Groundhopping

Montenegro – Armenien (10.06.17)

Die Meister sind gekürt, die Spieler im (wohlverdienten) Urlaub und auch der Rasen im Stadion darf nun endlich ungestört wachsen. Die Rede ist von der alljährlichen Sommerpause. Nur im Hinblick auf die kommende Weltmeisterschaft ist noch keine Ruhe eingekehrt. Im Gegenteil, hier wird nämlich nicht ausschliesslich saisonal gekickt, sondern an gewissen Daten über das ganze Jahr hinweg.

Diese Tatsache kommt dem Stadionsammler sehr gelegen und so wurde bereits früh ein Auge auf allfällige Partien in der eigentlich spielfreien Zeit geworfen. Den Anfang macht dabei ein Ausflug über das zweite Juni-Wochenende nach Montenegro, wo Länderspiele zudem mehr ziehen als der Ligaalltag. Die passenden Flugverbindungen lieferte Wizz Air, mit einem Hinflug ab Milano und einer Rückkehr nach Memmingen zu einem akzeptablen Betrag im zweistelligen Bereich. Ein weiterer Aspekt, der für die gewählte Affiche spricht, ist die Tatsache, dass bei Länderspielen die Anspielzeit grundsätzlich nicht mehr kurzfristig und zuungunsten geändert wird. Blieb somit nur noch die Kartenfrage ungeklärt, aber auch diesem Problem konnte bereits vor Reiseantritt Abhilfe geschaffen werden. Der Vater einer guten Kollegin meinerseits weilte einige Wochen vor uns in seiner ursprünglichen Heimat und kümmerte sich um die Tickets, die wir schliesslich wie geplant am genannten Ort zu je 8 Euro Entgelt in Empfang nehmen durften. Nochmals herzlichen Dank dafür!

Der kleine Flughafen «Aerodrom» liegt etwas ausserhalb von Podgorica und der simpelste Weg in die Innenstadt ist wie so oft das Taxi, wo etwas abseits vom Hauptausgang auch für einen fairen Preis ein Fahrer gefunden werden kann. Die anschliessende Taxifahrt gehört in die Rubrik «Erzählungen an meine Grosskinder». In Schlangenlinien ging es gen Zentrum zu, wobei bei Tempobeschränkung 40 der Tacho auch gut einmal auf satte 120km/h stieg. Für den schockierten Gesichtsausdruck blieb keine Zeit, denn kurz darauf hätte die Reise beinahe im ersten Kreisverkehr ihr unschönes Ende genommen. Willkommen im Osten!

Podgorica bedeutet übersetzt «am Fusse des Hügels» und ist der Wohnort von knapp 200’000 Menschen. Bis ins Jahr 1992 hörte die montenegrinische Hauptstadt zu Ehren des Ministers Josip Broz auf den Namen Titograd, ehe sich wieder der ursprüngliche Name etablierte. Dass die Stadt beinahe keine Sehenswürdigkeiten beheimatet, rührt von den Luftangriffen im Zweiten Weltkrieg, die grosse Teile Podgoricas vollständig dem Erdboden gleichgemacht haben. Zu den wenigen Fotosujets gehören die Auferstehungskathedrale sowie der Fluss Moraca, der quer durch die Stadt fliesst. Wie im Balkan üblich präsentiert sich das kulinarische Angebot auch für das kleinere Portmonee breit und tief. Auch uns blieben grosse Portionen und üppige Lokalgerichte nicht vorenthalten.

Durch die verhältnismässig kleine Hauptstadt ist auch das Stadion in Gehnähe gelegen. Dieses besteht aus drei zweistöckigen Tribünen mit Dach sowie einer kleinen unüberdachten Gegengerade. Hier trägt normalerweise Buducnost, der grösste Club des Landes, seine Heimspiele aus. An diesem Samstag fanden sich insgesamt 6’861 Zuschauer im Rund ein. Nur gut zwei Dutzend davon dürften aus Armenien angereist sein. Auf dem Rasen entwickelte sich schnell ein einseitiges Spiel, in dem «Crna Gora» bereits nach wenigen Augenblicken der Führungstreffer gelang. Die beiden Stimmungskerne hinter den Toren freute es, darunter auch ein Herr mit Adiletten, der auf der Absperrung vom Ober- zum Unterrang umhersprang. Wird wohl gut versichert sein. Auf dem Rasen gehörte der heutige Abend nicht etwa Mkhitaryan sondern dem Star bei den Gastgebern, Stevan Jovetic, der in der Schlussphase seine Galavorstellung mit drei Treffern durch einen erfolgreichen Seitfallzieher krönte. Der Anschlusstreffer Armeniens zum 4:1 kurz vor Spielende kann als einziger Schönheitsfehler des Abends angesehen werden. Montenegro ist nach diesem überzeugenden Sieg nun Gruppenzweiter und darf sich durchaus Chancen auf eine Qualifikation für die Weltmeisterschaft ausrechnen.

Anschliessend wurde die Nacht zum Tag erklärt und Podgoricas Nachtleben von Jonathan und mir auf den Prüfstand gestellt. Das Resultat dieser nächtlichen Eskapaden waren einige wenige Stunden Schlaf sowie ein totaler Tinnitus, der mich noch fast zwei Wochen lang an den Besuch im kleinen Balkanstaat erinnerte.

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18. August 2017