Persijap Jepara - Madura United

Roadtrip mit Fahrer Tito, Radhifan und Getek – wie im Oktober 2024 bin ich mit Leuten aus dem Kern der Brigata Curva Sud unterwegs. Unweit von damals, als wir Partien in Kudus, Pati und Tuban ansteuerten, geht es diesmal nach Jepara zum Aufsteiger aus der Stadt in der Provinz Zentraljava. Sie liegt an der Nordküste, nordöstlich von Semarang und unweit des Vulkans Muria und ist bekannt für ihre Teakholzschnitzkunst. «Jeporo», wie die Stadt auf Javanisch heisst, hat 85’000 Einwohner und verdankt ihre Bekanntheit primär dem Umstand als Geburtsort von Kartini, einer Pionierin der Frauenrechte und indonesischen Nationalheldin.

Am Stadion begrüsst uns das Broadcast-Team aus Sleman, darunter einige bekannte Gesichter, welche die Übertragung für den Streaminganbieter koordinieren. Meine Besatzung hätte damit dank einiger Akkreditierungen der Kollegen problemlos Zugang zum Spiel, entscheidet sich aber dennoch gegen einen Spielbesuch und überlässt mich den Händen der Fotografen des Curva Nord Syndicate, der heimischen Fanszene.

Ein Besuch hier war mir nicht nur wegen der Fanszene ein Anliegen gewesen, sondern auch aufgrund des Stadions, wenn auch dieses seit dem Aufstieg und der Renovation an Charme eingebüsst hat und nun optisch irgendwo zwischen jenen in Bali und Pescara liegt.

Mit einem von Sleman inspirierten Liedgut und einer allgemein gelungenen Nachahmung der Brigata Curva Sud wird die Fankurve Jeparas von einer ziemlichen Euphorie durch die erste Spielzeit im Oberhaus nach 11 Jahren getragen, auch wenn die Mannschaft sportlich um den Klassenerhalt kämpft. Mit Madura von der gleichnamigen Halbinsel ist ein unattraktiver Gegner zu Gast, dennoch sind in meinen Augen deutlich mehr als die offiziell angegebenen 4’758 Zuschauer vor Ort. Sie sehen eine solide erste Halbzeit des Gastgebers, der dank eines Eigentors den Abend mit einem 1:0 schliesslich gar siegreich zu gestalten vermag.


Matahari FC - Guyub Jaya FC

Am Ursprung dieses Spielbesuchs steht ein kräftiger Windzug. Er hatte mir, auf dem Rücksitz eines Mofas sitzend, die Kappe vom Kopf geweht, weshalb Liston, mein «Orang Dalam» (Insider) in den Fankreisen von Sleman, kurzerhand kehrt machte. Als ich sie von der Strasse auflese und den Staub abklopfe, erblicke ich zwischen den Häusern einen Fussballplatz mit zwei Mannschaften darauf – eine seltene Chance auf eine Portion indonesischen Amateurfussballs, dessen Paarungen auf dieser Stufe im Internet jeweils nur schwer zu recherchieren sind.

Die Umstände sind günstig, das Testspiel hat eben erst begonnen. Liston verabschiedet sich, während ich spontan als einer der 20 Zuschauer dem Treiben beiwohne. Auf dem holprigen Platz stehen sich der Matahari FC und der Guyub Jaya FC gegenüber. Die Gastgeber tragen den Namen der grössten indonesischen Warenhauskette und wurden von einstigen Mitarbeitern gegründet. Der Name des Kaufhauses geht auf die niederländische Tänzerin Mata Hari zurück, deren Name «Auge des Tages» bedeutet, was in der indonesischen Sprache für die Sonne steht. Mata Hari war in der Zeit vor und während des 1. Weltkriegs als exotische und exzentrische Künstlerin berühmt und wurde aufgrund ihrer Spionagetätigkeit für die Deutschen 1917 wegen Hochverrats hingerichtet.

