Karlsruher SC - FC Magdeburg

Die Heimspiele des Karlsruher SC ziehen derzeit beinahe so viele Menschen an wie in der letzten Bundesliga-Saison vor 15 Jahren. Den grossen Aufschwung verdankt der Zweitligist seinem umgebauten Stadion – dabei wähnte ich mich beim Besuch der neuen Heimat des KSC in einer bereits besuchten Spielstätte. Das jetzige Wildparkstadion rief in mir allerdings keine Erinnerungen an den Besuch an selbiger Stelle vor einem Jahrzehnt hervor, sondern von der Bauweise, der Blockaufteilung sowie dem blauen Farbton her an jenen in der Arena in Sinsheim.

Auch das von der Gegengerade in den Südosten gewanderte Stimmungszentrum vermochte sich trotz des Besuches von Freunden aus Strasbourg und einem äusserst günstigen Spielverlauf nicht vom viel zitierten «Einheitsbrei» deutscher Fankurven abzuheben. Dazu gesellten sich zu laute Pauken, Fangesänge zur Melodie von «Anton aus Tirol», eine von der Fankurve initiierte La-Ola-Welle sowie Sprechchöre gegen den Rivalen aus Stuttgart und für einen Auftritt im Europapokal, obwohl in beiden Fällen zumindest aus sportlicher Sicht jegliche Berührungspunkte fehlen. Da hatte ich den Zusammenschluss rund um die vier Ultrà-Gruppen Phönix Sons, Rheinfire, Armata Fidelis und die Wild Boys besser in Erinnerung.

Enttäuschend präsentierte sich auch die Anzahl der mitgereisten Magdeburger, als hätten sie geahnt, was sie beim Auftritt in Baden vor 27’028 Zuschauern erwarten würde. Immerhin unterstützten die anwesenden FCM-Anhänger ihre Mannschaft in typisch ostdeutscher Manier auch beim Stand von 7:0 aus Karlsruher Sicht unermüdlich. Den soliden Auftritt rundete ein Spruchband ab, auf dem sich die Gästefans mit drei Mitarbeitern des Fanprojekts Karlsruhe solidarisierten. Diesen hatte die Staatsanwaltschaft Strafvereitelung vorgeworfen und laut dem Karlsruher Amtsgericht Strafbefehle in einer Höhe von insgesamt über 20’000 Euro erlassen. Vorausgegangen war ein Vorfall mit Pyrotechnik im November 2022, bei dem mehrere Personen verletzt wurden. Um die Namen der Täter zu erfahren, wurden auch die Sozialarbeiter befragt – sie verweigerten stets die Aussage, trotz Androhung von Beugehaft.

Auf der Suche nach Gerechtigkeit für die bleibend geschädigte Person hat die Staatsanwaltschaft den Blick für das grosse Ganze aus den Augen verloren. Ihr Vorgehen stellt einen empfindlichen Eingriff in die etablierte Praxis eines diffizilen Berufsfeldes dar und bedroht die soziale Arbeit in diesem spezifischen Themenfeld fundamental. Im Gegensatz zu anderen Dimensionen der Sozialarbeit können sich Mitarbeiter eines Fanprojekts nämlich nicht auf ein Zeugnisverweigerungsrecht berufen und führen ihre Arbeit auf Basis eines jahrelang erarbeiteten Vertrauensverhältnisses aus. Dass ein repressiver Ansatz, sollten vorherrschende Strukturen juristisch aufgebrochen werden, zum gewünschten Ziel führt, scheint – auch mit Blick auf Beispiele aus anderen Ländern – hingegen äusserst fragwürdig.


BSG Chemie Leipzig - FSV Zwickau

«Eint Begeisterung mit einer Stimme um einer edlen, heiligen Aufgabe willen.» Darüber, ob die akustische Unterstützung eines Fussballklubs eine heilige Aufgabe ist, lässt sich streiten. Wohl auch deshalb haben die Anhänger der BSG Chemie Leipzig den Text angepasst und in ihrem bekannten Fangesang nur die Melodie von «Buruh Tani» beibehalten. Seit sie sich vor zwei Jahren für ihr Fanzine «Orange Times» bei mir nach der Bedeutung und den Hintergründen zum Lied aus der indonesischen Widerstandsbewegung erkundet hatten, stand ich in losem Kontakt mit Einzelpersonen aus der Fanszene. Im Herbst 2023 kam es schliesslich zum Besuch mit meiner Vortragsreihe «Fankultur in Indonesien» in Connewitz. Ein besonderer Abend, zumal im Süden der sächsischen Grossstadt auch eine einstige Führungsfigur aus der Fanszene von Sleman eine neue Heimat gefunden hat.

