Zaungast #11: Zurück in Sleman
Liston, meine indonesische Bezugsperson der ersten Stunde, blickt mich im Medienraum des Stadion Maguwoharjo an, als hätte er einen Alien vor sich, als ich ihm mit einem Lächeln gegenübertrete. Die 11’500 Kilometer lang geplante Überraschung ist geglückt, denn ich hatte mein Kommen in Sleman nur bei zwei relevanten Stellen angekündigt. Einige nicht bezogene Ferientage aus dem Vorjahr hatten eine weitere, wenn auch vergleichsweise kurze Reise nach Indonesien möglich gemacht. Es ist trotz all der vielen Dinge, über die ich in diesem Land den Kopf schüttle, immer wieder ein Heimkommen in eine liebgewonnene Parallelwelt mit besonderen Menschen, Essen, Freiräumen und Fussball im Herzen Javas.
Wie immer herrschte grosses Gewusel, als Radhifan und ich am Stadion ankamen. Es ist beeindruckend, diese enorme und scheinbar unkontrollierbare Masse zu sehen, die doch von einigen wenigen geführt wird, wenn auch dies am Spieltag so kaum ersichtlich ist. Einer davon ist Tito, er lehnt mit einer Zigarette im Mund und einem Stapel A4-Tickets lässig an einem Roller vor dem Haupteingang des Stadions. Wortlos verteilt er Tickets an Personen aus seinem Umfeld. Es ist der Kompromiss, den die Brigata Curva Sud mit dem Klub ausgehandelt hat, um die offizielle Kapazitätsgrenze von zwölftausend Zuschauern zu umgehen und für die Kurve noch unter der Hand die notwendigen Tickets zu bekommen. Sonst gibt es für alle noch immer die Bracelets wie zu meinem ersten Besuch. Der inoffizielle Anführer der Fanszene Slemans hat mittlerweile geheiratet, seine Liebe Sheila steht dem Oberhaupt in Sachen Fankultur treu bei und wurde bei einer Razzia im Curva-Sud-Shop auch schon kurz nach ihrer Hochzeit mit ihrem Ehemann verhaftet.
Neu ist hingegen das kleine Chaos in der Curva Sud, bis die Choreo zu Beginn der 2. Halbzeit schliesslich perfekt sitzt. Dann wird sie aber im gewohnten Stil inszeniert und der Block ist, trotz der Sitzschalen, ähnlich gut voll wie in früheren Jahren – auch aufgrund des beschriebenen, inoffiziellen Abkommens mit dem Klub. Zwei Betrachtungen bietet auch die Choreo unter dem Motto «this is us», wobei zum 15-Jahre-Jubiläum der Brigata Curva Sud das Wort «is» in Form einer 15 geschrieben ist und ein Fan ein Puzzleteil hochhält, mit dem sich die Fanszene als Teil des Ganzen versteht. Die Stimmung ist in einigen Momenten am Anschlag, ansonsten auf gutem Niveau, wenn auch meine Messlatte hier mittlerweile sehr hoch liegt und PSS nach dem Abstieg am letzten Spieltag der vergangenen Saison nur noch in der zweiten Liga agiert. Ein in den Farben Palästinas gehaltenes Spruchband, das die Jungs offiziell als Spruchband für Sumatras Flutopfer ausgeben, ist für mich hingegen eine Inkonsequenz, da keine Politik zum Manifest (habe ich in der Ausgabe #94 von Erlebnis Fussball beleuchtet) der Brigata Curva Sud zählt.
Selbst in der Schlussphase ruht mein Blick primär auf den Rängen als auf dem Feld, und so kann ich beobachten, wie es zu einer Schlägerei unter eigenen Fans am Rand der Haupttribüne kommt. Prompt erkenne ich unter den Übeltätern auch einige Gesichter aus meinem ersten Besuch – Ultras der ersten Generation, die mittlerweile das Feld den Jüngeren überlassen haben. Unter starkem Alkoholeinfluss wird hier mit Feuerlöschern hantiert und die Fäuste gegen vermeintlich Schlichtende fliegen im Sekundentakt. Das Geschehen weitet sich wie immer in Indonesien derart schnell aus, dass die Partie in der Nachspielzeit unterbrochen wird – Polizei ist wie so oft keine zugegen.
Auf dem Platz bleibt es beim torlosen Remis. PSS fehlt auch aufgrund des Unterbruchs im Schlussspurt prompt der Rhythmus, um sich spät doch noch eine bessere Ausgangslage für die Mission Wiederaufstieg zu erarbeiten. Dies erklärt mir PSS-Spieler Kim Kurniawan, der Deutsch-Indonesier ist und in der Jugend beim KSC gespielt hat. Der indonesische Nationalspieler wurde mit Persib Bandung bereits Meister und attestiert, dass in Sleman ein enormer Druck von aussen herrscht und statt der Spieler primär der Klub verehrt wird – Zustände wie auf Schalke. Mit einem Sieg hätten sie einfachere Gegner für den dritten Teil der Saison (nochmals neun Spiele) erhalten, doch gegen den Klub aus Banjarmasin war dies sowieso schwierig. Nebst dem Glück ist den Gästen von Barito Putera auch die Politik hold, zumal der Aufstieg des Teams aus Borneo zum Wahlprogramm des Besitzers zählt, der sich über dem Klubwappen auf jedem Trikot gar mit einem Bild verewigt hat.
Für das Fehlverhalten auf den Rängen gibt es von offizieller Seite Konsequenzen in Form von Zuschauersperren bei den nächsten vier Heimspielen – damit bleibt in der ganzen Saison nur noch ein Heimspiel mit Fans. Es ist der Saisonfinal gegen den Lokalrivalen aus Semarang – eine Affiche, die in vielerlei Hinsicht speziell werden könnte. Der eigentliche Paukenschlag folgt aber erst drei Tage nach den Ausschreitungen, als sich mit den «Ultras PSS» die erste Ultra-Gruppe Slemans auf Twitter in wenigen Worten auflöst – just am Tag vor dem 15-jährigen Jubiläum der vereinigten Fankurve. Ich sitze mit den Vorsängern Aria und Iqbal sowie weiteren Ultras schliesslich ratlos in einem Café, als Radhifan auf eine meiner vielen Fragen die Stimmung treffend beschreibt: «Weisst du, es ist, wie wenn dein Vater gestorben ist – und du ihn selbst getötet hast.»