Über die Gäste kann ich wesentlich weniger in Erfahrung bringen, ausser dass ihr Name übersetzt für «Erfolgreiche Gemeinschaft» steht. Dies spiegelt sich auf dem Lapangan (Feld) Kentungan – der indonesische Name für eine Schlitztrommel – in Condongcatur, einem Quartier im Norden von Jogjakarta, nur bedingt wider: Zwar geht Guyub Jaya in Führung, mit 3:1 Toren entscheidet Matahari die Partie am Ende aber doch verdient für sich.


PSM Makassar - Semen Padang

Ein bisschen stolz war ich schon auf mich. Ich hatte es tatsächlich wie die Indonesier gemacht und meinen Flug nach Makassar erst sehr kurzfristig gebucht, auch wenn die Spielpläne im südostasiatischen Inselstaat mittlerweile erstaunlich stabil sind. Selbst für die vierstündige Fahrt von Makassar der Küste entlang zum Spielort in Parepare und zurück hatte ich mir bis kurz vor der Abreise keine Gedanken gemacht. Tito würde mir dann schon aushelfen. Und tatsächlich organisierte mir das inoffizielle Oberhaupt der Anhängerschaft in Sleman in der PSM-Fanszene mit Jenar einen Kontakt, der am Flughafen in Makassar wartete und während des gesamten Aufenthalts dem «Gast der Brigata Curva Sud» zur Seite stand.

Dieser hatte an der Fight Night in Sleman im Sparring gestanden und war deshalb einigen Leuten aus den Fankreisen von PSS bekannt. Jenar sprach gut Englisch und kannte gar einige deutsche Wörter, zumal er das halbe Jahr über in der Küche eines Kreuzfahrtschiffes in Europa arbeitet. Stationiert ist er in Deutschland, und tatsächlich war der gute Herr ähnlich pünktlich wie die Züge aus seiner Halbjahresheimat. So wurde am Spieltag aus der Abfahrtszeit um elf Uhr schliesslich kurz nach zwei, dennoch blieb mit dem Anpfiff am Abend Zeit genug für die rund 150 Kilometer, die auf der einzigen richtigen Strasse in rund vier Stunden zu bewerkstelligen sind. Auf der Rückbank des kleinen Autos nahmen drei weitere Fussballfans Platz, darunter auch einer von Semen Padang, den man für das heutige Gastspiel seines Teams mitnahm. Mit feinstem Britpop ging es so gegen Norden, vorbei an Reisfeldern und begleitet vom Vape-Geruch, den sie auch hier so inbrünstig inhalieren wie den Asthmaspray.

Kaum vorstellbar, hat man an jedes Heimspiel eine solche Reise zu bewältigen. Doch es ist Realität, erst recht, seit das nach dem ehemaligen Präsidenten Bacharuddin Jusuf Habibie benannte Stadion renoviert wurde und die einstige Heimat in der Hauptstadt Makassar abgebrochen und nie wieder aufgebaut wurde. So hat sich die 160’000-Einwohner-Stadt Parepare zum fussballerischen Zentrum Sulawesis gemausert.

Pünktlich zum Anpfiff setzt der in dieser Jahreszeit gängige Monsun ein, der die bereits triste Atmosphäre auf einen fast schon spöttischen Tiefpunkt senkt. PSM, zuletzt mit fünf Niederlagen, war noch 2023 Meister, hinkt derzeit den Erwartungen aber weit hinterher. Ein Platz im hinteren Tabellenmittelfeld ist für den «Juku Eja», den roten Fisch, deutlich zu wenig. Mit seinem durch die niederländische Kolonialherrschaft verliehenen Gründungsdatum 1915 gilt er als ältester Fussballklub des Landes und längst als Institution. Zum Duell zwischen dem 13. und dem 17. an einem Montagabend kamen schliesslich gerade einmal 1’035 Zuschauer, nebst der Distanz unter der Woche auch der sportlichen Bedeutungslosigkeit geschuldet. Diese verteilten sich zu allem Übel noch auf vier Stimmungskerne, wobei die kleine Schar schwarz gekleideter PSM-Fans hinter dem Tor beim 0:0 noch den besten Eindruck hinterliess. Für das bescheidene Remis gegen die Gäste aus Sumatra bekam die Mannschaft nach Abpfiff von Jenar und einigen anderen Fans auf dem Rasen noch ein paar saftige Worte mitgeteilt, ehe es für uns eher schleppend wieder zurück nach Makassar ging.

