Seregno Calcio - Calcio Padova (13.02.22)

40 Jahre lang mussten die Bewohner Seregnos auf die Rückkehr ihrer Mannschaft in den Profifussball warten. Grosse Euphorie hat der Aufstieg in die Serie C auf diese Saison hin allerdings nicht ausgelöst. Gegen Padova – immerhin langjähriger Zweitligist – verirren sich nur gerade 400 Zuschauer ins «Stadio Ferruccio». Die im Stil des italienischen Rationalismus der 30er-Jahre erbaute Spielstätte ist nach dem Sohn eines ehemaligen Präsidenten benannt, der als 7-Jähriger bei einem Unfall ums Leben kam.

Der triste Ligaalltag nagt auch an den Auswärtsfahrerzahlen Padovas. So sind aus der Region Veneto nur knapp 60 Leute zugegen, die ihre Liebe für die Gästemannschaft gelegentlich akustisch zum Ausdruck bringen. Noch bescheidener präsentiert sich die Heimseite, wo nach der Auflösung der «Curva Nord Seregno» vor zweieinhalb Jahren einzig Graffitis an den Stadionmauern an bessere Zeiten erinnern.

Für ihre Anreise in den Speckgürtel der norditalienischen Metropole werden die Padovani mit einem Auswärtssieg beim Tabellen-Siebzehnten belohnt. Dabei beginnt die Partie aus ihrer Sicht alles andere als vielversprechend: Nach einer schönen Direktabnahme erzielt Seregno die Führung, die bis kurz vor der Pause Bestand hat – dann gleichen die Gäste sehenswert per Freistoss aus.

Auch der spätere Siegtreffer ist eine Erwähnung wert, schliesslich sind seit Wiederanpfiff erst acht Sekunden vergangen, ehe Padova mittels schöner Kombination die Führung erzielt. Während das 1:2 für Seregno den achten sieglosen Auftritt in Serie besiegelt, kämpfen die Gäste damit weiter mit dem FC Südtirol im Fernduell um den Aufstieg in die Serie B.


Cambridge United - Luton Town (05.02.22)

«Viertliga-Stadt» nennt Nick Hornby ein Kapitel von «Fever Pitch» kurz vor der Buchmitte, in dem er über Cambridge spricht. Ausgerechnet Hornby, der glühende Arsenal-Fan, dessen Liebeserklärung an den Londoner Klub gar verfilmt wurde, ging mehrere Jahre fremd – mit Cambridge United.

Doch der britische Autor sah im damaligen Viertligisten keine Konkurrenz für seine eigentliche Liebe. Viel eher war der Klub ein Ersatz für ihn, der seine Studienzeit in Cambridge verbracht hatte. Ersatz für die hochklassigen Spiele im Highbury, die Hornby in seiner Geschichte derart gekonnt beschreibt. Im Osten Englands schwärmt er hingegen von den Nebengeräuschen des Fussballs, dem alten Stadion oder dem sportlichen Unvermögen einiger Spieler.

Tatsächlich lassen sich bis heute, 44 Jahre nach Hornbys ersten Spielbesuchen in Cambridge, Gemeinsamkeiten erkennen. Wie 1978 sind die «U‘s» soeben in die 3. Liga aufgestiegen. Und auch im Abbey Stadium, das seinen Namen dem Vorgängerverein Abbey United und der wiederum dem gleichnamigen Stadtteil verdankt, scheint die Zeit stehen geblieben: Der Fan blickt auf eine Haupttribüne mit Giebeldach aus Wellblech, nachdem er den schmalen Eingang und das rostige Drehkreuz passiert hat. Wer die Toiletten aufsucht, betritt ein Verlies aus Bachstein, und jene, die ihren Stehplatz auf der Tribüne einnehmen, werden in schummriges, oranges Licht getaucht.