Um mir von der angepriesenen «Anarchie im Kunze-Sportpark» selbst ein Bild zu verschaffen, wartete ich ein würdiges Spiel ab. Das Duell der Chemiker gegen den FSV Zwickau erfüllte in der 25. Runde der Regionalliga Nordost schliesslich sämtliche Vorraussetzungen für die Stippvisite in Leutzsch. Nebst dem sportlichen Kräftemessen kommt es dabei auch zum Fanzine-Duell zwischen «Erlebnis Fussball» und «Blickfang Ultra» sowie zum Aufeinandertreffen zweier etablierter Ultra-Gruppierungen. Zwischen den «Diablos» auf der einen und «Red Kaos» auf der anderen Seite scheint weiter ein Respektverhältnis zu herrschen, ob gar noch der von Seiten Leipzigs in den Anfangszeiten beschriebene «Waffenstillstand» herrscht, wage ich jedoch zu bezweifeln. Schon damals kein gutes Wort hatten die Diablos hingegen für ihren «Lok»alrivalen über, der «in Sachen Liedgut und Choreografien nicht annähernd unser Niveau erreicht». Eine treffende Aussage, auch wenn die Diablos bei einem Zug­über­fall in Bit­ter­feld 2003 ihre Zaunfahne an Hal­lenser Fans (und deren Freunde vom FC Lokomotive Leipzig) verloren hatten. Nichtsdestotrotz hängt das bekannte Banner mit dem Teufelskopf, von dem sich einige Jahre später scheinbar auch das Pfalz Inferno aus Kaiserslautern inspirieren liess, bis heute zentral hinter dem Tor.

Die Chemiker lieferten an diesem Tag den erwartet erfrischenden Auftritt ab, der beweist, welches Potenzial für eine engagierte und reife Fanszene in einer grossen Rivalität, einer dezidierten Auseinandersetzung mit der städtischen und der eigenen Vereinsgeschichte sowie einer langjährigen Freundschaft nach Frankfurt liegt. Dies zeigt sich dem aufmerksamen Stadionbesucher etwa in Form eines gesanglichen Konters auf den bekannten Zwickauer Schlachtruf «Dass wir Zwickauer sind». Nebst ihrem Liedgut überzeugten auch die Gäste mit einem Fahnenintro, welches das Wort «Voran» formte, sowie eingängigen Trommelrhythmen. Nur der erlebnisorientierte Zwickauer «A Block» am Rande der Hintertortribüne wirkte abseits des Kerns der kreativen Fanszene wie ein Fremdkörper.

Ein Highlight stellt auch das Stadion am Leipziger Auwald dar, obschon statt den einst über 30’000 zugelassenen Fans aufgrund von Auflagen des Ordnungsamtes nur gerade 4999 Zuschauer anwesend sein dürfen. Neben der schönen Holztribüne und den mittels einer Spendenkampagne finanzierten Flutlichtern lässt vor allem der zweigeteilte Norddamm mit seinen windschiefen Stehstufen die Herzen traditioneller Fussballfans höher schlagen. Bis nach der Wende trug die Spielstätte den Namen des kommunistischen Widerstandkämpfers Georg Schwarz, der 1945 hingerichtet wurde. Seit 1992 ist sie nach dem erfolgreichen Trainer Alfred Kunze benannt, der die BSG 1964 überraschend zum Titel in der DDR-Oberliga führte. Der sich in diesem Mai zum 60. Mal jährende Coup lässt die Chemiker offenbar bis heute über die einstige Zugehörigkeit Kunzes zur NSDAP hinwegsehen.

Als DDR-Vertreter scheiterte Leipzig damals im Europapokal der Landesmeister bereits in der 1. Runde deutlich am ungarischen Vertreter aus Györ. Zwei Jahre und einen Pokalsieg später bestritt die BSG gegen Legia Warschau und Standard Lüttich seine vorerst letzten internationalen Pflichtspiele. 1990 verschwand der Klub gar gänzlich von der Bildfläche, als er nach einer Fusion mit der BSG Chemie Böhlen im FC Sachsen Leipzig aufging. Erst 18 Jahre später ging die BSG Chemie wieder unter ihrem traditionellen Namen an den Start, als Anhänger, die sich bereits 1997 zur Erhaltung des alten Namens in Vereinsstrukturen formiert hatten, eine Mannschaft als Antwort auf Unstimmigkeiten rund um den FC Sachsen Leipzig in der tiefsten Spielklasse anmeldeten. Nach diversen Aufstiegen und einer Übernahme des Spielrechts des damaligen Sechstligisten VfK Blau-Weiss Leipzig zählt der Klub nun bereits seit fünf Saisons zum Inventar der Regionalliga Nordost.

In der 4. Liga rangiert der Klub derzeit im hinteren Mittelfeld, was ein Fan im Spieltagsheft der Leutzscher wie folgt einordnet: «Mir fehlt die sportliche Übersicht, um zur derzeitigen Situation eine fachkundige Meinung geben zu können. Eleganten Fussball sind wir eh nicht gewohnt, aber irgendwie ist der Stolperfussball schlimmer geworden.» Tatsächlich ist das Niveau überschaubar, das die Leipziger gegen den Absteiger aus Zwickau auf der holprigen Unterlage bieten. Zum Schluss ist es aber kein Stolperer, sondern ein simpler Abspielfehler eines Verteidigers, der zum kollektiven Haareraufen auf dem unteren Norddamm und dem bitteren 1:2 in den Schlussminuten führt.