Zaungast #10: Im Wandel der Zeit
Vom Wandel der Zeit – bei einem gross gewordenen Klub und dessen Stadion, italienischen Fanszenen und bei mir selbst. Oder schlicht von Atalanta gegen Fiorentina im September 2024.
Je erfolgreicher Atalanta spielte, desto weniger begann ich mich für den Verein zu interessieren. Und das, obschon mein Interesse an der Göttin (Dea) aus Bergamo einst den Darbietungen der Norditaliener auf dem Rasen entsprang. Später waren es nebst der Fanszene das Stadion oder die Art, wie der Klub und seine Nachwuchsabteilung geführt wurden, mit denen ich sympathisierte. Spätestens mit der Verkauf der Mehrheit der Anteile an eine US-amerikanische Investorengruppe und dem Umbau des Stadions fielen diese Aspekte wieder weg.
Statt den Sieg im Europacup zu feiern, dachte ich sehnsüchtig an die Schmierereien am Kassenhäuschen hinter der Curva Nord zurück, an die Zeiten, als oberhalb des Gästeblocks noch die Ausläufer der Altstadt zu sehen waren. An die wackeligen Stufen der Curva Pisani, mit Gürtel bewaffnete Gäste-Ultras in den geöffneten Türen ausgedienter Linienbusse, die über die Piazzale Oberdan rasten oder an die «Lacrimogeni», welche die DIGOS auf der Viale Giulio Cesare um die Ohren geworfen bekamen.
Geht es generell um italienische Fanszenen, romantisiere ich aber auch mit Aspekten, die ich mir für jene Kurve, die ich selbst frequentiere, nicht wünsche: etwa einen barfüssigen, zugekifften Vorsänger mit Rastafrisur, der erst fünf Minuten nach Anpfiff im Gästeblock eintrifft. Auch verkläre ich alte Zeiten – insbesondere die 1990er-Jahre, welche ich selbst nur von Bildern und aus Erzählungen kenne. Denn auch vor dem Tod von Filippo Raciti und Gabriele Sandri war in Italiens Fanlandschaft nicht alles besser und die Stadion stets voller oder farbenfroher. Im Gegenteil: Das San Siro ist in den letzten Jahren so gut ausgelastet wie einzig in den Jahren rund um die Heim-WM, auch wenn die Curva Sud heute kaum mehr an eine italienische Fankurve erinnert und nicht nur in der Lombardei gedruckte Fahnen längst dazugehören.
Auch in Sachen Vereinspolitik und Öffentlichkeitsarbeit haben deutschsprachige Fanszenen und -bündnisse den Italienern den Rang abgelaufen. Dabei zählten die Fans aus Bergamo – gemeinsam mit ihren Erzrivalen aus Brescia und den einstigen Freunden von Sampdoria – 1995 zu den Vorreitern, die nach dem Tod von Vincenzo Spagnolo die Kräfte der italienischen Anhänger bündelten und an vorderster Front gegen den Artikel 8 oder personalisierte Tickets gekämpft haben. Heute tragen sie in Bergamos Nordkurve in den Wintermonaten eine Camouflage-Jacke, die es vom Verein zur Saisonkarte kostenlos dazu gab. Neben der Heimkurve ist ein Burger King eingezogen und der verbannte Claudio Galimberti (Bocia) fischt Muscheln in Senigallia, einer Stadt an der Küste in den Marken. Knapp drei Jahre nach der Auflösung der Curva Nord hat noch immer keine neue Gruppe das Zepter übernommen und in der Curva Morosini gegenüber lancieren die wenigen Ultras beim ersten Spiel auf der umgebauten Tribüne das Intro zehn Minuten zu früh.
Dennoch sind die Ultras wenige Tage vor meinem Besuch die ersten, die nach den Überschwemmungen bereitstehen und in ihrer Stadt beim Aufräumen mitanpacken. Vor dem Spiel gegen die Fiorentina erinnern bei bestem Spätsommerwetter nur noch die dreckigen Caterpillar-Stiefel, mit denen sie am Baretto Civico stehen, an das Unwetter der vergangenen Tage. Auch dem Vorsängerpodest und der in Bolgare durchgeführten Abwandlung des traditionellen «Festa della Dea» haben sie Claudios Absenz zu Ehren den Titel «Per chi non può esserci» verliehen. Allgemein macht den gestandenen italienischen Fanlagern in Sachen Erinnerungskultur kaum jemand etwas vor. Das beste Beispiel dafür ist die nach Maurizio Alberti benannte Curva Nord aus Pisa mit ihrer einfühlsamen Ode an die (Un)sterblichen aus den eigenen Reihen. Auch Videoausschnitte aus den Kurven in Barletta, Chieti, Giugliano, Matera oder San Benedetto del Tronto sowie Napolis Aufritte am Roma Termini 2008 und vier Jahre später beim Jubeln über Edinson Cavanis Tor im Final der Coppa Italia lassen mich ein Stück weit verstehen, weshalb deutsche Pizza-Wurstel-Hopperultras mit den Billigairlines von Paderborn nach Brindisi reisen, den Fans aus Cerignola die Aussprache von Fürth beizubringen versuchen oder in Latinas Curva Nord dem Muskelkater trotzend den Jahn-Schal so lange in die Höhe halten, dass auch die Konkurrenz aus der Heimat via «Sport People» von der mentalitätsgeschwängerten, ostbayerisch-latinischen Fanfreundschaft erfährt.
In keinem Land verspüre ich in den Stunden vor einer Partie derartiges Kribbeln wie in Italien. Die Besuche in Bergamo sind für mich mehr als die 90 Minuten im Stadion: Durch die Altstadt von Bèrghem zu schlendern und dem ostlombardischen «accento troppo spiccato» zu lauschen, Casonsei (mittlerweile eher Scarpinocc) zu geniessen oder die knusprigen Salbeiblätter der Taragna-Polenta zusammen mit dem Branzi auf der Zunge zergehen zu lassen und mit dem wohligen Gefühl eines Aperol Spritz hinunterzuspülen, der die nervenaufreibende Anfahrt vorbei an den Mautstellen (Pòta!), dem Smog und der Industrie vergessen macht. Im Winter versetzen mich die Sonnenstrahlen im Rücken beim Blick auf die «Città Bassa» in Gedanken an den Strand in Lerici zurück und rufen dieselbe nicht greifbare Melancholie hervor wie Gazzelles Debütalbum «Superbattito» in Endlosschleife. Dass ich mit diesem Gefühl nicht allein bin, bezeugt die Band Pinguini Tattici Nucleari im Lied über ihre Heimat Bergamo: «Ti porto in centro e forse capirai che cosa intendo quando ti dico che sei bella come casa mia.»