Mit 7’937 Zuschauern ist das Stadion bei diesem FA-Cup-Spiel so gut gefüllt, wie seit 5 Jahren nicht mehr. Das ist auch den rund 1‘500 mitgereisten Fans aus dem nahegelegenen Luton zu verdanken, die ihren Zweitligisten zum K.o.-Spiel begleiten. Sie besetzen die ganze Hintertortribüne, die überraschend weit hinter der Grundlinie liegt. Wie mir ein Fan zur Halbzeitpause erklärt, sollte das Spielfeld einst näher an diese neue Tribüne herangerückt werden, doch vor der Insolvenz stehend, hat sich Cambridge den Umbau anders überlegt. So erinnert im engen Stadion nur der Rasenstreifen vor dem Gästeblock an die einst grossen Pläne.

So heruntergekommen das Stadion, so pittoresk die Geburtsstadt der Band «Pink Floyd» am Fluss Cam. Mit ihrer «Mathematical Bridge», dem «King’s College» sowie dessen Kapelle im spätgotischen Stil bietet die Heimat der renommierten «University of Cambridge» zahlreiche Gründe für eine halbstündige Zugfahrt nordwärts, statt sich am Flughafen Stansted vom Strom der Pauschaltouristen in die entgegengesetzte Richtung nach London leiten zu lassen.

Im ausverkauften Abbey Stadium hat sich bis zum Anpfiff unter Flutlicht eine regelrechte Euphorie ausgebereitet, auch weil United in der vorangehenden Runde völlig überraschend beim neureichen Klub aus Newcastle gewonnen hat. «Vielleicht war heute deshalb die Luft draussen», konstatiert Connor eineinhalb Stunden und 0:3 Tore später. Der kleine Engländer, der uns mit Tickets ausgestattet hat, scheint erschöpft, nachdem er die Stimmung rund um die «Amber Army» das ganze Spiel über mit der Trommel angekurbelt hat – Hornby hätte dieser Abend bestimmt dennoch gut gefallen.


Alessandria Calcio - Parma Calcio (19.12.21)

Spätestens als sich zur Mittagsstunde auch noch der Nebel in Alessandria verzogen hat, wusste ich: Heute wird ein guter Tag. Bereits vorab liessen sich Indizien finden, dass sich ein Besuch in der Stadt im Piemont lohnen würde: Mit Parma Calcio sollte der Absteiger zu Gast sein, der für seine Anhängerschaft nicht nur 500 Tickets ohne Tessera-Verpflichtung zur Verfügung gestellt bekam, sondern auch Gianluigi Buffon im Tor mitbringen würde.

Für den Gastgeber und Aussenseiter symbolisiert die Partie gegen die wertvollste Elf der Liga unbestritten eines der Saisonhighlights und auch der überraschende 4:0-Sieg in Reggio Calabria am vergangenen Wochenende trug seinen Anteil dazu bei, dass der Vorverkauf sehr gut angelaufen war. Mit dem Sonntag legte die Liga das Duell dankbarerweise auf jenen Tag, der beim italienischen Publikum – das oft auch am Samstag seiner Arbeit nachgeht – am besten ankommt.

Alessandria Calcio fungierte einst als Gründungsmitglied der Serie A, wobei die aktuelle Saison in der Zweitklassigkeit den sportlichen Höhepunkt der Neuzeit für einen Klub markiert, der viele Jahre in den Niederungen der dritten Liga verbrachte. An diesem Sonntag bekamen «I Grigi» von den Gästen beim 0:2 vor 4‘097 Zuschauern im renovierten Stadio Giuseppe Moccagatta allerdings ihre Grenzen aufgezeigt. Das Heimteam konnte sich kaum Chancen erarbeiten und wenn ihm einmal ein Abschluss gelang, parierte Altmeister Buffon im Tor der Gäste souverän.