TSG Balingen - Stuttgarter Kickers

4. Juni 2022: Ein Platzsturm nach dem 3:1-Sieg in Dorfmerkingen leitet für die Stuttgarter Kickers am letzten Spieltag der fünftklassigen Oberliga den Jubel über den vermeintlichen Wiederaufstieg in die Regionalliga ein. Was die Fans zu diesem Zeitpunkt nicht wissen: Im Gegensatz zum bereits abgepfiffenen Spiel in Dorfmerkingen steht in Nöttingen, wo sich der direkte Konkurrent aus Freiberg mit letzter Kraft gegen das Remis stemmt, die Nachspielzeit noch bevor. Und diese hält prompt den Siegtreffer – und damit den Aufstieg – für den SGV Freiberg bereit. Nach den voreiligen Feierlichkeiten müssen sich die Stuttgarter und ihre Anhängerschaft einiges an Gespött anhören. Prompt lassen sie in den Aufstiegsspielen zur Regionalliga Südwest auch die zweite Chance ungenutzt und müssen Eintracht Trier den Vortritt lassen.

Seit dem fatalen Fernduell vor zwei Jahren läuft bei den Kickers aber alles wie am Schnürchen: Gleich in der Folgesaison gelang ihnen die Rückkehr in die Regionalliga, wo sie – wiederum als Tabellenführer – die strikte Marschrichtung zurück in die 3. Liga verfolgen, in welcher der Klub zuletzt 2016 spielte. Auch die Kulisse bei den Heimspielen am Degerloch stimmt jeweils. Einzig den Final des Landespokals hatten die Blauen im vergangenen Sommer etwas überraschend gegen die TSG Balingen im Penaltyschiessen verloren.

Beim damaligen Sieger herrscht derzeit die konträre Gefühlslage. In der sechsten Regionalliga-Saison passt im Süden Baden-Württembergs wenig zusammen, die leisen Aufstiegshoffnungen der letzten Spielzeit sind längst der Abstiegsangst gewichen, fehlen der Turn- und Sportgemeinschaft nach zwei Dritteln der Meisterschaft doch bereits neun Zähler auf das rettende Ufer. So gingen die Balinger als Aussenseiter in eines der vermeintlich letzten grossen Heimspiele vor 2499 Zuschauern. Unterstützt von über 800 Fans aus Stuttgart bestätigte sich die erwartete Rollenverteilung einzig auf den Rängen. Dem Auftritt des Erstplatzierten auf dem Rasen hatten die Gastgeber hingegen einiges entgegenzusetzen und mussten sich zum Schluss nur knapp mit 1:2 geschlagen geben.


SK Slovan Bratislava - SK Sturm Graz

Ein umstrittener Investor sowie ein Exil-Dasein in der Heimat des einstigen Stadtrivalen Inter hatte viele Jahre an Slovan Bratislava und dessen Fanbasis gezehrt. So auch 2016, als bei meinem ersten Aufenthalt in der Slowakei nicht einmal 1700 Zuschauer das Heimspiel des Rekordmeisters besuchten. Mit der Rückkehr ins neu errichtete Tehelné pole (Ziegelfeld) hat das Interesse am Hauptstadtklub wieder zugenommen, dennoch zählt Slovan aus fantechnischer Sicht weiterhin eher zu den schwächeren Adressen Osteuropas.

Nichtsdestotrotz war ich überrascht, dass die vom «Sektor C» vorab angepriesene Choregrafie ohne Erklärung ausblieb und die Stimmung nur selten auf die Mehrheit der 19’870 Zuschauer überschwappte. Zu den Heimfans gesellten sich auch Einzelpersonen aus den Reihen von Wisla Krakau und Austria Wien, wobei sich im letzteren Fall noch zeigen wird, ob Vertreter aus Bratislava nach den Auseinandersetzungen mit der neuen Führungsgruppe «KAI2000» rund um das 342. Wiener Derby auch in Zukunft im Fanblock der Austria willkommen sind.

Nach dem eindeutigen Sieg der Grazer im Playoff-Hinspiel der Conference League war die Luft für das zweite Duell innert Wochenfrist auf Rang und Rasen vorzeitig draussen. Die Gäste beschränkten sich auf die Verwaltung des Drei-Tore-Vorsprungs, während Slovan nebst einem Lattenschuss kein Ausrufezeichen gelang. Trotz grösserer Spielanteile und einem Durchschnittsalter von über 31 Jahren trat stattdessen Sturm Graz abgeklärter auf und raubte dem Gastgeber mit einen Konter zum 0:1 kurz nach dem Wiederanpfiff die letzten Hoffnungen. Die über zweitausend Anhänger aus der Steiermark, darunter auch befreundete KSC- und Werder-Fans, zogen trotz des historischen Weiterkommens einen eher schwachen Tag ein.


Mamelodi Sundowns - Polokwane City

Zu den «affected parties» im Entschuldigungsschreiben der Moroka Swallows dürfen auch wir uns zählen. Ein ungelöster Disput zwischen der Mannschaft und der Vereinsführung zwingt den südafrikanischen Erstligisten zur kurzfristigen Absage der beiden letzten Spiele des Jahres. Die interne Fehde des Klubs macht uns gleich einen doppelten Strich durch die Rechnung: Nebst dem Auftritt bei den Mamelodi Sundowns, für den wir bereits am Ticketschalter stehen, verpassen wir auch das anschliessende Heimspiel der Swallows.