Im umgebauten Stadion von Atalanta ragen die neuen Flutlichter wie ein glühendes Damoklesschwert über den beiden historischen Seitentribünen, stets bereit, dem Bau den letzten Hauch vergangener Tage zu rauben, sollte der Denkmalschutz einst aufgehoben werden. Immerhin: Zum Duell gegen Florenz, das Bergamo vor ausverkauften Rängen mit 3:2 gewinnt, hängt in der Heimkurve das erste Mal seit dem Ende der Curva Nord wieder eine Zaunfahne mit der Aufschrift «Ultras» – als hätten sie es geahnt.
Zaungast #9: Im Baurausch
Von aussen wirkt die «Pancho Arena» wie eine Tempelanlage aus Asien. Doch das Fussballstadion steht keine Stunde von Budapest entfernt im Dorf Felcsút, dem Heimatort des Präsidenten Viktor Orbán. Mit einer Dachkonstruktion aus Holzsäulen und geschwungenen Schieferplatten wirkt das Stadion majestätisch. Ein zweiter Palast für Orbán, als ob ihm Országház, das prunkvolle Parlamentsgebäude am Donauufer, nicht ausreicht.
Neben dem Stadion stehen alte Häuser, ihre Gärten sind verwildert. Keine zweitausend Einwohner zählt Felcsút, im Stadion ist dennoch Platz für doppelt so viele. Der lokale Verein, die Puskas Akademia, hat am Wochenende mit einem Sieg erstmals die Möglichkeit, Vizemeister zu werden. Das 2014 gebaute Stadion ist Sinnbild für die Politik des Autokraten Orbán. Zusammen mit der Groupama Arena, der Heimat des Rekordmeisters Ferencvaros in Budapest, gehört es bereits zu den ältesten Stadien der obersten Liga. Einzig Újpest, die zweite Kraft in der Hauptstadt, besitzt eine Heimstätte, deren Tribünen allesamt älter als sieben Jahre sind.
Seit Viktor Orbán vor elf Jahren Ministerpräsident Ungarns geworden ist, hat er zwei Milliarden Franken in den Sport investiert. Prompt hat das Land zweimal den Sprung an die EM geschafft und wird auch im Sommer – wohl als einziger Veranstalter vor ganz vollen Rängen – im eigenen Land um den Pokal spielen. Doch worin gründet dieser Bauboom?
Orbán will über den Fussball, seine grosse Leidenschaft, das Selbstbewusstsein der ungarischen Gesellschaft stärken. Wo der Zusammenhang zwischen neuer Stadien in Szombathely oder am anderen Ende des Landes in Kisvárda und einer zufriedenen Gesellschaft liegen, weiss wohl nur Orbán selbst. Auch in seiner Politik finden sich Parallelen zum Fussball. Der ehemalige Stürmer ist ein Taktikfuchs, weiss, wie man Druck macht und schnell zum Gegenangriff übergeht. So verabschiedet er Steuererleichterungen, damit sich lokale Unternehmen am Bau neuer Stadien beteiligen. Nebst Vetternwirtschaft im Beschaffungswesen wird ihm und seiner Partei Fidesz auch der Missbrauch von EU-Geldern vorgeworfen. Diese werden in Brüssel nach dem Subsidiaritätsprinzip verteilt. In der Theorie ein gutes System, das in einem Land, welches sich auf dem Weg zur Diktatur befindet, jedoch nicht funktioniert. Innert wenigen Jahren hat sich Orbán nämlich vom Liberalisten zum Rechtspopulisten gewandelt. Seine Politik funktioniert in einem Land, das auf der Flüchtlingsroute liegt.
Damit kann Orbán verdecken, dass Ungarn gemäss Eurostat, dem Statistischen Amt der EU, im europäischen Vergleich was die kaufkraftgewichteten Bildungsausgaben pro Kopf betrifft, weit hinterherhinkt. Dazu kommt die Unterfinanzierung im Gesundheitswesen bei Personal und Krankenhäuser, resultierend in einer Fachkräfteflucht, die besonders während der Pandemie ins Gewicht fällt. So belegt Ungarn im Ranking europäischer Gesundheitssysteme laut dem Euro Health Consumer Index (EHCI) 2018 gar den drittletzten Platz.
Stattdessen fördert Orbán weiter Investitionen im Fussballsektor. Alleine in der Hauptstadt Budapest stehen drei nagelneue Stadien. So bezieht Erstligist Honvéd bald sein neues Stadion, während der designierte Aufsteiger Vasas bereits schon in seiner neuen Heimat spielt. Mit der Puskas Arena im Osten der Stadt hat Orbán nun auch sein prunkvolles und überdimensioniertes Nationalstadion. Benannt ist es, wie der Verein in Felcsút, nach Ferenc Puskás, dem grössten Fussballer des Landes. Dass sich Orbáns Liebe zum Fussball sogar über Landesgrenzen hinwegsetzt, zeigte jüngst die Meldung aus Miercurea Ciuc. In der rumänischen Stadt finanziert der ungarische Staat dem lokalen Drittligisten, der vor allem auf Spieler ungarischer Ethnie setzt, ein neues Stadion. Auch in der Slowakei gibt es mit DAC Dunajská Streda einen Club, der eine ungarischer Minderheit repräsentiert – und prompt auch in einem neuen Stadion spielt.
Zaungast #8: Global Football Company
Der berufliche Weg von Ahmet Schaefer führt früh steil nach oben. Der 39-jährige Schweizer studiert Wirtschaft an der Universität Zürich und arbeitet sich im Anschluss bei der FIFA hoch bis zum Assistenten des Präsidenten. Nachdem er dem Weltfussballverband den Rücken kehrt, wirkt Schaefer bei MP & Silva, einer Sportmarketing- und Medienrechtsfirma mit Sitz in Dubai und London. Im Oktober 2018 muss das Unternehmen aufgrund versäumter Rechtezahlungen aufgelöst werden. Zu diesem Zeitpunkt weilt Schaefer bereits im arabischen Raum und hat als Managing Partner die Arab Gulf Cup Football Federation aufgebaut: einen regionalen Fussballverband aus acht Golf-Staaten, dessen Hauptturnier der Golf-Cup darstellt.