Der Spielverlauf widerspiegelte sich ebenfalls auf den Rängen, wo die Heimkurve nach ansprechendem Beginn stetig abbaute, während die 400 «Parmigiani» den ersten Sieg nach zuletzt 6 Spielen ohne Dreier feierten, ohne dabei Bäume auszureissen. Die 2G-Regel wird in Italien – mit Ausnahme von Sampdorias Fanszene – grösstenteils akzeptiert, zumal drei Viertel der Bevölkerung und damit auch die überwiegende Mehrheit der Kurvengänger geimpft sind.


KAA Gent - Standard Liège (28.11.21)

Als William Frederick Cody 1906 mit seinem Zirkus in der belgischen Stadt Gent Halt gemacht hat, dachte der ehemalige Bisonjäger kaum, dass seine Auftritte am Ursprung des lokalen Fussballklubs stehen würden. Doch die Wild-West-Show von «Buffalo Bill» sorgte bei den Zuschauern für derartige Begeisterungsstürme, dass sich auch einige Studenten davon inspirieren liessen.

Sie gründeten die KAA Gent, die für ihr Bestehen vom belgischen Fussballverband die Matrikelnummer 7 verliehen bekam. Nebst der Zahl findet sich im Klubwappen mit dem Konterfei eines Sioux-Häuptlings auch eine Anlehnung an die Besuche von Cody. Heutzutage erinnert am Autobahnkreuz weit entfernt der Stadt allerdings wenig an die traditionsreiche Vergangenheit. Und doch wirkt das Stadion – wohl aufgrund des Bogens über den Tribünen – nicht wie alle anderen Neubauten in der Peripherie.

Die Königliche Athletik-Vereinigung ist seit Jahren Stammgast in der Europa League und gehört auch in der heimischen Ligen zu den Top-Teams. Dennoch verwunderte es, wie souverän Gent vor 18‘120 Zuschauern zu einem 3:1-Heimsieg über ein erschreckend schwaches Standard Lüttich kam. Trotz der Niederlage herrschte im Gästeblock die bessere Stimmung. Hier feierte die Jugendgruppe der führenden Ultras ihr 10-Jähriges Bestehen mit vom Spielgeschehen entkoppeltem Dauersupport – genau das, was es an einem tristen Sonntagabend mit Schneeregen, schwacher Teamleistung und einer langen Heimreise braucht.


KRC Genk - Club Brügge (28.11.21)

Bei einem Blick aus dem Fenster bietet sich dem Autofahrer auf beiden Seiten eine Szenerie wie in der Prärie: Der Wind weht durch kniehohe Gräser, die sich in schier endlosen Weiten im Takt nach links und rechts biegen. Ihr sommerliches Grün ist längst einem tristen Braunton gewichen. Dahinter erhebt sich eine Binnendüne in den Himmel.

Die Gegend im Norden von Genk ist weitläufig und dünn besiedelt. Noch vor 120 Jahren war die 66'000-Einwohner-Stadt im Steinkohlerevier nur ein unbedeutender Weiler, der erst mit dem Fund des «schwarzen Goldes» innert kurzer Zeit gewachsen war. Das Stadion wirkt hier wie ein Fremdkörper, der die Menschen magisch anzuziehen vermag. Aus allen Ecken strömen sie zur Baute, die kaum den Eindruck erweckt, dass ihren Besuchern hinter dem Mantel aus blauem Wellbleck in einer schicken Stadionbar das Grimbergen gar aus dem Kelch serviert wird.

Heute sind es 18'173 Zuschauer, die mit grosser Mehrheit «Chenk» die Daumen drücken. Ihr Klub ist zwar erst 1988 einer Fusion entsprungen und doch feierte er in der verhältnismässig kurzen Zeitspanne bereits grosse Erfolge. Nebst Siegen in der Meisterschaft und im Pokal hat sich der KRC Genk auch für seine exzellente Jugendarbeit international einen Namen gemacht. So etwa stammen Top-Stars wie Thibaut Courtois oder Kevin De Bruyne aus der Talentschmiede in Flandern.

