Fast droht sie im Schatten des Westfalenstadions unterzugehen: die Rote Erde in Dortmund. Dabei braucht sich die altehrwürdige Spielstätte, deren Name auf eine historische Bezeichnung für die Region Westfalen zurückgeht, vor ihrem jüngeren und doch grösseren Bruder nicht zu verstecken: Nebst grosszügigen Stehtraversen zeichnen die schöne Bruchsteintribüne und auf der Gegenseite ein kleiner Turm – ebenfalls aus Bruchstein – sowie das Marathontor das Stadion aus, das bis zur WM 1974 Heimat für den BVB war.

Zu Gast auf der Roten Erde ist an diesem Samstag der überraschende Tabellenführer aus Elversberg, dessen Aufstieg in die 2. Bundesliga dank eines komfortablen Vorsprungs bereits früh in der Rückrunde nur noch eine Frage der Zeit ist. Zumindest in Dortmund müssen sich die Saarländer von den Jungborussen aber den Zahn ziehen lassen, während diese vor 2392 Zuschauern einen wichtigen 2:0-Heimsieg einfahren.

Für den Glanzpunkt sorgen aber nicht die Akteure auf dem Rasen, sondern die «Ultras von die Amateure» am Tribünenrand. Im ersten organisierten Auftritt seit langer Zeit bugsieren sie mich nach einem gelungenen Intro mit schönen Trommelrhythmen und originellem Liedgut zeitweise gefühlt nach Süditalien. Den starken akustischen Auftritt untermalen Pyrotechnik und zahlreiche kleine Schwenkfahnen, wobei den Fans, die auch in der Bundesliga im Dortmunder Block stehen, die Reife anzumerken ist.

Dass ich ob eines Kurvenauftritts ins Schwärmen gerate, ist gerade in Deutschland selten geworden. Zu oft nämlich kann der Matchbesucher hier bereits im Voraus erahnen, was ihn – auf hohem Niveau – erwarten wird und Überraschungen bilden besonders in Stadien eine Ausnahme, in denen der Stimmungskern nur einen verschwindenden Teil einer Stehtribüne ausmacht. Gerade für die Dortmunder Fanszene gibt es im Bundesliga-Alltag kaum je eine Partie, in der ihr Klub von weniger als 3000 Anhängern unterstützt wird – ganz zu schweigen von Heimspielen, auf der sich die aktiven Fans den Platz auf der Südtribüne mit abertausenden Menschen teilen, die – wenn überhaupt – nur bedingt Interesse an Stimmung oder gar der Subkultur aufweisen.

Nicht so neben dem Westfalenstadion, wo die etablierte Fanszene ausnahmsweise in kleinem Rahmen zu sehen ist und mit einem Liedgut überzeugt, das in den grossen Stadien der Republik kaum funktionieren würde. So verwundert es wenig, dass im Zusammenhang mit der Roten Erde aus einem mir bekannten Dortmunder Mund die Begriffe «Kontrastprogramm» und «Oase» fallen.