Seit Herbst 2018 verfolgt der umtriebige Geschäftsmann sein nächstes Projekt. Schaefer gründet die Core Sports Capital AG. Seine Firma beschreibt sich auf ihrer Webseite als «globale Fussballunternehmung mit Sitz in der Schweiz, die eine weltweite Allianz von Fussballclubs und Partnerschaften zum Ziel hat.» Das Team von Core Sports Capital (CSC) ist gut aufgestellt: Nebst Schaefer gehören mit Ingo Winter der ehemalige Transfer Manager der Berner Young Boys sowie Chefscout des 1. FC Kaiserslautern und Jérôme Champagne auch ein französischer Berufsdiplomat und ehemaliger stellvertretender Generalsekretär der FIFA zum jungen Unternehmen.
Der Aufstand der Kleinen
Als Vergleich für sein Geschäftsmodell nennt Schaefer eine Luftfahrtallianz. Statt American Airlines, British Airways und Cathay Pacific heissen seine Player aber Austria Lustenau, Clermont Foot und Vendsyssel FF – drei Zweitligisten aus Österreich, Frankreich und Dänemark. Bei der Umsetzung seiner Vision geht Schaefer ein beachtliches Tempo. Binnen eineinhalb Jahren steigt die CSC in Lustenau als Miteigentümer ein, sichert sich 85% der Anteile von Clermont Foot und hält 90% des Vereins aus dem Norden Dänemarks.
Sein Geld setze sich «aus dem seiner Familie und seinem eigenen zusammen, externe Investoren gäbe es keine». Schäfer gibt sich in den Spielen vor Corona sowohl in der Auvergne wie auch im Vorarlberg volksnah, meidet die VIP-Tribüne und sucht stattdessen den Kontakt zu den Fans. Dennoch unterstreicht Schaefer in einem Interview mit der Vorarlberger Zeitung «Neue» seine Investitionsabsichten: «Es ist kein Mäzenatentum, wir betreiben ein Geschäftsmodell». Im gleichen Gespräch erklärt Schäfer pragmatisch, wieso er in Frankreich investiert hat. In Deutschland stehe ihm die «50+1 Regel» im Weg, England sei überteuert, ein Engagement in Italien wegen politischer Faktoren schwierig und Spanien grösstenteils überschuldet. Damit bleibt nach dem Ausschlussverfahren aus den Ländern der Top-5-Ligen einzig Frankreich.
Synergien nutzen und Flexibilität wahren
Die Zusammenarbeit seiner Vereine umfasst die Ebenen Administration, Marketing und Sport. Während die Verantwortlichen im administrativen Bereich Datenbanken und Scouting-Technologien teilen, sollen bestehende Sponsoren mit ihren Marketingaktivitäten neue Märkte erschliessen können. Im Sport soll es hingegen vermehrt zu Transfers zwischen den drei Clubs kommen. Das Vorgehen erinnert an die City-Gruppe oder das Konsortium von Red Bull. Schaefer kennt die gängigen Kooperationen, streicht Unterschiede heraus und nennt Nachteile im System Duchâtelet, Pozzo und Tan.
Mit Vendsyssel und Lustenau stehen zwei seiner Vereine derzeit im hinteren Bereich der Tabelle. Dafür läuft es im Zentrum von Frankreich: Clermont Foot liegt auf einem direkten Aufstiegsplatz und hat jüngst gar den langjährigen Erstligisten Guingamp auswärts mit 5:0 besiegt. Zu den Neuzugängen des Vereins – fast ausschliesslich Spieler unter 23 Jahren – gehören auch solche aus Vendsyssel und Lustenau.
Nebst der sportlichen Kooperation und einem Stadionprojekt in Clermont-Ferrard und Lustenau verbindet die drei Vereine das langfristige sportliche Ziel, in die erste Liga aufzusteigen. Die «Global Football Company» soll es möglich machen.
Zaungast #7: STOP IT UEFA
Vor 25 Jahren hielt die Schweizer Nationalmannschaft vor dem Qualifikationsspiel gegen Schweden ein Laken in die Höhe. Mit einer Spraydose standen die Worte «STOP IT CHIRAC» darauf geschrieben. Eine Geste mit grosser Aussagekraft und lautem medialem Echo. Adressat war der damalige Präsident Frankreichs, Jacques Chirac, unter dem das Land zu diesem Zeitpunkt auf dem Mururoa-Atoll im Südpazifik Atombomben testete.
Wer das Bild von damals genauer betrachtet, sieht, das einzig Alain Sutter das Laken mit beiden Händen festhält. Von ihm geht die spontane Aktion auch aus. Die anderen Nationalspieler halten das Laken eher zaghaft fest und Ciriaco Sforza behält seine Arme gar hinter dem Rücken und blickt in den Himmel. Gut möglich, dass sich einige von ihnen bewusst zurückhalten – eine solche Aktion braucht viel Mut. Dass sich der Fussball bisweilen mit Politik vermischt, ist eine Angst, die nicht nur Fussballspieler und Fanszenen teilen. Auch die UEFA fürchtet sich vor einer solchen Konstellation. So etwa im nächsten Sommer, wenn die Schweizer Nationalmannschaft an der Europameisterschaft im Olympiastadion von Baku, der Hauptstadt Aserbaidschans, gegen Wales und die Türkei antritt.
Aserbaidschan kämpft derzeit mit Armenien in einem uralten Territorialkonflikt um Bergkarabach. Die Region im Südkaukasus wird vorwiegend von Armeniern bewohnt. Nach Völkerrecht gehört die Republik Arzach, wie sie von ihren Bewohnern genannt wird, allerdings zu Aserbaidschan. In diesem Sommer startete Aserbaidschan eine Militäroffensive mit dem Ziel, das Gebiet unter seine Kontrolle zu bringen. Mit der eigenen Armee und der Unterstützung Armeniens versuchte sich Arzach zu verteidigen. Die ersten drei Waffenruhen brach Aserbaidschan, seit dem 9. November herrscht nun ein Waffenstillstand. Möglich gemacht hat dies ausgerechnet Russland, das als Vermittler agierte. Die Abmachung sieht vor, dass die beiden Parteien jene Gebiete zugesprochen bekommen, die sie zum Zeitpunkt der Abmachung kontrollierten. Für Armenien bedeutet dies grosse Gebietsverluste, während die Menschen in Baku die territorialen Gewinne als Sieg feiern.