Mit Hans Vanaken trägt der wohl talentierteste Spieler auf dem Rasen an diesem Nachmittag allerdings das Trikot von Club Brügge. Und so überrascht es zumindest mich wenig, als er die Gäste – mit ihrer Schar an jungen Ultras im Unterrang – früh jubeln lässt. Das Gegentor mimt den Stimmungskiller im gut gefüllten Heimblock, der auch einige Freunde von Fortuna Sittard birgt. Seine Bewohner erwachen erst nach dem Seitenwechsel wieder aus ihrer Lethargie, als Racing das Spiel mit zwei schnellen Toren drehen kann. Mitten in die Gesänge mischt der amtierende Meister aus Brügge aber seinerseits ebenfalls einen Doppelpack innert vier Minuten, sodass sich die verdutzten Gastgeber zum Schluss einer 2:3-Niederlage ausgesetzt sehen.


Sporting Charleroi - RSC Anderlecht (27.11.21)

Seit eine niederländische Zeitung Charleroi vor 13 Jahren zur «hässlichsten Stadt der Welt» kürte, haftet dem wallonischen Industriezentrum ein negatives Image an. Dabei zählte die Stadt 50 Kilometer südlich von Brüssel einst aufgrund ihrer Kohle- und Stahlproduktion zu einer der reichsten Europas.

Heute ist die stillgelegte Zeche «Bois du Cazier» als UNESCO-Weltkulturerbe geschützt und die hiesige Politik arbeitet intensiv daran, den Ruf der Stadt weiter aufzubessern und sie besonders für junge Menschen attraktiv zu gestalten – dabei helfen soll auch der lokale Fussballklub Sporting Charleroi.

Seine Heimspiele tragen die wegen ihrer schwarz-weissen Farben genannten «Zebras» im «Stade du Pays de Charleroi» aus. Dieses war mit seiner Trapezform während der Europameisterschaften zur Jahrtausendwende ein echter Blickfang. Seither wurde es schrittweise zurückgebaut und fasst derzeit nur noch rund die Hälfte der ursprünglichen Kapazität. Der Rückbau ist besonders auf der Gegenseite gut ersichtlich, wo statt drei Rängen nur noch einer steht, dafür nun aber ein in die Jahre gekommenes Hochhaus im Hintergrund umso schöner zur Geltung kommt.

Auch wenn Sporting in seiner Geschichte noch keinen einzigen Titel geholt hat, kann es auf eine breite Fanbasis zählen, die eine Freundschaft mit Vertretern der PSV Eindhoven unterhält. Einige Niederländer sind auch an diesem Samstagabend beim Duell gegen Anderlecht unter den 9‘200 Zuschauern auszumachen. Die Gäste aus der Hauptstadt sind nicht weniger zahlreich vertreten und tragen ihren Support in englischer Sprache in den Nachthimmel von Charleroi. Ihr Team um Trainer Vincent Kompany befeuert die Stimmung im Gästeblock mit einem abgeklärten Auftritt weiter. Für Charleroi bedeutet die 1:3-Niederlage hingegen einen Dämpfer im Kampf um den Anschluss an die erweiterte Spitze der belgischen Pro League.  


Union Saint-Gilloise - OH Leuven (26.11.21)

Im März 2021 sprachen sich die belgischen Profiklubs für eine gemeinsame Liga mit den Niederlanden aus. Das Ziel sei ein Format mit den jeweiligen Top-Klubs beider Länder. Heisst konkret: Feyenoord trifft auf Anderlecht, während sich Ajax Amsterdam mit Club Brügge misst. Diese Paarungen aus einer allfälligen «BeNeLeague» generieren unbestritten mehr mediale Aufmerksamkeit und damit auch mehr Gewinn für alle Involvierten. Wer hingegen Zulte-Waregem oder Kortrijk heisst, müsste in dieser Zweiklassengesellschaft andere Wege finden, um auch gegen weniger klangvolle Namen wie Ostende oder Seraing rentabel zu wirtschaften.