Deutlich reizvoller als der Spielbesuch ist die Natur auf Sulawesi. Nebst 16 Millionen Einwohnern beherbergt die Vulkaninsel zwischen Borneo im Westen und den Molukken im Osten auch viele unberührte Landschaften. Touristisch kaum erschlossen und wirtschaftlich eher vom Binnenhandel mit Seide geprägt, kann man etwa im Nationalpark Maros Pangkep rund um das Karstgebiet Rammang Rammang eine enorm vielfältige Flora und Fauna mit Mangroven, Makaken und Schmetterlingen bestaunen.


Exeter City - Luton Town

Stolz erklärt mir Paul, dass Exeter City neben dem AFC Wimbledon den einzigen fangeführten Profiklub in England verkörpert. Wir stehen in seinem Reich, dem Museum des Supporters Trust, und er sinniert über die historische Niederlage gegen Brasilien im Jahr 1914, die Aktion «Red or Dead» in der Saison 2003/04, als der Klub kurz vor dem Bankrott stand, oder die Tatsache, dass Exeter City den Übernamen «The Grecians» trägt, obwohl keinerlei griechischer Bezug besteht.

Am namensgebenden Fluss Exe ist man aber nicht nur wegen des lokalen Drittligisten stolz, sondern auch auf die Hauptstadt der Grafschaft Devon selbst. Angeführt von der gotischen Kathedrale besticht die 140’000-Einwohner-Stadt mit mittelalterlicher Architektur und lockt neben Touristen dank ihres guten Rufs im Bildungsbereich auch viele Studenten an, die den Sprung an eine der Londoner Eliteunis verpasst haben. Wer jugendliche Trinkfreudigkeit mit sehenswerten Gotteshäusern verbinden will, dem sei das «George’s Meeting House» empfohlen, eine ehemalige Kirche und heutiges Pub mit preiswertem Pint.

Mit dem St. James Park trägt die altehrwürdige und bislang einzige Heimat von Exeter City den gleichen Namen – allerdings ohne Apostroph – wie jene von Newcastle United. Mitten in der Stadt gelegen, zählt das Stadion für mich zu den schönsten des Landes und bietet gleich mehrere Blickfänge: die Backsteinhäuser hinter dem Gästesektor, die trapezförmige Stehtribüne mit ihren markanten Wellenbrechern oder die Reihenhäuser des Stoke Hill. Letztere sind sichtbar, weil die nach dem früh verstorbenen Exeter-Spieler Adam Stansfield benannte Tribüne nur bis zur Mittellinie reicht, zumal direkt dahinter die Gleise verlaufen.

Platzknappheit herrscht in Exeter auch an der Seitenlinie. Die Coachingzonen trennen kaum einen Meter, die kleinen Ersatzbänke liegen gar aneinander. Sicher nicht das Setting, das sich Luton-Trainer und Ex-Nationalspieler Jack Wilshere zu seinem 34. Geburtstag gewünscht hat. Auch die Ränge sind dicht besetzt: 7’912 Zuschauer sind anwesend, darunter knapp tausend Gäste, deren Lieblinge sich überraschend passiv präsentieren. So holt Exeter dank dem 1:0 kurz nach der Pause wichtige Punkte im engen Abstiegskampf der League One.


Yeovil Town - Eastleigh FC

«It’s a freezing cold Tuesday night, but where would you rather be than at Huish Park?» Mit dieser Frage begrüsst der Stadionsprecher die Anwesenden kurz vor Anpfiff, und ich bin nicht sicher, ob in seiner Stimme nicht auch ein leiser Funken Sarkasmus mitschwingt. Zumindest mir fallen einige Orte ein – doch wer freiwillig bereits zur gleichen Jahreszeit in Grimsby oder Scunthorpe unterwegs war, für den galt auch der Besuch in Yeovil nur als Frage der Zeit.