Wie immer in Kriegssituationen, ist die Nachrichtenlage dünn. Klar ist jedoch, dass Armenien als demokratische Republik mit Parlament organisiert ist, während Aserbaidschan unter Präsidenten und Langzeitherrscher Ilham Aliyev ein autoritäres Regime darstellt, das durch Korruption und Einschnitte in die Freiheitsrechte auffällt. Während des Konflikts bezieht Aserbaidschan, das im Gegenzug Öl liefert, zudem Hightech-Waffen aus Israel.
Abgesehen von der Tatsache, dass die UEFA in Aserbaidschan ihre grösste Veranstaltung plant, zeigt sich eine weitere Verbindung. Hergestellt wird sie durch Rovnag Abdullayev, Abgeordneter im Parlament und Mitglied der Partei «Neues Aserbaidschan», die unter der Führung von Aliyev drei Mal einen Waffenstillstand im Konflikt um Bergkarabach verweigerte. Doch Abdullayev ist auch Präsident des Fussballverbands von Aserbaidschan. Seinem Verband gehört das Stadion, in dem nächstes Jahr vier Spiele der Europameisterschaft stattfinden sollen. Finanziert hat das Stadion zu grossen Teilen SOCAR, das staatliche Öl-Unternehmen Aserbaidschans, dem wiederum Rovnag Abdullayev vorsteht. SOCAR ist einer der sechs Hauptsponsoren der UEFA.
Sofern die UEFA angesichts der geopolitischen Spannungen nicht über ihren eigenen Schatten springt und die Konsequenzen zieht, wird sich kaum etwas ändern. Von den drei bisher bekannten Ländern, deren Mannschaften in Baku spielen, wird keines die Initiative ergreifen. Weder die Türkei, die Aserbaidschan den Rücken stärkt, noch Wales, das als Zweiter in der Qualifikation primär froh um die Teilnahme ist. Und auch die Schweiz und ihr Fussballverband werden ihr Neutralitätsprinzip kaum aufs Spiel setzen.
Bleibt einzig die Hoffnung auf eine spontane Aktion wie 1995 in Göteborg. Dass die Schweizer Nationalmannschaft auch ohne Alain Sutter politisch zu polarisieren vermag, hat sie an der letzten Weltmeisterschaft mit der Affäre um den Doppeladler bereits eindrücklich bewiesen.
Zaungast #6: Das Wunder von Wigan
Ich mochte Wigan Athletic nicht. Er verkam für mich zum Inbegriff von unattraktivem Fussball und wenigen Gästefans. Seit dem Abstieg aus der Premier League vor sieben Jahren ging es mit dem Club aus dem Ballungsraum von Manchester stetig bergab. Ich freute mich, dass die «Latics» seit Beginn der Saison das Tabellenende zierten und es so aussah, als ob sie die Championship endlich in Richtung dritte Liga verlassen würden.
Ende Januar gewann Wigan nach sieben sieglosen Heimspielen schliesslich wieder einmal zuhause: An einem kalten Dienstagabend resultierte ein 2:1 gegen Sheffield Wednesday. Das Siegtor schoss das Tabellenschlusslicht in der letzten Spielminute. Die Zuschauerzahl war nicht einmal fünfstellig. Viele der Fans werden die drei Punkte an jenem Abend als kleinen Trost für die Treue in der enttäuschenden Saison angesehen haben. Doch der Sieg war vielmehr eine Initialzündung. Es folgten in sechzehn Spielen nur noch zwei Niederlagen, die Mannschaft stand in der drittletzten Runde erstmals nicht mehr auf einem Abstiegsplatz* – dank einem 8:0-Heimsieg gegen den direkten Konkurrenten Hull City.
Anfang Juli – mitten im sportlichen Höhenflug des designierten Absteigers – folgte die Hiobsbotschaft: Wigan Athletic muss Insolvenz anmelden. Die Erklärung, dass der Verein infolge ausbleibender Einnahmen dem Coronavirus zum Opfer gefallen sei, leuchtete ein. Nur die Insolvenzverwalter selbst vertraten die Meinung, dass nicht die Pandemie dem FA-Cup-Gewinner von 2013 das Genick gebrochen hatte. Auf der Suche nach Antworten auf diese irritierende Aussage taucht besonders ein Name immer wieder auf: der von Dr. Choi Chiu Fai Stanley.
Ein Name so sperrig, dass ihn selbst die 11-Freunde-Redaktion in ihrem Beitrag zu den Geschehnissen in Wigan falsch geschrieben hat. Dr. Choi präsentiert sich im Internet als Chef einer Finanzgruppe aus Hongkong – die südafrikanische Zeitung «The Citizen» hält ihn gar für einen professionellen Pokerspieler. Auf jeden Fall soll er mit dem Abstieg von Wigan viel Geld verdienen – weil in den Philippinen darauf gewettet wurde. Als das Schlusslicht plötzlich das Verlieren verlernte, sind die Initianten nervös geworden. Als Folge gab der ehemalige Mehrheitseigentümer des Fussballclubs, eine ebenfalls in Hongkong sitzende Corporation mit dem Namen «IEC», die ihr Geld mit Glücksspiel (ein Casino steht in der Hauptstadt der Philippinen) und Hotels verdient, die Mehrheitsanteile anfangs Juni an die «Next Leadership Fund Limited Partnership», kurz NLF genannt, weiter. Deren Zahlungen an den englischen Verein sind seither offenbar ausgeblieben. Auch der Vorsitzende der NLF, Au Yeung Wai Kai, scheint nicht zu existieren. Es sei denn, der Geschäftsmann hat seine bemerkenswerte berufliche Laufbahn bis zum Besitzer von Wigan Athletic ohne einen einzigen Eintrag in irgendeiner Suchmaschine hingelegt. Nun kommt wieder Dr. Choi ins Spiel. Als Geschäftsführer der IEC und als Teilhaber der NLF ist dieser nämlich als einzige Person nachweislich in beide Unternehmen involviert; und bedacht darauf, sämtliche Verbindungen zur Personalie Au Yeung Wai Kai zu negieren.