Dass ein halbes Jahr nach der Bekenntnis zur internationalen Liga ein Klub die Konkurrenz in Belgiens Oberhaus schwindlig spielen würde, der bis im Sommer noch in der 2. Liga stand, hätten Anderlecht und Co. damals nicht gedacht. Die Rede ist von Union Saint-Gilloise, das im Brüsseler Stadtteil Forest an einem kleinen Fussballwunder arbeitet. Schliesslich ist es für den Traditionsverein mit der Stadionfassade im Art-déco-Stil das erste Gastspiel in der Pro League seit knapp 50 Jahren.

Massgeblichen Anteil am Erfolg von USG hat deren Mehrheitsaktionär Tony Bloom. Der britische Pokerspieler fungiert auch beim Premier-Ligisten Brighton & Hove Albion als Funktionär und konnte so einige talentierte Spieler in die belgische Hauptstadt lotsen. Dass jedoch nicht nur jene Transfers den Unterschied ausmachen, unterstreicht Top-Skorer Deniz Undav, der im Vorjahr vom deutschen Drittligisten Meppen nach Brüssel gewechselt war und sogleich voll einschlug.

An diesem Freitagabend sollte es für ihn und die 8‘100 Zuschauer für einmal nicht viel zu bejubeln geben. Bei strömendem Regen unterlag Union dem Gast aus Leuven unglücklich mit 1:3. Die Heimfans rund um die «Union Bhoys» auf der Gegengerade liessen sich davon aber nicht beirren und feierten ihren Tabellenführer trotz der Niederlage ausgelassen.


Tottenham Hotspur - Leeds United (21.11.21)

«What else are you gonna do on a Saturday», fragte bereits Tommy Johnson im Film «Football Factory» und spielte damit auf den anstehenden Auftritt seines Klubs Chelsea im Norden Londons an. Statt einem trostlosen Wochenende mit Ehe-Streitereien, Pop Idol und Spielautomaten würde sein Wochenende eine viel bessere Beschäftigung bereithalten: «I know what I’d rather do. Tottenham away – love it!»



Zwar bin ich weder Chelsea-Hooligan, noch steigt das Heimspiel von Tottenham dieses Wochenende an einem Samstag. Trotzdem war es diese Filmszene, die mir bei Reiseantritt in den Sinn kam und die Vorfreude auf den ersten Besuch in der englischen Hauptstadt seit knapp zwei Jahren verstärkte.

Endlich sollte ich wieder in einem Pub stehen, am Pint schlürfen und zu Barry Manilows «Can’t Smile Without You» mitsummen. Während meiner Abwesenheit schossen in London gleich mehrere neue Stadien aus dem Boden, darunter jenes von Brentford und Wimbledon. Bereits im April 2019 hatte das «Tottenham Hotspur Stadium» seine Tore geöffnet, das nebst den Heimspielen der Spurs auch NFL-Partien der International Series beherbergt.

Rund eine Milliarde Pfund hatte der Neubau verschlungen, der an gleicher Stelle wie die White Hart Lane liegt. Im Gegensatz zum alten Stadion ist das neue fast doppelt so gross und gleicht der Heimstätte des Erzrivalen Arsenal. Lediglich der Stadionmantel sowie die imposante Hintertortribüne unterscheiden die Bauten. Obschon heute kein Stadtderby anstand, erwartete ich zumindest vom Gästeanhang aus Leeds einen stimmungsvollen Auftritt. Die Fans aus Yorkshire enttäuschten mich aber erstmals, sodass mir einzig ihre Jubelstürme ob dem Führungstreffer durch Daniel James kurz vor der Pause in Erinnerung bleiben werden.

