Groundhopping

SSV Ulm – SSV Reutlingen (08.11.15)

Wahrscheinlich das Thema der Woche, welches auch über die Grenzen hinaus polarisiert. Der Grossstreik der GDL in Deutschland. Über mehrere Tage sollen in einem der grössten Länder von Europa die Lichter ausgehen, oder besser gesagt die Züge stehenbleiben. Unvorstellbar für viele Leute dementsprechend bröckelt auch der Rückhalt von GDL-Chef Weselsky. Das Ziel ebendieses Claus Weselsky ist es nämlich, nicht nur die Lokführer sondern auch das restliche Zugpersonal unter seine Fittiche zu bringen. Langsam dämmert es den Lokführern, die meiner Meinung nach als Mittel zum Zweck benutzt werden aber und die Kritik wird immer lauter. Ein riesiges Durcheinander bei unseren nördlichen Nachbarn also. Witz der Sache? Genau, wir wollten doch dieses Wochenende mit dem Zug nach Ulm, was bekanntlich in Deutschland liegt. Wir, dass waren an diesem Tage Luigi und Ich, sozusagen also das Andrin-unterwegs-Team.

Rückblickend sicher einer der turbulentesten Ausflüge in diesem Jahr und ich weiss gar nicht wo ich mit der „Berichterstattung“ beginnen soll. Am Besten bei der Hinreise, die ist nämlich schnell erzählt. Am Morgen wieder einmal früh das Zuhause verlassen und am Bahnhof Luigi getroffen, wo es zusammen per Zug nach Romanshorn ging. Dort stand bereits die Fähre bereit, die uns über den Bodensee in die Zeppelinstadt brachte. Am Hafenbahnhof von Friedrichshafen dann die Erkenntnis, dass der Zug an den Stadtbahnhof ausfiel, dank dem Baden-Württemberg-Ticket (27 Euro für zwei Personen) konnten wir aber auch auf den Bus ausweichen und sassen kurze Zeit später in einem der einzigen fahrenden Züge an diesem Morgen in Richtung Ulm. Den Ersatzfahrplan haben wir übrigens im Voraus gecheckt. Kurz nach zehn Uhr fuhren wir in die Stadt an der Donau ein. Da das Spiel erst um 14.30 Uhr beginnen sollte blieb noch genügend Zeit, um sich die Universitätsstadt genauer anzuschauen. Die bekannteste Sehenswürdigkeit in Ulm ist sicherlich das Münster. Mit einer Höhe von 161.5 Metern hat es den höchsten Kirchturm der Welt. Wir waren natürlich beide der Meinung da muss man rauf! Im Nachhinein frage ich mich eigentlich immer wieso. Man zahlt Geld, um eine Viertelstunde lang in schwindelerregender Höhe Wendeltreppen zu besteigen, nur um dann einen Blick auf die Stadt werfen zu können. Dieser war allerdings nicht schlecht, man sah die Donau sowie auch das Stadion. Nach dem Abstieg war jedoch insbesondere ich froh, wieder auf dem Boden zu sein, zumal mir die Höhe doch nicht sonderlich behagt.

Langsam machte sich der Magen bemerkbar und wir verpflegten uns schnell, um dann an der Donau entlang dem Stadion entgegen zu schlendern. Temperaturen und Wetter waren auch ganz ok, sodass sich das Ganze zu einem richtig gemütlichen Nachmittag entwickelte. Am Stadion dann bereits extrem viele Leute auf den Beinen. Wir sicherten uns schnell zwei Karten für die Gegentribüne, ehe man noch etwas Zeit zum Verweilen hatte. Kurz vor Spielbeginn ging es dann ins Rund, vorher mussten wir aber noch durch die Einlasskontrollen und wurden dort von einem gehässigen Bundespolizisten grundlos gestresst. Kein Wunder hasst man euch! Dafür weiss das Stadion zu gefallen, welches neben den beiden Sitztribünen auch über Stehtraversen hinter den Toren verfügt.