Unabhängig vom potenziell grössten Wettskandal in der Geschichte des englischen Fussballs verkündete die «English Football League» ihr Urteil, das dem insolventen Verein nach dem Saisonende blühen wird. Zwölf Punkte sollen Wigan Athletic in der Schlusstabelle abgezogen werden. Die grosse Rechnerei begann und tatsächlich hatten die Latics dank ihrer grossen Aufholjagd noch die Chance, den für unmöglich gehaltenen Klassenerhalt zu realisieren. Vor dem letzten Spieltag verzeichneten sie zehn Punkten Vorsprung auf einen Abstiegsplatz und würden mit einem Sieg gegen Fulham – bei gleichzeitig günstigen Resultaten der direkten Konkurrenz – die Klasse halten. Im abschliessenden Heimspiel gegen den Verein aus London, der um den Aufstieg in die Premier League spielt, kamen sie allerdings nicht über ein Unentschieden hinaus und auch die Konkurrenz patzte nicht. Und so blieb es aus, das Wunder von Wigan.
* unter Berücksichtigung des späteren Punkteabzugs
Zaungast #5: An der Geordie Shore
Ich wollte Geschäftsführer von Newcastle United werden. Damals im Juli, Jahre bevor der Verein aus Nordengland mit einer Übernahme durch den saudi-arabischen Kronprinzen liebäugelte. Ich stand mit zu grossem Schutzhelm und gelber Weste auf dem Dach des St. James’ Park und hatte soeben diesen weitreichenden Entschluss gefasst.
In meinem Kopf stellte ich mir meinen beruflichen Werdegang vor (an selber Stelle und ähnlich kometenhaft wie derjenige von Santiago Nunez im Film Goal) und romantisierte mit der Vorstellung vom eigenen Reihenhaus in der gehobenen Vorstadtsiedlung. Neben mir stand mein Klassenkamerad und guter Freund Luigi, mit dem ich meinen Sprachaufenthalt verbrachte. Wir waren die einzigen Schüler aus unserem Jahrgang, die nicht nach Nordamerika reisten. Von einer Reise nach Kanada oder in die USA schreckte uns primär die Tatsache ab, dass wir dort keinen Alkohol trinken durften (was wir in England knapp vor unserer Volljährigkeit schliesslich auch nicht konnten; dies erfuhren wir aber erst, als ich mit einem Karton Bier an der Kasse von Tesco stand und mich die Kassiererin darüber aufklärte, dass dieser erst mit 18 zu kaufen sei). Zum Glück stellte sich unsere Gastmutter, eine liebenswerte, geschiedene Frau mit beschränkten Kochkünsten und einer frühpubertierenden Tochter, als grosszügig und wenig verantwortungsbewusst heraus. Immer wieder versorgte sie uns mit Bier (Carling Extra Cold, bis heute mein Favorit), sodass wir den ganzen Sommer über zu zweit auf dem Sofa sassen, Bier schlürften, Vanilleeis assen und sämtliche noch so uninteressanten Spiele der Weltmeisterschaft schauten.
Eigentlich wollte ich nur die klassische Stadionführung machen. Mich interessierten weder die Umkleidekabinen noch der Presseraum von Newcastle United, ich wollte einfach nur im Stadion stehen. Doch Luigi – ich kenne bis heute keine andere männliche Person, die sich noch weniger für Fussball interessiert – bestand auf die teurere Variante, bei der die Besteigung des Stadiondachs als Höhepunkt inkludiert war. Wer den St. James' Park kennt, weiss, wie hoch das Leazes End hinter dem Tor in den Himmel ragt. Schon vom Gästeblock aus überblickt der Zuschauer die ganze Stadt. Die Aussicht, die sich einem jedoch vom Dach bietet, übertrifft jene nochmals um ein Vielfaches. Weit unter uns, unmittelbar gegenüber vom Stadion, lag die Sprachschule und in der Ferne die ganze Stadt.
Unsere Gruppe zählte noch andere Teilnehmer. Ein Vater mit seinem Sohn aus Norwich (ich weiss noch, wie ich mich fragte, weshalb dieser ein Shirt der Canaries trug, lagen doch Norwich und Newcastle satte 250 Meilen und zum Zeitpunkt der Sommerpause auch eine Liga auseinander) sowie ein Ehepaar mit erwachsenem Sohn – ein Bodybuilder, was sich nicht primär an seinem trainierten Oberkörper, sondern am Fauxpas im Gesicht mit dem Selbstbräuner unschwer erkennen liess. Die ganze Führung über ass er Reiswaffeln (wegen der Kohlenhydrate versteht sich).
Es war eine gute Zeit. Ich war in der exzessiven Phase meiner Fussballsucht, vergrösserte meinen Wortschatz einzig durch die Matchanalysen von Gary Lineker in der BBC, nutzte das «Personal Study Program» (eine Zeit des Unterrichts, in der wir unsere Sprachkenntnisse individuell am Computer mit Lernprogrammen schleifen sollten) für das Durchforsten von Club-Webseiten und reiste unter der Woche – manchmal alleine, manchmal in Begleitung von Luigi – mit dem Bus oder Zug an sinnlose Testspiele von kleinen Provinzvereinen wie Willington oder Whitley Bay. An den Spielen machte ich Fotos, ass Fish & Chips, einmal sogar mit Vinegar (!) und Hotdogs mit Zwiebeln. Zusammengefasst: Ich genoss den Sommer, ohne sonderlich auf meine Lerntätigkeit zu achten. Dabei trug ich stets mein Traineroberteil von West Bromwich Albion, das mir eines Abends am Bahnhof von Sunderland beinahe ein blaues Auge einbrachte. Ich hatte es Jahre vorher im Lillywhites, einem grossen Laden mit Sportartikel am Piccadilly Circus – als Teenager mein Schlaraffenland – bei einem meiner ersten Besuche in London gekauft. Wir waren auf Konfirmandenreise und keiner meiner Kollegen konnte verstehen, wieso ich mir ausgerechnet dieses Oberteil kaufte. «West Brom» war und ist ein unscheinbarer Vorstadtclub im Schatten von Aston Villa und Birmingham City, was ihn mir sympathisch machte und mich – besonders zurück in der Schweiz – stets von den anderen Jugendlichen in Trainingsanzügen von Bayern München oder Juventus Turin abhob.