Zum Glück trägt mit den Sundowns immerhin ein Team aus dem Nordosten Südafrikas vor dem Jahreswechsel noch ein Heimspiel aus, das sich mit einigen Änderungen in den Reiseplan einbinden lässt. Ein Besuch bei Mamelodi, der «Mother of Melodies» aus dem gleichnamigen Township nordöstlich von Pretoria, klingt vielversprechend, schliesslich ist der Klub nicht nur Tabellenführer und Rekordmeister, sondern nebst den Orlando Pirates auch der einzige südafrikanische Sieger der Champions League. Trotzdem lockt die Partie gegen Polokwane City lediglich 5450 Zuschauer ins Loftus-Versfeld-Stadion. Die Gründe dafür finden sich in den gestiegenen Ticketpreisen und der hohen Preiselastizität im südafrikanischen Fussball. Seitdem die Tore auch bei grossem Andrang nicht nach einiger Zeit geöffnet werden, meidet eine Mehrheit der Fans den Stadionbesuch. So ist in der imposanten WM-Spielstätte von 2010 mit den Bulls denn auch das Rugbyteam Pretorias deutlich präsenter. Immerhin benötigt die Schiedsrichterin beim chancenarmen 0:0 für die Annullierung des vermeintlichen Siegtreffers der Sundowns derart viel Zeit, dass wir dennoch in den Genuss eines ausgelassenen Torjubels in Gelb-Grün kommen.

Die Hauptstadt Südafrikas ist wesentlich sicherer als ihr Nachbar Johannesburg und verfügt etwa mit den Union Buildings, dem halbjährigen Regierungssitz, auch über konkrete Sehenswürdigkeiten. Nichtsdestotrotz müssen wir nach einem kurzen Fussmarsch im Quartier Sunnyside bei einem aus den Hosentaschen eines Einheimischen gekramten Messer erkennen, dass das einstige Studentenviertel seinem Namen kaum mehr gerecht wird und mit der «University of South Africa» eine der weltweit grössten Universitäten scheinbar zurecht mit Zahlungsschwierigkeiten zu kämpfen hat.

Auch in den Folgetagen ist uns das eingangs erwähnte Spielplan-Glück nicht hold: Der Fussballverband von Lesotho vertagt kurzfristig eine gesamte Runde der nationalen Liga und nimmt stattdessen eine Einladung der «Bafana Bafana» für zwei Testspiele im Zuge deren Vorbereitung für den Afrika Cup an. Ein Glück bietet der Süden Afrikas auch ohne Fussball weit mehr als Rooibos-Tee, Loadshedding und als Bäume getarnte Mobilfunkmasten.


Orlando Pirates - Stellenbosch FC

Der Pager des Taxis piept, als wir über die Brücke fahren. Es handelt sich um eine Gefahrenwarnung und zugleich das Signal, dass wir in Soweto angekommen sind. Die Gegend im Südwesten von Johannesburg ist ein Zusammenschluss im doppelten Sinne: In der Kurzform für «South Western Townships» als auch in ihrer Entstehung in den 1960er-Jahren, als die südafrikanischen Behörden Grossteile der schwarzen Minderheit aus den Armensiedlungen der Industriemetropole in die Agglomeration verfrachteten.

Seit dem Schüleraufstand gilt Soweto als Zentrum des Widerstandes im langwierigen Kampf gegen die Apartheid. Auf Basis des auf parallelgesellschaftliche Strukturen ausgerichteten «Bantu Education Act» sollte 1976 das von europäischstämmigen Buren gesprochene «Afrikaans» als verbindliche Unterrichtssprache eingeführt werden. Die schwarze Schülerschaft sah darin Schikane durch die weisse Herrschaftsschicht sowie eine systematische Reduktion der Entwicklungsmöglichkeiten auf dem weiteren Bildungsweg. Das anschliessende «Soweto Uprising» hatte zahlreiche Todesopfer zur Folge und führte zu landesweiten Protesten gegen die rassistische Bildungspolitik. Das Mahnmal zu Ehren des damals von der Polizei erschossenen 12-jährigen Hector Pieterson steht bis heute sinnbildlich für den unheilbaren Schmerz und das Vergiessen von Blut und Tränen am Ort der Geschehnisse.

Doch Soweto steht auch für Zugehörigkeit, Zusammenhalt und Respekt. In der Sprache der Zulu ist dieser Lebensphilosophie mit «Ubuntu» gar ein eigenes Wort gewidmet. Das erfahren wir von «Coconut» Linda, der uns ausnahmsweise auch in seine Heimat, das von Touristen sonst unberührte «Deep Soweto», führt. Sein richtiger Name sei deutlich länger und seinen Spitznamen verdanke er seinen Freunden, die ihn aufgrund seiner Guide-Tätigkeit als «aussen schwarz und innen weiss» mit der Steinfrucht vergleichen.

Für Linda ist drei Jahrzehnte nach dem Ende der Apartheid aber nicht die einstige Oppression, sondern das eigene Versagen rund um Nepotismus, falsche Versprechen und gierige Bauherren der Hauptgrund, dass der Fortschritt in der Gegend ausbleibt. Viele junge Menschen hätten deshalb das Vertrauen verloren und sich von der Politik abgewendet. Auch heute noch sei es in Soweto ein gefährliches Unterfangen, sich gegen die Obrigkeit zu stellen. «Unbeschwert ist hier einzig das Kinderlachen», lässt unser Guide – ein Verfechter der herrschenden Selbstjustiz – einblicken. Gefährlich wird es, wie überall in Südafrika, jeweils in der Nacht und besonders in den ärmsten Townships, den «Informal settlements».

