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Carpi FC – Ascoli Picchio FC (29.10.16)

Karten für das italienische Spitzenspiel zwischen Juventus und Napoli in Turin waren schlussendlich doch beliebter als ich dachte und so standen Cedric und ich plötzlich vor einem spielfreien Samstag an unserem Wochenende in Italien. Die Alternativen für diesen Tag waren rar gesät und Carpi bekam schliesslich nur darum den Zuschlag, weil man sich fest auf zwei Spiele gefreut hatte und der Serie-A-Absteiger seit einigen Wochen wieder in seiner eigentlichen Heimat dem Leder hinterherrennen darf.

Während ihrem einjährigen Abenteuer im Oberhaus musste Carpi seine Heimspiele nämlich im nahe gelegenen Modena austragen und da diese Schüssel für den momentan Tabellendritten bei teils deutlich weniger attraktiven Gegnern als denjenigen aus der «Serie A» zu gross ist, entschied man sich sinnvollerweise, wieder nach Carpi zu ziehen. Hier steht das Stadio Sandro Cabassi, welches als ursprüngliches Radstadion mit seinen knapp 5’000 Plätzen für hiesige Verhältnisse völlig ausreicht. Wie schon beim letzten Besuch auf dem Stiefel von Cedric und mir gibt es als Vorspeise vor dem Duell aus der ersten Liga also ein «Schmackerl» zweiter Klasse. Ebenfalls kein Novum stellte die Art der Anreise dar, nämlich kostenfrei mit dem letzten Zug bis an die Schweizer Grenze ins Tessin zu fahren und sich dort im geöffneten Zollhäuschen noch einige Stunden auf das Ohr zu hauen. Von unserer kleinen Insiderunterkunft hätte wohl auch gerne der Penner gewusst, der am Bahnhof von Chiasso vor unseren Augen regelrecht vom bulligen Reinigungspersonal aus dem Zug geworfen wurde. Survival of the fittest. Hehe.

Am frühen Morgen führte uns der Weg in der Regionalbahn vorbei an Parma und Modena für wenige Taler bis nach Carpi. Hier blieb, wie eigentlich fast immer, genügend Zeit für einen Stadtrundgang sowie einen gemütlichen Abstecher an den gut bevölkerten Markt. Italientypisch durfte auch eine schmackhafte Lasagne zur Tageshälfte nicht fehlen, ehe wir bei äusserst angenehmen Temperaturen in Richtung Spielstätte schlenderten. Die Eintrittskarten (11 Euro für die Gegentribüne) hatten wir uns bereits im Voraus gesichert und so blieb noch ein wenig Zeit, sich auf den roten Sitzschalen breitzumachen und die Heimkurve auf der Stahlrohrrtribüne hinter dem Tor einmal etwas genauer unter die Lupe zu nehmen. Das stimmliche Zentrum bildet hier eine Gruppe mit dem Namen «Irriducibili», flankiert von einigen weiteren netten Gestalten mitsamt ihren Zaun- und Schwenkfahnen. Zwar im deutlich kleineren Rahmen als bei der bekannteren Gruppierung mit demselben Namen von Lazio Rom, welche jedoch erst vier Jahre später als jene aus Carpi ins Leben gerufen wurde. Im Gegensatz zu «den Unbeugsamen» aus Carpi, sind diejenigen aus der Hauptstadt allerdings für ihre rechte Gesinnung bekannt und somit ist der Zusammenhang zum heutigen Gegner auch schon geschaffen. Dieser schart neben Hellas Verona und eben Lazio Rom die wohl klarste rechtsradikale Anhängerschaft Italiens um sich. So machen sich Ascoli-Fans aus ihren politischen Ansichten auch keinen Hehl und es zieren oder wehen im Herbstwind von Carpi so einige Fahnen, die in der Heimat dem einen oder anderen Verfassungsschützer die Haare zu Berge stehen lassen würden.

Die stolze Zahl an mitgereisten Anhängern durfte prompt nach einigen Minuten ein erstes Mal jubeln, nämlich als sich die Akteure in Schwarz-Weiss vor 2’694 Zuschauer zum ersten Mal erfolgreich durch die Abwehr der Gastgeber kombinierten. In der Folge wurde die Partie durch viele Unterbrechungen sowie zwei Verletzungen geprägt, ehe die Spechte (Picchio) aus Ascoli bereits den Treffer zum 0:2 markierten. Ähnlich wie die Herrschaften auf dem Rasen, präsentierte sich auch die Heimkurve mit angezogener Handbremse. Da hätte ich im zweiten Heimspiel nach einer Saison im Exil doch etwas mehr erwartet. Trotzdem war die Begegnung ein würdiges Alternativprogramm in Aussicht auf die morgige Partie in Bergamo.

Dieses «Bergamo» wurde von uns zwei nach dem Schlusspfiff schliesslich auch anvisiert. Und während wir bei einem wunderbaren Sonnenuntergang durch die Po-Ebene in Richtung nördlichstes Italien ratterten, zeigte sich bei mir immer mehr der körperliche Preis von drei Fussballspielen (darunter zwei Wochentermine) in den letzten vier Tagen.

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6. Dezember 2016