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VfL Wolfsburg – Hertha BSC Berlin (05.11.17)

Der VfL Wolfsburg und die Hand Gottes. Der Leser fragt sich nun, was dieser Einschub zum Beitragsanfang zu bedeuten hat. So müsste die Komplettierung der Bundesliga doch zwingend im Eingangssatz mit einer Prise an Selbstinszenierung Erwähnung finden. Aber nein, Andrin unterwegs ist auch nach achtzehn besuchten Bundesliga-Stadien noch immer für eine Überraschung gut.

Soeben pfiff der Schiedsrichter im kleineren AOK-Stadion das Heimspiel der Jungwölfe ab. Damit war der Zeitpunkt gekommen, um die wenigen Schritte zur nebenan gelegenen Heimstätte der Profis zu bewältigen. Trotz beissender Kälte fanden sich an diesem Sonntagabend 25’214 Zuschauer im Stadion ein. Besser als erwartet präsentiert sich auch die Heimkurve des Werkvereins. Damit stützen sie meine These, die besagt, dass ein paar Jahre Erstklassigkeit eben doch ein gewisses Lernpotenzial im Bereich „Ultra-Dasein“ bergen.

Zum persönlichen Abschluss zeigte sich die Bundesliga spielerisch noch einmal von ihrer besten Seite. So fiel die Führung für die Hauptstädter bereits nach 22 Sekunden. Dies sorgte logischerweise für ausgelassene Stimmung im gut gefüllten Gästeblock. Neben der einfallsreichen Art, die Zaunfahnen aufzuhängen – Stichwort Wäscheleine – ist vor allem das Exemplar von den Harlekins Berlin hervorzuheben. Für mich persönlich neben der Zaunfahne von Lokomotive Moskau im Stile der italienischen Trendmarke „Napapijri“ sicherlich die schönste in europäischen Gefilden. Auf dem Platz bot das Duell im Zeichen des Dialogs mit dem DFB neben der frühen Führung mitunter zwei, durch den Videobeweis, aberkannte Tore. Der Fussballgott zeigte allerdings Gerechtigkeit, und so durften sich die beiden Unglücksraben Gomez und Malli noch vor dem Seitenwechsel trotzdem als Torschützen feiern lassen. Besonders Altmeister Mario Gomez war der Treffer zu gönnen, zumal er vorher bereits einen Elfmeter an die Latte setzte. Im zweiten Durchschnitt ging es im selben Stile weiter. Berlin reagierte postwendend mit dem neuerlichen Ausgleich, ehe Divock Origi auf Seiten des Werkvereins die Weichen wieder auf Sieg stellte. Hertha-Einwechselspieler Selke sorgte mit seinem späten Treffer zum 3:3 allerdings dafür, dass der Schweizer Trainer Schmidt auch in seinem siebtes Spiel als Chefcoach von Wolfsburg die Punkte teilt. Eine unheimliche Serie.

Persönlich beschäftigte mich neben dem unterhaltsamen Spielverlauf jedoch eine andere Tatsache beinahe mehr. Der Videobeweis. Seit wann nämlich wurde das Glück des Tüchtigen in die Kunst des Reklamierens eingetauscht? Auch die Spieler wissen um ihre Möglichkeiten und probieren den Schiedsrichter in einer strittigen Situation jeweils bewusst zu beeinflussen. Beim dritten Anlauf und damit dem ersten regulären Tor auf Wolfsburger Seite wurde äusserst verhalten gejubelt. Dies ist jedoch nur verständlich, schliesslich kreist der Video Assistent quasi als Damoklesschwert über jeder Torraumszene. Was ist also aus dem kurzen Moment der totalen Deindividuation, dem kollektiven Ausrasten und damit dem Abstreifen der Alltagssorgen geworden? Ich positioniere mich bewusst gegen den modernen Fussball und seine Symptome. Dass auch nach Einführung des angeblichen Hilfsmittels dem Fussball kein Gefallen getan wurde, zeigte die Absetzung des Projektleiters aufgrund von Manipulationsvorwürfen am Folgetag dieser Begegnung

Um damit auf den Beitragsanfang zurück zu kommen. Es tut mir leid, lieber Verein für Leibesübungen aus Wolfsburg, dass ich den Besuch bei dir so für mein Plädoyer gegen den Videobeweis missbrauche. Ist es aber nicht so, dass wir uns in Bezug auf Diego Maradona insbesondere an zwei Szenen erinnern? Einerseits an dieses viel zitierte Hand-Tor aus dem Anfangssatz und schliesslich an das unwiderstehliche Dribbling von der Mittellinie weg. Beide Szenen ereigneten sich übrigens anlässlich der Weltmeisterschaft 1986 im gleichen Spiel. Durch die beiden Tore Maradonas feierte Argentinien den Einzug in den Halbfinal und später schliesslich sogar den Titelgewinn. Wer weiss, wenn bereits damals, vor gut dreissig Jahren, der Videobeweis im Einsatz gestanden hätte. Diego Maradona wäre wohl vom Platz gestellt und das Tor aberkannt worden; doch weit schlimmer – die Fussballgeschichte wäre um eines ihrer grossartigen Kapitel ärmer.

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26. November 2017