Stolz sind die Bewohner Orlandos, dem ältesten aller 41 Viertel in Soweto, hingegen auf das Orlando Stadium. Renoviert für die Weltmeisterschaft 2010 und als Ausweichspielstätte angedacht, beherbergte es die Eröffnungszeremonie sowie vereinzelte Trainingseinheiten. Zuletzt bis auf den letzten Platz gefüllt war die 40’000-Plätze-Baute 2018 anlässlich der Beerdigung von Nelson Mandelas zweiter Frau Winnie Madikizela. Noch immer schwingen im Namen des aus Soweto stammenden Freiheitskämpfer und ersten schwarzen Präsidenten Südafrikas Hochachtung und Wehmut mit.

Vor dem Stadion des ältesten Verein des Landes grasen wenige Minuten vor Anpfiff entspannt einige Kühe. Zum von Linda angepriesenen «Slaughterhouse» wird die Spielstätte an diesem Abend beim Auftritt gegen den Stellenbosch FC einzig aus Sicht der Hausherren: Innert acht Minuten verspielen die Orlando Pirates eine 2:0-Führung und müssen zusehen, wie die Gäste beim 2:3 alle drei Punkte in die Wein-Hauptstadt Südafrikas entführen.

Ob der Niederlage gross verärgert scheinen die 6000 Zuschauer aber nicht. Für sie geht die Verbundenheit zu den «Buccaneers» weit über den Spieltag hinaus. So tanzen die Fans bereits während der Partie nicht selten mit dem Rücken zum Spielfeld und singen melodische Lieder. Nur beim Soweto-Derby gegen die Kaizer Chiefs aus Orlando West dürfte für die Pirates aus Orlando East auch die Ausbeute im Zentrum stehen.


US Catanzaro - Cosenza Calcio

«Non ha un orario» heisst es, als ich an der Bar im Bahnhofsgebäude von Catanzaro Lido nach einer Verbindung in die Stadt frage. Aber ich hätte Glück, bald würde ein Bus fahren, ergänzt die ältere Dame hinter dem Tresen ob meines irritierten Gesichtsausdrucks. Seit dem Ausfall der Schmalspurbahn vor einiger Zeit wird die 85’000-Einwohner-Gemeinde an den Hängen dreier Hügel nur noch unregelmässig und von Bussen bedient. «Bald» bedeutet in diesem Fall eine gnädige halbe Stunde Wartezeit, dann geht’s vom Bahnhofsvorplatz aus hoch nach Catanzaro. Die Fahrt von der Stiefelsohle Italiens auf über 340 Höhenmeter bietet nicht nur wegen Aussicht auf das Ionische Meer eine gehörige Portion «Italianità». Viel eher zeichnen meine Sitznachbarn dafür verantwortlich: ein zahnloser Mittfünfziger-Ultra sowie ein versiffter Typ mit Rasta-Frisur, der sein fussballfanatisches Gegenüber in ein Gespräch zu verwickeln versucht. Dieser entgegnet kein Wort, scheint bisweilen aber zu nicken, was allerdings auch an den zahlreichen Schlaglöchern liegen könnte – zumindest genügt es dem Rasta-Mann, um seinen gesellschaftskritischen Monolog bis zur Endhaltestelle fortzuführen.

Das wohlige südländische Lebensgefühl übermannte mich bereits am frühen Morgen, als ich in Lamezia zu meinem Cappuccino ein mit Zucker überzogenes Cornetto ass, während auf dem Röhrenfernseher in der Ecke die Zusammenfassung des letzten MotoGP-Rennens lief. Die kalabrische Morgensonne verlieh dem vergilbtem Gelbton des Bahnhofsbistro neuen Glanz, während auf dem Perron zwei Senioren abwechselnd den Nasenschleim hochzogen und husteten. Ein leerer Estathé-Eistee im Trassee liess mich in Erinnerungen an laue Sommerabende schwelgen, bis das Bimmeln die Einfahrt des Triebwagens ankündigte und mich aus dem Träumen riss. Im Inneren des Zuges bot sich ein Bild, das zugleich vertraut und vernachlässigt wirkte: abgewetzte Sitzpolster und dreckige Scheiben, welche die vorüberziehende Landschaft nur schemenhaft erkennen liessen. Eine im Fahrtrhythmus schwingende Abteiltüre ergänzte das monotone Brummen des Dieselmotors. Bei jedem Halt flog zudem die Fahrerkabine auf und der rauchende Lokführer vergewisserte sich, dass er weiterfahren konnte.

Im Norden der kalabrischen Hauptstadt steht mit dem Stadio Nicola Ceravolo eine der ältesten Sportstätten Italiens. Historisches trug sich hier jüngst auch mit dem Aufstieg in die Serie B zu, in der die Gastgeber in ihrer Premieren-Saison das Publikum mit überraschenden Siegen verzücken. All dies just in dem Jahr, in welchem die Ultras Catanzaro ihr 50-jähriges Bestehen zelebrieren. Diese luden wenige Wochen zuvor zu grossen Feierlichkeiten in der Innenstadt und begrüssten dabei nebst den beiden Gemellaggi aus Florenz und Brescia auch Vertreter der Amicizie aus Siracusa, Milano (Inter), Locri, Potenza, Barletta und Salzburg.