Zugegeben: Die 50’000-Einwohner-Stadt im Südwesten Englands, gelegen am Zusammenfluss von Yeo und Parrett, ist tatsächlich ein besonders karger Ort. Auch dem lokalen Fussballklub, dessen krächzende Hymne nun durch die Lautsprecher im schummrigen, orangenen Licht der Tribünen schallt, haftet etwas Überholtes und leicht Verwahrlostes an. Da hilft auch das neue Logo nicht, das sich die «Glovers» vor knapp zwei Jahren verpasst haben. Ihr Name geht übrigens auf die Handschuhfertigung zurück, die man an diesem Abend tatsächlich gut gebrauchen kann.

Wesentlich bekannter ist die Stadt in Somerset allerdings für ihr Helikopterwerk. Auch die heutigen Gäste aus Eastleigh haben mit der Supermarine Spitfire eine Verbindung zur Aviatik – sie tragen sie im Logo, da in Hampshire die ersten Testflüge des bekannten Jagdflugzeuges unternommen wurden. Ähnlich angriffig gibt sich der kleine Casual-Mob aus Halbstarken, der auf der unüberdachten Hintertortribüne den Kern des kleinen Gästeanhangs ausmacht und das Mittelfeldduell zwischendurch mit einer blauen Rauchsäule garniert.

2014 noch in der zweitklassigen Championship aktiv, fand sich Yeovil Town ein Jahrzehnt später in der 6. Liga wieder, hat sich mittlerweile aber wieder in der fünftklassigen Conference National eingenistet. Im Huish Park, benannt nach dem Quartier, in dem einst das Stadion stand, ist die Kulisse entsprechend spärlich. Lediglich 3’102 Zuschauer haben sich am westlichen Stadtrand eingefunden und werden für ihr Kommen immerhin mit einem kurzweiligen 1:1 belohnt – weil beide Teams praktisch kein Mittelfeld besitzen und qualitativ höchst bescheiden agieren.


Coventry City - Ipswich Town

Coventry City hat kein Logo, sondern gefühlt ein ganzes Geschichtsbuch auf der Brust: Ein Elefant, der auf einem hellblauen Ball balanciert und eine Burg auf dem Rücken trägt, flankiert von zwei Phönixen – einer von ihnen erhebt sich aus der Asche. Dazu die Farben Rot, Weiss und Schwarz.

Ebenso bewegend wie das Klubwappen ist die Geschichte der zehntgrössten Stadt Englands. Während des Zweiten Weltkriegs wurde Coventry durch die deutsche Luftwaffe beim Coventry Blitz schwer beschädigt. Auch die Kathedrale der knapp 350’000 Einwohner zählenden Stadt im Zentrum Englands wurde zerstört. Dennoch ist man stolz: Gerade aufgrund dieser Kathedrale darf man sich «City» nennen – im Unterschied zu Gegner Ipswich, das mit seiner Kirche nur eine «Town» ist.

Coventry City beschliesst gegen Ipswich Town ein verrücktes Jahr: Nach einer Vergangenheit mit Heimspielen im Exil von Northampton und Birmingham ist man in diesem Sommer endlich Eigentümer des Stadions im Norden der Stadt geworden. Zwar scheiterte Coventry im Playoff-Halbfinal am Aufstieg in die Premier League, doch als souveräner Tabellenführer tritt man in der aktuellen Spielzeit abermals zum Spitzenspiel gegen den Drittplatzierten an – mit satten 13 Punkten, die vor Anpfiff zwischen den beiden Mannschaften liegen. Entsprechend ausgelassen ist die Stimmung im markanten Anbau des Stadions, der als Trinkhalle genutzt wird, während im Hintergrund die Darts-WM im TV läuft. So voll besetzt ist der Raum sonst lediglich bei Konzerten.

Für die Fans der «Sky Blues» – 2018 noch viertklassig ­– ist klar, wer für den Erfolg verantwortlich ist: Frank Lampard. Der Trainer soll dem Gründungsmitglied der Premier League die lang ersehnte Rückkehr ins Oberhaus ermöglichen. Entsprechend respektvoll tritt auch Ipswich auf: Die «Tractor Boys» schinden von Beginn an Zeit, müssten sich als spielstarker Absteiger aber eigentlich nicht verstecken. Coventry findet prompt kein probates Mittel, und für die 31’213 Zuschauer ist schnell ein Schuldiger gefunden: «My dad was right, the refs are shite», hallt es durchs Rund, nachdem die Gäste mit späten Toren das 0:2 an diesem kalten Montagabend besiegeln.