Nach zwei Monaten bekamen wir unser Diplom als Bestätigung für den Sprachaufenthalt. Wir mussten es am letzten Schultag – mitten während des Unterrichts – beim Sekretariat abholen. In unsere Klasse kehrten wir nicht mehr zurück und bis auf die Leistungsbeurteilung, die wir unserer Schule in der Schweiz zukommen lassen musste, landete sämtliches Unterrichtsmaterial im erstbesten Mülleimer vor dem Eingang. Meinen Traum vom Job als «Chairman» bei Newcastle United gab ich hingegen erst Jahre später auf, als ich Martin Bains harten und undankbaren Alltag in der Dokumentation über den AFC Sunderland sah – dem Erzrivalen von Newcastle United.
Der ausschweifende Schreibstil in diesem Beitrag ist bewusst gewählt. Inspiriert hat mich der britische Schriftsteller und Arsenal-Fan Nick Hornby, dessen bekanntes Werk «Fever Pitch» ich zurzeit lese und allen Fussballfans nur empfehlen kann.
Zaungast #4: Nachgebohrt
In sechs Sätzen gab der FC Lausanne-Sport letzten Donnerstag die Trennung von Sportchef Pablo Iglesias bekannt. Nebst drei Sätzen, in denen Iglesias für seine Arbeit in Lausanne gelobt wird, prägen Standardphrasen die Pressemitteilung. Aufhorchen lässt einzig der Ausdruck „neue Strukturen“, den der Leser beinahe übersieht.
Eine Neuausrichtung steht bevor, bei deren Planung offenbar auch andere Mitarbeiter keine Rolle mehr spielen. So verliessen kurz vor Pablo Iglesias mit Léonard Thurre und Bernard Rohrbach auch der Scouting-Verantwortliche und der Intendant den Verein. Ein Stück Identität, das in der Westschweiz verloren geht. Besonders der Abgang des schweizerisch-spanischen Doppelbürgers Iglesias, der seit 2018 für den Verein arbeitete, kommt aus sportlicher Sicht überraschend. Lausanne-Sport stellt die beste Offensive und Defensive der Challenge League, steht mit 15 (!) Punkten Vorsprung unangefochten an der Tabellenspitze und als Unterklassiger gar im Viertelfinal des Schweizer Cups. Auf der Pontaise, der baldigen Ex-Heimat der Waadtländer, empfangen sie am Sonntag das krisengebeutelte Basel und dürfen sich durchaus Chancen auf ein Weiterkommen ausrechnen.
Warum also die Umstrukturierung? FCLS-Vizepräsident Stefan Nellen zeigt sich ob der Entlassung von Iglesias gegenüber dem Newsportal „Nau.ch“ ebenfalls überrascht. In seinen Erklärungsversuchen verweist er auf den Besitzer, der diesen Entscheid gefällt haben soll und fügt auch gleich die Vermutung an, dass dieser Entscheid mit der Zusammenarbeit mit dem OGC Nizza zusammenhängt. «Ende Juni erwarten wir die neue Organisation» meint Nellen weiter. Das Verb in seiner Aussage irritiert. Sollte ein Vize-Präsident bei Strategieentscheiden nicht mitentscheiden dürfen, respektive über die Absichten in Kenntnis gesetzt sein? Vielleicht ist es seine unpassende Wortwahl, vielleicht aber weiss Nellen wirklich nicht Bescheid darüber, was im inneren Zirkel – zu dem er offenbar nicht zählt – vor sich geht.
Die Antwort auf die Frage, was der OGC Nizza mit der internen Neubesetzung in Lausanne verbindet, liefert Ineos. Vor zehn Jahren verlegte der britische Chemiekonzern seinen Hauptsitz aus steuertechnischen Gründen an den Genfersee. Ein baldiges Sponsoring beim Eishockeyclub Lausanne HC folgte, ebenso die Unterstützung des lokalen Nachwuchssports. Auch bei Lausanne-Sport stieg der Petrochemie-Gigant ein. An der Spitze der Gruppe steht mit Jim Ratcliffe ein Brexit-Befürworter und Milliardär aus der Agglomeration von Manchester. Im vergangenen Jahr verlegte der 67-jährige Brite erneut den Hauptsitz seines Unternehmens, diesmal nach Monaco – um noch mehr Steuern zu sparen, wie er offen zugab. Da sich der dort ansässige Ligue-1-Verein mit dem russischen Unternehmer Dmitri Rybolowlew bereits in der Hand eines anderen Superreichen befindet, musste Ratcliffe mit dem Nachbarverein aus Nizza vorlieb nehmen. Im August 2019 übernahm Ineos, laut Medienberichten für rund 100 Millionen Euro, den Club von der französischen Riviera.
Ineos betreibt Fracking. Ein Verfahren, bei dem mit Bohrern tief in der Erde Gesteinsschichten aufgebrochen werden, um deren Permeabilität zu erhöhen und so das darin enthaltene Erdgas oder Erdöl zu fördern. Ein äusserst umstrittenes Verfahren, für das Ineos nebst den Aspekten der Umweltverschmutzung und der Belastung von Grundwasser von vielen Seiten auch wegen ihrer Profitgier und dem aggressiven Lobbyismus scharf kritisiert wird.
In Lausanne will die Clubführung von all diesen Vorwürfen nichts wissen: Stattdessen wartet sie sehnsüchtig. Auf den Wiederaufstieg und das neue Stadion – und auf die neue Struktur im Verein, die Ineos Ende Monat präsentieren möchte.
Zaungast #3: Brot und Spiele
Fussball ist systemrelevant. So zumindest wirkt es für jene, die den Aussagen der Sportfunktionäre Glauben schenken. Seine gesellschaftliche Rolle ist unumstritten. Dass dem Fussball bei einer Pandemie gar eine soziokulturelle Sonderrolle zukommen soll, überrascht mich ebenfalls nicht. Ich sehe es bei mir selbst: Ich rede mit Freunden über vergangene Spiele, gemeinsame Reisen in Verbindung mit Fussball und denke an emotionale Momente im Stadion zurück. Der Fussball stärkt den Zusammenhalt und sorgt für Ablenkung.