Die erwartete Choreografie zu einem halben Jahrhundert «Ultrà» in Catanzaro blieb an diesem Wochenende allerdings aus und folgte stattdessen zum Jahresende gegen Brescia. Auch sonst fehlten dem ersten kalabrischen Derby in der Zweitklassigkeit seit 33 Jahren die ganz grossen Emotionen. Nichtsdestotrotz spürten – besonders nach den Toren – die 13’382 Zuschauer bis auf die hinter der Gegengerade neugebauten Palazzina, welches Potenzial in der «Curva Ovest Massimo Capraro» schlummert.

Italiens Beobachtungsstelle für Sportveranstaltungen hatte das Spiel auf die Risikostufe 3 gesetzt, sodass aus Cosenza lediglich 750 Gästefans mit Tessera-Verpflichtung nach Catanzaro reisen durften. Die Curva Nord boykottierte daraufhin das Auswärtsspiel, während die Gruppen aus der Curva Sud mittels einer «Entrata» zum Anpfiff Geschlossenheit demonstrierten. Nicht nur auf dem Rasen ging das Lokalduell zwischen den Adlern (Aquile) und Wölfen (Lupi) mit 2:0 an den Gastgeber, auch auf den Rängen liess Cosenza nebst einer kleinen Tifo-Einlage etwa bei den Spruchbändern Kreativität vermissen.

Da meine Mitfahrgelegenheit für den Rückweg kurzfristig platzte (hier nachzuhören) und am Sonntagabend natürlich kein Bus mehr fuhr, war guter Rat plötzlich teuer, um rechtzeitig für die letzte Zugverbindung an die Küste zu gelangen. So fragte ich mich auf der Medientribüne nach einem Chauffeur durch und wurde bei Francesco Squillace fündig, der mich nicht nach Catanzaro Lido, sondern gleich bis ins Nachtquartier nach Lamezia fuhr. Für Squillace, der als Schiedsrichter-Beobachter für die «L’Associazione Italiana Arbitri» (AIA) arbeitet, bedeutete dies nur einen kleinen Umweg auf seinem Weg ins Hotel am Flughafen, musste der Herr doch am Folgetag die Unparteiischen beim Aufeinandertreffen zwischen Hellas Verona und Lecce observieren. Für seine Fahrt bis vor meine Unterkunft wollte ich ihm einen 20-Euro-Schein in die Hand drücken – doch der ehemalige Serie-A-Schiedsrichter lehnte vorbildlich ab.


Kosovo - Belarus

Die Augen tränen im Zigarettenrauch, leere Bierflaschen stehen auf den Tischen, an den Balken unter der Dachschräge hängen Fotocollagen vergangener Auswärtsfahrten und in den Fenstern Fussballtrikots aus aller Welt. Als einzige Lichtquelle fungieren zwei Fernseher, auf denen das EM-Qualifikationsspiel zwischen der Schweiz und dem Kosovo flimmert. Plötzlich wird es laut: Der Aussenseiter gleicht zum 1:1 aus. Das Tor in der Schlussphase wird von den Vertretern der «Dardanet», die nicht nach Basel gereist sind, gebührend gefeiert. Die beiden Schweizer in der Ecke des Fanlokals unter der Tribüne des Nationalstadions in Pristina werden verschmitzt angegrinst. Wir können es verkraften, der Punktgewinn des Kosovo ist verdient und im Gegensatz zu uns nehmen Länderspiele bei den Ultras der kosovarischen Nationalteams als Zeichen der Unabhängigkeit eine ungleich gewichtigere Rolle ein.

Der Kosovo, der im Februar 2008 nach langen Auseinandersetzungen seine Unabhängigkeit von Serbien erklärte, steht im Zentrum historischer und kultureller Spannungen zwischen Serben und Albanern. Für Serbien gilt er als Wiege der Nation und der serbisch-orthodoxen Kirche, geprägt durch den Mythos um die Schlacht auf dem Amselfeld und bedeutsame Kulturstätten, während sich die demografische Zusammensetzung unter osmanischer Herrschaft signifikant zugunsten der Albaner veränderte. Unter Josip Broz Tito genoss der Kosovo in Jugoslawien den Status einer autonomen Provinz, allerdings ohne vollständige Gleichberechtigung im Vergleich zu anderen Teilstaaten. Parallel zum Balkankrieg eskalierte zwischen Februar 1998 und Juni 1999 der Kosovokrieg zwischen der paramilitärischen Organisation «Befreiungsarmee des Kosovo» (UCK) und lokalen serbischen Milizen sowie Überbleibsel der jugoslawischen Volksarmee. Der blutige Konflikt endete mit NATO-Interventionen, hinterliess ungeklärte Gräueltaten und mit Mitrovica auch eine geteilte Stadt im Norden des Kosovo. Auch nach dem Kriegsende bleibt der Status des Landes international umstritten. Die Übernahme des Euros – obschon weder Mitglied der Europäischen Union noch der Währungsunion – ist Sinnbild eines verlagerten Schauplatzes des weiterhin tief verwurzelten Konfliktes. Nebst Preisstabilität und Verringerung der Transaktionskosten ist die Forcierung des Euros als einziges Zahlungsmittel nämlich ein Vorgehen, um serbische Menschen im Norden, die noch immer mit Dinar zu zahlen, schrittweise aus dem Land zu vertreiben.