Sunderland AFC - Leeds United

«Same colors as Sunderland», lautet eine beliebte Pointe aus einer Anekdote meiner Zeit im Sprachaufenthalt im Nordosten Englands. Es war die ernst gemeinte Antwort eines Newcastle-Fans auf die Frage, warum er seit vielen Jahren auf den Verzehr von Schinken verzichte.

Als Fremder dürfen einem aber beide Klubs aus der Region Tyne and Wear sympathisch sein – auch wenn das in den Augen der Bewohner hier eigentlich nicht möglich ist. Für die Menschen aus Newcastle ist Sunderland lediglich eine Haltestelle im städtischen Metronetz, für die lokalen «Mackems» hingegen ist die Industrie- und Hafenstadt an der Mündung des Flusses Wear in die Nordsee längst Lebenssinn. Der Name Sunderland geht auf das altenglische sundor-land (geteiltes Land) zurück – zwei Brücken verbinden bis heute das Zentrum der 275’000-Einwohner-Stadt mit dem Stadion.

Kaum in einem Land gleichen sich die Innenstädte und Bewohner derart wie in England – so sind wenig überraschend auch hier trotz giftiger Bise viele in kurzen Hosen unterwegs und tragen das Trikot der lokalen «Black Cats», als würde dieser Stolz allein ausreichend vor der Kälte schützen. Dabei liegt der letzte Titel von Sunderland über 50 Jahre zurück – ein Pokalsieg gegen den damaligen Krösus Leeds. Immerhin hat der Klub, dessen Besitzer der schweizerisch-französische Doppelbürger Kyril Louis-Dreyfus ist, im Sommer nach harzigen Jahren die Rückkehr in die Premier League geschafft. Die Leidensgeschichte der Fans ist auch in der Serie «Sunderland ’Til I Die» gut dokumentiert.

Zurück im Oberhaus spielt Sunderland als Siebter eine sehr solide Saison und hat jüngst auch das Derby gewonnen. Im Duell der Aufsteiger geht der Gastgeber dank eines durchdachten Passes des Schweizer Captains Granit Xhaka in Führung, während dessen Bruder Taulant einige Sitze neben mir sichtlich stolz unter den 46‘675 Zuschauern verweilt. Das Stadium of Light besitzt übrigens – sehr ähnlich wie beim Rivalen – lediglich auf zwei Seiten einen Oberrang.

In diesem sind auch die über dreitausend Gästefans untergebracht, die nach dem Seitenwechsel den prompten Ausgleich bejubeln dürfen. Auch in der Folge ist Leeds näher am Sieg, vermisst beim 1:1 aber die gewohnte Unterstützung der überraschend passiven Anhängerschaft. Allgemein wird das Stimmungspotenzial nicht abgerufen, das ich der Partie für englische Verhältnisse attestiert hätte.

Nach dem Krebs-Tod des sechsjährigen Sunderland-Fans Bradley Lowery im Jahr 2017 wurde die «Bradley Lowery Foundation» gegründet – ein Name, dem man rund um den Klub bis heute immer wieder begegnet. Spenden sind hier möglich.


Dorchester Town - Weymouth FC

Kommt es in der Grafschaft Dorset im Südwesten Englands zum «Ridgeway Derby», stehen sich die beiden Klubs aus Dorchester und Weymouth gegenüber. Gerade einmal zehn Kilometer trennen die 20‘000-Einwohner-Stadt vom deutlich grösseren und beliebten Ferienziel Weymouth.