Auch nach dem Seitenwechsel war es der Aussenseiter, der auf den 2. Treffer drückte. Als dieser ausblieb, schienen die Gäste den Mut zu verlieren. So kam ein lethargisches Tottenham besser ins Spiel und markierte durch Pierre Hojbjerg den Ausgleich. Damit waren auch die 58'989 Zuschauer erwacht. Wie so oft in der Premier League war Stimmung bisher nicht vorhanden, während die kurzen Gesänge nun in brachialer Lautstärke durchs Rund hallten. Dies nutzte Sergio Reguilon zu seinem erstem Tor im Trikot der «Yids». Dank dem 2:1 des Spaniers feierte auch Antonio Conte an der Seitenlinie einen erfolgreichen Einstand vor heimischem Publikum.


FC Saarbrücken - FC Kaiserslautern (06.11.21)

Langsam hatten mir die Augen angefangen weh zu tun. Ich sass nun bereits eine halbe Stunde in meinem Apartment in Kiew und versuchte Tickets für das Spiel in Saarbrücken zu kaufen. Wie mehrere meiner Kollegen war auch ich im offiziellen Vorverkauf erfolglos geblieben. Jedoch ging ich davon aus, dass einige Buchungen fehlgeschlagen waren und zu Rückläufern führen würden. Tatsächlich lag ich mit dieser Einschätzung richtig und nach unzähligen Versuchen war ich endlich schnell genug, zwei Plätze auf dem iPad anzuwählen und in den digitalen Einkaufswagen zu bugsieren.

Es hatte einfach klappen müssen, schliesslich hob das Saarland aufgrund tiefer Inzidenz und zweithöchster Impfquote aller Bundesländer die 3G-Regel wenige Tage vor dem Heimspiel des FC Saarbrücken gegen den FC Kaiserslautern auf und ebnete damit den Weg für ein spektakuläres erstes Saar-Pfalz-Derby vor Zuschauern seit über 28 Jahren.

Rückblickend war das Duell im frisch umgebauten Ludwigsparkstadion die gefühlt erste Partie seit Ausbruch der Pandemie, die mich an Zeiten zurückerinnerte, in denen das Tragen von Masken im Stadion noch mit Stadionverbot belegt wurde. Grossen Anteil am gelungenen Nachmittag hatte die Fanschar aus Kaiserslautern, deren Kern zeitgleich mit Jonas und mir in Saarbrücken eintraf. Einheitlich in Rot gekleidet und mit Mottoschal ausgestattet, war es meinem Auge ein Leichtes, am Ende des eindrücklichen Trosses einige Freunde der Dritten Halbzeit in ihren Bomberjacken zu erspähen. Unterstützt von einer Abordnung aus Verona versuchten sie auf dem Weg zum Stadion mehrere Male Einheimische zu begrüssen, wurden vom imposanten Polizeiaufgebot – darunter auch ein Helikopter – aber stets wenig zimperlich daran gehindert.

Auch im Stadion trieben die rund 2500 Gäste den Sicherheitsverantwortlichen die Schweissperlen auf die Stirn: So etwa lieferten sich einige Pfälzer vor Anpfiff Auseinandersetzungen mit Heimfans am Rand der Gegentribüne, ehe die Polizei auch sie in den bereits vollen Gästeblock verfrachtete. Als Intro gab es hier viel Rauch und Feuerwerk zu bestaunen und auch nach dieser Aktion brannte es im Lautern-Sektor immer wieder, ehe zu Beginn der 2. Halbzeit rund 70 Fackeln den Spielern auf dem Rasen zusätzlich Licht spendeten.

Dieser Auftritt war unbestritten eine Ansage an die Heimfans, die damit aber zu weiten Teilen mithalten konnten. So sei konkret das eindrückliche Bild der schwarz-gekleideten FCS-Fans und die hohe Mitmachquote erwähnt. Während gegenüber der Feind mit seinen französischen Freunden der Horda Frénétik aus Metz turtelte, wiesen die Saarländer – gemeinsam mit den Red Sharks und dem Saturday FC aus Nancy – diesen auf seine scheinbare Niedertracht hin.