Aufgrund der Kriegshandlungen Ende der 1990er-Jahre ist «Prischtin», wie die lokale Bevölkerung ihre Heimat ausspricht, nebst dem Skanderbeg-Platz oder der Nationalbibliothek rar an Sehenswürdigkeiten und erinnert beispielsweise in Form der Bill-Clinton-Statue immer wieder an die bewegte Vergangenheit des jungen Staates. Verlässt man hingegen das Zentrum, wähnt man sich in einem Städtebauspiel, bei dem in wirrer Anordnung Autohäuser und Privatkliniken neben Schönheitssalons aus dem Boden schiessen, auf denen in deutscher Sprache für Haartransplantationen geworben werden.

Mit dem Fadil-Vokrri-Stadion bekam auch das Nationalstadion erst vor wenigen Jahren einen modernen Anstrich verpasst. Seinen Namen verdankt es einem einstigen Spieler des FC Pristina. Der Rekordmeister ist das einzige Team auf dem jetzigen Gebiet des Kosovo, das je in der höchsten jugoslawischen Liga mitspielte. In der vergangenen Saison zählte der Klub als Fünfter allerdings nicht zum Quartett, das seine Qualifikation für die europäischen Klubwettbewerbe allesamt im einzigen tauglichen Stadion des Landes austragen musste. Mit dem FC Ballkani gelang dem kosovarischen Meister im Exil der Hauptstadt gar der Einzug in die Gruppenphase der Conference League.

Auch heute ist Pristina Schauplatz eines internationalen Duells – wenn auch nur in Form einer Kehrauspartie im Dauerregen. 5’026 Zuschauer sehen auf tiefem Geläuf kaum zählbare Aktionen des Gastgebers, sodass der Kosovo die EM-Qualifikation mit einem 0:1 gegen das ebenfalls bereits ausgeschiedene Belarus beschliesst. Für den grössten Aufreger bei unserem Duo, das in pinken Ponchos auf der unüberdachten Gegentribüne verharrt, sorgen die LED-Banden am Spielfeldrand, die sowohl von einem Amateurfussballklub (KF Dardania) als auch einem Taxiunternehmen aus St. Gallen mit kosovarischen Wurzeln bespielt werden.


Nordmazedonien - England

«Thank you for making my life easier», antwortet die Frau hinter dem Pub-Tresen auf das Trinkgeld für Pint Nummer drei. Längst hat sie unser Duo als einzige Verbündete in einer Schar noch trinkfreudigerer Briten ausgemacht. Sie heisst aber nicht etwa Amy oder Ashley, sondern Anastasija. Und draussen liegt auch nicht das East End von London, sondern Skopje, obschon zahlreiche rote Doppeldeckerbusse die Illusion wahren, dass zumindest an diesen Tagen die britische Hauptstadt auf die Balkanhalbinsel verlegt wurde.

Tatsächlich kam Skopje nach der Unabhängigkeit 1991 als Zentrum der südlichsten aller ehemaligen Teilrepubliken Jugoslawiens unerwartet der Titel «Hauptstadt» zuteil. Der Zerfall des Vielvölkerstaats läutete für das Land zugleich den Streit um die eigene Identität ein: Im Norden kam es zum Konflikt mit der albanischen Minderheit, im Süden warfen die Griechen den Mazedoniern die unrechtmässige Namensnutzung vor. So verwendete Mazedonien im internationalen Schriftverkehr die Bezeichnung «Frühere Jugoslawische Republik von Mazedonien», um eine Abgrenzung zum auf griechischem Territorium liegenden antiken «Königreich Makedonien» zu schaffen. Die beharrlichen Proteste der Griechen zeigten auch Jahre später Wirkung: 1995 verschwand mit dem «Stern von Vergina» das Emblem der makedonischen Königsdynastie aus der Flagge, ehe 2019 schliesslich die Umbenennung in «Nordmazedonien» erfolgte – auch weil das strukturschwache Land politisch weiter in Richtung Europäische Union schielt.

Nicht minder Polemik entfachte das innenpolitische Programm «Skopje 2014», unter dem im vergangenen Jahrzehnt das gesamte Stadtzentrum mit Statuen, Denkmälern und prunkvollen Neu­bau­ten versehen wurde. Sinnbild für den abstrusen Drang der Vereinnahmung gesamtjugoslawischer Kulturgeschichte zur Sicherung der territorialen Relevanz stellt das zweigeteilte Piratenschiff auf dem Fluss Vardar dar. Dabei ist die 525’000-Einwohner-Stadt auch ohne Neubauten und trotz starkem Smog sehenswert: Die muslimisch geprägte Altstadt, der Basar, die Festung Kale, das Erinnerungshaus von «Mutter Teresa», die Stein­brü­cke oder das gigantische Gipfelkreuz auf dem Hausberg Vodno laden zu einem Besuch ein.