Von der Küste hat sich denn auch eine vierstellige Anzahl Gäste auf den kurzen Weg an den südlichen Stadtrand von Dorchester gemacht, um dieses Lokalduell in der siebtklassigen Southern League Premier Division South zu verfolgen. Mit 4025 Zuschauern ist der Andrang gar so gross, dass die Partie eine Viertelstunde später angepfiffen wird. Platz bietet das sehenswerte Avenue Stadium aber ausreichend – sowohl auf der Sitzplatztribüne mit Giebeldach als auch auf den grösstenteils überdachten Stehtraversen. Nicht schlecht gestaunt habe ich, als ich an mehreren Stellen Werbung eines Schweizer Unternehmens aus meinem Arbeitsort entdeckte, das tatsächlich eine UK-Niederlassung in Dorchester betreibt und dort – wie auch in der Heimat – den lokalen Fussball unterstützt.

Eine gute Sache, denn der von den Fans geführte Verein blickt mit dem Gründungsjahr 1880 auf eine lange Tradition zurück. Im Derby erwischen die «Magpies» (Elstern) trotz der Verzögerung den besseren Start und bejubeln vor eigenem Anhang einen emotionalen Führungstreffer. Favorit Weymouth dreht die Partie jedoch mit einem Doppelschlag innert vier Minuten in der Nachspielzeit der ersten Halbzeit noch vor dem Seitenwechsel. Beim 1:2 aus Sicht von Dorchester Town bleibt es bis zum Schlusspfiff – auch, weil die Gastgeber einen Penalty verschiessen.


Omonia Nikosia - APOEL Nikosia

Nikosia liegt im Herzen von Zypern, die Metropolregion zählt über 300’000 Einwohner. In der Hauptstadt ringen traditionell zwei Klubs um die Vorherrschaft: Omonia und APOEL. Die Rivalität ist alt und tief. APOEL gilt seit jeher als nationalistisch geprägt; Ende der 1970er-Jahre entstand dort die erste Ultragruppierung der Insel. Linke und kommunistische Anhänger wurden wie an vielen Orten des Landes einst ausgeschlossen und fanden mit der Gründung von Omonia ein neues Zuhause und einen politischen sowie sportlichen Gegenpol. Während APOEL Rekordmeister und -pokalsieger ist, stellt Omonia das Team mit der grössten Fanbasis dar, mit Klubhäusern quer über die Insel und einem Logo, das stark an jenes von Panathinaikos erinnert.

Seit einigen Jahren mischt in Nikosia auch ein dritter Profiklub mit: 2018 wandte sich der Kern der Omonia-Fans vom eigenen Klub ab, nachdem die linke Partei AKEL den Verein an einen Investor verkauft hatte. Für viele vom «Gate 9» war das ein Bruch mit der eigenen Identität. So entstand der «Volkssportverein Omonia 29. Mai» – mit Sowjetstern und Ähre im Logo und einem langen Marsch durch die unteren Ligen, stets von einer aktiven Fanszene begleitet. Inzwischen spielte der Klub zwar bereits wieder eine Saison erstklassig, aber ohne eigenen Anhang und ohne eigenes Stadion: Das «Gate 9» boykottiert weiterhin die verpflichtende Fankarte, ein Dauerthema im zypriotischen Fussball.

Und genau diese Abwesenheit merkt man dem Stadtderby an. Die Heimkurve wirkt jung, motiviert, aber sie fällt schnell in sich zusammen. Meist vermag nur die Mitte der unteren Tribünenhälfte, die anfangs sehr hohe Lautstärke über mehr als eine Strophe der Lieder zu halten. Auf APOEL-Seite sieht es hingegen in optischer Hinsicht etwas mager aus: Das Gästekontingent wird seit Jahren begrenzt, der Block umfasst daher nicht die gesamte Hintertortribüne. Trotzdem schaukeln sich die Kurven weit vor Anpfiff hoch, wie es sich für ein Derby gehört. Bei Omonia, oder Omonoia, wie der Klub bei exakter Transkription der griechischen Sprache heisst, offenbaren Symbole wie die Fahne von Palästina, das Konterfei Che Guevaras oder die Flagge Chinas die kommunistische Prägung, mit der die Grün-Weissen in den Reihen von APOEL für erhitzte Gemüter sorgen.

