Groundhopping

AS Saint-Étienne – Lazio Roma (10.12.15)

Ein Klassiker im letzten Gruppenspiel der Europa League sollte meine Wenigkeit in die Stadt Saint-Étienne locken, wo der dort ansässige Fussballverein am Donnerstag auf Lazio Rom traf. Neben dem fussballerischen galt es mitunter auch den fantechnischen Aspekt zu berücksichtigen, der einem überhaupt erst zu einem Besuch bewog. Denn beide Vereine scharen treue Anhänger um sich, wobei ich jene der Gastgeber sogar als Landesprimus betiteln würde. Von dieser Tatsache ebenfalls überzeugen wollte sich Lukas, der mich bei dieser Reise und auch an den folgenden Tagen begleiten sollte. Gemeinsam startete man also am Donnerstagmorgen von Lausanne aus per Zug in Richtung Zielort, welches man kurz nach Mittag auch erreichte. Der öde Grauton französischer Provinzdörfer war mir noch nie besonders sympathisch, wobei die kahlen Bäume und ein bedeckter Himmel am heutigen Tage ein noch tristeres Landschaftsbild als gewöhnlich abgaben.

Kurz vor Lyon fand die Wolkendecke dann allerdings eindrücklich und abrupt ein Ende, sodass uns Saint-Étienne bei strahlendem Sonnenschein erwartete. Den restlichen Tag verbrachte man nach dem Beziehen der Unterkunft auf dem künstlichen Eisfeld in der Innenstadt, mit obligaten Sightseeing sowie allerhand Shopping kombiniert durch planloses Schlendern durch den regionalen Weihnachtsmarkt.

Während uns an ebendiesem mit einer „Diot de Savoie“ eine traditionelle regionale Wurst, gekocht im Weisswein mit Zwiebeln und Raclette garniert im Brot, serviert wurde, kam man mit der Dame hinter dem Tresen ins Gespräch. Diese erkundigte sich nach dem Grund unserer Reise und war wie so oft ziemlich überrascht, als sie erfuhr, dass wir des Fussballs wegen hier sind. Etwas später gesellte sich noch ein Kollege von ihr hinzu, der sich als ehemaliger Angels (nicht der Motorradgang sondern die zweitgrösste Fangruppierung der Grün-Weissen) entpuppte und sich mit uns einige Zeit über die hiesige Ultra-Bewegung und allgegenwärtige Repressionen unterhielt. Am späten Abend brachte uns schliesslich die Strassenbahn zum Stade Geoffroy-Guichard, welches anlässlich der Euro 2016 renoviert und ausgebaut wurde. Für die Endrunde fasst es knapp 42’000 Plätze und dient neben einigen Gruppenspielen auch einem Achtelfinale als Austragungsstätte.

Bewusst hatte man Plätze auf der Längsseite des Spielfeldes gewählt, um neben den beiden Fankurven hinter den Toren auch idealen Blick auf den Gästesektor zu haben. Doch bekannterweise darf man sich bei einer Schar Islamisten bedanken, die mit einem Angriff auf die westlichen Werte der Freizügigkeit dafür sorgten, dass ein ganzes Land in Angst verfällt und nunmehr bis auf weiteres keine ausländischen Gästefans mehr im Lande duldet. Zumindest beim heutigen Duell hätte man bezüglich allfälliger Märtyrer in den Reihen der Gäste allerdings keine Angst haben müssen. Zwar sind die Irriducibili wahrlich keine Kinder von Traurigkeit, alleine durch ihre rechte Ausrichtung würden sie aber in keiner Weise das Gedankengut dieser Extremisten teilen.

Aber nun wieder zum erfreulichen Teil dieses Aufeinandertreffens. Äusserst positiv in Erinnerung bleiben wird die Choreografie auf beiden Hintertorseiten der Heimfans. Während in der Kurve rund um die Magic Fans ein Bild von Alex, dem Hauptdarsteller aus dem Film Clockwerk Orange mit dem Akroymn der Magic Fans gezeigt wurde, flankierten Pyros und Fähnchen in den (schönsten) Clubfarben (der Welt) die Aktion. Auf der Gegenseite war der Schriftzug „Et dieu crea les verts“ (Und Gott schuf die Grünen) zu lesen. Darunter war das Clubwappen, inszeniert in einer originellen Anspielung auf das bekannte Deckenfresko des italienischen Maler und Bildhauers Michelangelos, zu sehen.

Nach dem die Choreografie minutenlang präsentiert wurde, folgte ein imposanter Dauersupport und neben dem „Poznan“ gab es auch immer wieder laute Wechselgesänge geboten. Beide Seiten waren gut aufgelegt, jene um die Magic Fans aber wohl noch etwas lauter als ihr Gegenüber.

Gespielt wurde ja auch noch, wobei mir bei den Hausherren vor allem die Nummer elf, Valentin Eysseric gut gefiel. Dieser war es dann auch, der nach der Führung für die Gäste in der ersten Halbzeit für das 1:1 besorgt war und damit den Lärmpegel bei den 28’954 Zuschauer gut anschwellen liess. Danach war das über weite Strecken chancenarme Spiel endlich interessant, es blieb aber bei der Punkteteilung. Damit erreichen beide Teams die Runde der letzten 32 verbleibenden Equipen. Zu erwähnen gilt es noch den von den Magic Fans im Gästesektor angebrachten Banner mit dem Schriftzug „Gabriele Vive“, der einen verstorbenen Lazio-Tifoso würdigte.

Nach Spielschluss verabschiedeten wir uns von „Frankreich’s Finest“ und am nächsten Morgen ging es zu unbürokratischer Abfahrtszeit wieder in Richtung Heimat. Grün-Weisser Mythos!

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10. Dezember 2015