Zurück in der Bar: Rund um den Tresen stehen einige Engländer aus Wigan, deren grösser werdender Gesprächslaune weder Anastasija noch wir ausweichen können. Die Gruppe hat von Vardar Skopje oder dem FK Shkupi noch nie etwas gehört, von den Gruppierungen «Komiti» und «Ultras Shvercerat» ganz zu schweigen. Ein Ticket für das Spiel haben die Jungs bisher ebenfalls nicht, doch Skopje sei auch «fucking brilliant», wenn sie das Spiel nur aus dem Pub mitverfolgen könnten. Tatsächlich sind es stattdessen wir zwei, die am späten Abend plötzlich von zehn Komiti-Leuten durch Nebenstrassen verfolgt werden und nur dank der deutschen Sprache und einigen Bildern aus dem Fanprojekt der befreundeten Schalker – bei dem ich einen Monat zuvor mit meiner Indonesien-Vortragsreihe gastierte – einer zünftigen Abreibung entkommen.

Den Part des zwölften Mannes, der bei Länderspielen Nordmazedoniens auf den Rängen fehlt, übernimmt der Schiedsrichter mit mehreren grosszügig ausgelegten Foulpfiffen und Vorteilsituationen sowie zwei umstrittenen VAR-Entscheiden. So führen die Gastgeber dank eines Penaltys zur Pause, bei Spielende steht es 1:1 – nach der Einwechslung von Harry Kane dauert es keine 20 Sekunden, ehe der Bayern-Stürmer massgeblich am Ausgleich beteiligt ist. Nichtsdestotrotz wird der Punktgewinn zum Abschluss der verpassten EM-Qualifikation von den 27’982 Zuschauern in der Toše-Proeski-Arena, die noch immer das Branding des Uefa-Supercup-Finals von 2017 aufweist, gebührend gefeiert.


FC Blau-Weiss Linz - Linzer ASK

Für den Mäzen Franz Grad ist es im Mai 1997 die optimale Gelegenheit, um aus der Not eine Tugend zu machen: Durch die Fusion seines FC Linz mit dem Linzer ASK zum «LASK Linz» korrigiert der Speditionsunternehmer nicht nur die finanzielle Schieflange zweier Klubs, sondern ebnet zeitgleich den Weg für eine neue Fussball-Grossmacht in der Stahlstadt. Allerdings nur vermeintlich: Der FC Linz wird vom Erzrivalen fast vollständig geschluckt, übrig bleibt nebst viel Hohn aus dem schwarz-weissen Fanlager einzig das Bundesleistungszentrum des FCL sowie eine verärgerte Anhängerschaft.

Noch Mitte der 1970er-Jahre hatte sich der FC Linz als Verein der Vereinigten Österreichischen Eisen- und Stahlwerke (VÖEST) unter dem Namen SK VÖEST Linz im Europapokal der Landesmeister mit dem FC Barcelona duelliert. Auf die sportliche Hausse folgte der schleichende wirtschaftliche Niedergang, der auf die immer geringer ausfallende finanzielle Unterstützung seitens der in die Krise gerutschten VÖEST zurückzuführen ist. Ein Schicksal, das kurz vor der Jahrtausendwende auch dem traditionsreichen SV Austria Tabak widerfährt. So rufen am 1. August 1997 drei Fans des FC Linz gemeinsam mit dem angeschlagenen Werksverein der Linzer Tabakwerke den FC Blau-Weiss Linz ins Leben. Das «Joint Venture» oder die «Notgeburt» – wie sich der Klub mittlerweile selbst bezeichnet – startet mühselig in der Viertklassigkeit und verbringt zuletzt sieben Jahre im österreichischen Unterhaus, ehe der blau-weisse Phönix dank des dramatischen Last-Minute-Aufstiegs im vergangenen Sommer endgültig aus dem «Stahlbad» in die Bundesliga emporsteigt.

Unterstützt von Fans der Stuttgarter Kickers sowie vereinzelten Rapidlern lanciert der blau-weisse Mob den geschichtsträchtigen Spieltag symbolisch an der Tabakfabrik. Ein gelungener «Steel Nr. 1» Spruchband-Konter in Bezug auf die damit geleakte Choreografie der Gäste sowie eine zweiteilige Aktion in Anlehnung an die Filmreihe Star Wars – anlässlich der nach der Pause gar Ausserirdische auf dem Dach des Möbelhauses landen – lassen dem Heimanhang zwar keinen perfekten, aber doch authentischen Auftritt attestieren. Auf der Gegenseite demonstrieren die in Schwarz gekleideten LASK-Fans zwar optisch eine Einheit, vermögen nebst der angesprochenen Choreografie aber kaum zu überzeugen.

Auch auf dem Rasen behalten die Blau-Weissen im ersten Stadtderby auf höchster Stufe die Oberhand. Beim 2:0 bescheren Altmeister Ronivaldo sowie ein Sonntagsschuss von Stefan Feiertag dem Gros der 5’595 Zuschauern den lang ersehnten Freudentag. Passend dazu erklingen nach dem Schlusspfiff Udo Jürgens’ Worte aus «Immer wieder geht die Sonne auf» im Donauparkstadion: «Wenn das Schicksal uns etwas nimmt, vertraue der Zeit.»