Im Heimblock gab es zum Auftakt zudem zahlreiche Rauchtöpfe, die eine schöne Choreografie untermalten. In der Folge brannten durchgehend einzelne Fackeln, die aufgrund ihrer gelben Farbe aber kaum zur Geltung kamen. Nach Wiederanpfiff hielten die Saarbrücker den Gästen zudem zahlreiches Material unter die Nase, das sie kurz darauf den Flammen zum Frass vorwarfen. Danach ging es allerdings bergab mit der Stimmung in der «Virage Est»: Während sich der Gastgeber auf dem Rasen vor 15‘544 Zuschauern beim 0:2 die zweite Derby-Pleite innert Wochenfrist einfing, gab es auch im Block zahlreiche Ohrfeigen. Die Tumulte rund um die «Droogs» und besonders der Einsatz von Gürteln gegenüber eigenen Leuten dürfte im Saarland nebst der Niederlage im Lokalduell wohl noch für viel Gesprächsstoff sorgen.


Dynamo Kyiv - FC Barcelona (02.11.21)

In der Dunkelheit wirken die Häuserblöcke entlang dem Chreschtschatyk noch pompöser. Sie sind lang wie Schiffe, ragen weit in den Nachthimmel und beherbergen etwa den Stadtrat, das Hauptpostamt oder den Nationalen Rat für Fernsehen und Radio. Durch die zentrale Strasse im Herzen von Kiew bläst ein kalter Wind, gepaart mit Nieselregen.

Ich bin zu Fuss auf dem Boulevard unterwegs in Richtung Olympiastadion und beeindruckt von den sich abwechselnden Bauten im Stil des Konstruktivismus oder sozialistischen Klassizismus. Erst um 22 Uhr sollte hier bei klirrender Kälte das Spiel der Gruppenphase der Champions League zwischen Dynamo Kiew und dem FC Barcelona angepfiffen werden.

An der Einlasskontrolle werden Fans mit gefälschten Zertifikaten von den Ordnern durchgewunken, Masken tragen die Anwesenden kaum und die Fiebermessung gleicht einer lästigen Alibi-Übung. Noch immer ist in der ukrainischen Hauptstadt – 100 Kilometer südlich von Tschernobyl – grosses Misstrauen gegenüber der «Krankheit» und dem «Vakzin» zu spüren. Nur gerade 18 Prozent der Bevölkerung liess sich impfen. Die zur Steigerung der Impfquote eingeführte Massnahme der Regierung, die Metro für Ungeimpfte zu sperren, endete stattdessen in von Autos heillos überfüllten Strassen.

Mit 31‘378 Zuschauern hingegen nur halb voll ist das Stadion. Die enttäuschende Kulisse ist eine Summe aus später Anstosszeit, vermeintlicher Zertifikatspflicht und der Absenz ganz grosser Namen im Kader der Katalanen. Auch die Ultras von Dynamo boykottieren seit geraumer Zeit die Heimspiele. Ihnen ist der Mann an der Seitenlinie, Mircea Lucescu, wegen seiner Vergangenheit als Trainer beim Rivalen Schachtar Donezk ein Dorn im Auge.

Überraschend ist sein Team über weite Strecken spielbestimmend, sündigt aber im Abschluss mehrfach. Barcelona ist auch nach der Absetzung von Trainer Ronald Koeman nur ein Schatten seiner selbst und bleibt lange ungefährlich. So scheint es logisch, dass der einzige Treffer nach einem Penaltypfiff fallen soll, doch die Entscheidung wird nach VAR-Konsultation zurückgezogen. Stattdessen ist es Barca-Youngster Ansu Fati vorbehalten, nach 70 Minuten aus kurzer Distanz das Spiel zu entscheiden. Das 0:1 ist aus Sicht von Dynamo ärgerlich, für die Gäste bedeutet es hingegen die maximale Ausbeute für einen glanzlosen und bescheidenen Auftritt in der Ukraine.