikaner Guillermo Ochoa im Tor der Gastgeber, der an mehreren Weltmeisterschaften über sich hinauswuchs. Bei den Gästen aus Paralimni im Südosten der Insel steht Markus Kuster, Ex-Winterthurer, zwischen den Pfosten. Mit Marco Krainz und Marcel Canadi sind auch zwei ehemalige Lustenauer dabei, die das Leben im Ort nahe Ayia Napa geniessen. Für Marcel ist die Situation allerdings weniger unbeschwert, nachdem sein Vater im September als Trainer entlassen wurde. Auf ein frühes Tor und nach langem VAR-Check folgt ein einseitiges 3:0. Den Schlusspunkt setzt ein sehenswerter Freistoss kurz vor dem Ende, der Paralimni weiter sieglos am Tabellenende stehen lässt.


























































































