Anmassend ist jedoch die Aussage, dass wir den Fussball brauchen würden. Ganz Deutschland lechze in dieser Not nach ihm, meint gar Ex-Natitrainer Ottmar Hitzfeld im Interview mit dem SRF. Er freue sich riesig auf den Wiederbeginn, fügt Hitzfeld an. Geschieht die Wiederaufnahme des Spielbetriebs nicht viel eher aus finanziellen Nöten heraus und nicht zum Wohl der Fans? Um ein System aufrecht zu erhalten, das hohe Abhängigkeiten schafft und finanziell weit weniger stabil ist, als vor der Krise angenommen. Auch in Italien drängen die Funktionäre auf einen raschen Wiederbeginn. Die Fans im stark betroffenen Land sind sich indes einig, dass der Gedanke an den Wiederbeginn der einzig wahre Virus sei. Hinter dem "Stadio Filadelfia", der früheren Heimat des FC Torino, hing am Montag ein Spruchband der Ultras.
„Migliaia di morti in ogni città, ma voi pensate alla ripresa della Serie A.”
Tausende Todesfälle in jeder Stadt, aber ihr denkt an die Wiederaufnahme der Serie A. Eine Aussage, die unter die Haut geht. Und dennoch stellt sich die generelle Frage, ob es als Fan legitim ist, überhaupt Kritik zu äussern? Wir sind Teil des Systems, zusammen mit den Funktionären, den Journalisten und Spielern. Wir haben die Maschinerie Fussball schon weit vor der Krise als solche akzeptiert und gehen trotz fortschreitender Internationalisierung und Kommerzialisierung weiterhin Woche für Woche ins Stadion. Auch der VAR verdirbt uns nur kurzzeitig die Laune. Kommt der Aussage Hitzfelds also doch ein Stück Wahrheit zu? Zumal Süchtige Warnsignale ebenso ausblenden, wie die Ratschläge anderer.
Die Diskussion zeigt auch andere spannende Paradigmenwechsel. Zeitungen, die die Ultras noch vor Kurzem als „Schande des Fussballs“ betitelten, loben sie nun dank ihren karitativen Aktionen als Heilsbringer. Stattdessen geraten die Fussballspieler in mediale Kritik. Am öffentlichen Pranger müssen sie sich dafür rechtfertigen, weshalb sie nicht sofort eine Lohneinbusse in Kauf nahmen. Fussballer tragen in der Gesellschaft noch immer das Image des neureichen Machos. Salomon Kalou von Hertha BSC - ein scheinbar gutes Pflaster für digitale Fauxpas - nährt diese Stigmatisierung mit einer unbedachten Videobotschaft. In Holland drohen Vereine ihrem Verband für den Abbruch der Saison mit umfangreichen Klagen und in Nordfrankreich werden Petitionen gegen den Abstieg gestartet. Auch wenn deren Erfolg bescheiden ausfallen wird. Es bewegt die Massen schlicht nicht, wenn der designierte Absteiger Amiens und nicht Lyon oder Paris heisst. In Zürich und Gladbach hatten hingegen Marketingfachleute eine zündende Idee: Gegen Bezahlung sollen Pappfiguren von Fans – zusammen mit der künstlich eingespielten Stimmung der Pay-TV-Sender – für das ultimative Fussballerlebnis von der Couch aus sorgen.
Eines ist klar: Der Sport selbst rückt zurzeit in den Hintergrund. Und mittendrin in dieser verrückten (Fussball-)welt steht der FC St. Gallen seit über drei Monaten an der Tabellenspitze der Super League. Emotional und sportlich auf dem Weg zum vermeintlichen Meistertitel ausgebremst – es passt in diese Zeit.
Zaungast #2: Gallus statt Liebi
In der letzten Zeit fragen mich viele Personen aus meinem Umfeld, was ich in dieser fussballfreien Zeit so mache.
Meine Antwort darauf ist simpel: Ich schreibe Texte - zum Beispiel eine Ode an meine Geburtsstadt St. Gallen.
Sanggale du bisch...
...ihbettet vo Freude- und Roseberg s feinschte Bürli
…am Bahnhof fascht vom Poschti überfahre zwerde
…die ahdächtig Rueh am Morge früeh im Volksbad
…di überrissene Prise ide Burggrabe-Parkgarage
…als Chind de Luchs im Peter und Paul zsueche
…mitem Schüga ide Hand vorem Süd umezstoh
…d’Prinzipie ide Moschtstubä über Bord zwerfe
...de Albert Nufer ih Birkestöck am Marktplatz
…de dritt Cappelli-Gipfel am Samschtigmorge
…s Maestrani-Logo under de Bahnhofskupple
…de Fiirobigverchehr im Stephanshorntunnel
…zää Franke ufs Säuli mitem Züger-Mänteli
...de erst Sprung vom Drümeter ide Weihere
…de Hundespaziergang im Hagebuechwald
…de Holzschlitte am Notkersegg-Hang
…s Nohogge ide Flade am Fritignomi
...s Schlittschüele ufm Buebeweiher
…s Schwarzfahre im Mühleggbähnli
…de Pelikanerker ide Schmiedgass
...stolz d'Stiftschirche zbewundere
...s Gasperini-Glace vom Milchhüsli
…d’Brodwurscht am Chinderfescht
…de 12-Minute-Lauf im Stadtpark
…em Hans Fässler sini Leserbrief
...de Stahlberger ide Chellerbühni
…s Drachefest ufm Breitfeld gsi
…de Blitzer bim Kantonsspitol
…de Cappuccino im Kaffihuus
…de Porsche ufem Rote Platz
…de Morgerave im Sittertobel
…de Alain Bieri wöle abfange
…min Rückhalt weni weg bi
…meh verregnet als sunnig
…de Long Island usm Relax
…s Wellebad im Säntispark
…de Biber mitem Bär druf
…d’Ussicht vode Solitüde
…d’Penner im Kantipark
...döte wo mis Herz isch
…voll vo steilä Stege
…d’Kultur am Gleis
…de Dachs im Ohr
…d’Spitze am BH
...Fuessballstadt
...GC nöd möge
…mis Dihei
Gallusstadtliebi.





















