Angepfiffen wurde die Partie übrigens zehn Minuten später als geplant, da wie der Speaker verkündete, noch mehrere hundert Leute an den Eingängen auf Einlass warteten. Danach konnte es aber losgehen. Ulm zeigte eine Anfangschoreo in Erinnerung an den Aufstieg in der Heimstätte des Gastes, während die gut fünfhundert mitgereisten Gästefans ihre Schals präsentierten. Das Spiel dann weit weniger gehässig als die Stimmung auf den Rängen, wo Ulm mit herausfordernden Spruchbändern gegen Reutlingen nicht geizte. Auf dem Rasen ging es eine Weile bis man ins Spiel gefunden hatte und das Heimteam ging in der 40. Minute durch Manuel Hegen mit 1:0 in Führung. Nach dem Seitenwechsel waren die Gäste an der Reihe, die in der 74. Minute durch Bastian Bischoff zum verdienten 1:1 Ausgleich kamen. Als die 2’841 Zuschauer bereits dachten die Teams trennen sich mit einem Unentschieden kam der grosse Moment von David Braig, der mit dem letzten Angriff der Partie in der 93. Minute zum 2:1 für den SSV Ulm einschieben durfte. Auf den Rängen natürlich super Stimmung und niemand der sich nicht auskennt hätte gedacht, dass wir hier in der an einem Spiel der Oberliga, also der fünften Spielklasse, befinden. Ein interessantes Detail, welches es am Rande vielleicht noch zu erwähnen gibt ist die Tatsache, dass dieser 2:1 Heimsieg die achte Partie in den letzten zehn Spielen ist, die mit 2:1 an den Gastgeber geht. Definitiv Seltenheitswert!

Nach dem Schlusspfiff standen Busse bereit die uns, wie wir dachten, in die Stadt zurückbringen sollten. Glaubten wir zumindest. Schnell stellte sich aber heraus, dass dies die Busse für die Gästefans waren, die zwar eigentlich auch zum Bahnhof fahren sollten, es kam aber anders. Die gehässige Derbystimmung übertrug sich nämlich nach draussen und die Hooligans von Ulm versuchten mit verschiedenen Mobs die Reutlinger anzugreifen. Wir mitten drin! Die Polizei wusste aber von der Rivalität der beiden Anhängerschaft und war mit einem extrem hohen Aufgebot vor Ort. Normale Polizisten, Bereitschaftspolizei sowie berittene Polizei. Selten so etwas gesehen! Der eine oder andere bekam dann auch etwas Pfeffer ab, ehe sich die Busse, mit je zwei Bereitschaftspolizisten an der Tür, um einen Gegenangriff der Reutlingen zu verhindern, in Bewegung setzten. Weit kamen sie jedoch nicht, da überall kleine Grüppchen von Ulmer standen und die Busse angriffen. Irgendwann schaffte man es aber dem Ganzen zu entkommen und mit einer Polizeieskorte ging es „fluchtartig“ gegen Norden. An eine Rückkehr an den Ulmer Bahnhof war nicht zu denken, da vernommen wurde, dass Ulmer Hooligans mit Steinen auf die eintreffenden Freunde der St. Galler Szene warten würden.

Also ging es eine halbe Stunde lang durch die Provinz, ehe man an einem Bahnhof im Dörfchen Beimerstetten ausgesetzt wurde, wo man über eine halbe Stunde einfach mal am kalten Bahnhof rumstehen durfte. Ein Zug in die Heimat wäre zu schön gewesen, als nach einer halben Stunde aufgrund des Streiks überhaupt einer kam, war es uns dann auch egal, dass der Zielort ebendieses Zuges Stuttgart war. Hauptsache weg von diesem gottverlassenen Provinzkaff! Etwas mehr als eine Stunde später, mittlerweile zeigte der Handydisplay 20 Uhr, kam man am Baustellenbahnhof an und war mit den Nerven recht am Ende, zumal Stuttgart alles andere als in der Richtung von St. Gallen liegt. Die Frage war nun, ob man es überhaupt noch nach Hause schaffen würde, oder ob man ein Zimmer in Stuttgart nehmen sollte. Man entschied sich dann aber für Variante eins, aufgrund der Unpünktlichkeit der Deutschen Bahn und des Streikes eigentlich ein Kamikaze-Entscheid, trotzdem sollte es klappen. Mit diversen Umstiegen an Provinzbahnhöfen schaffte man es in sieben Stunden zurück in die Heimat, vom St. Galler Bahnhof musste allerdings gelaufen werden. Luigi, mein Kumpel hatte absolut keine Chance mehr nach Hause zu kommen und schlief darum bei mir. Kurz nach drei Uhr morgens schloss ich die Haustüre auf und wir waren beide todmüde, sodass wir schnell einschliefen.

War dies wieder einmal eine turbulente Reise! Im Nachhinein mag man drüber lachen, aber nur wer solche Dinge bereits erlebt hat weiss, wie, man verzeihe mir den vulgären Ausdruck, beschissen solche Situationen sind, in dem Moment wo man sie erlebt. Am Schluss hat sich also doch noch einigermassen alles zum Guten gewendet. Von Deutschland habe ich aber die Nase voll bis im Dezember. Dann soll es nämlich ans Frankenderby gehen und wer weiss, was da auf mich zukommt…

Tags :
8. November 2014