Das Motto am Zaun wird bei Omonia bereits zwanzig Minuten vor Anpfiff enthüllt, bei APOEL wird die Zaunfahne für das Intro so vorbereitet, dass sie von den oberen Reihen der Haupttribüne aus bereits entziffert werden kann. Und doch zeigen besonders die zahlenmässig unterlegenen APOEL-Fans, warum ihre Zettelchoreos bekannt sind, während auf der Heimseite ein Chaosintro und laute Böller folgen. Die APOEL-Anhänger verweisen in einem zweiten Schritt – von Blinkern untermalt – auf das 100-jährige Vereinsjubiläum im kommenden Jahr und müssen nach wenigen Minuten durch ein Gegentor bereits einen Dämpfer hinnehmen.

Diesen verkraften sie besser als ihre Gegenseite, die vom prompten Ausgleich deutlich mehr aus dem Konzept gebracht wird. Nach dem rassigen Start mit frühen Treffern auf beiden Seiten flacht das Spiel und die Stimmung ab und steuert nach dem zweiten Treffer für Omonia auf einen Heimsieg zu, ehe das 2:2 in der Nachspielzeit das Team und die Fans von APOEL in späte Ekstase versetzt. Der Grossteil der 14’200 Zuschauer – wiederum scheint mir diese Zahl deutlich zu niedrig gegriffen – verlässt daraufhin wütend und fluchtartig über die markanten Ecktürme das Stadion.


Yenicami AK - Dogan Türk Birligi SK

Gut sichtbar am Hang des Pentadaktylos-Gebirges steht der Satz «Ne Mutlu Türküm Diyene» – auf Deutsch: «Glücklich, wer sagt: Ich bin ein Türke». Er stammt von Mustafa Kemal Atatürk, dem Gründer der modernen Türkei. Ursprünglich aus weissen Steinen gelegt, ist er heute als Schriftzug gemalt. Rechts daneben zieht sich die nordzypriotische Fahne über rund 400 Meter Breite. Bereits von der Hauptstadt Nikosia ist sie deutlich zu sehen – selbst nachts, wenn die Fahne beleuchtet wird und beim modularen Einschalteffekt zuerst die türkische Flagge im Dunkeln erscheint. Ein Schelm, wer dabei Böses denkt.

Nach der türkischen Militärintervention 1974 und der Ausrufung der Türkischen Republik Nordzypern 1983 entstand ein De-facto-Staat, der international einzig von der Türkei anerkannt ist. Bis heute ist die Besetzung des zypriotischen Nordens Thema in der Gesellschaft – nicht mehr in Form eines eskalierenden Konflikts, sondern eher als verpasste Chance, das Land wirtschaftlich und touristisch stärker zu positionieren und zu einen.

Auch kulturell ist der Grenzübertritt spürbar. Wer in der touristischen Ledrastrasse den Grenzposten von Nikosia passiert und nach «Lefkosa» schreitet, wie die Stadt im Norden heisst, bemerkt sofort die Unterschiede: Minarette mehrerer Moscheen prägen das Stadtbild, die Gassen sind enger, die Läden kleiner, und anstelle etablierter Modehäuser treten Basare und Stände mit gefälschter Ware.

Selbst ein Spielbesuch im Atatürk-Stadion am nördlichen Stadtrand erinnert stark an die Türkei. Sesamringe sind hier ebenso präsent wie die Polizei, und auf den Rängen wird lautstark Polemik geschürt. Rund 250 Zuschauer haben im weitläufigen, sehenswerten Rund Platz genommen und kommentieren jede vermeintliche Fehlentscheidung des Schiedsrichters.

Beim Duell zwischen Yenicami und Dogan Türk Birligi sind die Gäste spielbestimmend, jedoch steuert das Spiel nach einem schönen Kopfball gegen die Laufrichtung des Torhüters auf ein Remis zu. Je ein Platzverweis in der Schlussphase bringt nochmals Hektik. Die erste Rote Karte mündet nach einem Konter und einer Notbremse in der glücklichen Führung der Gastgeber. Doch mit der letzten Ecke fällt doch noch das verdiente 2:2, sodass Yenicami den erst zweiten Saisonsieg im nordzypriotischen Oberhaus knapp verpasst.